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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Fotografie von Paulina Heiligenthal im Kunstverein Bad Homburg Artlantis

Von Erhard Metz

Wenn Post eintrifft und der Absender mit „Love&Peace“ grüsst, kann über dessen Identität kein Zweifel herrschen: es sind der Bad Homburger Kunstverein „Artlantis“ und dessen rühriger Erster Vorsitzender Hans Helmut Rupp. Deren Reich gründet sich – anders als das dem Vereinsnamen Pate stehende, sagenumwobene, von Platon „jenseit der Säulen des Herakles“ vermutete „Atlantis“ – auf nachweislich gesichertem südhessischem Festland, in den Räumen einer alten Kartonagenfabrik und ehemaligen Forellenteichmühle – welch bemerkenswerte Kombination! – am Rand der Kurstadt: ideale standörtliche Voraussetzungen also für einen Kunstverein nebst Galerie in einem atmosphärischen wie inspirierenden Ambiente.

Heuer treffen wir dort – in einer „in optima forma“ betitelten Gemeinschaftsausstellung mit der Malerin und Skulpturenbildnerin Gudrun Sibbe – auf eine „alte Bekannte“: die Fotokünstlerin Paulina Heiligenthal – unseren Leserinnen und Lesern in bester Erinnerung mit ihren faszinierenden Porträtaufnahmen aus Äthiopien.

Es ist Fotografie in einer – mit einer Ausnahme, auf die wir zu sprechen kommen werden – reinen Form: mit einer digitalen Spiegelreflexkamera, dem Einsatz von Weitwinkel- und Makro-Optik und unter Verzicht auf Ausschnittkorrekturen. Freie Fotografie jenseits dokumentarischer Verbindlichkeit. Fotografie von gleichsam malerischer Anmutung und Qualität. Fotografie, die rätselhafte, mythisch wie mystisch aufgeladene, einen weiten Assoziationshorizont öffnende Bilder von hoher Dichte und suggestiver Dynamik hervorbringt. Bilder von einem breiten Farbenspektrum: einem Grün, es steht für Frühling und Auferstehung, Umweltschutz und Nachhaltigkeit, hier erscheint es vegetativ-sanft, ins Gelbliche wie ins Bläuliche spielend; einem Blau, es steht für Kühle und Ruhe, Immaterialität und Metaphysik, hier steigert es sich zu äusserster Expressivität bis zum farblichen Exzess; einem Rot, es ist die Farbe des Feuers und des Blutes, es steht für Liebe und Erotik ebenso wie für Agression und Gewalt, hier stellt es die Künstlerin in einen rätselhaften Dialog zu grau-silbrig-bräunlich erscheinenden Flächen.

Hinter vermeintlich freier Fiktion, die der Betrachter zunächst vermutet, stehen jedoch reale, oft höchst banale Objekte, die – durch das Auge der Fotografin und den Linsensatz des Kameraobjektivs vermittelt – seine Wahrnehmungsgewohnheiten in Frage stellen, ihn überraschen, ja geradezu düpieren. Direktes und indirektes Licht, Auflicht wie Streiflicht treiben mit den Objekten, auf die es fällt, ein schalkhaftes Verwirrspiel. Es ist dies ein wesentliches Element jenes Reizes, den diese Fotografie auf den Betrachtenden ausübt.

Wir möchten aus der laufenden Ausstellung vier Motivbereiche vorstellen: Beginnen wir unseren Parcours mit Arbeiten, bei denen die zu erwartende Frage des Betrachters „Was ist das?“ nach der von der charmanten Fotografin schmunzelnd gewährten Erklärung in ein erlöstes „Ah, ja“ oder ein die Verärgerung über das eigene Erkenntisunvermögen überspielendes „Na klar“ mündet.

Aber Vorsicht: der Schwierigkeitsgrad in diesem heiteren Frage- und Antwortspiel wird sich steigern.

AGAVE VIII_2-650

AGAVE XII-500

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Aspekte der Agave VIII, XII und X, Fotografie, Alu-Dibond, je 60 x 45 cm

Hier also ist der Bildtitel das Programm. Das ändert sich bei der Serie „Into the BLUE“:

INTO the BLUE_005-650

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Into the BLUE 005, 007 und 008, Fotografie, Alu-Dibond, je 35 x 25 cm

Blicke aus der Apollo-Kapsel, aus Fenstern der Weltraumstation ISS, auf wolkenverschleierte Meere, Küstenlandschaften. Klar, oder etwa nicht? Sollen, wollen, dürfen wir es wirklich verraten? Mit ausnahmsweiser Erlaubnis der Künstlerin: Es handelt sich um geknickte, mit Tesafilm geflickte Kantenschutzleisten für Bilderrahmen, aus blauem Schaumstoff, Künstlerinnen und Künstlern wohlbekannt, bei Boesner für 1,90 Euro die 2-m-Stange zu kaufen. Um eine Illusion ärmer? Vielleicht. Aber um wunderbare fotografische Kunstwerke reicher!

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Terra magica II-500

Terra magica IV-650

TERRA MAGICA I, II und IV, Fotografie, Alu-Dibond, je 45 x 30 cm

Wieder der Blick aus der Apollo-Kapsel, der ISS, auf Gebirgs- und Wüstenformationen, im glutvollen Rot der auf- oder untergehenden Sonne. Oder? Wir blicken zur Künstlerin, und sie nickt ein weiteres Mal wohlwollend, weil sie die Leserinnen und Leser von FeuilletonFrankfurt schätzt. Das Motiv: brackiges Wasser in einem roten Glas, zufällig unter freiem Himmel angetroffen.

Am Ende steht die Serie „Little Landscape“:

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Little Landscape I-III B-650

Little Landscape I-III C-650

Little Landscape I, II und III, Fotografie, Acrylglas, Alu-Dibond 10 mm, je 40 x 15 mm

Wieder schauen wir hinüber zur Künstlerin: Ihre Blicke schweifen in die Ferne. Sie schweigt. Auch eine Künstlerin hat ihre Geheimnisse. Ja, es sind Landschaftsaufnahmen, dieses Mal – anders als bei den oben vorgestellten Arbeiten – auf eigenartige Weise verfremdet. Wo sich diese Landschaften befinden? Vielleicht in Nordafrika. Oder halten wir es doch lieber mit Platon bei der Suche nach Atlantis: Irgendwo in einer fernen Welt, „jenseits der Säulen des Herakles“.

Paulina Heiligenthal, Fotografie, Ausstellung „in optima forma“, Kunstverein Bad Homburg Artlantis, Tannenwaldweg 6, Bad Homburg v. d. Höhe, bis 9. März 2014

Werke I Abbildungen © Paulina Heiligenthal

→ Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis … Fotografien von Paulina Heiligenthal

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