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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Dina Draeger und ihre Heiligen der Linie 11

„Mein Gelübde ist das Menschenbild.“ „Meine Kunst guckt zurück.“ (Dina Draeger)

„Wechselspannungen“: Doppelausstellung in der Christus- und der St. Markus-Kirche in Frankfurt-Nied

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Christuskirche; Dina Draeger in der Christuskirche vor einem ihrer Gemälde „No Name“; St. Markus-Kirche

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In der Galerie der Bischöfe im Bischöflichen Ordinariat zu Limburg hingen bis 2007 Gemälde von zehn würdigen Herren im einheitlich-klassischen Halbporträt: die Limburger Bischöfe von 1827 bis 1981. Das 11. Porträt – das des beim Kirchenvolk überaus beliebten und verehrten Bischofs Franz Kamphaus – malte Dina Draeger. Es zeigt ihn gleich zweimal: im Vordergrund im schwarzen Anzug mit dem schlichten hölzernen Brustkreuz, das er trug, im Hintergrund ein vergrössertes Porträt mit der bekannten Baskenmütze. „Er guckt sich gleichsam selbst über die Schulter“, sagte Dina Draeger. „Wechselspannungen“ – der Titel der heutigen Ausstellung – bereits damals? Das in der Ahnenreihe ungewöhnliche und schon alsbald von manchen als „unpassend“ gebrandmarkte Werk gefällt auch heute nicht jedem in der Amtskirche (anders als die Bildtafel, die der Nachfolger, Franz-Peter Tebartz-van Elst, selbstverliebt und herrschaftsbewusst von sich fertigen liess). In diesem Frühjahr machten sogar handfeste Gerüchte die Runde, es solle ein neues Porträt von Franz Kamphaus in Auftrag gegeben werden. Offiziell wird dies bestritten. „Wechselspannungen“?

Wir haben zunächst etwas weiter ausgeholt, aber das Bischofsporträt spiegelt ein Stück des künstlerischen Lebens und Wirkens von Dina Draeger wider. Der Mensch ist der Mittelpunkt ihrer Kunst. Der „Mensch“ wohlgemerkt, jenseits seiner formalen Funktionalitäten als Amts- oder Würdenträger.

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Menschen der Linie 11: Aufsteller in Lebensgrösse „No Name“, C-Prints auf Aluminiumverbund; Fotos: die Künstlerin

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Die Künstlerin begibt sich als Beobachterin immer wieder hinein in das „volle Leben“, mit analytischem Blick ebenso wie mit Achtsamkeit, Zugewandtheit und Emphatie: dieses Mal konkret an der Haltestelle der Frankfurter Strassenbahn „Nied Kirche“ der Linie 11. Zu deren einen Seite erhebt sich besagte St. Markus-Kirche, zur anderen ein fantasieloses Wohn- und Geschäftshaus, letzteres gekennzeichnet durch Kleingewerbe, mehrheitlich geprägt von Menschen mit Migrationshintergrund. Letzteres setzt sich fort in der an der Station beginnenden alten Dorfstrasse namens „Alt Nied“ hin zur kaum mehr als eine Fussminute entfernten evangelische Christuskirche.

Dina Draeger hat dort an der Station die Menschen des kleinen, mühevollen, oft armseligen Alltags angetroffen, beobachtet und fotografiert. Sie sind in Gewänder ihrer Heimat gekleidet, schleppen in Plastiktüten ihren Einkauf, das „täglich Brot“, gehen an Krücken, Gehwagen oder sitzen im Rollstuhl, jüngere Frauen schieben Kinderwagen oder führen Kinder an der Hand. Reich ist hier selbstredend niemand von ihnen, nicht einmal auch nur annähernd wohlhabend. Es sind manche unter ihnen, die nach Matthäus 11, Vers 28 „mühsam und beladen“ sind.

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Aufsteller, Digitalprints und Tafelbilder in der Christus- und der St. Markus-Kirche

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Zu Füssen vieler Aufsteller: Heiligen-Miniaturen

Dina Draeger fotografiert und malt diese Menschen, bildet sie auf lebensgrossen Aufstellern (Digitalprints auf Aluminiumverbund) ab, wir werden auf das künstlerische Spannungsverhältnis zwischen ihrer Fotografie und Malerei noch zurückkommen. Die Menschen: Es sind ihre „Antihelden“, ihre „No Names“, ihre „wirklichen“ Helden – nein mehr, es sind ihre Heiligen des Alltags. Die kleinen „Wunder“, die diese „Heiligen“ tagtäglich im kleinen Familien- oder Freundeskreis, in und für die Gesellschaft bewirken, geraten niemals in den Blick einer grösseren Öffentlichkeit.

Die Künstlerin platziert ihre kleineren wie grossformatigeren „Helden“- und „Heiligen“-Gemälde an den Wänden der beiden Kirchen, zugleich bestückt sie die Räume mit den Aufstellern. Ihre Arbeiten installiert sie im Kontext zur besonderen Architektur der Kirchenräume, ihrer Fenster, der Bilder und Skulpturen, die sie beherbergen, ihrer sakralen Ausstattung von christlich-kultischer Bedeutung.

Dort, im jeweiligen Kirchenraum, treffen wir auch die „anderen“ Heiligen an, diejenigen der christlichen Kirchen, vorwiegend der katholischen, jedoch in Gestalt kleiner, oft winziger Figürchen. Dina Draeger hat die Miniaturen im Internet gekauft. Ein solches Heiligenfigürchen gesellt sie den lebensgrossen Aufstellern zu deren Füssen bei. Und Heiligenfigürchen fixiert sie auf dem Kirchengestühl der beiden Gotteshäuser. Die ikonografische Bedeutung dieses Teils ihrer Installationen liegt auf der Hand: Die Heiligen des Alltags, die „echten“ Menschen, erscheinen in Lebensgrösse, die Heiligen der Kirche hingegen als Miniaturen. Auch eben „Wechselspannungen“.

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Eine der kleinen Heiligenfiguren auf Kirchengestühl

Nun heisst der vollständige Titel der Ausstellung „Wechselspannungen – Dina Draegers Versuchsanordnung von „Energie und Bewegung“. „Im Grunde beschreiben die beiden Begriffe Energie und Bewegung“, formuliert Professor August Heuser, Direktor des Dommuseums Frankfurt am Main, der zur Vernissage in die Ausstellung einführte, „auch das Verhältnis der Kulturen, des Sozialen und des Humanen im Kleinen wie im Grossen. Alles ist in Bewegung und alles wird in Bewegung gehalten durch Energien, die systemisch der Welt inhärent sind. Theologisch kann man diese Energien Geist nennen. Kunst hat also immer etwas mit Geist zu tun. Sie ist ein Beitrag zum Offenbarmachen des Geistes. Seine Energien und seine ständige Bewegung aufzuzeigen, ist der unausgesprochene Auftrag von Kunst. Im Mittelpunkt dieses Auftrages steht der Mensch, der diese inneren Energien und Bewegungen der Welt als Wechselspannungen ausspielt und auslebt. Deshalb ist es gut, dass die Kunst nach dem Ende der Moderne den Menschen wieder in den Mittelpunkt gestellt hat und ihn wieder neu in Fotos oder Videos, aber auch in der Malerei und Zeichnung präsentiert. An dieser Neuentdeckung des Menschen und seiner Energien und Bewegungen beteiligt sich Dina Draeger“.

„Ökumene“, so Professor Heuser weiter, „bedeutet in ihrem [Dina Draegers] Verständnis von Kunst die Totalität der Welt mit künstlerischen Mitteln ins Bild zu bringen, z. B. durch das Video, durch das Foto oder mittels der Leinwand. Mit ihrem ökumenischen Blick auf die Welt nimmt sie die Ganzheit wahr, wie sie sich gerade in ihren Teilen zeigt und darbietet.“

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Dina Draeger entfaltet – zu sehen jetzt in der aktuellen Doppelausstellung – ihre Kunst  im Rahmen einer gleichsam installativen Verschränkung der künstlerischen Gestaltungsformen Fotografie, Malerei und Skulptur. Zunächst fotografiert sie „ihre“ Menschen. Die Fotografien bearbeitet sie im Computer, wobei sie die erfassten Personen von ihrem ursprünglichen Hintergrund freistellt, sie druckt sie mit Pigmenttinte auf grundierte Leinwand aus. Anschliessend übermalt sie diese Leinwände „systematisch und persistent in Ölfarbe mit raffinierter Farb- und Lichtregie und firnisst die grossformatigen Arbeiten“ (Brigitta Amalia Gonser). Sie umgibt die Menschenfiguren mit einer „prachtvoll-irrealen Farbsphäre … schwebend, zeit- und ortlos auf sich selbst zurückgeführt. Die bisher nicht wahrnehmbare Aura dieser Menschen wird sichtbar, wird zum Phänomen … Ihre Malerei impliziert die Fotografie, liefert aber dennoch kein Abbild“. Die lebensgrossen Aufsteller (C-Prints auf Aluminium) generiert sie aus den gleichen Motiven.

Die Arbeiten „No Name“ sind im kleinen Format in Öl auf Malkarton, im grösseren in Öl auf Leinwand ausgeführt und datieren aus dem Jahr 2014.

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Die Künstlerin mit Aufsteller und Tafelbild

Es entstehen irritierende Situationen: Unwillkürlich nimmt man die „lebensechten“ Aufsteller, zumal in den Lichtverhältnissen der Kirchenräume, als leibhaftige Menschen wahr, bevor man deren artifiziellen und installativen Charakter erkennt, es ergibt sich ein materiell-räumlicher „Dialog“, auch insoweit, als ein Aufsteller ein Bild an der Wand zu betrachten scheint. Die Künstlerin erweist sich, im Sinne früherer Ausführungen von August Heuser, erneut als eine Grenzgängerin zwischen Malerei und Fotographie, Raum und Bildraum, Farben und Farbwirkungen, als eine Reisende zwischen den Welten und den Kulturen der Welt, eine „Reisende zwischen den Menschen und deren Obsessionen, deren Leidenschaften, deren Not und Armut, deren Befindlichkeiten … eine Reisende durch Zeiten hinweg“.

Inmitten ihrer Arbeiten um ihre „Heiligen“ trifft man in der Kirche St. Markus auf das grossformatige Porträt einer Frau, ihr Antlitz ist blass, die Augen sind geschlossen, in ihrem Mund eine vollendet erblühte rote Rose mit etwas grünem Blattwerk: unschwer erkennen wir in dieser Arbeit – auch – ein Selbstporträt der Künstlerin. Ein Mann, die Arme verschränkt, nein, es ist ein Aufsteller, betrachtet sie nachdenklich.

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Aufsteller und Gemälde „Death by Rose“, 2010/2011, Öl auf Leinwand, 180 x 260 cm

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Joachim Preiser, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Frankfurt-Nied, am Eröffnungsabend mit Aufsteller und Tafelbild; für die Katholische Pfarrgemeinde Frankfurt-Nied nahm Pfarrer Rolf Glaser an der Eröffnung teil

Dina Draeger, 1966 in Veerßen geboren, Fotografin, Malerin, Weltreisende, Kosmopolitin, studierte an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe Kunstgeschichte, Philosophie und Medienkunst. Sie lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin in Deutschland und der Schweiz.

Dina Draeger, „Wechselspannungen“, Doppelausstellung in der Christuskirche und der Kirche St. Markus in Frankfurt-Nied, bis 23. November 2014

Besonderer Veranstaltungshinweis für den 8. November 2014, 19 Uhr in der Kirche St. Markus:
„Die Heiligen aus der Tram Linie 11“; Dina Draeger mit einem Beitrag zu „Ich glaube nur was ich sehe und sehe nur, was ich weiss …“ – Kunst und Spiritualität aus der Sicht des Künstlers und anschliessend im Gespräch mit Professor August Heuser.

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