home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

“New Frankfurt Internationals” 2015: “Solid Signs” (6)

Markus Walenzyk „moment to monument“

Es ist vielleicht das Chef-d’Œuvre der in dieser Ausstellung gezeigten Videokunst, eine mit Ton unterlegte Video-Performance, die den Betrachter in Bann zieht und ihn auch im Nachhinein nicht so schnell loslässt, sondern ihn noch vielfach beschäftigt. Die fulminante Arbeit eröffnet einen weiten Horizont an Deutungen, Assoziationen und Interpretationen.

Das Werk enthält eine Handlung, ja eine Erzählung: Der Künstler-Protagonist hockt auf dem Boden einer Art Ur-Landschaft, formt aus einer erdhaften Masse im fast slapstick-haften Zeitraffer-Tempo – auch die Wolken jagen über den Himmel – vor sich eine sich zu einer Bergkulisse auftürmenden Mauer, die ihn am Ende völlig den Blicken des Zuschauers entzieht. Mit der Masse bestreicht er auch die Wangen und versiegelt schliesslich mit ihr den Mund. Dann geschieht etwas Wundersames: Die Umgebung um den Berg, einem vulkanähnlichen, spitzgipfelnden erratischen Block, begrünt sich, erst eine Siedlung und dann eine Stadt mit Hochhäusern und zivilisatorischen Strukturen bilden sich heran, dann aber breiten sich Seenlandschaften, zunächst schön anzusehen, aus, sie werden zu Meeren und die städtischen Strukturen versinken in ihren Wassern. Auch der Berg beginnt zu erodieren, bildet Schründe und Schluchten, kollabiert in sich selbst und versinkt im Meer. Zurück bleibt eine dunkte, ähnlich der Anfangsszene unbestimmte Ur-Landschaft. „Die Zeit, der Ausschnitt einer kleinen Ewigkeit, Dinge, die beständig scheinen und doch vergehen“ schreibt der Künstler.

Natürlich sind wir geneigt, an die biblische Genesis zu denken („und Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloss“, 2. Mose 7), an die evolutionäre Entwicklung der Welt, an deren zunächst konstruktive, dann aber immer mehr zerstörerische Inbesitznahme durch den Menschen, die letzten Endes, durch dessen Hybris verschuldet, in den Untergang führt. Ein gewaltiger Bogen spannt sich zwischen Schöpfung und Apokalypse.

Die Arbeit ist jedoch vielschichtig, sie könnte auch von der künstlerischen Existenz handeln, deren kreativer Entfaltung wie deren möglichem, in Selbstisolation gefangenem Untergang. Wie steht es mit der künstlerischen Existenz in der Gesellschaft? Ist auch der künstlerische Prozess von Werden und Vergehen bestimmt? Was wird einmal vom Künstler bleiben, was von seinem Werk?

Faszinierend die virtuos gehandhabte Technik der Video-Arbeit: Der Künstler Markus Walenzyk bringt sich unmittelbar körperlich in sie ein und konfrontiert sich zugleich in seiner menschlichen und künstlerischen Existenz mit dem digitalen Produktionsgeschehen.

Eine – nur unzulängliche, vom Autor von der Projektionsfläche abfotografierte – Folge an Ausstellungsansichten sollen und können nur dazu einladen, noch bis kommenden Sonntag den Frankfurter Kunstverein zu besuchen und sich dieses Video im Original anzusehen, dessen Suggestivkraft sich kaum jemand wird entziehen können:

1a
2a
3a
5a
6a
7a
8a
9a
10a
11
12
13
14
15
16
17
18

Markus Walenzyk, „moment to monument“, 2014, HD-Video, 9 Minuten, Courtesy the artist; Ausstellungsansichten, Fotos: FeuilletonFrankfurt

Markus Walenzyk, 1976 in Wiesbaden geboren, studierte zunächst an der Hochschule und anschliessend an der Kunsthochschule in Mainz. Seine Arbeiten waren bislang in Einzelausstellungen in Wiesbaden, Kaiserslautern und Venedig sowie in zahlreichen Gruppenausstellungen zu sehen. Der Künstler lebt und arbeitet in Mainz.

Wer die Doppel-Ausstellung im Frankfurter Kunstverein und im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden noch nicht gesehen hat, dem sei ein Besuch dieser beiden Kultureinrichtungen sehr, ja dringlich ans Herz gelegt. Neben den im Rahmen unserer Berichtsreihe vorgestellten Werken sind im Frankfurter Kunstverein ausserdem Arbeiten zu sehen von Florian Albrecht-Schöck, Bianca Baldi, Khaled Barakeh, Valentin Beinroth, Gunter Deller, Dorothee Diebold, Christiane Feser, Vytautas Jurevitius, Johanna Kintner, Michel Klöfkorn, Daniela Kneip Velescu, Pia Linz, Att Poomtangon, Jessica Sehrt, Simon Speiser und Jonas Weichsel.

“New Frankfurt Internationals” 2015 “Solid Signs”: Doppelausstellung im Frankfurter Kunstverein und im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden, nur noch bis Sonntag, 26. April 2015

→  “New Frankfurt Internationals” 2015: “Solid Signs” (5)
→  “New Frankfurt Internationals” 2015: “Solid Signs” (1)

Comments are closed.