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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Tobias Rehberger in der SCHIRN Kunsthalle Frankfurt

„Home and Away and Outside“

Natürlich kann man als Frankfurter nach Berlin, München, Düsseldorf oder Köln reisen, wenn man sich in der deutschen Ausstellungsszene umschauen will; derzeit vor allem nach Berlin pilgern, zur von vielen bereits zur „Jahrhundertausstellung“ geadelten Schau „Evidence“ von Ai Weiwei mit u. a. rund 6000 chinesischen Hockern. (Nun hatten wir bereits 886 Hocker des Künstlers auf der Biennale Venedig 2013 im „deutschen“=“französischen“ Pavillon – stecken die jetzt in Berlin wieder mit drin?)

Also Berlin kann und soll – muss aber nicht unbedingt sein. Denn: In der Kunst- und Kulturstadt Frankfurt am Main machen sich heuer gleich vier namhafte Ausstellungsereignisse fast schon untereinander Konkurrenz: die „Emil Nolde. Retrospektive“ im Städel Museum (bis 15. Juni 2014); „Esprit Montmartre. Die Bohème in Paris um 1900“ (bis 1. Juni); „Tobias Rehberger. Home And Away And Outside“ (bis 11. Mai), beide in der SCHIRN Kunsthalle; und im MMK die Riesenschau „Die Göttliche Komödie. Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler“, die fast das ganze Haus ausfüllt und noch bis zum  27. Juli 2014 läuft.

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Tobias Rehberger in der Pressekonferenz am 20. Februar 2014

Beginnen wir mit Tobias Rehberger in der SCHIRN, weil die Ausstellung demnächst als erste der vier endet. Wer auf der 53. Biennale Arte Venedig 2009 seine Cafeteria mit dem Titel „Was du liebst, bringt dich auch zum Weinen“ gesehen hat (für die Rehberger seinerzeit den „Goldenen Löwen“ abräumte), erkennt jetzt in der Frankfurter Kunsthalle auf den ersten Blick die Handschrift des Künstlers wieder:

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Obige Abbildung: Cafeteria im Palazzo delle Esposizione Venedig; unten eine Ausstellungsansicht aus „Tobias Rehberger. Home and Away and Outside“ mit der Skulptur „Untitled (Stay)“ in der SCHIRN

Erneut ein Vexierspiel: Wo beginnt, wo endet der mit Objekten bestückte Raum an einer Wand?

Das Frankfurter Kunstpublikum kennt „seinen“ Rehberger, einst Städel-Schüler und seit langem Städelschul-Professor: von der Cafeteria (Installation “Mailand, Moskau, Dubai, Singapur, Tokio”) zur Jubiläumsausstellung „20 Jahre MMK“, seiner Ausstellung „Flach“ im Museum für Angewandte Kunst und zeitgleich in der Innenstadt (2010) oder jüngst seiner Schenkung „Capri Moon“ für den neuen Städelgarten. Derzeit nun widmet ihm die SCHIRN unter dem Titel „Tobias Rehberger. Home and Away and Outside“ auf über 700 m² Fläche und mit über 60 Arbeiten eine grosse, dreiteilige Überblicksausstellung. Sie zu besuchen ist ein „Muss“!

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Ausstellungsansichten, jeweils mit Spiegel-Arbeiten der Reihe „Kim explores her face in the broken mirror“ (2007)

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In Fortentwicklung seiner Cafeteria zur Biennale Venedig entwarf Rehberger im ersten Teil der Ausstellung eine „Dazzle-Camouflage“-Grafik für die Wände und den Boden, in der einige seiner Skulpturen mit dem sie umgebenden Raum auf frappierende Weise miteinander zu verschmelzen scheinen. Verschiedene Arbeiten aus früheren Werkreihen wie „Kim explores her face in the broken mirror“ (2007/2011) oder Malereien wie die Rund-Bilder „Large cuckoo clock“ und „Small cuckoo clock “ (2009), die in ihrer Funktionalität als Kuckucksuhren überraschen, sind in den „Kunstraum“ zu einer Art Gesamtkunstwerk integriert.

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Ausstellungsansichten, oben mit der dreiteiligen Arbeit „Forget it“, unten mit „Large cuckoo clock“ und „Small cuckoo clock“

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Ausstellungsansicht mit „Mother spiral“

Der Raum überwältigt, ja überfordert im Grunde den Betrachter, der sich das Werk, Orientierung suchend, aber letztlich auch findend, erschliessen muss. Viel Witz ist mit im Spiel, der sich beim Betrachter durchaus als „Lustgewinn“ niederschlägt: Die beiden Kuckucksuhren öffnen sich und erschallen alle Viertelstunde mit dem von den Schwarzwälder Uhren her bekannten Kuckucksruf. Da kann schon mal etwas Wasser aus einer Skulptur tröpfeln, was den Ahnungslosen dazu bewegen kann, die Aufsicht herbeizurufen, oder aus einer anderen Arbeit steigt ein wenig „Rauch“ auf – aber keine Angst, es brennt nicht, die Feuerwehr braucht nicht auszurücken!

„Als einstiger Schüler und heutiger Professor der Städelschule hat sich Tobias Rehberger von Frankfurt ausgehend international etabliert und zählt heute zu den wichtigsten Gegenwartskünstlern. Darum freuen wir uns besonders, dass wir nun in seiner Wahlheimat diese – längst überfällige – Werkschau realisieren können“, sagt SCHIRN-Direktor Max Hollein.

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Pressekonferenz mit SCHIRN-Direktor Max Hollein, Tobias Rehberger und Kurator Matthias Ulrich

Und Kurator Matthias Ulrich fügt hinzu: „Für mich besonders wichtig ist die metaphorische Eleganz, mit der Tobias Rehberger Bilder der gesellschaftlichen Gegenwart entwirft und diese unmissverständlich als ästhetische Übersetzung präsentiert. Eine so vielschichtige und umfassende Ausstellung ist für Tobias Rehberger auch mit der Herausforderung verbunden, für jede der drei Flächen eine eigene Signatur zu schaffen, so als wäre sie von drei Künstlern gemacht worden“.

Kommen wir zum zweiten Ausstellungsabschnitt: einer begehbaren Ausstellungsarchitektur, die die gesamte westliche Halle der SCHIRN in Anspruch nimmt. Unter skurril erscheinenden Deckenlampen geht es über Stufen und Vertiefungen hinweg, an möblierten „Wohnlandschaften“ vorbei, durch ein Kabinett hindurch und dann eine breite Freitreppe hinauf, auf der man sich gerne niederlassen kann, und wieder hinab zu der riesigen, über zehn Meter breiten Arbeit „Gu mo ni ma da“ aus dem Jahr 2006, einer, ja – dreidimensional erscheinenden Yacht, aber die ist, wenn man so will, ein Fake, ein Trompe-l’œil, denn erst im letzten Moment erkennt der Betrachter die wandfüllende illusionistische Fototapete.

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Ausstellungsansicht mit der fünfteiligen Sitz- und Tischgruppe „Picasso“ (1994)

Poesievoll geht es zunächst zu – mit Blumen gefüllte Vasen lauten auf die Namen befreundeter Künstler. Allerlei möbelähnliche Gegenstände sowie kleine und grössere Plastiken säumen den Ausstellungsparcours, darunter auch eigenwillig verrenkte „Prothesen“. „Der Künstler greift hier“, so die SCHIRN, „das wiederkehrende Missverständnis auf, dass er an der Schnittstelle von Kunst und Design operiere, wie die potentielle Verwendbarkeit seiner Werke zeigen würde … Die Objekte werden auf der einen Seite der gewöhnlichen Vorstellung von Alltagsgegenständen zwar nicht gerecht, können auf der anderen Seite jedoch als solche funktionieren und somit als Design verstanden werden“.

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„Michel Majerus“, 1995

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Ausstellungsansicht

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Prothese IV (linker Arm), 2000

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Der Künstler in seiner Ausstellungsarchitektur

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Ausstellungsansicht, an der Decke „Infections“ (2008); im Vordergrund „Christian“ (Sitzgelegenheiten), 1996; im Hintergrund „Gu mo ni ma da“ (2006)

Rehbergers Arbeit „Gu mo ni ma da“ ist eine „Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte seines ehemaligen Studenten und heutigen Künstlerfreundes Danh Vo. Rehberger wirft auch hier wieder Fragen der Urheberschaft, der künstlerischen Kontrolle und des genuinen Einflusses des Künstlers auf sein Werk auf, da er den Produktionsprozess wie bei vorherigen Werken in die Hände anderer legt“ (SCHIRN). Der Arbeit liegt eine von Danh Vos Vater entworfene und gebaute Motoryacht zu Grunde. Auf ihr floh einst die gesamte Familie aus Vietnam. Danh Vo gestaltete sie, von Rehberger inspiriert und beeinflusst, zum Entwurf für ein Flüchtlingsschiff um.

Den dritten Ausstellungsteil schliesslich bildet die 2014 entwickelte Gross-Skulptur „Regret“ unter der Kuppel der SCHIRN-Rotunde. In den Flaggenfarben Blau, Rot und Weiss. Oh, wird das jetzt politisch? Die „Stars and Stripes“ der USA in Rot, Weiss und Blau. Die Fahne Russlands in Weiss, Blau und Rot, wobei das Weiss, wie wir lesen, für Glaube und Edelmut, das Blau für Hoffnung und Ehrlichkeit und das Rot schliesslich für Liebe, Mut und Tapferkeit stehen soll. Grosse Worte und, na ja, wenn wir uns „Regret“ lange genug ansehen, drängt sich doch der Eindruck auf, dass eine Assoziation in Richtung „Stars and Stripes“ intendiert ist.

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Ausstellungsansichten „Regret“ (2014) unter der Kuppel der Rotunde

Die Skulptur leuchtet und wird beleuchtet, sie gleicht einem Licht- und Schattenspiel, welches das Wort „Regret“ bildet, den Titel der Arbeit also. Das runde Podest in der Rotunde empfängt das Spiel. Die Neonröhren und Glühbirnen der Skulptur sollen zu einem beträchtlichen Teil nicht (mehr) funktionieren, also schlicht kaputt sein. Also doch eine politische Arbeit?

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„Tobias Rehberger. Home And Away And Outside“, SCHIRN Kunsthalle Frankfurt, bis 11. Mai 2014

Abgebildete Werke © Tobias Rehberger; Fotos: FeuilletonFrankfurt

 

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