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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Hans Jürgen Diez im Kunstforum Mainturm

Polyvalente Stringenz

Von Brigitta Amalia Gonser
Kunstwissenschaftlerin

Diese Ausstellung von Hans Jürgen Diez im Kunstforum Mainturm in Flörsheim am Main zeigt simultan Malerei, Zeichnungen und Skulpturen – erfüllt also eine Vielzahl von Funktionen, wobei die kreative Überzeugungskraft dieses vielseitigen Frankfurter Künstlers offenbar wird.

Brigitta Amalia Gonser, Erster Stadtrat Sven Heß und Hans Jürgen Diez in der Vernissage (Foto: FeuilletonFrankfurt)

Künstler und Kuratorin haben dafür gemeinsam den Titel „Polyvalente Stringenz“ gefunden.

Stringent ist seine Entwicklung von der Malerei, die anstelle der Form eine offene Struktur setzt

, über seine energiegeladenen, versponnen Zeichnungen mit ihren haarigen oder strahlenden Protagonisten, die dem Cocooning, also dem Prozess der Verpuppung des Individuums unterliegen, zu seinen bemalten Schaumstoffskulpturen, die auch sozialen Fall und Aufstieg bildhaft prägnant umsetzen.

Im Unterschied zu seiner abstrakten Malerei konzentriert sich Hans Jürgen Diez in seinen Zeichnungen und Skulpturen vor allem auf die Figuration. Da wir aber an diesem Ort schon einmal über die Zeichnungen von Hans Jürgen Diez geschrieben haben, wollen wir jetzt vor allem auf seine Malerei eingehen.

o.T., 2012, Acrylmischtechnik auf Leinwand, 170 x 110 cm.

Beim Betrachten der Bilder von Hans Jürgen Diez ist ein gewisser Bezug zu informeller Kunst erkennbar, ohne dass ein direkter Vergleich mit informellen Künstlern möglich wäre, und der besteht in der Auflösung der Form und der überkommenen Formenhierarchie zugunsten eines gestischen und prozessualen Moments. Anstelle der Form tritt eine offene Farbstruktur .

Es geht um „nonfiguration psychologique“, um die Eroberung einer unbewussten Zone und den Vorrang der gestalterischen Mittel, um den spezifisch gestischen Duktus.

o.T., 1990, Acrylmischtechnik auf Leinwand, 190 x 180 cm.

Hans Jürgen Diez fand für seine abstrakten Bilder den generischen Titel „Petri-Schalen“, analog zu den im Laboratorium zum Ansetzen von Nährlösungen und Züchten von Kulturen verwendeten Behältnissen, wo man auch den Wachstumsprozess begleiten und abwarten muss.

Also ein metaphorischer Bezug auf die Natur, unter Aufgreifen ihres dynamischen Prinzips.

o.T., 2013, Acrylmischtechnik auf Holz, 136 x 147 cm.

Dabei bedient er sich in seinen frühen grossformatigen Fliess- und Schichtbilder, die er Ende der 1980er begonnen und bis in die 1990er Jahre fortgeführt hat, einer eigenen horizontalen Fliesstechnik, gesteuert von Intention und Zufall, und ist während eines anhaltenden Verfahrens sukzessiver Farbschichtung auch selbst davon überrascht, dass die Farbe dorthin fliesst, wohin er sie haben will. Diez sagt dazu: „Das ist die Farbe selbst, die auf der Fläche malt“.

o.T., 2013, Acrylmischtechnik auf Holz, 136 x 147 cm.

Anders bei den nach 2000 bis heute entstandenen Giess- und Schichtbildern unterschiedlichen Formats mit deren eigenwilligen, emailleartigen und unebenen Oberflächenstruktur, wo der bestimmende Eingriff des Künstlers evidenter ist.

Tondo, 2013, Acrylmischtechnik auf Leinwand auf Holz, D: 114 cm.

Hier setzt Diez eine eigene repetitive horizontale Giesstechnik ein, wobei der Farbfluss durch wiederholtes Giessen, Kippen, Rakeln oder Pusten der Farbe gelenkt wird. Der Schaffensakt selbst wird so zum Gegenstand der Beobachtung. Entscheidend bleibt aber das Ergebnis, die Bildgestalt an sich.

o.T., 2013, Acrylmischtechnik auf Leinwand, 190 x 130 cm.

Seine Malweise impliziert einen langwierigen Prozess, eine sukzessive Ablagerung und Schichtung von Farbebenen, wobei er auf Pinsel gänzlich verzichtet. Er malt mit abwechselnd lasierendem oder halbdeckendem Farbauftrag mit selbsthergestellten Acrylfarbenmischungen glasklar oder unter Beigabe von Farbkörper und Acrylbinder auf Holz oder Leinwand.

o.T., 2013, Acrylmischtechnik auf Leinwand, 90 x 190 cm.

Diez arbeitet mit Formlosigkeit, dies ist aber nicht gleichbedeutend mit Strukturlosigkeit, sondern im Gegenteil: es dominiert die Strukturierung des Bildes und der Farbe.

Dies führt zu einer spezifischen Raumauffassung. Er strukturiert den Raum als aufeinander folgende Schichten mit atmosphärischen Reizen und Raumtiefe, mit Farbklängen und Rhythmen.

o.T., 2012, Acrylmischtechnik auf Leinwand, 90 x 190 cm.

Hans Jürgen Diez zeigt eine grundsätzliche Prozessualität. Seine Werke entstehen aus Kontemplation, wobei der Arbeitsprozess in absoluter Ruhe und innerer Ausgeglichenheit abläuft. Die Transparenz und Leuchtkraft dieser Bilder erweckt verlorene Transzendenz – ein Phänomen, das Ausdruck eines ursprünglichen Mysteriums ist.

o.T., 2013, Acrylmischtechnik auf Leinwand, 120 x 190 cm.

Kontrapunkte dazu bilden seine kleinen farbintensiven Etüden, eigentlich nonfigurative Übermalungen von Journalseiten mit leuchtenden Acrylfarben.

o.T., 2004, Acryl auf Illustrierter, 35 x 27 cm.

Womit wir uns seinen Skulpturen zuwenden, nach der Malerei und den Zeichnungen dem dritten Aspekt seiner Polyvalenz.

Hans Jürgen Diez hat ein radikal zeitlich-dynamisches Verständnis von Figuration.

1988 geschnitzt, und erst 2006 rot bemalt, als massive Anspielung auf die politische Kopflosigkeit unserer zeitgenössischen Gesellschaft, begegnet uns auf dem ersten Stock seine sich Hals über Kopf ins Geschehen stürzende, riesenhafte Schaumstoffskulptur „Steckling“.

„Steckling“, 1988, Schaumstoffskulptur bemalt, 265 x 110 x 70 cm

Zwei weitere bemalte Schaumstoffskulpturen setzen dann sozialen Fall und Aufstieg in seinen mannshohen, quaderförmigen Säulen aus Menschenmassen bildhaft prägnant um. Die beiden Metaphern gehören dialektisch zusammen, gleichsam wie These und Antithese. Erst im vergleichenden Auge des Betrachters werden sie zu einer Synthese verbunden.

„Fall“ (im Vordergrund), 1989/2011, und „Aufstieg“, 1989/2012, Schaumstoffskulpturen bemalt, jeweils 200 x 55 x 45 cm

Figuration ist aber auch ein von Norbert Elias in die Soziologie eingeführter Begriff: auch Interdependenzgeflecht genannt, betont er das soziale Zusammensein von Individuen in spezifischen Konstellationen.

Diez gestaltet seine ästhetische Figuration als dynamisches soziales Netzwerk von untereinander abhängigen Individuen. Er untersucht die Beziehungen zwischen den Akteuren, weil er darin das Wesen jeder sozialen Gemeinschaft sieht.

In seinem „Fall“ gehen die sich aneinander klammernden und ineinander verkeilten, kopfüber stürzenden Akteure im Block unter, das historische Ereignis erdrückt sie.

Zwar erscheint der „Aufstieg“ ebenfals als verkeilter, kompakter Menschenblock, doch die übereinander hochkletternden Akteure ringen hochstemmend und nach unten tretend gegeneinander, wobei die obersten auf den unteren lastend von der revolutionären Masse empor getragen werden.

„Aufstieg“ und „Fall“, Details

Hans Jürgen Diez schnitzte diese Skulpturen 1989 aus Industrieschaumstoff, während der mit Glasnost und Perestroika verbundenen aussenpolitischen Öffnung der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow, die er nachts am Moskauer internationalen Radio verfolgte, in Vorahnung des als Wende bezeichneten Prozesses gesellschaftspolitischen Wandels in der DDR, noch vor dem Fall der Berliner Mauer. Doch es sollten zwanzig Jahre vergehen, bis Diez seine beiden Skulpturen, animiert vom Arabischen Frühling, 2011/2012 mit Textilfarben zu bemalen begann.

Denn er teilt die Ansicht, dass die Proteste, Aufstände und Rebellionen, die die autokratischen Systeme der Region Nordafrikas und des Nahen Ostens erschütterten, eine historische Zäsur darstellen – mit weitreichenden Folgen in politischer, wirtschaftlicher und geostrategischer Hinsicht. In diesem politischen Kontext werden die beiden korrespondierenden Skulpturen von Hans Jürgen Diez zu künstlerischen Geschichtsmodellen.

1950 in Stuttgart geboren, lebt und arbeitet Hans Jürgen Diez seit 1973 in Frankfurt am Main. Er absolvierte die Frankfurter Staatliche Hochschule für Bildende Künste – Städelschule als Meisterschüler sowie das Kunstphilosophische Seminar der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und war danach Dozent mit einem Lehrauftrag für Farbe an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main.

Galerien aus Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden, Eltville, München, Kassel und Miltenberg haben seine Arbeiten ausgestellt und sie auf internationalen Kunstmessen präsentiert.

Lassen Sie sich überraschen von der überzeugenden künstlerischen Vielfalt von Hans Jürgen Diez im Kunstforum Mainturm!

Mainturm mit Brücke zum Ausstellungshaus (Foto: FeuilletonFrankfurt)

„Polyvalente Stringenz“, Kunstforum Mainturm, Flörsheim am Main, bis 13. Oktober 2013

Abgebildete Werke © Hans Jürgen Diez; Fotos: der Künstler (Gemälde) und FeuilletonFrankfurt (Skulpturen)

→  Hans Jürgen Diez: Cocooning …

 

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