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FeuilletonFrankfurt

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PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Falstaff“ – Commedia lirica von Guiseppe Verdi an der Oper Frankfurt

Die Welt – ein Narrenhaus. Alle sind Geprellte

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Monika Rittershaus /Oper Frankfurt und Renate Feyerbacher

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Zeljko Lucic (Falstaff) und Leah Crocetto (Mrs. Alice Ford); Foto © Monika Rittershaus

Am 9. Februar 2014 wurde die Neuinszenierung von Guiseppe Verdis „Falstaff“ an der Oper Frankfurt vom Publikum frenetisch gefeiert.

Ohne Introduktion, geradezu überfallartig und wuchtig beginnt die Commedia musikalisch und optisch. Dr. Cajus durchbricht wie einst Baron Münchhausen auf einer Kugel schwebend die Bühnenrückwand. Verrückt wie alles Weitere, was kommen wird.

Sir John Falstaff, der alternde Ritter, der es sich auf Kosten anderer gutgehen lässt, der gerade seine Saufkumpanen und Handlanger Bardolfo und Pistola zur Schnecke macht, sieht sich mit den Beschuldigungen des Anwalts Cajus konfrontiert: Falstaff habe sich an seinem Eigentum vergriffen. Falstaff reagiert zynisch und lässt seine Gesellen den Doktor triezen. Als der Wirt, bei dem sie sich eingenistet haben, die Rechnung präsentiert, lässt sich Falstaff etwas einfallen: nämlich die Ehefrauen zweier angesehener und betuchter Bürger zu verführen.

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Zeljko Lucic (Falstaff); Foto © Monika Rittershaus

Diesem starken, fetten Mann, „so fett wie Butter“, hat William Shakespeare (1564-1616) in seinem Historiendrama „Henry IV“ (da ist er der Saufkumpan des Prinzen Henry, der später Henry V. wird, sich dann von ihm aber lossagt) und dem Lustspiel „The Merry Wives of Windsor“ („Die lustigen Weiber von Windsor“) verewigt. Aus beiden Stücken hat der Schriftsteller Arrigo Boito (1842-1918), Komponist der Oper „Mefistofele“, ein grossartiges Textbuch geschrieben, das Guiseppe Verdi (1813-1901) vertonte.

An „Falstaff“, dieser letzten seiner Opern, die 1893 am Teatro alla Scala in Mailand uraufgeführt wurde, hat der Komponist vier Jahre gearbeitet. Sie ist der Höhepunkt seines Schaffens. Unübertrefflich ist die Ensembleführung. Trotz Zusammensingen ist jede Figur allen anderen ebenbürtig, differenziert wahrnehmbar. Es gibt nur wenige brillante Arien. Dirigent Bertrand de Billy spricht von visionären Klängen. Verdi und Boito, die sich intensiv mit Shakespeare beschäftigt hatten, hätten bereits Chaplins Slapsticks im Kopf gehabt, aber immer mit einem Schuss Tragödie. Das Liebespaar Nannetta und Fenton hat keine Zeit für die Liebe, ihr Duett hat kein Ende. Sie sind die einzigen, die keine derben Schimpfworte gebrauchen.

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Grazia Doronzio und Martin Mitterrutzner am 2. Februar 2014, Foto: Renate Feyerbacher

Symbolik des Bauches: er ist Falstaffs Reich. „Das werde ich ausbauen.“ Musikalisch ist das eindringlich umgesetzt durch instrumentale Spässe. „Solche illustrative Komik war für Verdi bei der Gestaltung seines dicken Protagonisten unabdingbar …“ (Dramaturg Norbert Abels im Programmheft). Gelächter und Empfindungen müsse die Musik hervorrufen, betonte Verdi in einem Brief. So ist es auch bei der Aufführung in der Oper Frankfurt.

Falstaff repräsentiert das alte England. Das neue ist ihm suspekt, dennoch ist ihm die Ehre schnuppe. „Füllt sie etwa den Magen? Nein! … Nichts als ein Wörtchen … nein, ich brauch keine Ehre, nein, nein, nein!“ Solche Weisheiten, nicht nur Derbheiten, sind auch von Falstaff zu hören. Vor allem am Ende der Commedia, als er über die Schlechtigkeit der Welt philosophiert. Übel ist dem Dicken mitgespielt worden, aber nicht nur ihm, sondern auch dem Ehemann von Alice, Mr. Ford, und dem Gläubiger Dr. Cajus (Hans-Jürgen Lazar). Falstaff: „Alles um uns ist Narrheit, wir sind selber nur Narren. Die Geprellten.“ Dann aber geht es zum Essen.

Königin Elisabeth, die bis 1603 regierte, soll begeistert gewesen sein von diesem dicken, unflätigen Edelmann.

Es geht ständig turbulent her. Vor allem Bardolfo (Peter Marsh) und Pistola (Alfred Reiter), die in Falstaffs Diensten stehen, heizen zu Beginn die Geschichte an.

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Alfred Reiter (Pistola), Zeljko Lucic (Falstaff) und Peter Marsh (Bardolfo); Foto © Monika Rittershaus

Wer einmal eine Aufführung in Stratford-upon-Avon, das als Geburtstadt des Dichters angesehen wird (s. „Anonymus“), gesehen hat, versteht, um was es dem international agierenden britischen Regisseur Keith Warner in dieser Inszenierung geht: elisabethanische Derbheit. Herrlich. Das Frankfurter Publikum erinnert sich sicher an „The Tempest“ und andere Arbeiten des Regisseurs.

Die grandiose Musik geht trotz aller slapstickartigen Burlesken nicht unter. Im Gegenteil. Dirigent Bertrand de Billy hat mit den Musikern des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters ein wunderbar differenziertes Spiel geschaffen: mal polarisiert, mal parodistisch, mal grazil, mal derb laut, wenn Falstaff poltert oder Mr. Ford tobt vor Eifersucht.

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Bertrand de Billy am 2. Februar 2014, Foto: Renate Feyerbacher

Die Choreinstudierung von Markus Ehmann ist wuchtig.

Das Bühnenbild von Boris Kudlicka, am Anfang konservativ, wird zunehmend grotesker, ideenreich: besonders sein Einfall am Beginn, die Strassenszene mit der Ausleerung des Wäschekorbs in den Bach, in dem der dicke Falstaff hockt, und die Vitrine beziehungsweise das Aquarium, in dem Falstaff danach posenhaft liegt. Kapsar Glarners Kostüme erheitern.

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Zeljko Lucic (Falstaff); Foto © Monika Rittershaus

Was für ein Falstaff steht da auf der Bühne. Kaum zu glauben, dass es sein Rollendebüt ist. Es ist Zeljko Lucic, der heute international unterwegs ist, aber sich in Frankfurt immer noch zu Hause fühlt. Hier an der Oper Frankfurt begann der Serbe seine Karriere, hier war er zehn Jahre im Ensemble. Ein Publikumsliebling. Selbst im Poltern ist seine ausdrucksstarke Bariton-Stimme gepflegt derb, fein sind seine Parlando-Äusserungen. Es ist Falstaff höchstpersönlich. Sein Minenspiel, seine Gesten, sein Humor: einmalig.

Der Nebenbuhler Mr. Ford, Ehemann von Alice, die Falstaff glaubt verführen zu können, wird von dem polnischen Bariton Artur Ruciński bravourös gesungen. Herrlich die Szene, wenn die beiden Herren, beide Schlitzohren, sich begegnen.

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Claudia Mahnke (Mrs. Meg Page), Leah Crocetto (Mrs. Alice Ford), Meredith Arwady (Mrs. Quickly) und Grazia Doronzio (Nannetta); Foto © Monika Rittershaus

Und die Frauen. Sie sind das Salz in der Suppe, die von ihnen stark gewürzt wird. Auch sie sind allesamt Falschspielerinnen.

Alice Ford, die wie ihre Nachbarin Meg Page einen Liebesbrief mit gleichen Worten von Falstaff erhält, denkt sich die Story aus. Sie, aber auch Mrs.Quickly, sind die Motoren dieser Komödie. Leah Crosetto als Alice und Meredith Arwady als Mrs. Quickly verleihen dem Geschehen stimmstark den shakespearschen Schwung, während Claudia Mahnke als Meg sehr verhalten zu hören ist.

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Grazia Doronzio am 2. Februar 2014, Foto: Renate Feyerbacher

Fenton, fein gesungen von Tenor Martin Mitterrutzner, und Nannetta, das Liebespaar also, hält sich ziemlich raus, nutzt aber Momente, um sich nahe zu kommen. Die zierliche Grazia Doronzio gefällt durch klare, stabile Höhe. Eine hübsche Tochter, die schliesslich durch Betrug den Geliebten heiraten kann.

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Zeljko Lucic am 11. März 2012 in der Alten Oper Frankfurt, Foto: Renate Feyerbacher

Ein grossartiger Opernspass mit Hintersinn, das ist Guiseppe Verdis „Falstaff“ an der Oper Frankfurt. Weitere Aufführungen am 19., 21., 23. und 27.Februar sowie am 1. März 2014.

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