home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

“kunstansichten” 2015 in Offenbach (2)

Nach unserem diesjährigen Eindruck haben die Offenbacher „kunstansichten“ eine bemerkenswerte Entwicklung genommen – kein Grund also, dass etwa die „Frankfurter Ateliertage“ allzu überlegen oder gar mildtätig lächelnd auf ihre nachbarliche Schwesterveranstaltung herabblicken könnten. Nein, wir haben vieles  an Beeindruckendem und Qualitätshaltigem gesehen und bedauern wie stets, uns im Rahmen einer zurückblickenden Reportage auf eine nur verhältnismässig kleine Auswahl beschränken zu müssen.

Von den „Zollamt Studios“ führte der Weg zunächst zum

Atelierhaus B 71 Bettinastrasse

Die Etagen durchstreifend – der Überblick über organisatorische Gegebenheiten, was etwa die, wenn wir richtig gezählt haben, immerhin 17 Ateliers und Ateliergemeinschaften anbetrifft, ist uns dabei trotz des hervorragend gestalteten Faltblatts etwas abhanden gekommen – sind wir an einer Künstlerin (streng gesagt an deren Werken) „hängengeblieben“: an den Arbeiten von Marilena Faraci Stangier.

L1250928B500

o.T. (aus der Serie „Flüchtige Ruhe“), 2015, Öl auf Leinwand, 80 x 100 cm

Ja, diese Malerei macht uns um einiges neugierig, nicht zuletzt bezüglich der Vita der Künstlerin: die 1963 bei Padua geborene, nach Studium der Psychologie und Kunst examinierte und, wenn wir das richtig verstanden haben, auch heute praktizierende Psychotherapeutin malt, nach weiterem Studium an der Städel-Abendschule, und das bereits seit 1991! „Künstlerisches Schaffen war mir schon immer ein Bedürfnis. In meinen abstrakten, farbigen Öl- und Acryl-Bildern setze ich emotionale Energie um, ich ‚entlade‘ mich auf der Staffelei“. In unserer Unbefangenheit dachten wir, Psychotherapeuten nutzten eher Malereien ihrer Patienten zu Diagnose und Therapie – und nun sozusagen „outet“ sich eine Therapeutin in ihrer Malerei? Das möchten wir doch näher erkunden!

Ateliergemeinschaft Rathenaustrasse

„Wir machen Dich fit – ganz ohne Geräte, nur mit Deinem Körper“ lautete das Motto der Ateliergemeinschaft – nun, wir haben diese Fitness-Attacke auf Körper und Geist am Ende recht gut überstanden. Wir trafen dort Eva Weingärtner an (sie bestritt am Ausstellungs-Sonntag eine Aktion) und interessierten uns für die Arbeiten von Anne Euler und Swenja Bergold – und besuchten obendrein die sozusagen nebenan wohnende Laura Baginski.

Hammering woman-450

Anne Euler, Hammering Woman, 2013, Fotografie, 108 x 190 cm, Foto © Anne Euler

In künstlerischer Freiheit lichtete Anne Euler (1985 im hessischen Büdingen geboren, Studium der Visuellen Kommunikation an der HfG bei den Professoren Ulrike Gabriel, Manfred Stumpf und Marc Ries) Jonathan Borofskys berühmten „Hammering Man“ vor dem Frankfurter Messeturm mit analoger Fotokamera ab. „Im Fotolabor“, schreibt sie, und wir zitieren die Künstlerin wegen der bemerkenswerten Arbeitsweise, „lege ich das entwickelte Negativ in den Vergrösserer. Er gleicht einem Beamer, der das Negativ in gewünschter Grösse an die Wand projiziert. An der Wand hängt das lichtempfindliche Fotopapier, vor das ich mich so nah wie möglich stelle. An den Stellen, an denen mein Körper das Papier berührt, kann sich das Licht nicht abzeichnen und meine Konturen werden so sichtbar wie bei einem Fotogramm. Deshalb bleibt es an diesen Stellen weiss. Da das Licht einen langen Weg vom Vergrösserer zum Papier zurücklegt, beträgt die Belichtungszeit bis zu 20 Minuten. Für das Bild ‚Hammering Woman‘ musste ich den Hammer also alle paar Minuten ein wenig senken, so dass der Anschein einer flüssigen Bewegung entsteht.“

Darauf muss man (frau!) erst einmal kommen. Eine schöne, intelligente Arbeit, die Borofskys weltweit dutzendhaft verbreiteten und vermarkteten „Man“ künstlerisch-kritisch hinterfragt und entlarvt. Und: „Hammering woman“ haut dem Messeturm ganz schön eins auf den Kopf!

Swenja Bergold füllt einen Raum mit fünfzig, ja vielleicht einhundert oder mehr kleinen Zeichnungen, sie näher zu erkunden hätte bereits allein fast die gesamte Öffnungszeit der „kunstansichten“ in Anspruch genommen! Wir müssen uns deshalb vorbehalten, diesen Arbeiten eine spätere ausführliche Betrachtung zu widmen. Beschränken wir uns heute also lediglich auf acht von 16 Teilen ihrer aktuellen, beeindruckenden Diplomarbeit an der HfG:

Arbeitsbeispiele.1

Swenja Bergold, Scham, 8 Teile einer 16-teiligen Diplomarbeit in Lebensgrösse; oben: Acryl und Kreide auf Schrankwand; unten: Kohle (1), Graphit (2), Buntstift (3) und Ölkreide (4) auf Papier (1-3) und Transparentpapier (4); Fotos: die Künstlerin

Arbeitsbeispiele

„Scham“ – so die Künstlerin:

„Wer sich selbst nicht begegnen will, kann sein Selbst nicht dazu einladen, anderen zu begegnen.
Das geht nicht nur Künstlern so, aber nur sie können die Wege zur Vergesellschaftung sichtbar – mehr noch:  begehbar machen: Indem sie sie nachvollziehbar durchleben und den fragilen Moment persönlicher Veröffentlichung  im Gegenüber aufwerfen – Begegnung durch Gleiches im Fremden verursachen.
Die Idee und das Ich-Ideal werden im Moment der Scham geboren, indem sie der Jetzt-Situation etwas als Vergleich gegenüberstellt, das erst verwirklicht werden muss“.

Szenenwechsel nun, zu weiteren, wenn auch gänzlich anderen Zeichnungen und zu künstlerischen Fotografien, zum

Kunstverein Offenbach im KOMM-Center

Wir entdeckten die Künstlerin-Karikaturistin Leonore Poth, Tochter des als Mitglied der Neuen Frankfurter Schule bekannten Chlodwig Poth (1930-2004). Es sind handwerklich perfekt ausgeführte, beissend gesellschaftskritische Arbeiten, die sie zu den „kunstansichten“ in Offenbach zeigte. Die Zeichnungen nebst „Sprechblasen“-Texten sprechen für sich und bedürfen keiner Erläuterungen. Die Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) stellt sie absichtsvoll in einen Gegensatz zur überwiegend eher kommerziell orientierten „Kreativ’wirtschaft‘ „. Die künstlerisch ausgeführte Karikatur: zweifellos eine anspruchsvolle Form der bildenden Künste!

L1250929B500

Leonore Poth, 1959 in Frankfurt am Main geboren, studierte an der HfG Offenbach mit den Schwerpunkten Zeichnung, Malerei und Animationsfilm. Für den Animationsfilm „Die Rollmöpse“ erhielt sie übrigens 1997 den Hessischen Drehbuchpreis.

Unter den ausstellenden Kunstschaffenden des Kunstvereins Offenbach im KOMM fielen uns die Kunst- und Werbefotografen Thomas Lemnitzer und Andreas Schmidt, beide Jahrgang 1963, auf, von denen wir jeweils ein fotografisches Werk wiedergeben. Auch unter den Mitgliedern des Kunstvereins werden wir uns noch näher umzuschauen haben.

L1250939B-600a

Fotografien von Thomas Lemnitzer (oben) und Andreas Schmidt (unten); Abbildungen jeweils Ausstellungsansichten

L1250936B-600

„Die Fotografie ist für mich Momentaufnahme sich verändernder Dinge und Zustände. Sie gibt mir technisch die Möglichkeit, Wirklichkeiten wiederzugeben, wie wir sie in der Realität so vielleicht niemals zu sehen vermögen“, schreibt Thomas Lemnitzer (Stadtmagazin Mut & Liebe, Offenbach).

Abgebildete Werke © jeweilige Künstlerinnen und Künstler; Fotos (soweit nicht anders bezeichnet): FeuilletonFrankfurt

→ “kunstansichten” 2015 in Offenbach (3)
→ “kunstansichten” 2015 in Offenbach (1)

→ “kunstansichten” 2013 in Offenbach

Comments are closed.