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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Unterwegs im Kongo: Mobile Klinik Lisungi

„Lisungi“ ist Lingala-Sprache und heisst: Hilfe leisten

Benefiz-Veranstaltung des ZONTA-Clubs Frankfurt II Rhein-Main

Luzeyi Kuelusukina, Vorsitzende des Lisungi-Gesundheitsfördervereins Kongo e.V., Mainz, vor ihrem Wahlspruch; Foto: FeuilletonFrankfurt

Luzeyi Kuelusukina, gebürtige Kongolesin, lebt seit über 20 Jahren in Deutschland, aber sie kennt die Not in dem von Armut und Rebellenaufständen geplagten Land, der Demokratischen Republik Kongo mit der Hauptstadt Kinshasa (nicht zu verwechseln mit der benachbarten Republik Kongo, deren Hauptstadt Brazzaville ist). Mit über 2,3 Millionen Quadratkilometern ist das frühere Zaire (so der Landesname zwischen 1971 und 1997) der drittgrösste Staat Afrikas. Rund 70 Millionen Menschen leben in ihm, verteilt auf über 200 Ethnien. Kinshasa ist mit rund 10 Millionen Einwohnern die zweitgrösste Stadt des Kontinents. Seit 1885 unter zum Teil grausamer belgischer Kolonialherrschaft, erhielt das Land 1960 die Unabhängigkeit. Nach jahrelangen innenpolitischen Konflikten, nach Putsch, Diktatur und Bürgerkrieg sowie Hungersnöten ist das Krisengebiet im Osten des Landes auch heute noch instabil und umkämpft. Jüngst hat der UN-Sicherheitsrat beschlossen, die bestehende UN-Mission in dem Land um eine 3000 Soldaten umfassende UN-Einsatztruppe zu verstärken. Das Land ist reich an Rohstoffen, doch mangelt es an fast jedweder zeitgemässen Infrastruktur. So steht die Demokratische Republik Kongo nach dem Human Development Index 2012 der UN auf dem vorletzten Platz einer 186 Länder umfassenden Rangliste. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf betrug 2011 etwa 234 US-Dollar (zum Vergleich Deutschland 2011: 31.416 Euro).

Eine Wohnstätte auf dem Land, ein Obst- und Gemüselädchen

Frauen im Kongo, traditionell gesellschaftlich benachteiligt, oft Opfer von Gewalt und ohne Rechte, tragen im wortwörtlichen Sinn die Lasten

Besonders die medizinische Versorgung im Kongo ist unzureichend, im Landesinneren nach Bewertung des deutschen Auswärtigen Amtes katastrophal. Zumutbare Behandlungsmöglichkeiten bei akuten Erkrankungen bietet, so das Amt, lediglich das Centre Médical der Hauptstadt. Alle ärztlichen Behandlungen, auch in Notfällen, sind im voraus bar zu bezahlen. Wer dies nicht kann, stirbt an einer schweren und manchmal schon an einer leichten Erkrankung. Die Lebenserwartung liegt entsprechend bei nur rund 57 Jahren, die Kindersterblichkeit bei über 20 %.

Luzeyi Kuelusukina kann dies aus ihrer eigenen Anschauung bestätigen: Wer einer Behandlung, gar einer Operation bedarf, erhält erst eine Vorausrechnung (Facture Proforma). Die gesamte Familie samt aller Verwandschaft versucht dann, oft genug vergeblich, das benötigte Geld zu beschaffen. Selbst wer bereits im Krankenhaus liegt, aber weiterbehandelt werden muss, muss erst zahlen: Kann er das nicht, wird er durchaus aus dem Krankenbett geholt und, auf den Flur der Klinik gesetzt, seinem Schicksal überlassen, wie Luzeyi Kuelusukina berichtet.

Beispiel einer medizinischen Vorausrechnung, Namen geschwärzt

Angesichts dieser Umstände und getreu ihrem Wahlspruch „geh und handle“ (Missio-Kampagne 2010 der Katholischen Kirche) ging und handelte Luzeyi Kuelusukina tatsächlich: 2009 gründete sie gemeinsam mit ihrem Mann den „Lisungi-Gesundheitsförderverein Kongo e.V.“ mit Sitz in Mainz. Er ist in Kinshasa als gemeinnützige NGO registriert und verfolgt das Ziel, zuvörderst mit seiner „Mobilen Klinik“ medizinische Versorgung dort zu verbessern bzw. überhaupt erst zu gewährleisten, wo sie kaum oder gar nicht vorhanden ist. Dabei geht es in erster Linie um die Frauen, die, obwohl für die Versorgung der Familie zuständig, traditionsbedingt gesellschaftlich und finanziell benachteiligt und oft rechtlos gestellt sind. Deshalb sollen insbesondere Frauen, schwangere Frauen in Not und hilfsbedürftige Kinder erreicht und medizinisch versorgt werden.

Die beiden Behandlungs- und Ambulanzfahrzeuge; ein Arzt untersucht in Anwesenheit einer Krankenschwester eine Schwangere

Versorgung einer Schwangeren in einer abgelegenen Siedlung; geduldig warten Patientinnen und Patienten im Freien auf die Behandlung und lassen sich von einem Helfer registrieren

Die Mobile Klinik Lisungi fährt – inzwischen mit einem für ärztliche Behandlungen und kleinere Eingriffe vor Ort eingerichteten ehemaligen Krankenwagen, einem Ambulanzfahrzeug sowie mit einem für unwegsames Gelände allradgetriebenen Versorgungs- und Transportwagen ausgerüstet – in entlegene Dörfer und Siedlungen in der Region um Kinshasa. Ein Team aus Ärzten, Krankenschwestern, Hebammen und Krankenhelfern leistet jeweils vor Ort medizinische Hilfe. Ärzte oder gar Krankenstationen gibt es dort nicht – oder sind erst nach stunden- oder gar tagelangen Fussmärschen zu erreichen, schlecht ausgerüstet und obendrein für die meisten unbezahlbar. Die gebrauchten Fahrzeuge wurden vom Malteser Hilfsdienst Mainz und vom Caritasverband Frankfurt gespendet, der Versorgungs- und Transportjeep aus einer Anschubfinanzierung des ZONTA-Clubs Frankfurt II beschafft. Zu ärztlicher Konsultation und Behandlung leisten die Kranken einen ihren Möglichkeiten entsprechenden finanziellen Beitrag. Aber auch für die an Armut Leidenden ist Hilfe von Lisungi erschwinglich: für 1 bis 2 US-Dollar, ermöglicht durch Spendengelder aus Deutschland.

Wartende Patientinnen schauen beim Blutdruckmessen zu, kleine Kinder werden gewogen; man läuft barfuss oder in Flip-Flops

Lisungi arbeitet mit dem Team einer bereits bestehenden Polyklinik in Kinshasa zusammen, die ebenfalls Anlaufstelle für schwangere Frauen und für allgemeine medizinische Basisversorgung ist und über die Möglichkeit chirurgischer Massnahmen verfügt. Die Organisation gewährt Mikrokredite und hilft bei der Finanzierung von notwendigen chirurgischen Eingriffen. Öfters anzutreffen sind beispielsweise Geschwüre im Gesichts- und Mundbereich:

Die Vereinsvorsitzende Luzeyi Kuelusukina kümmert sich bei ihren regelmässigen Reisen in den Kongo vor Ort um die Kranken; die kleine Aurelie vor und nach der Operation eines Mundgeschwürs

Ein Kind bei der Blutentnahme im Freien für eine Laboruntersuchung; Frauen mit ihren Kindern warten im Schatten unter freiem Himmel geduldig auf den Lisungi-Doktor

Neben der unmittelbaren medizinischen Hilfe und Versorgung misst Lisungi der Prävention und Aufklärung der Menschen auf dem Land grosse Bedeutung bei. Im Vordergrund stehen Themen wie Schwangerenberatung und Familienplanung, HIV/Aids, Hygiene und Ernährung.

Aufmerksame Zuhörerinnen: Lisungi-Informationsveranstaltung für schwangere Frauen

Als nächstes und vordringliches Ziel will der Verein Lisungi e.V. eine dem internationalen medizinischen Standard entsprechende Basistation in seinem Einsatzgebiet als Anlaufstelle für die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung errichten. Dazu soll ein geeignetes festes Gebäude angemietet werden. In der Station sollen akute Notfälle behandelt und kleine chirurgische Eingriffe sowie regelmässige Gesundheitsuntersuchungen durchgeführt werden. Mit dem Einsatz auch von Spendengeldern sollen die Preise für Operationen in dieser Basisstation für Patienten so gering wie möglich gehalten werden und weit unter den sonst üblichen Kosten liegen.

Der Versorgungs-Jeep trägt rundum das ZONTA-Emblem: oben mit Arzt, Krankenschwester und Krankenpfleger/Laborant, unten mit zwei Krankenschwestern, die rechts abgebildete ist zugleich Hebamme

Seit 2010 unterstützt der ZONTA-Club Frankfurt II Rhein-Main die Arbeit von Lisungi e.V., zu Beginn mit den Erlösen einer Benefiz-Veranstaltung am Rosenmontag 2010. Mitte März 2013 veranstaltete er als ein weiteres Benefiz-Event zugunsten Lisungi einen Konzertabend im Volkstheater Frankfurt: Vor rund 200 Gästen spielte Nils Kercher mit seinem Ensemble vor allem von afrikanischen Klängen geprägte „Weltmusik“ – eine Brücke zwischen afrikanischen und europäischen Kulturen. Zum Einsatz kamen Instrumente der afrikanischen Musiktradition wie Kora und Balafon, Kalabasse, Djembé oder Udus. Aus dem Erlös des Abends und einer Spende konnte der ZONTA-Club Frankfurt II dem Verein den stattlichen  Betrag von 6.000 Euro als Beitrag zur Einrichtung der medizinischen Basisstation zur Verfügung stellen.

Lisungi-Vorsitzende Luzeyi Kuelusukina und Renate von Köller, Präsidentin des ZONTA-Clubs Frankfurt II Rhein-Main; Nils Kercher und sein Ensemble bedanken sich nach dem Benefiz-Konzert für den stürmischen Applaus (Fotos: FeuilletonFrankfurt)

Der Lisungi-Gesundheitsförderverein Kongo e.V. und seine Vorsitzende Luzeyi Kuelusukina bitten um Geld- und Sachspenden für den Aufbau der medizinischen Basisstation sowie auch um praktische Mithilfe in der Vereinsarbeit.

Fotos, soweit nicht anders bezeichnet: © Lisungi-Gesundheits-Förderverein Kongo e.V. / Luzeyi Kuelusukina

 

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