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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„UNENDLICHER SPASS“ in der SCHIRN Kunsthalle Frankfurt

Immer mal wieder lesen wir, wir lebten in einer Spassgesellschaft. Das mag für viele so sein, für viele andere hört der Spass jedoch recht schnell auf, wenn sie zum Beispiel in ihre „Lohntüte“ blicken oder ihre Krankheiten und sonstigen Lebensumstände betrachten. „Der Vierte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung“ (2013) bescheinigt der Republik eine Rekord-Armutsquote von über 15 Prozent, und erst recht dieser Teil der Bevölkerung wird wenig Anlass zu Spass – und schon gar nicht zu unendlichem – finden.

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SCHIRN-Direktor Max Hollein und Matthias Ulrich, Kurator der Ausstellung, in der Pressekonferenz

Nun geht es aber in der Ausstellung in der SCHIRN Kunsthalle gar nicht darum, sondern etwas mehr um den „Jahrhundertroman“ gleichen (Ausstellungs-)Titels von David Foster Wallace (den wir – ist das schlimm? – nicht gelesen haben), um „die unterschiedlichen Anforderungen, die heute an das Ich gestellt werden und in denen sich die Widerstände und Widersprüche einer solchen, gerne als alternativlos bezeichneten Wirklichkeit bemerkbar machen“. „So viel Ich war nie“, schreibt Ausstellungskurator Matthias Ulrich. „Wir drehen uns unentwegt um uns selbst. Und alles um uns herum dreht sich mit. Jeder Einzelne muss mit den Geschehnissen in der momentanen Lebenswelt zurechtkommen, sich persönlich verorten oder vielleicht sogar Überlebensstrategien hierfür entwickeln. Die in der Ausstellung präsentierten Künstler zeigen ihre Bilder von der unendlichen Kreisbewegung um das Individuum. Sie werfen Fragen auf, die uns alle beschäftigen, und spielen mit Situationen, in denen wir uns alle wiederfinden.“

Arbeiten von 19 zeitgenössischen Kunstschaffenden präsentiert die SCHIRN in dieser, noch bis zum 7. September 2014 laufenden Ausstellung: von Francis Alÿs,  Maurizio Cattelan, Peter Coffin, Lara Favaretto, Ceal Floyer, Claire Fontaine, Andrea Fraser, Karl Holmquist, Judith Hopf, Josh Kline, Sammlung Kopp, Alicja Kwade, Joep van Liefland, Helen Marten, Kris Martin, Daniel Richter, Michael Riedel, Anri Sala und Ryan Trecartin.

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Peter Coffin, Untitled, 2008, Förderband, Luftballons, Courtesy der Künstler

Der Spass beginnt bereits mit einer auf den ersten Blick lustigen Achterbahnfahrt, als Passagiere fungiert allerdings eine Handvoll bunter Luftballons. Befördert im eigentlichen Sinn wird hier nichts, denn die Luftballons kreisen – es gibt keine Weichen oder Abzweigungen zu irgendeinem Ziel – stets auf der selben verschlungenen Bahn. Die Dinge bewegen sich in der Endlosschleife, aber es soll einen Moment geben (wir haben ihn nicht erlebt), da lösen sich die Luftballons aus ihrer Befestigung und zerstreuen sich im Raum. Peter Coffin, 1972 im kalifornischen Berkeley geboren (der Künstler lebt in New York), entlässt die Ballons sozusagen in die Freiheit.

Auch Städelschul-Professorin Judith Hopf (1969 in Karlsruhe geboren, lebt in Berlin) scheint sich mit ihren „erschöpften Vasen“ einen Spass zu erlauben – aber es geht um viel mehr.  Vasen und Töpfe nicht nur als Behältnisse für Blumenschmuck, sondern in der Tradition menschlicher Kulturen zur Bevorratung von Lebensmitteln: Getreide, Öl, Wein, Eingelegtes und Gepökeltes. Nun sind sie zum Teil kopfstehend und durch Bemalung mit allerlei auch durchaus komischen Gesichtern „erschöpft“ – erschöpft wie die Kulturen, für die sie jeweils als Chiffren stehen mögen?

Der Spass wird selbst dem eingefleischtesten Biciclisten angesichts dieses Vehikels vergehen. Alicja Kwade, 1979 in Kattowitz geboren – auch sie lebt und arbeitet in Berlin – biegt das Hochleistungs-Rennrad zu einem sich nicht von der Stelle bewegen könnenden Kreis. Die Arbeit spricht damit für sich und erinnert in gewisser Weise an Peter Coffins Förderband.

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Alicja Kwade, Reise ohne Ankunft, 2012/2013, Gebogenes Rennrad; Johann König, Berlin

„Begriffe wie ‚Quantified Self‘, ‚Bodyhacking‘, aber auch ‚Burnout‘ geistern durch die Medien. Absolute Optimierung und Perfektion sind in der heutigen globalen Welt von jedem Einzelnen gefordert, rund um die Uhr. Welche Kehrseiten und Folgen hat dieses stete Zirkulieren des Menschen um sich selbst? In unserer diesjährigen Sommerausstellung wollen wir diese gegenwärtigen gesellschaftlichen Phänomene aufgreifen und Raum für eine künstlerische Auseinandersetzung bieten“, schreibt SCHIRN-Direktor Max Hollein.

Joep van Liefland, 1966 in Utrecht geboren, der sich gern auch als Medienarchäologe bezeichnet, baut – eigens für die SCHIRN-Ausstellung – eine „Video-Palast“ genannte Pseudo-Videothek – ein Horrorkabinett aus Archivregalen, vollgepackt mit Videokassetten; deren Inhalt: ganz überwiegend Schund- und Trash-Filme. Wer soll diesen ganzen Archivplunder, noch dazu auf veralteten, kaum mehr abspielbaren Datenträgern noch überschauen? Eine schöne Arbeit voll Grimm und Witz – Kulturkritik in Reinform? Führt der Künstler gar die enzyklopädische Idee, die grossen „Brockhaus“, „Meyer“ und wie sie alle heissen und am Ende auch wikipedia ad absurdum?

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↑ Joep van Liefland, Video Palace # 36-Archive I (Shadow Hunter), 2014, Videokassetten und -hüllen, Holz, Weichfaserplatten, Bücher, Fotos, Siebdrucke, Prints und Neonröhren (TL); Courtesy der Künstler, Galerie Parisa Kind und Galerie Bebr. Lehmann, Dresden und Berlin
↓ Der Künstler am Eröffnungstag in seiner Arbeit

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Lara Favaretto, Tutti giù per terra (We all fall down), 2004, Konfetti und Industrieventilatoren, Galleria Franco Noero, Turin

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Zeigen wir aus dem reichhaltigen Spektrum noch abschliessend eine schöne Arbeit von Lara Favaretto, 1973 in Treviso geboren: Die Künstlerin baut einen Raum, in welchem vier Ventilatoren blaues Konfetti auseinander- und wieder zusammenwirbeln. Ständig ändert sich die Szenerie, es entstehen im Zeitraffertempo Konfetti-Gebirge und an Kraterseen erinnernde Vertiefungen – es handelt sich bei diesen um den vom Luftstrom partiell blankgefegten Fussboden. Verändert von Menschenhand Geschaffenes das „Gesicht der Erde? Zweifellos.

Eine sehenswerte Ausstellung, die bei aller trügerischen Leichtigkeit und Komik den Betrachter zum Innehalten bringt – der vermeintlich „unendliche Spass“ gerät zum Spiegel, in dem er seine eigene Begrenztheit und Gefangenschaft in einer globalisierten Leistungsgesellschaft erkennt.

„Unendlicher Spass“, SCHIRN Kunsthalle Frankfurt, bis 7. September 2014

Ausstellungsansichten, © jeweilige Künstlerinnen und Künstler; Fotos: FeuilletonFrankfurt

 

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