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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Frankfurter Sammler und Stifter“ im Historischen Museum

Das Historische Museum – auch eine Gemäldegalerie

Von Erhard Metz

Hättens Sie’s gewusst, liebe Leserinnen und Leser, dass das Historische Museum Frankfurt auch – und gar nicht etwa nebenbei – eine Pinakothek, eine Gemäldegalerie also beherbergt? Mit rund 3200 Werken (neben einigen zehntausend Zeichnungen und Druckgrafiken) sogar eine recht stattliche. Mit bedeutenden Schöpfungen mittelalterlicher Malerei, etwa dem „wiedervereinigten“ Annenretabel oder dem international bekannten Werk „Das Paradiesgärtlein“, das im Eigentum des Museums bzw. der Stadt steht, allerdings seit 1921 als Dauerleihgabe im Städel Museum ausgestellt ist.

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Meister von Frankfurt, Annenretabel aus der Dominikanerkirche, um 1504 (Grisaille-Tafeln der Predella: Staatsgalerie Stuttgart)

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Oberrheinischer Meister (Meister des Paradiesgärtleins), Das Paradiesgärtlein, um 1410/1420, Malerei mit Vergoldung und Versilberung auf Eichenholz, 26,3 × 33,4 cm; Dauerleihgabe des Historischen Museums an das Städel Museum (Bildnachweis: wikimedia commons/The Yorck Project)

Das „Paradiesgärtlein“ allein schon rechtfertigte eine eigene, ausführlichere Betrachtung, gibt das meisterliche Kleinod doch zu vielerlei Interpretationen und Spekulationen Anlass. Erstaunlich: Maria liest in einem Buch, während der Jesusknabe mit zwei Plektren auf einem Psalterium spielt. Erstaunlich auch die Vielfalt der abgebildeten, einwandfrei identifizierbaren Pflanzen und Tiere, über vierzig an der Zahl. Die Herkunft des kostbaren Werkes ist unbekannt. Es gelangte als Teil des „Kleinen Gemäldekabinetts“ des Frankfurter Konditormeisters und Kunstsammlers Johann Valentin Prehn (1749-1821), von dem noch die Rede sein wird, über Erbgänge und zuletzt eine Schenkung 1839 in den Besitz der Stadt Frankfurt. 1878 wurde es in die Sammlung des Historischen Museums eingegliedert und 1921 dem Städel Museum als Dauerleihgabe überlassen.

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Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung: Kurator und Stellvertretender Direktor Wolfgang Cilleßen, Kulturdezernent Professor Felix Semmelroth, Direktor Jan Gerchow und  Kuratorin Nina Gorgus

Doch zurück zum Titel und Thema der im August 2012 eröffneten Ausstellung „Frankfurter Sammler und Stifter“, die folgenden Persönlichkeiten des 17. bis 20. Jahrhunderts gewidmet ist:

◊ Stadtbibliothekar Martin Johann Waldschmidt (1650-1706)
◊ Syndikus und Münzsammler Anton Philipp Glock (1694-1721) und seine Witwe Catharina Elisabeth von Barckhaus (1696-1749), Stifterin des Kunstschranks
◊ Grossherzog von Frankfurt und Museumsgründer Carl Theodor von Dalberg (1744-1818)
◊ Bankier und Naturaliensammler Johann Christian Gerning (1745-1802)
◊ Konditormeister und Universalsammler Johann Valentin Prehn (1749-1821)
◊ Kaufmann und Gemäldesammler Johann Georg Christian Daems (1774-1856)
◊ Maler und Restauratoren Johann Ludwig Ernst Morgenstern (1738-1819) und Johann Friedrich Morgenstern (1777-1844)
◊ Afrikaforscher Eduard Rüppell (1794-1884)
◊ Kaufmann und Waffensammler Christian Alexander Fellner (1800-1883)
◊ Degussa-Gründer und Münzsammler Friedrich Ernst Roessler (1813-1883)
◊ Bankier und Kunstgewerbe-Sammler Julius Heyman (1863-1925)
◊ Fabrikant und Fayence-Sammler Wilhelm Kratz (um 1890-1945)

Eine Beschränkung im Rahmen dieser Darstellung ist geboten: wir haben uns, wie bereits eingeleitet, für die Sammlungen von Malerei entschieden.

Grundstock der Gemäldesammlung des Historischen Museums sind Schenkungen von Karl Theodor von Dalberg (1744-1817), dem Fürstprimas des Rheinbunds und Grossherzog von Frankfurt, an die damalige Museumsgesellschaft, ferner Schenkungen der Erben des bereits erwähnten Konditormeisters Johann Valentin Prehn und des Kaufmanns Johann Georg Christian Daems (1774-1856) an die Stadt. Eine Reihe von Gemälden (nebst Aquarellen und Zeichnungen) konnte das Museum unter anderem aus dem Nachlass der Familie Burnitz ankaufen (Rudolf Heinrich Burnitz [1827-1880] realisierte als Architekt den nach ihm benannten Burnitzbau des Saalhofkomplexes am Mainufer).

„Die Frankfurter Malerei des 17. Jahrhunderts ist in der Sammlung etwa durch Werke von Adam Elsheimer und Georg Flegel, die des 18. Jahrhunderts durch Werke von Mitgliedern der Familie Schütz vertreten. Aus dem 19. Jahrhundert gibt es zahlreiche Werke der Kronberger Malerschule. Für das Selbstverständnis der Stadt Frankfurt und seines Patriziats bedeutend sind die aus dem Rathaus stammenden Gerechtigkeitsbilder sowie die Gemälde des Kaisersaals im Römer, die ebenfalls dem Museum unterstehen“ (Historisches Museum).

Bedeutsam ist schliesslich die aus 120 Objekten bestehende Sammlung von Glasgemälden aus Frankfurter Kirchen und Klöstern wie auch aus städtischen Profanbauten.

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Franz Seraph Stirnbrand (um 1788-1882), Porträt Karl Theodor von Dalberg, 1812, Öl auf Leinwand, Historisches Museum Frankfurt, Foto: Horst Ziegenfusz, Quelle: wikimedia commons

Sammlung Johann Georg Christian Daems

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Eingang zur Sammlung Daems, in Petersburger Hängung mit 43 ausgestellten Gemälden

Johann Georg Christian Daems (1774-1856), ein vermögender Kaufmann, baute eine Sammlung von über 200 zum erheblichen Teil hochrangigen Gemälden mit dem Schwerpunkt deutsche und niederländische Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts auf, die er 1845 der Stadt schenkte. Die Präsentation in „Petersburger Hängung“ vermittelt einen Eindruck jener Atmosphäre, die sich seinerzeit in Bürger- und Wohnzimmern von Sammlern ergeben haben mag.

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Sammlung Daems, Ausstellungsansicht

Sammlung Johann Valentin Prehn

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Sammlung Johann Valentin Prehn, Ausstellungsansicht

Vom berühmten „Paradiesgärtlein“ war bereits eingangs die Rede. Johann Valentin Prehn (1749-1821), ein wohlhabender Konditormeister, versammelte in seinem Gemäldekabinett über 30 grossformatige Werke vorwiegend deutscher und niederländischer Künstler des 17. und 18. Jahrhunderts sowie eine einzigartige Sammlung von über 800 Miniaturgemälden, darunter jenes „Paradiesgärtlein“. Die Miniaturen brachte er in 32 Klappkästen unter. In der Ausstellung sind rund 160 dieser Werke zu sehen.

Das Morgensternsche Miniaturkabinett

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Die drei Morgensternschen Kabinettschränke in der Apsis der staufischen Kapelle

Eine – wenngleich skurrile – Rärität stellen die drei Kabinettschränke der bekannten Frankfurter Maler, Kopisten und Restauratoren Johann Ludwig Ernst Morgenstern (1738-1819, Vater) und Johann Friedrich Morgenstern (1777-1844, Sohn) dar. Von den von ihnen restaurierten Gemälden fertigten sie insgesamt 205 Miniaturkopien, die sie in den drei transportablen Kabinettschränken sammelten. Die Schränke gelangten zunächst über Verkäufe nach England, von wo sie 1979/1980 erworben und wieder zurück nach Frankfurt verbracht werden konnten. Zwei von ihnen gehören dem Historischen Museum, der dritte als Dauerleihgabe des Bankhauses Gebrüder Bethmann dem Frankfurter Goethe-Museum.

Enkel Carl Morgenstern (1811-1893) übrigens ging in die Kunstgeschichte als der „Frankfurter Italienmaler“ ein.

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Das Morgensternsche Miniaturkabinett, Schrank 1, von Johann Ludwig Ernst und Johann Friedrich Morgenstern mit Kopien von ihnen restaurierter Gemälde, 1803 – 1843; © Historisches Museum Frankfurt, Foto: Horst Ziegenfusz

Verkörpert den Sammlergeist eines Johann Christian Gerning (1745-1802): von Schmetterlingen und Insekten umschwirrte Blumenkartusche, im Zentrum eine Ansicht auf das nördliche Mainufer mit Handelsschiffen und die Alte Brücke.

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Jakob Marrell (1614-1681), Blumenkartusche mit Ansicht Frankfurts, 1651; eine Schenkung von Johann Isaak Gerning, Sohn des Frankofurtensien- und Insektensammlers Johann Christian Gerning, an die Stadt Frankfurt

Fotos (soweit nicht anders bezeichnet): Erhard Metz

 →  Aufbruch in die Zukunft: das Historische Museum Frankfurt

 →  Wiedervereinigt: Frankfurter Annenaltar

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