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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Birgitta Weimer in der Frankfurter Galerie Maurer

„Reflecting Space“: Zellteilungen, Medusen und Kugelsternhaufen

Von Erhard Metz

Vom Kleinsten zum Grössten geht es in der Frankfurter Galerie Maurer, und zwischen beidem: Medusen, Quallen, sie bevölkern seit weit über 500 Millionen Jahren die Weltmeere. Brigitte Maurer überrascht zum diesjährigen Saisonstart mit drei Werkgruppen der weltweit umtriebigen Künstlerin Birgitta Weimer. Zwar sind die Werkgruppen voneinander unabhängig, und doch kann zwischen ihnen ein innerer Zusammenhang gelesen werden, und in ihrer Abfolge in den Galerieräumen spannt sich ein dramaturgischer Bogen.

↑↓ Augenblicksblasen 1 und 4, 2013, je ca. 60 cm Durchmesser, 20 cm tief, Silberbeschichtung auf Acrylglas

Gleich zu Beginn treffen wir auf fünf aktuelle Arbeiten aus diesem Jahr, betitelt als „Augenblicksblasen“: jeweils aus silberbeschichteten Halbkugeln aus Acrylglas zusammengesetzte Objekte. Unsere erste Assoziation führte uns in den Mikrokosmos, in die Welt der Zellteilung, sei es im Mutterleib oder in der Petrischale im wissenschaftlichen Labor. Die Objekte sind zweifellos „schön“, ästhetisch, ein bisschen nach Art der auf das Glatteste und Perfekteste gefertigten Arbeiten eines Jeff Koons. Und doch eignet ihnen bei all ihrer „Schönheit“ auch etwas Befremdliches, Wucherndes, Bedrohliches, das Wachstum könnte aus der biologisch-normativen Kontrolle geraten, krebsartig entarten, metastasieren.

Zugleich spiegeln sich in jeder der Halbkugeln das Umfeld der Galerieräume, die Fenster zur Strasse, das Treiben draussen im Freien, und es verhält sich wie in einem Vexierspiel: der Betrachter kann seinem eigenen vielfachen Spiegelbild nicht entrinnen, wohin auch immer er sich wenden mag und sich zu verbergen sucht. Es gibt keinen Ausweg aus der Selbstbetrachtung, insoweit ist er ein Gefangener des Kunstwerks. Ein Sinnbild vielleicht auch für das Existenzielle, das Unentrinnbare eines schicksalhaften Lebens.

„Augenblicksblasen“: Aus Blasen entstehen Schäume; sie lassen uns an die Sloterdijk’schen „Blasen“ und „Schäume“ denken, an jene Metapher also eines multifunktionalen Gesellschaftsmodells.

↑ Augenblicksblasen 3 bis 5 neben Medusa (1), 2012, 90 cm Durchmesser, Länge 190 cm, Epoxidharz, Vinnylan, LED
↓ Medusa (1), dahinter Skizze zu Medusae (1), 2012, Lack auf div. Schichten Transparentpapier, 46 x 87 cm

Bevor uns der Galerieparcours vom Mikrokosmos in den Makrokosmos führt, begegnen wir drei „Medusae“ aus dem Jahr 2012, bis zu 2,50 Meter hohen, von der Decke herabhängenden Objekten in verführerischem Orangerot. Dieser Verführung können wir uns durchaus hingeben, uns in das Dickicht ihrer weichen, meterlangen Tentakeln aus Vinnylan begeben, die uns nichts Schmerzhaftes oder gar Tödliches antun – anders als jene rätselhaften, die Weltmeere seit den genannten Jahrmillionen durchschwebenden Wesen, die einen Durchmesser von mehr als zwei Meter annehmen und deren teilweise hochgiftigen Tentakeln, wie wir lesen, um die 60 Meter an Länge gewinnen können. Ihnen sollte man besser nicht begegnen.

Ähnlich den „Augenblicksblasen“ eignet auch den „Medusae“ eine gewisse Ambivalenz: von Schönheit und Attraktivität einerseits, von angsteinflössender Bedrohlichleit andererseits. Wir geniessen diese Ambivalenz.

Augenblicksblasen 2 bis 6; Medusa 4, wie oben, jedoch Länge 250 cm

Medusa (v.l.) 4, 3 und 1; wie oben, jedoch Medusa 3 Länge 230 cm

500 Millionen, 600 Millionen Jahre – welch eine kleine Zeitspanne, seit der die Medusae die Weltmeere beleben, verglichen mit dem Makrokosmos des Universums, in welches uns die Objekte der dritten Werkgruppe Birgitta Weimers gleichsam den Blick öffnen. Es geht um Kugelsternhaufen, um deren Alter von 10 Milliarden und mehr Jahren, um Grössenordnungen und Entfernungen, die sich nur noch mit hunderten und tausenden von Lichtjahren bemessen lassen. Ein leichter Schauder erfasst uns, wenn wir – das eine oder andere aus lange zurückliegendem Physikunterricht hervorkramend – uns vorzustellen versuchen, dass ein Lichtjahr eine Strecke von 9,5 Billionen Kilometern, eine Lichtsekunde eine solche von immerhin noch 300.000 Kilometern bedeuten.

Messiers 55 und (hinten) 11, je 90 cm Durchmesser, 45 cm hoch, Epoxidharz matt lackiert, Lichttechnik; im Hintergrund Medusa 3

Messiers (v.l.) 55, 62, 13 und 38

„Messiers“ nennt die Künstlerin die fünf Objekte, allesamt aus dem laufenden Jahr 2013, im verdunkelten seitlichen Galerietrakt. Der französische Astronom Charles Messier war es, er lebte von 1730 bis 1817, der den berühmten, nach ihm benannten Katalog von 110 astronomischen Objekten verfasste, darunter einer Reihe von Kugelsternhaufen. Weimer übersetzte seine Sternkarten in ellipsoidförmige Objekte aus Epoxidharz, in die sie entsprechende Bohrungen  mit punktförmigen Lichtquellen einbrachte. Ihre „Messiers“ leuchten wie entfernte Sternhaufen, die Lichtpunkte werfen entsprechende Lichtgebilde an die Wände. Den einzelnen Objekten ordnet sie jeweils Namenstafeln mit den entsprechenden astronomischen Informationen zu.

Birgitta Weimer regt uns in ihren drei Werkreihen auf eine ebenso subtil-hintergründige wie sinnlich-opulente Weise zur Auseinandersetzung mit unserem menschlichen Sein vor dem Hintergrund mikro- wie makrokosmischer Strukturen und Welten ein, deren Dimensionen unser reales Vorstellungsvermögen überfordern. Aber nicht allein das:  Eine in erotischem Orangerot leuchtende Medusa würde manchen hochherrschaftlichen Wintergarten und manches bislang dröge Kanzleientrée auf sympathische Weise beleben – ein wenig an nicht nur Kleingeld zum Erwerb einer solchen Arbeit gehört freilich dazu.

↑ Messier 38
↓ Informationstafeln zu den Messiers

Messier 11

Birgitta Weimer, 1956 in Gemünden am Main geboren, studierte in Göttingen Ethnologie und Anthropologie und anschliessend von 1980 bis 1986 freie Kunst an der Hochschule für bildende Künste Hamburg bei den Professoren Sigmar Polke, Ulrich Rückriem und Kai Sudeck. Sie hatte Lehraufträge bzw. Gastprofessuren an der Bauhaus-Universität Weimar, der Universität Duisburg-Essen sowie der Fachhochschule Darmstadt inne; ferner lehrte sie an der University of Chicago, am Institute of Art and Design in Milwaukee sowie an der Kyoto University of Art and Design. In Frankfurt am Main sind ihre Arbeiten jetzt zum ersten Mal zu sehen.

„Reflecting Space“, Skulpturen von Birgitta Weimer, Galerie Maurer, bis 9. November 2013

Abgebildete Werke © die Künstlerin; Fotos: Erhard Metz

 

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