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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Elisabeth Norgall-Preis 2014 für Ursula Biermann

Das Simanjiro-Projekt von N.E.S.D.I – Aktiv gegen weibliche Beschneidung und Zwangsheirat in Tansania

Von Renate Feyerbacher

Am 12. März 2014, zwei Tage nach dem Geburtstag von Elisabeth Norgall, der 1981 verstorbenen Gründerin des International Women’s Club of Frankfurt (IWC), wurde der nach ihr benannte, mit 6.000 Euro dotierte Preis in der Alten Oper Frankfurt verliehen. Drangvolle Enge, denn es waren viele Damen gekommen, um die Preisträgerin Ursula Biermann zu ehren. Sie engagiert sich seit Jahren gegen die weibliche Beschneidung und Zwangsheirat in Tansania.

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Ursula Biermann, Trägerin des Elisabeth Norgall-Preises 2014; Foto Renate Feyerbacher

Mitgebracht hatte Ursula Biermann zwei Töchter, die Schwester, einen Enkel, einen Neffen und die engagierten Freundinnen Doris Schindler, Julia Kalenberg und Ingrid Post. Diese drei haben eine Patenschaft für eine tansanische Schülerin übernommen. Auch Irma Hosselmann vom ZONTA Club Köln wird erwähnt: Sie sammelte Spenden, organisierte Benefizkonzerte, mit denen ein Teil eines der beiden Schutzhäuser für Mädchen in Tansania finanziert wurde. Diese Frauen sind ihr „harter Kern“. Aus Berlin angereist war ferner Christopher Mvula von der tansanischen Botschaft. Grussworte überbrachte die Frankfurter Stadträtin Erika Pfreundschuh.

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Christopher Mvula, Sylvia Rog, 1. Vizepräsidentin des IWC und Vorsitzende des Elisabeth Norgall-Preisausschusses, Ursula Biermann, IWC-Präsidentin Yumiko Wiesheu, Stadträtin Erika Pfreundschuh und der Musiker Kotey Nikoi

IWC-Damen bei der Preisverleihungsfeier; Fotos: Renate Feyerbacher

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Seit mehr als 30 Jahren war die Wissenschaftsjournalistin, Autorin, Regisseurin Ursula Biermann, die heute selbstständige Filmproduzentin der ScienceMedia Filmproduktion in Freiburg ist, in Afrika unterwegs. 1971 war sie zusammen mit ihrem Mann als damals noch einziges Fernsehteam in Afrika aktiv, stationiert in Tansania. Ihre Berichte liefen unter anderem im ARD-Weltspiegel, in der Tagesschau, im ZDF-Auslandsjournal. Es war die Zeit der Unabhängigkeitsbewegung der portugiesischen Kolonien Angola und Mosambik im Jahr 1975 nach der sogenannten Nelkenrevolution in Portugal. „Ich bin ein Stück Zeitgeschichte“, sagt sie stolz bei der Pressekonferenz.

Begeistert ist Ursula Biermann von den Massai (auch Maasai geschrieben). Sie schwärmt von deren Lebensfreude und Freundlichkeit. Die einstigen Krieger hüten heute Rinder- und Ziegenherden. Sie leben in Kenia und im Norden von Tansania.

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Dorfgemeinschaft
Massai mit Ziegenherde

Maasai mit Ziegen-7-600

Ihre Tochter Sybille hatte sie einst mit dem „Massai-Virus“ infiziert: Denn diese absolvierte vor zehn Jahren ein Praktikum bei der NAFGEM (Network Against Female Genital Mutilation – Netzwerk gegen weibliche Genitalverstümmelung) in Tansania und schrieb ihrer Mutter eine Mail: „bitte kommen und einen Film drehen“. Die Mutter eilte hin und drehte 2006 einen Film über die Arbeit von NAFGEM. Das Netzwerk engagiert sich gegen weibliche Beschneidung und Zwangsheirat in Tansania. Die Tochter sei die eigentliche Initiatorin des Projektes, sagt Ursula Biermann.

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Ursula Biermann und Mama Urasa

Ursula Biermann sah, dass es nicht genügt, einen Film zu drehen. Nach Freiburg zurückgekehrt, gründete sie den Verein N.E.S.D.I (Network for Equality, Self-Determination, Dignity & Integrity – Netzwerk für Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Würde und Unversehrtheit), der die Verbesserung von Gesundheit, Bildung, Entwicklung von Frauen und Kindern weltweit zum Ziel hat. Ihr Verein berät und hilft NAFGEM finanziell, das das Projekt Simanjiro entwickelte. Benannt ist es nach einem der fünf Verwaltungsdistrikte in Tansania, das in 26 Regionen eingeteilt ist. Hier nahe des Kilimandscharo leben viele Massai. Bei diesem Hirtenvolk, früher gefürchtete Krieger, ist die weibliche Beschneidung noch weit verbreitet.

NAFGEM ist vor allem im Norden Tansanias, am Fusse des Kilimandscharo, engagiert. Simanjiro heisst das Projekt, das N.E.S.D.I und andere Vereine unterstützen. Da, wo die Organisation schon länger aktiv ist, sind die Beschneidungen zurückgegangen.

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Der nahe Kilimandscharo
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NAFGEM wurde 1998 von einer kleinen Frauengruppe aus Tansania und Deutschland gegründet und 1999 von der tansanischen Regierung als NGO (Non-Government Organisation) anerkannt. Die Soziologin Bassilla Renju-Urasa leitete lange die Organisation, jetzt ist es Francis Selasini. Er war jahrelang für die UNO in deren Flüchtlingslagern in leitender Stellung tätig.

NAFGEM entwickelt Trainingsprogramme, organisiert Seminare und knüpft Kontakte auf nationaler und internationaler Ebene. Es bestehen enge Kontakte zu den Ministerien, unter anderem bei der Ausarbeitung eines neuen FGM (Female Genital Mutilation)-Gesetzes. Außerdem informiert und sensibilisiert NAFGEM Gruppen jeden Alters, Geschlechts und sozialer Schicht über die Gefahren der Beschneidung. NAFGEM baut Schulen, die nach Fertigstellung der Regierung übergeben werden. Die Mitarbeiterinnen gehen in die Dörfer, um mit den Elders, den männlichen Dorfältesten, zu reden. In zwei Schutzhäusern werden Mädchen aufgenommen.

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Schul- und Aufklärungskampagne

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Offiziell ist das Ritual der weiblichen Beschneidung in Tansania seit 1998 verboten und es wird mit Gefängnisstrafe geahndet. Dennoch gehört es auch heute noch zum Alltag bei den Massai. Die Arbeit von NAFGEM ist nach wie vor notwendig.

Weltweit sind es 150 Millionen Mädchen und Frauen – und jährlich kommen zwei bis drei Millionen hinzu -, die beschnitten und verstümmelt werden.

Im ostafrikanischen Tansania sind es vor allem die Massai, die dieses Initiationsritual durchführen. Es markiert den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter und erklärt Mädchen als heiratsfähig. Es wird geschätzt, dass um die 20 Prozent der Mädchen bei der Beschneidung, in der Hochzeitsnacht und an den Spätfolgen der Beschneidung sterben. Man muss es sich vorstellen: Da werden den Mädchen Klitoris und Schamlippen abgeschnitten, bei einigen Ethnien wird die Scheide zugenäht, bis nur noch ein kleines Loch offen bleibt, nicht größer als eine Erbse. Das macht den Toilettengang zur Qual, denn allein das Urinieren dauert eine halbe Stunde, die Menstruation gar bis zu drei Wochen. Lebenslang bleiben Schmerzen. Geburten werden zum Risiko für Mutter und Kind.

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Beschneidungs-„Instrumente“

Nichts hat diese Tradition mit Religion zu tun. Sie ist ein Machtmittel über die Frauen, die im Alter von acht bis 14 Jahren oft an viel ältere Männer verheiratet werden.

Wichtig ist es, die Elders, die Dorfweisen also, in Gesprächen zu überzeugen. Sie haben das Sagen. Wenn sie aber erst einmal überzeugt sind, dann wollen sie, dass mehr Schulen gebaut werden, dass das Schulgeld für die Secondary-Schools abgeschafft wird, dass die Mädchen mehr vom Staat unterstützt werden. Diese Forderungen an den Staat hat sich auch NAFGEM auf die Fahnen geschrieben.

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Massai-Elders

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Aber auch die Beschneiderinnen müssen überzeugt werden, denn sie verlieren ihre Arbeit, die ihnen viel Geld einbrachte. Heute arbeiten nach der Umschulung einige als traditionelle Geburtshelferinnen. Oder sie erlernen die Schmuckherstellung, sie lernen zu schneidern, beginnen mit der Hühnerzucht. Ein schönes Beispiel: Einige haben sich Land kaufen können und nahe der neuen Autobahn Tanga-Mombasa an der Ostküste Tansanias ein Restaurant für Fernfahrer und Autofahrer eröffnet. Sie nennen es „Hühnersuppe“.

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Schmuckanfertigung

Dennoch ist eine Konfliksituation entstanden: Die Mädchen sitzen sozusagen „zwischen den Stühlen“. In den Gebieten, in denen die Beschneidung zurückging, werden die „beschnittenen Mädchen“ diskriminiert. Die jungen Männer, die Morani, heiraten dort eher ein unbeschnittenes Mädchen. Umgekehrt ist es in Gebieten, die noch nicht gut aufgeklärt sind, da sagen die jungen Männer: nur eine beschnittene Frau sei rein und könne deswegen geheiratet werden.

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Morani, die jungen Männer

Ursula Biermann drehte erneut 2009 und 2011 Filme mit NAFGEM bei den Massai in Tansania. Sie führte viele Gespräche auch mit jungen Mädchen. Mit dem 2011 gedrehten Film in den Sprachen Kisuaheli und Kimaasai, der 30 Minuten dauert, geht NAFGEM in Schulen und in Dörfer. Das ist jeweils ein grosses Ereignis, wenn dort die Filmleinwände aufgestellt werden und der Film gezeigt wird. Und nachher sitzen alle unter den schattenspenden Bäumen und diskutieren das Pro und Contra.

Eines der beiden Schutzhäuser wurde mit Hilfe von N.E.S.D.I, dem Netzwerk Rafael und dem Zonta Club Köln gebaut. Die Stiftung materra Frau und Gesundheit e.V. in Freiburg – hier ist Ursula Biermann im Vorstand – ist Ansprechpartner gegenüber dem BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) für das Projekt Simanjiro, das in erster Linie Aufklärung finanziert. Die NAFGEM betreibt die Häuser.

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Ein Schutzhaus

Mit der Partnerorganisation NAFGEM in Tansania bespricht sie die Vorschläge, besorgt Sponsoren, wenn die Projekte sinnvoll erscheinen. „Wir kontrollieren auch den Weg der Gelder bei unseren Besuchen vor Ort. Für alle Ausgaben legt uns NAFGEM Belege vor, die wir zum Beispiel mit dem BMZ  und anderen abrechnen, mit denen zusammen wir das Simanjiro-Projekt finanzieren. Für Spender gilt: 1 Euro spenden = 4 Euro für NAFGEM,  weil das BMZ 75 % auf unsere Projektkosten dazuzahlt“, so Ursula Biermann. „Sie schließe sich grundsätzlich der Meinung und Expertise unserer Partnerorganisation NAFGEM an. Deren Entscheidungen werden ausschließlich gemeinsam in einem Executive Committee aus Nur-Tansaniern getroffen.“

N.E.S.D.I sucht darüber hinaus Paten für die Mädchen. Eine Patenschaft umfasst: Schulgeld, Schuluniform, Schulpult, das bezahlt werden muss, Internat, Busfahren, Arztbesuche, kleines Taschengeld. Für ein Mädchen der Primary School werden 300 bis 400 Euro im Jahr veranschlagt. Die Mädchen, die Abitur machen wollen, gehen auf private Gymnasien. Die staatlichen haben kein gutes Ansehen. Für eine solche Patenschaft sind 1200 Euro im Jahr nötig, die aber auch, wenn sich jemand dazu entschliesst, nicht auf einen Schlag gezahlt werden müssen. Und wenn ein Pate „abspringen“ sollte, wird bis zum Schulende die Unterstützung durch N.E.S.D.I garantiert.

Wenn Ursula Biermann in Tansania ist, dann geht sie mit zu den Elders. Die Gespräche führen ausschliesslich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der tansanischen Organisation NAFGEM. Die Frauen sind unentwegt in Tansania unterwegs. Während der Regenzeit müssen sie über schlammige, oft unbefahrbare Pisten gehen. Alles tun sie, in ihrem unermüdlichen Kampf um eine Ende dieser archaischen Praktiken zu erreichen. Ihnen gehört unsere Anerkennung.

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Staubige Pisten auf der Fahrt nach Simanjiro

2013 reiste Ursula Biermann mit vier getreuen Mitstreiterinnen erneut nach Tansania. Begleitet wurden sie von dem Arzt Dan mon O’Dey, der bisher an der Universitätsklinik Aachen tätig war. Der Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie war der erste, der die Wiederherstellung des weiblichen Genitals praktizierte. Die Aachener Uni-Klinik ist heute ein Zentrum für genitalverstümmelte Frauen, denn auch in Deutschland gibt es rund 30.000 betroffene Frauen.

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Ursula Biermann mit Doktor Dan mon O’Dey und Elders

Seit Februar 2014 baut der Chirurg Dan mon O’Dey an einer anderen Aachener Klinik ein neues Zentrum auf. Durch eine spezielle Technik gelingt es ihm, Form und Funktion des Genitals naturgetreu zu rekonstruieren, so dass die Frauen auch wieder Gefühlsregungen empfinden.

Dan mon O’Dey, seine Mutter ist Deutsche, sein Vater nigerianischer Gynäkologe, gibt sein Wissen an Ärztinnen und Ärzte in Tansania weiter. Er konnte es leider nur in einer Power-Point Präsentation tun, nicht am Operationstisch, weil die Bürokratie eine Zulassung als Arzt im Land erfordert. Aber nicht nur die 70 Medizinerinnen und Mediziner informierte er, sondern auch junge Frauen, und er sprach mit den Dorfältesten.

Die Mädchen, die sich gegen eine Beschneidung entscheiden konnten, gehen zur Schule und wollen später einen Beruf erlernen oder, wenn sie das Abitur schaffen, studieren. Sie belegen Computerkurse. Ehrgeizig, motiviert und zunkunftsorientiert sind sie. Andere Mädchen fliehen von zuhause, weil die Eltern auf einer Beschneidung bestehen. Sie finden Aufnahme in den beiden Schutzhäusern, die in abgelegenen Gebieten erbaut wurden und derzeit fertiggestellt werden.

Bei ihrer Rede in der Alten Oper in Frankfurt erzählte Ursula Biermann die Geschichte von den zwei Mädchen Naomi und Mary im Alter von sieben und acht Jahren, die an ältere Männer verheiratet und vorher beschnitten werden sollten. Sie riefen NAFGEM um Hilfe, die mit einem angesehen Massai-Elder sprach. Ole Mbele bekämpft die Beschneidung. Der Vater der Mädchen bestand jedoch auf dem Ritual, weil der Brautpreis – zehn Kühe für jede – schon unterwegs sei, und sie seien doch so arm: „Wir leiden grossen Hunger“. Naomi und Mary flüchteten in der Nacht vor der Beschneidung.

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Mary und Naomi

Originalton Ursula Biermann: „Sie waren drei Tage in der Wildnis unterwegs, ohne Essen, sie tranken aus Wasserpfützen, bis sie zu einer befahrenen Piste kamen. Dort hielten sie einen Lastwagen an und erzählten, dass sie ihren Bus während der Pause verpasst hätten. So kamen sie nach Moshi zu NAFGEM. Diese nahm sie in Obhut, schickte sie ins Internat und fragte mich, ob N.E.S.D.I das finanzieren könne. Damit haben wir eine weitere Aufgabe bekommen – Schulfinanzierungen von Mädchen, die vor der Beschneidung flüchten.“

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Sylvia Rog, Ursula Biermann und Yumiko Wiesheu; Foto: Renate Feyerbacher

Die DVD „Leben mit dem Schmerz – Genitalverstümmelung in Tanzania“ (2009), die es in Deutsch und in Kisuaheli gibt, kann für 20 Euro bei www.nesdi.de erworben werden.

Spenden sind natürlich sehr willkommen. Den Kontakt zu Ursula Biermann und N.E.S.D.I bekommt man unter www.nesdi.de.

Bildnachweis und ©: Ursula Biermann, Fotos: NAFGEM, Angelika Dahlin, Irmgard Hosselmann, Angelika Wohlenberg; Fotos der Preisverleihung: Renate Feyerbacher

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