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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Vegetation und Artefakte: Tatiana Urban in der Galerie „Das Bilderhaus“

Nun wissen wir natürlich, dass wir uns nicht in einem Tropikarium oder im Frankfurter Palmengarten befinden oder – einem herbstlich-regnerischen Schmuddelwetter geschuldet – in fernen, sonnigeren Landen, doch mächtig wächst und wuchert es uns entgegen im Frankfurter Bilderhaus, dass es uns fast die Sinne verwirren möchte.

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Düsternis einer beschatteten Ferne, 201 4, Öl/Leinwand, 80 x 70 cm

Wer nun aber romantisch-exotische Dschungellandschaften oder eine sich in einem Farbenrausch verlierende florale Malerei erwartete, sähe sich alsbald eines Besseren belehrt: Die Malerin und Zeichnerin Tatiana Urban konfrontiert – und irritiert – den Betrachter mit Doppelbödigem: Die sich scheinbar in ihrer expressiven Schönheit selbstgewisse, üppig schwelgende Natur erweist sich als gefährdet, bedroht und verletzt, durch im Zeichen von Zivilisation und Fortschritt ihrerseits in sie hineinwuchernde menschliche Artefakte.

Der nicht nur aus der Sprache der Immobilienwirtschaft, des Siedlungs- und Städtebaus oder der landwirtschaftlichen Nutzung bekannte Begriff „Terrain“ – so lautet denn auch der Titel dieser Ausstellung – steht für entsprechende Aneignungs- und Verdrängungskonzepte, in deren Folge Landstriche einerseits als kostbare Reservate und Schutzgebiete deklariert oder zu Freizeit-kompatiblen „Parks“ umgeformt und andererseits ökonomisch-zivilisatorischer Inbesitznahme überantwortet werden.

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↑ Lagune, 2014, Öl/Leinwand, 80 x 90 cm
Schwebeteile, 2014, Öl/Leinwand, 80 x 90 cm

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Und dennoch – wiederum unterläge einem Missverständnis, wer die Arbeiten Tatiana Urbans allein in eine gesellschaftskritische Kiste packen wollte. Es geht der Künstlerin, die sich zwar zumindest vom Ansatz her der Tradition der Landschafts- und Naturmalerei verbunden fühlt, eher um einen Spagat zwischen Natur und Zivilisation (wenn man diese Begriffe als einen Gegensatz verstehen will). Ein Spagat, der in einer gewissen Natursehnsucht zu münden scheint. „Heutige Naturvorstellungen lassen sich dabei“, so Tatiana Urban, „vielfach aus dem Spannungsverhältnis zwischen Naturentfremdung und Natursehnsucht ableiten, eine vielschichtige bis labyrinthische Verbindung, die den Ursprung meiner Bildwelten bildet“. Spagat also auch als eine Chance zur Versöhnung des Gegensätzlichen.

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↑ Feld Wald Wiese, 2014, Öl/Leinwand, 80 x 90 cm
↓ Perce-neige, 2014, Öl/Leinwand, 80 x 90 cm

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Interessant ist im übrigen, dass die Künstlerin in diesem Zusammenhang an den englischen Begriff „plant“ erinnert, der einerseits für Pflanzen wie andererseits zugleich für Werks- und Fabrikanlagen und damit für produzierendes Zivilisationsgeschehen steht.

In „Alm“ scheinen sich fiktive Naturidylle – hochwachsende Tannen, die sich in einem Waldsee spiegeln, sowie Gebirgsformationen – und von wildem Wuchs überwucherte Hinterlassenschaften menschlicher Inbesitznahme zu vereinigen: Natur holt sich, so könnte man assoziieren, zurück, was vom Menschen – vielleicht – aufgegeben wurde. Oder wie es die Künstlerin formuliert: „die irritierende Präsenz des Unerwarteten im Alltäglichen“.

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Alm, 2014, Öl/Leinwand, 80 x 70 cm

Solche bei der Künstlerin vermuteten Überlegungen verbinden sich mit ihrem Interesse an – wie auch ihrer Suche nach – einer „Terra incognita“, die ihr ein weites künstlerisches Erforschungs- und Erfahrungsfeld eröffnet und ermöglicht. In ihren aktuellen Arbeiten setzt sie ein solches Erforschen wie Erfahren um – in der malerischen wie zeichnerischen Verbindung von dynamisch wuchernder, mitunter vielfarbig explodierender Vegetation und Eingriffen von menschlicher Hand, letztere in einer zumeist weitgehend abstrahierenden Formensprache: Es kann sich bei diesen Artefakten um Strukturen handeln, die an Behausung versprechende Baulichkeiten erinnern, oder um technischen Apparaturen, die dem Betrachter einen weiten – und durchaus wertefreien – Assoziationsspielraum eröffnen.

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Comicbaum im Winterlaub, 2014, Öl/Leinwand, 180 x 150 cm

Mit ihrem „Comicbaum“ – vielleicht verrät es bereits der Titel – führt uns die Malerin in eine entferntere Welt der Abstraktion: eine Arbeit voll expressiv-eruptiver Energie und Kraft, die über einer ruhigen, an einen der Monetschen Seerosenteiche erinnernden Fläche hervorbricht. Eine Kraft, wie sie uns in jahrtausendalten verknorzten Ölbäumen begegnet. Van Goghs „Baumwurzeln und Baumstämme“ stellen sich in unserem Gedächtnis ein. Legitim ist das allemal. Schienenstrangähnliche Artefakte verlaufen sich in den Hintergrund. „Fantasiegespeiste Szenarien einer möglichen, weil von der Sehnsucht benötigten ‚Terra incognita‘ der Gegenwart und Zukunft“ – so die Künstlerin.

Neben der Malerei pflegt und beherrscht Tatiana Urban das Zeichnen, mit Tusche, Pinsel und Feder auf Papier – eine oft vernachlässigt erscheinende, technisch anspruchsvolle wie schwierige Kunst. In der Ausstellung präsentiert sie fein gefertigte Arbeiten im Format 30 x 40 cm, an denen man keinesfalls vorübergehen darf.

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↑ Konquistador, 2014, 30 x 40 cm, Tusche/Papier
↓ Segmente, 2014, 30 x 40 cm, Tusche/Papier

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Tatiana Urban, 1970 in Frankfurt am Main geboren, studierte nach einigen Semestern Architektur an der Technischen Universität Darmstadt zunächst an der Universität Mannheim Betriebswirtschaftslehre, bevor sie zu ihrer eigentlichen Berufung und der „Terra incognita“ fand: dem Studium der Visuellen Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung Offenbach mit dem Schwerpunkt Freie Kunst/Malerei bei Professor Adam Jankowski.

Es lohnt sich der Besuch in der kleinen, feinen, qualitätsbewussten Galerie Das Bilderhaus und vor allem der Arbeiten der begabten Malerin und Zeichnerin. Kaum vorstellbar, dass da kein „Funke überspringt“. Deshalb sollte man die Brieftasche nicht zu Hause lassen.

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Tatiana Urban mit Laudator Robert Bock in der Vernissage; Foto © Sabine Lippert

„Tatiana Urban – Terrain“, Galerie Das Bilderhaus, verlängert bis 7. November 2014

Fotos, soweit nicht anders bezeichnet, © die Künstlerin

 

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