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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Neu im Städel Museum: Werke von Jusepe de Ribera und Lotte Laserstein

Ein „lebendiges“ Museum muss darauf bedacht sein, seine Sammlung nicht nur zu pflegen, sondern auch in sinnvoller Weise zu erweitern und auszubauen. Da sich die öffentlichen Haushalte von der unterstützenden Finanzierung derartiger Aktivitäten (wir sprechen hier primär von Museen namentlich in öffentlicher oder gemeinnütziger Trägerschaft, das Städel Museum hingegen ist ein öffentliches Museum in gemeinnütziger, privater Trägerschaft) weitestgehend zurückgezogen haben, sind diese Häuser mehr oder weniger allein auf Mäzenatentum, Vermächtnisse, Schenkungen oder Spenden angewiesen. Beim Städel Museum sind hier Sponsoren und Partnerschaften, aber auch das „Städelkomitee 21. Jahrhundert“ zu nennen, das mit substantiellen jährlichen Spenden gezielt den Ankauf zeitgenössischer Kunst fördert, und nicht zuletzt der Städelsche Museums-Verein, dem mittlerweile über 7600 Kunstfreunde angehören.

Im vergangenen Jahr konnten sich nun das Frankfurter Städel Museum und seine Besucher über eine Reihe wichtiger Neuerwerbe und Schenkungen freuen. Zwei markante Gemälde möchten wir hier herausgreifen; über den auf einer grosszügigen Spende beruhenden Erwerb der Skulptur “Aetas Aurea” von Medardo Rosso hatten wir bereits berichtet.

Im Dezember vergangenen Jahres bescherte die Frankfurter Mäzenin, Gründerin einer nach ihr benannten Stiftung und langjährige Förderin des Städel, Dagmar Westberg, aus Anlass ihres 100. Geburtstags der Sammlung Alter Meister des Museums einen der wichtigsten Neuzugänge des letzten Jahrzehnts: eine grossformatige Leinwand mit dem Bildnis „Der Heilige Jakobus der Ältere“ des spanischen Malers Jusepe de Ribera (1591-1652). Das kostbare und kunsthistorisch bedeutsame Werk hat inzwischen seinen Platz im „grossen Italiener-Saal“ gefunden.

„Seit nunmehr fast 200 Jahren lebt das Städel Museum vom Engagement einzelner Bürgerinnen und Bürger. Dieser Traditionslinie folgend ist Dagmar Westberg ein leuchtendes Vorbild und eine in jeder Hinsicht herausragende Persönlichkeit, der wir zu grösstem Dank verpflichtet sind. Ihre Schenkung des ‚Heiligen Jakobus des Älteren‘ von Ribera kann ohne Zweifel als Meilenstein in der langen Sammlungsgeschichte des Hauses angesehen werden. Ein schöneres Geschenk – zumal aus dem besonderen Anlass ihres 100. Geburtstages – hätten wir uns nicht träumen lassen können. Wir sind glücklich und stolz, dass Frau Westberg ihren Ehrentag im und mit dem Städel feiert“, schrieb jetzt im Dezember Städel-Direktor Max Hollein. Und Bastian Eclercy, Sammlungsleiter für italienische, französische und spanische Malerei vor 1800, fügte hinzu: „Mit Riberas Jakobus ist ein herausragendes Beispiel der frühen Caravaggio-Rezeption in die Sammlung gelangt, das einen eindrucksvollen Akzent im grossen Italiener-Saal setzt. Ein Bild, vor dem man stehenbleibt.“

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Jusepe de Ribera (1591–1652), Der Heilige Jakobus der Ältere (um 1615/16), Öl auf Leinwand, 133,1 x 99,1 cm, Städel Museum; Foto: Städel Museum

Jusepe de Ribera wurde 1591 in Játiva geboren, zog aber als Maler bald nach Italien, wo er in Rom, Parma und Modena die Malerei der italienischen Meister studierte und sich in Neapel niederliess, wo er 1652 auch verstarb. Sein Vorbild wurde Caravaggio (1571-1610), ein Meister des italienischen Naturalismus und des Chiaroscuro, der Hell-Dunkel-Malerei.

Das Gemälde, ein Frühwerk Riberas, zeigt den Apostel Jakobus den Älteren mit einem Pilgerstab und dem Pilgerabzeichen auf dem Rock. Auffallend ist der wuchtige, voluminöse Mantel des Pilgers mit mächtigem Faltenwurf, der der Figur einen überaus präsenten Auftritt verleiht. Diese betonte Präsenz steht in einem eigenartigen Spannungsverhältnis zu dem eher kleinen, sanften und verinnerlichten Antlitz des Heiligen.

Ein Meisterwerk aus jüngerer Zeit ist die kleine Tafel „Russisches Mädchen mit Puderdose“ von Lotte Laserstein aus dem Jahr 1928. Das Museum erwarb das Bild, eines der Hauptwerke der Künstlerin, im vergangenen Herbst von der schwedischen Gemeinde Nybro und gliederte es in seine Sammlungspräsentation „Kunst der Moderne“ ein.

Den Frankfurter Kunstliebhabern ist Lotte Laserstein keine Unbekannte: Mehrere Arbeiten der unverständlicher Weise in „Vergessenheit“ geratenen Künstlerin standen um die Jahreswende 2013/2014 im Zentrum der grossartigen Ausstellung “1938. Kunst, Künstler, Politik” im Jüdischen Museum Frankfurt. Unser damaliger Beitrag zitiert auch einige Ausführungen von Julia Voss, Ko-Kuratorin dieser Ausstellung, in der Pressekonferenz zur Würdigung von Leben und Werk der Malerin.

Lotte Laserstein wurde 1898 in Preußisch Holland bei Königsberg geboren. Gegen einige Widerstände im damaligen Akademiebetrieb studierte sie in Berlin Freie und Angewandte Kunst. 1937 emigrierte die getaufte und assimilierte Jüdin nach Schweden, wo sie bis zu ihrem Tode als Porträtistin und Landschaftsmalerin arbeitete. Laserstein starb 1993 hochbetagt in der südschwedischen Stadt Kalmar. Das umfangreiche Œuvre der äusserst produktiven Malerin wird auf rund 10.000 Arbeiten geschätzt, wobei die in den 1920-er und 1930-er Jahren in Deutschland entstandenen Arbeiten dem Umkreis der „Neuen Sachlichkeit“ zugerechnet werden.

„Nach mehrjährigen Bemühungen ist es uns gelungen, ein Hauptwerk von Lotte Laserstein für die Städelsche Sammlung zu sichern und unserem Publikum damit eine wichtige Protagonistin der Neuen Sachlichkeit zugänglich zu machen. Diesen Bereich der Kunstgeschichte konnten wir in den letzten Jahren dank einer Reihe von zentralen Erwerbungen signifikant ausbauen“, freut sich denn auch Max Hollein.

Das Gemälde zeigt ein in der Mode seiner Zeit gekleidetes, sein Gesicht puderndes Mädchen mit dem damals typischen, burschikosen Haarschnitt, sich im Spiegel betrachtend. Hände und Gesicht sind präsize ausgeführt, interessant ist auch hier der Hell-Dunkel-Kontrast, den die Malerin effektvoll einsetzt.

1928 nahm Laserstein mit diesem Bild an dem Wettbewerb „Das schönste deutsche Frauenporträt“ teil, das unter 365 Werken für die Endrunde von 26 Gemälden nominiert wurde.

Das Städel Museum erwarb das Werk aus eigener Initiative heraus von der Gemeinde Nybro, wo es in einem Altersheim hing. Die Erlöse dieses Verkaufs fliessen übrigens vollständig in den Kulturetat der 20.000 Einwohner zählenden Gemeinde – anders als bei der skandalumwitterten Veräusserung der beiden Warhol-Bilder „Triple Elvis“ und „Four Marlons“ seitens der indirekt dem Land Nordrhein-Westfalen gehörenden Casino-Gesellschaft Westspiel!

 

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