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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Röhren und andere Werke des Künstlerduos Winter/Hoerbelt in der Galerie Heike Strelow und im Kunstverein Familie Montez

Niemand „guckt“ gern „in die Röhre“. Welch schöne Redewendungen kennt die deutsche – gerade im deutschen Kunstbetrieb leider oft vernachlässigte, ja missachtete – Sprache. „In die Röhre gucken“? Will sagen leer ausgehen, erfolglos sein, nicht zum Zuge kommen, das Nachsehen haben. Die Wendung kommt – wir folgen dem Duden – wohl aus der Jägersprache: Der beutegierige Jagdhund guckt in den engen Zugang zum Dachsbau (Röhre), kann aber nicht hineinkriechen und das Tier erwischen.

Nun aber, in die Röhren des Künstlerduos Winter/Hoerbelt guckt man gerne.

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Man kann übrigens nicht nur hineingucken, in diese Röhren, sondern, wenn sie gross genug sind, auch bequem darin liegen, auf überbreiten, hellbeigen, weichen Polstern inklusive Kopfrollen, wirklich komfortabel, auch zu viert und, warum nicht, zu sechst/sext (pardon!). Im Frankfurter Kunstverein Familie Montez sind zwei solcher Röhren als Grossinstallation errichtet und bis zum 14. Juni 2015 zu sehen oder besser gesagt liegend zu erleben. Zum Chambre séparée wird Montez-Chef Mirek Macke die Halle allerdings nicht machen.

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Zwei „Betrachtungsröhren“ von Winter/Hoerbelt im Kunstverein Familie Montez aus der Serie „Röhrenbau“, 2004, Flaschen-Transportkisten, diverse Materialien, Holz; Ausstellungsansichten Fotos: FeuilletonFrankfurt

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Jede der beiden Röhren ist aus 297 roten Saftkisten gebaut, mit weichen Schaumstoffmatten ausgelegt und mit je zwei Monitoren bestückt. Die Form eines leichten Ovals nimmt auf das Tonnengewölbe des Ausstellungsorts Bezug. Die beiden Röhren sind in einem labilen Gleichgewicht gelagert. Bewegt man sie, wippen sie leicht. Sie sind jeweils als autonome Skulpturen erfahrbar. Die Besucherinnen und Besucher sollen sich in den Röhren – wir zitieren vorsichtshalber Familie Montez direkt – „im Beieinanderliegen“ die Videoarbeiten anschauen oder auch einfach nur „friedlich einschlafen“. Na ja.

Bitte hineinlegen also und Videos betrachten! Denn der Kunstverein zeigt die Installation im Rahmen seiner Präsentation „vkunst Frankfurt VII 2015“ mit Videoarbeiten von Lukas Adolphi, Younes Baba-Ali, Bauhaus Weimar, Tobias Becker, Oihana Cordero, Christine Cronjé, Martha Dimitratou, Kuesti Fraun, Ela Goldman, Olga Guse, Constantin Hartenstein, Henriette Hellstern, Nina Hofmann, Yeonho Jangt, Vasilis Karvounis, Steffen Köhn, Jule Körperich, Daniel Pešta, Meike Redeker, Johanna Reich, Franz Reimer, Jacek Ludwig Scarso, Moritz Schlegelmich, Ann Schomburg, Michael Schwarz, Beatrix Simkó & Daniel Dömölky, Thadeusz Tischbein & Ingolf Höhl, Diego Vivanco, Lisa Weber, Martin Wenzel, Euan Paul Williams, Markus Winkler, Anne-Theresa Wittmann, Clara Aparcicio Yoldi und Seweryn Zelazny.

Auch die Ausstellung „Skulptur Winter/Hoerbelt“ in der Galerie Heike Strelow – sie dauert bis zum 20. Juni 2015 –  zeigt eine Röhre, tituliert als „Pixelröhre“, eine wunderschöne Arbeit, die – je nach Richtung der Betrachtung – das Licht und die Farben ihrer jeweiligen Umgebung aufnimmt und – facettenartig – vielfältig gebrochen widerspiegelt. Ein hoch ästhetischer Blickfang. Bei nur 60 cm Durchmesser liegt man freilich sogar in einem Magnetresonanztomografen bequemer. Aber Winter/Hoerbelt fertigt solche Arbeiten auch in räumlich grösseren Dimensionen.

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↑↓ Pixelröhre, 2015, Betonkern, 3 D Spiegelblech gefaltet, 60 cm D, 90 cm L, Galerie Heike Strelow, Fotos: FeuilletonFrankfurt

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Pixelröhre, 2013, Projektfoto, C- Print, Gallery Plexiglass, 100 x 70 cm, Auflage 20, Galerie Heike Strelow; Foto: Galerie

„Mit einer der in der Ausstellung präsentierten Arbeiten beziehen sich die Künstler auf eine begehbare Skulptur, die sie für einen Skulpturenpark in Österreich entworfen und dort platziert haben. Es handelt sich um eine grosse verspiegelte Betonröhre mit dem Titel ‚Pixelröhre‘. Die beiden Pole, massiver Beton und glänzende Verspiegelung, lassen einen Spannungsbogen entstehen, indem sinnentsprechend Schweres in einer lichtdurchfluteten Leichtigkeit erscheinen kann. Dabei geht es auch um die pixelartig spiegelnde Reflexion der Umgebung und um Licht als zwar nicht stoffliches, jedoch elementares bildhauerisches Material“ (Galerie Heike Strelow).

Das künstlerische Spektrum (wir möchten in solchem Zusammenhang das Wort Portfolio doch gern vermeiden) von Winter/Hoerbelt ist sehr gross, wie man in der Ausstellung bei Heike Strelow sehen und erleben kann. Es reicht von C-Prints und Papierarbeiten in Mischtechnik, Skulpturen und Objekten – geformt etwa aus Zeitungspapier oder auch Bettlaken, in Harz gebunden – über Holzschnitte, Bronzen und Arbeiten aus Federstahl bis hin zu pulverbeschichteten Federkernen. Originell wie provokant die „Sozialflasche“, ein politischer wie zugleich auch persiflierender Kontext liesse sich leicht herstellen.

Panorama Jackos

↑ Jacko, jeweils 2014, Holzschnitte, Auflage 12; Galerie Heike Strelow; Fotos: Galerie
↓ Sozialflasche, 2012, Flaschen, Silikon, Auflage 10; Galerie Heike Strelow; Foto: FeuilletonFrankfurt

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„Wie schon der Titel der Ausstellung ‚Skulptur‘ verrät“, schreibt Galeristin Heike Strelow, „behandeln alle diese Kunstwerke Aspekte plastischen Schaffens und geben einen Einblick in die Arbeitsweise der beiden Künstler. Seit Jahren verfolgen Winter/Hoerbelt in ihrem Werk einen weiterführenden Skulpturbegriff. Konsequent hinterfragen sie dabei die Rolle der Skulptur im Wechselspiel zwischen eigenständigem Kunstwerk und verwendbarem Objekt. Für ihre Skulpturen verwenden die Künstler mit Vorliebe alltägliche und industriell gefertigte Materialien. Diese werden der eigentlichen Nutzung enthoben und in andere Sinnzusammenhänge übersetzt. Eine Interaktion, die im erweiterten Verständnis funktional, aber auch völlig zweckfrei sein kann und in der es darum geht, die Eigenheiten von stofflichen Materialien zu untersuchen und in neuem Blick zu sehen. Neben der ästhetischen Betrachtung räumen die beiden Künstler dem Rezipienten ganz bewusst auch die Möglichkeit einer körperlichen Erfahrbarkeit der Skulpturen und Installationen ein. Die Kunstwerke bilden einen offenen Handlungsrahmen, innerhalb dessen den Besuchern die Freiheit gegeben wird, zu entscheiden, ob und wie sie sich auf die Objekte einlassen“.

Depot-Galerie Heike Strelow-600

Depot, 2011, Tageszeitungen, Harz, Pigmente, 180 cm D 48 cm H; Galerie Heike Strelow; Foto: Galerie

Seit 1992 arbeiten Wolfgang Winter, 1960 in Mühlheim/Main geboren, und Bertholt Hörbelt, geboren 1958 in Coesfeld, als Künstlerduo Winter/Hoerbelt zusammen. Winter studierte zunächst Musik in Köln, erlernte den Beruf des Steinbildhauers und studierte anschliessend Freie Kunst und Philosophie an der Kunsthochschule Kassel. Sein Studium setzte er an der Frankfurter Städelschule fort, wo er einen Lehrauftrag für Bildhauerei erhielt. Hörbelt erlernte ebenfalls Steinbildhauerei und studierte wie Winter an der Kunsthochschule Kassel. Er bekleidete einen Lehrauftrag im Fach Plastisches Gestalten an der Fachhochschule Münster. Das Duo lebt und arbeitet in Frankfurt, Hörbelt auch in Havixbeck. Winter und Hörbelt verstehen ihre Zusammenarbeit als Synergie von Ideen und Kompetenzen auf der Suche nach einem weiterführenden Skulpturbegriff. Das Duo stellte vielfach national wie international aus.

Beide Ausstellungen – deren geografische Orte liegen in Fusswegweite auseinander – sind überaus sehenswert: Kunst und Kunstgenuss, wie wir es uns wünschen können!

„Skulptur Winter/Hoerbelt“, Galerie Heike Strelow, bis 20. Juni 2015, und Kunstverein Familie Montez, „Installation Betrachtungsröhren“ von Winter/Hoerbelt, bis 14. Juni 2015

Abgebildete Werke © VG Bild-Kunst, Bonn

 

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