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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Body Talks – 100 Jahre BH“ im Museum für Kommunikation Frankfurt

Vom Körperpanzer zum transparenten „Nichts“

Von Hans-Bernd Heier

Mode ist Kommunikation und manche Kleidungsstücke sind dabei besonders wirksam. Seit dem frühen 20. Jahrhundert prägt ein neues Kleidungsstück die weibliche Silhouette: der Büstenhalter, den die Amerikanerin Mary Phelps Jacob vor 100 Jahren erfunden hat. Diese Innovation wird am 3. November 1914 patentiert und befreit die Frau von den engen Schnürungen des Korsetts. Der Ursprung des Büstenhalters liegt also im Korsett. Seitdem erlebt der BH eine wechselvolle Geschichte, und wie kaum ein anderes Kleidungsstück spiegelt dieses politische und kulturelle Umbrüche wider.

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In den 1960er Jahren zeigt die Werbung zunehmend Frauen in selbstbewussten Posen, Werbeanzeige 1966; © Triumph

Zum Jubiläum des Patents widmet sich das Museum für Kommunikation Frankfurt in der Ausstellung „Body Talks – 100 Jahre BH“ der Geschichte des BHs als Inszenierungsinstrument und Kommunikationsmedium von seiner Erfindung bis in die Gegenwart. Im Vordergrund der vielseitigen Schau steht der kommunikative Aspekt, aber auch die gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Seiten dieses den Busen – mehr oder weniger – verhüllenden Wäschestücks werden thematisiert: von den frühen Frauenrechtlerinnen im Kampf gegen das Korsett über Hollywoods Busenwunder bis hin zu BH-Verbrennungen der 68er oder Oben-ohne-Proteste von heute. Die facettenreiche, von Julia Bastian kuratierte Präsentation im Forum des Museums ist bis zum 15. Februar 2015 zu sehen.

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↑ Um 1900 trägt die gutsituierte Dame bei jedem Anlass die passende Garderobe – als „Darunter“ gehört zu dieser Zeit das eng geschnürte Korsett; Zeichnung 1910; © Triumph

↓ Patentzertifikat für die „Brassiére“ von Mary Phelps Jacob, 1914; © Special Collection Research Center, Morris Library, Carbondale

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Nach seiner Patentierung entwickelt die Bruststütze sich bald zum Massenprodukt und zentralen Inszenierungsmittel für den weiblichen Körper. Der Büstenhalter verhüllt und exponiert die weibliche Brust. Mehr als jedes andere Kleidungstück hat er sich zum Kommunikationsmedium für die jeweiligen Vorstellungen von Schönheit, sittlichen Tabus und Geschlechterrollen entwickelt.

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Ausstellungs-Flyer; © Museum für Kommunikation

Ob Minimizer oder Wonderbra, aufreizend knapp oder sportlich bequem – im Laufe seiner Geschichte wird das Dessous als Befreiung und erotisches Accessoire gefeiert oder als Symbol patriarchalischer Unterdrückung verdammt. Modelle aus knapp 100 Jahren veranschaulichen das untrennbare Zusammenspiel des stützenden und formgebenden Kleidungsstücks und den gesellschaftlichen Blick auf die weibliche Brust.

Die in zehn Themenkomplexe gegliederte Schau erzählt anhand von über 100 Korsetts, Büstenhaltern, Bodys und Wonderbras sowie zahlreichen Videos, Filmszenen und Werbekampagnen sehr unterhaltsam den gesellschaftlichen Wandel von wechselnden Körperbildern und die sich dahinter verbergenden Geschlechterrollen.

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Ausstellungsansicht – Info-Tafeln hängen an Bügeln lose an einer Doppelstange und können von den Besuchern zur näheren Betrachtung abgenommen werden

Doch was verhüllt, stützt und exponiert das die Neugier und Fantasie anregende Wäschestück für Darunter? – Die in Tausenden von Gedichten und Romanen verherrlichte, in vielen Liedern besungene und stete Inspirationsquelle für Maler und Bildhauer aller Epochen: die weibliche Brust. Denn sie ist, wie der Ideengeber für die Präsentation, Christoph Potting, betont, ein „Körperteil, das unter den Säugetieren einzigartig ist. Die weibliche Brust ist bei den menschlichen Frauen immer nach außen gewölbt sichtbar. Bei den anderen Säugetieren ist es so, dass sie nur im Bedarfsfalle, also in der Stillzeit, nach außen sichtbar ist“. Mit dem aufrechten Gang haben sich die Brüste zu einem Organ mit Signalcharakter entwickelt. Der BH sei „das Kleidungsstück, das ein Sexualorgan des weiblichen Körpers verhüllt“.

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Werbeanzeige: „Schönere Figur durch Felina“, 1950er Jahre; © Felina GmbH

In dem Prolog der Ausstellung „Warum haben Frauen Brüste?“ kommen Wissenschaftler der unterschiedlichsten Disziplinen zu vielfältigen Erklärungen: Evolutionsbiologen behaupten beispielsweise, das sexuelle Signal des weiblichen Hinterteils verliere seit dem aufrechten Gang an Bedeutung. Kulturanthropologen vertreten die Auffassung, Brüste versprechen die Versorgung des Säuglings, seien gewissermaßen die „Speisekammer“ für das Baby und ein Bindungswerkzeug für gemeinsame Elternschaft. Aber schon lange ist der Busen über den eigentlichen Zweck des Stillens hinausgewachsen. Für die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Natalie Angier ist er ein „Eye-Catcher“ für Männer und für Sexualwissenschaftler eine zusätzliche erogene Zone, die beim Sex mehr Spaß bringt, also vor allem ein „Lustorgan“.

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Der Pariser Maler, Illustrator und Plakatgestalter Pierre-Laurent Brenot kreierte für Chantelle das französische Pin-up-Girl mit dem „Mieder, das niemals hochrutscht“, 1950; © Pierre-Laurent Brenot/Adagp, Paris 2010

Der Büstenhalter bringt laut Christoph Potting „auf interessante Weise die Körperbilder und die Körpergeschichte von Frauen in den letzten 100 Jahren zum Ausdruck!“ Diese Inszenierungen haben sich in den hundert Jahren seit seiner Erfindung sichtbar geändert. In den 1920ern galten beispielsweise gerade Taille, flache Brust, Bubikopf und Zigarettenspitze als letzter Modeschrei und der BH verkümmerte zu kleinen Leibbinden. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wird der weiblichen Emanzipation ein jähes Ende gesetzt. Die Brust wird wieder runder und die Frau wird zur „Hüterin der Rasse“ stilisiert.

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Werbefotografie „Bikinisommer“, 1960; © Triumph

In der Modewelt der Nachkriegszeit formt der New Look eine weibliche Figur, die nun wieder üppig sein darf. Vorbilder sind Leinwandikonen aus Hollywood wie Marilyn Monroe, Liz Taylor oder Sophia Loren. Frauen eifern den Filmgöttinnen nach und zwängen sich für die Schönheit in formende Wäsche. Sogenannte „Spitztüten-BHs“ heben die weibliche Körperform stark hervor.

Von den Frauenrechtlerinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Befreiung von dem einschnürenden Korsett und als textile Innovation gefeiert, sehen die Anhängerinnen der 1968er-Revolte den Büstenhalter als Symbol männlicher Unterdrückung und der Kommerzialisierung der weiblichen Brust. Immer mehr Frauen legen ihn ab. In Los Angeles kommt es sogar zu der legendären BH-Verbrennung.

Im Laufe der Zeiten hat der BH unterschiedliche Skandale verursacht und so unsere Vorstellungen von Anstand, Moral und Schicklichkeit verändert“, erläutert Christoph Potting. So trug Madonna ihren Büstenhalter nicht unter der Kleidung, sondern auf der Oberbekleidung – sie machte aus dem Wäschestück für Darunter ein Inszenierungsinstrument für Darüber. Damals führte das noch zu einen empörten Aufschrei in den Medien. Heute gehen auch Damen mit schillernden Bustiers unter der Jeansjacke in die Oper. Auch mit dem Nieten-BH von Jean-Paul Gaultier sorgte die Sängerin für Schlagzeilen.

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Werbeplakat: „One Size“, 1975; © Triumph

In der sehenswerten Schau wird auch der psychologische Aspekt des stützenden und formenden Dessous thematisiert. Die morgendliche Entscheidung für einen bestimmten Büstenhalter oder keinen ist schließlich eine bewusste Wahl, ob Sport-BH, Spitzen-BH, sexy Unterwäsche oder etwas Bequemes. Entscheidend für die Wahl dürften Zweckmäßigkeit und „Körperzufriedenheit“ sein. Die Dessous-Herstellerin Stephanie Schneider bringt es auf den Punkt: „Ein schöner BH hebt alles. Auch das Selbstwertgefühl“.

In den 1990er Jahren wird der Busen gepusht, um die Figur in Form zu bringen und den hohen Maßstäben des Körperkults zu entsprechen. Und den Frauen, denen das nicht reicht, unterziehen sich einer kosmetischen Operation und lassen sich Implantate einsetzen. Die Schauspielerin Pamela Anderson sagt selbstzufrieden: „Mein Busen hat eine fabelhafte Karriere gemacht – ich bin immer einfach nur mitgetrottet“. Sind Brust-OPs und Implantate die Zukunft des Büstenhalters?

Werden Implantate zu „BHs von innen“ und sind textile Bruststützen Auslaufmodelle – eine kühne These? Dennoch ist festzustellen: In vielen Ländern der Welt wünschen junge Mädchen sich zum Abitur statt eines Führerscheins eine Brust-OP. Immerhin entfallen bei Schönheitschirurgen mittlerweile 29,2 Prozent aller Operationen auf Brustvergrößerungen und 7,8 Prozent auf Brustverkleinerungen (Angaben von 2011).

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„Na und? Körper ist Mode. Und happy body zeigt den Körper“, 1970; © Triumph; Foto: Hans-Bernd Heier

Noch wird allerdings intensiv an der Weiterentwicklung des Mieders geforscht, wie Kuratorin Julia Bastian weiß: So hat Microsoft einen Prototyp für einen Diät-BH entwickelt, der vor Fressattacken warnen soll. Und in Japan gibt es einen „True Love BH“, der sich nur bei wahrer Liebe öffnet. Aus Brasilien kommt gar der GPS-BH, mit dem man seine Frau „tracken“ kann – eine Art elektronischer Brustfessel – aber welche Frau möchte das schon?

Die Ausstellungsmacher haben sich noch einen besonderen Gag einfallen lassen und laden zu einem Kreativwettbewerb ein: „100 Ways to use a Bra“. Besucher und Online-User können mit eigenen BH-Kreationen zeigen, wofür der BH als geniale Erfindung des 20. Jahrhunderts noch so alles gut ist. Für den Büstenhalter – als Alternative zu den Körperpanzern des Korsetts gedacht – sollen zu seinem 100. Geburtstag innovative Lösungen für dessen Verwendung gesucht werden. Und es werden auch gleich Anregungen für den „wahren Verwandlungskünstler“ mitgeliefert: Vorzüglich eigne er sich beispielsweise als Anti-Smog-Maske, Handtasche, Blumenampel oder Eierwärmer. Wer seinen „Way to use a Bra“ präsentieren möchte, kann noch bis zum 2. Dezember 2014 ein Foto hochladen. Für die originellsten Ideen winken den Einsendern Preise und ein Platz in der Ausstellung „Body Talks“; mehr Informationen unter: creative.arte.tv/de/bh.

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Still aus dem Film „Bra Wars – Hollywoods Affäre mit dem BH“

Ein großes Rahmenprogramm mit abwechslungsreichen Workshops, Abendveranstaltungen und Filmvorführungen begleitet die gelungene Präsentation. So ist beispielsweise am 7. November um 18.30 Uhr der Dokumentarfilm „Bra Wars – Hollywoods Affäre mit dem BH“ (ARTE/ZDF, 2014) in Anwesenheit des Filmautors Hermann Vaske als Premiere bei freiem Eintritt zu sehen..

Die Ausstellung wird gefördert durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain.

Body Talks – 100 Jahre BH“, Museum für Kommunikation Frankfurt, bis 15. Februar 2015

Bildnachweis (soweit nicht anders bezeichnet): Museum für Kommunikation Frankfurt

 

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