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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

MMK 2 eröffnet unter dem Motto „Boom She Boom“

Von Erhard Metz

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„Sh Boom Sh Boom“ hallte es am Eröffnungsabend durch das Palast- und Kathedralenausmasse einnehmende Foyer des Hochhauskomplexes „TaunusTurm“ – fantastisch, atemberaubend und Begeisterungsapplaus entfachend gesungen und deklamiert von vier Damen des Ensembles bzw. Studios von Schauspiel Frankfurt: Verena Bukal, Paula Hans, Paula Skorupa und Carina Zichner.

Der „Ohrwurm“-Doo-Wop-Song „Sh Boom Sh Boom“ der „Chords“ aus den 1950er Jahren lieferte den leicht verballhornten Titel „Boom She Boom“ der Eröffnungsausstellung der neuen Dependance MMK 2 des international hohen Ruf geniessenden Frankfurter Museums für Moderne Kunst. Sagen wir mal so: She – sie – boomt, boomen, die KünstlerIN, die KünstlerINNEN nämlich. Nun ist „die“ Kunst, wie allseits bekannt, ohnehin bereits grammatikalisch weiblich. Und MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer wurde in den vergangenen Tagen nicht müde, die Sentenz von Jean-Christophe Ammann „das 21. Jahrhundert gehört den Künstlerinnen“ zu zitieren. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Die Eröffnungsausstellung bestreiten ausschliesslich in der Museumssammlung vertretene KünstlerINNEN – 28 an der Zahl. Hand aufs Herz – wer wollte dies kritisch sehen? Niemand – so hoffen wir (zumindest ein Kulturmagazin sah das, soweit wir es überblicken, ein klein wenig anders).

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Erst- und bisher einmalig in Deutschland: Ein Museum zieht (wenn auch, wie im konkreten Fall, mit einer neu eingerichteten Dependance) in ein Hochhaus für überwiegend gewerbliche und zu einem kleineren Teil Wohnnutzung. Rund 2000 Quadratmeter misst die Gesamtfläche, rund 1750 davon stehen als reine Ausstellungsfläche zur Verfügung. Tishman Speyer und die Commerzbank-Tochter Commerz Real, beide als Immobilienentwickler in diesem Joint Venture vereint, stellen dem MMK diese Fläche für 15 Jahre miet- und nebenkostenfrei zur Verfügung. Der Unternehmer Stefan Quandt, die Ernst Max von Grunelius-Stiftung, die Helaba Landesbank Hessen-Thüringen und die DekaBank Deutsche Girozentrale als Gründungspartner des MMK 2 wirken finanziell unterstützend mit. Die laufenden Betriebskosten der Dependance decken die Gründungspartner, die MMK Stiftung, die Freunde des MMK und eine Reihe weiterer privater Förderer. MMK und Stadt Frankfurt am Main entstehen, soweit ersichtlich, keine Kosten.

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↑ Leuchten über der Pressekonferenz und künftig über den Bistro-Gästen: Lampen (Fleur Malle, 2012) von Franz West

↓ Grund zur Freude: Kulturdezernent Professor Felix Semmelroth, MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer, Bürgermeister und Planungsdezernent Olaf Cunitz in der Pressekonferenz

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Es ist eine Win-Win-Konstellation: Die Immobilienentwickler umwerben mit dem Attribut „hochrangige internationale Kunst im Haus“ gewerbliche wie status- und luxusorientierte Wohnungsmieter und erhöhen die Attraktivität ihrer Investition, die sich in der Rendite widerspiegelt. Museum und Stadt verzeichnen ihrerseits, ohne einen Cent zu verausgaben, einen bedeutenden kulturellen (und kulturpolitischen) Mehrwert. Dies in einer Zeit, in der die Gesellschaft (oder das, was man in der Sprache der Politik wie in der veröffentlichten Meinung dafür ausgibt) Kunst, zumal zeitgenössische, nicht – mehr – als ein Konstitutivum ihrer (der Gesellschaft) selbst und damit als ein Unverzichtbares anzusehen scheint, und in der die mehr und mehr allein auf die Wählerstimmung abstellende Politik fataler Weise auf solche Strömungen nicht nur mit Verweigerung zusätzlicher, sondern gar mit Reduzierung bislang geleisteter öffentlicher Mittel für Aufwendungen im Kunst- und Kulturbereich reagiert.

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Stolz auf dass Erreichte und zuversichtlich für die Zukunft des MMK: Susanne Gaensheimer

„Wir befinden uns in Deutschland gerade in einer Phase des Umbruchs“, sagt nun MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer, „in der sich die Vorzeichen der Kulturförderung radikal verändern: Ein Museumsneubau für mehrere Zehnmillionen Euro wäre im Moment nicht denkbar gewesen. Und das ist nicht nur in Frankfurt der Fall, wir kennen das auch aus vielen anderen europäischen Städten. Wir müssen flexibler werden und über neue Formen der Museumsarbeit nachdenken. Durch die grosszügige Unterstützung der beiden Immobilienentwickler, unserer Gründungspartner und zahlreicher weiterer Förderer sowie durch die enge Zusammenarbeit mit dem Kultur- und dem Planungsderzernat der Stadt Frankfurt ist es uns gelungen, für das MMK eine zusätzliche Ausstellungsfläche zu schaffen, um die Meisterwerke unserer Sammlung aus dem Depot an die Öffentlichkeit zu holen“. Nun denn – auch Kulturdezernent Professor Felix Semmelroth sowie Bürgermeister und Planungsdezernent Olaf Cunitz begrüssen diese Zusammenarbeit mit finanziell hochpotenten Partnern aus der Privatwirtschaft.

Man hört und liest in diesen Tagen manch Zustimmung zu derartigen, beispielsweise in den USA seit langem üblichen Konstrukten. Bedenken, dass die Förderung von Kultur und Kunst in der europäischen Tradition im Grunde eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe unter Einsatz finanzieller Mittel gerade und insbesondere auch der öffentlichen Hand sein müsse, geraten dabei oft genug und unter dem Einfluss neoliberalistischer Strömungen ins Hintertreffen. Da erscheint es nicht nur gut, sondern geradezu notwendig und geboten, die differenzierende Stimme von Julia Voss („Guten Morgen, Bankfurt!“ in der FAZ vom 22. Oktober 2014) zu vernehmen!

Die Thematik spielte – und damit kehren wir zu der fulminanten Ausstellung „Boom She Boom“ zurück – unter sozusagen umgekehrten Vorzeichen am Eröffnungsabend eine Rolle: Kulturdezernent Semmelroth geisselte – nach unserer Auffassung sehr zu Recht und unter lang anhaltendem Beifall des Eröffnungspublikums – mit ungewöhnlich scharfen Worten die aktuellen Pläne zur Veräusserung zweier einst aus öffentlichen Mitteln erworbenen Warhol-Gemälde durch eine Beteiligungsgesellschaft des Landes Nordrhein-Westfalen unter Zustimmung der Landesregierung. Wir werden auf diese Gesamtproblematik einschliesslich des unglaublichen Banausentums in der Düsseldorfer Staatskanzlei noch zurückkommen.

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„Familienfoto“ mit Stefan Quandt, Felix Semmelroth, Susanne Gaensheimer, Roland Holschuh, Mitglied des Vorstands der Commerz Real, Olaf Cunitz und Florian Reiff, Geschäftsführer Deutschland von Tishman Speyer

Heute aber erst einmal freuen wir uns, und wir sind glücklich: über das Wiedersehen mit vielen der herausragenden Werke aus der inzwischen über 5000 Arbeiten umfassenden Sammlung des MMK auf dessen neuer Präsentationsfläche im TaunusTurm!

28 Künstlerinnen haben dort, wie wir bereits schrieben, „das Wort“: Jo Baer, Vanessa Beecroft, Shannon Bool,  Andrea Büttner, Vija Celmins, Hanne Darboven, Rineke Dijkstra, Marlene Dumas, Parastou Forouhar, Katharina Fritsch, Isa Genzken, Tamara Grcic, Bethan Huws,  Anne Imhof, Barbara Klemm, Eva Kotátková, Franziska Kneidl, Teresa Margolles, Sarah Morris, Cady Noland, Anja Niedringhaus, Christa Näher, Charlotte Posenenske, Jewyo Rhii, Taryn Simon, Sturtevant, Rosemarie Trockel und Adrian Williams.

Gegensätze: die Arbeiten von Isa Genzken, 1948 in Bad Oldesloe geboren, dreifache documenta-Künstlerin und Künstlerin des deutschen Pavillons zur Biennale Venedig 2007, und von Cady Noland, 1956 in Washington D.C, geboren, der publikumsscheuen Fotografin und Installationskünstlerin, die sich um die Jahrtausendwende aus dem Kunstgeschehen zurückzog.

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Cady Noland, Ohne Titel, 1996, Pappkarton, Lackgrund und Aluminium-Farbspray

Es gibt drei Video-Räume und eine ansonsten offene, durch Stellwände bestimmte, weite Durchblicke gewährende Ausstellungsarchitektur. Die oft sehr grossvolumigen Werke begegnen sich mitunter, um mit Schiller zu sprechen, „hart im Raum“. Es galt, die ausgewählten Arbeiten im Blick auf deren nachbarschaftliche Verträglichkeit bzw. Unverträglichkeit miteinander zu positionieren. Mancherorts geht es im Ausstellungsparcours durchaus etwas eng zu, vielleicht wäre hier und da ein „Weniger“ durchaus ein „Mehr“ gewesen. MMK-Ikone und unverändert „Publikumsliebling“ ist die „Tischgesellschaft“ von Katharina Fritsch. Kein Wunder, dass sich die Kooperationspartner des MMK 2 nach der Pressekonferenz hinter dieser Arbeit zum allfälligen „Familienfoto“ präsentierten.

Zwei neue, eigens für die Eröffnungsausstellung im MMK 2 in Auftrag gegebene, jeweils sehr sensible Arbeiten gilt es hervorzuheben, wir stellen sie kurz vor:

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Tamara Grcic, Numbers, 2014, Glaszylinder, Holzkonstruktion, schwarze Strümpfe, 16 Lautsprecher, 2 Verstärker, Sound; Leihgabe der Künstlerin, produziert im Auftrag des MMK

Auf einem Holzpodest, unter dem aus Lautsprechern monotone Stimmen Zahlenreihen (unter anderem Zahlen der unendlichen Kreiszahl π) intonieren, stehen Glaszylinder mit am oberen Ende gebrochenem Rand – eine Antwort von Tamara Grcic, so scheint es, auf die ringsum stehenden Hochhäuser. Das Zahlengewirr könnte auf Börsenkurse wie ebenso auf die Milliardendeals in den nahen Bankentürmen verweisen, die dort stündlich, wenn nicht minütlich abgewickelt werden. Jedem Zylinder ist ein schwarzer Strumpf zugewiesen, ein auf Menschen bezogenes Objekt, ob für Damen oder Herren, bleibt ungewiss.

Eva Kotátková, 1982 in Prag geboren – sie studierte an der Prager Akademie der bildenden sowie an der dortigen Akademie der angewandten Künste, am San Francisco Art Institute sowie an der Wiener Akademie der Bildenden Kunst und war auf der Biennale 2013 in Venedig vertreten – , zeigt mit „Anatomical Orchestra (Composition For 13 Ears)“ das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit 13 Jugendlichen der Frankfurter Schule am Sommerhoffpark, einer Förderschule für hörgeschädigte und gehörlose Kinder. Die 13 Kinder verkörpern sich zu „Instrumenten“, deren Stimmen aus der Wand heraus zu hören sind und für die die Künstlerin jeweils eine Skulptur entwickelte. Die noch nicht fertige Arbeit („work in progress“) wird erst im Laufe der Ausstellung vollendet.

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Eva Kotátková, Anatomical Orchestra (Composition For 13 Ears), 2014, Mix Media, Sound, Work in Progress; Leihgabe der Künstlerin

Das neue MMK 2 – eine das Stammhaus an der Domstrasse erweiternde Ausstellungsstätte mitten im „Herzen“ der Innenstadt, inmitten der Büro- und Bankentürme, auch im kulturellen Zentrum zwischen den Städtischen Bühnen und der Alten Oper, mit einem Café-Bistro unmittelbar am Anlagenring, dem inneren Frankfurter Grüngürtel gelegen, in Erwartung auch neuer, noch zu erschliessender Publika: Wir wünschen ihm eine erfolgreiche Zukunft!

„Boom She Boom. Werke aus der Sammlung des MMK“, MMK 2, bis 14. Juni 2015

Fotos: Erhard Metz

→  Aufbruch in die Zukunft: Erweiterung für das Museum für Moderne Kunst MMK

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