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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Städelschule: Rundgang 2013 (4)

Olga Cerkasova und Youngin Son: Vier Models und ein Taugenichts

Der diesjährige Rundgang durch die Städelschule liegt bereits einige Tage zurück, wir blicken mit etwas Abstand und Musse auf das Geschaute und das eine oder andere dabei Eingesammelte zurück.

Unter dem vielen, welches uns auffiel, erinnern wir uns an ein Quartett vier junger, attraktiver Damen, wir trafen sie nicht ad personam an, sondern auf Leinwand gebannt. Fein ausgeführte Studien, es sollen Models sein, in sehr unterschiedlichen Posen, die auf jene bekannte Art – mit einiger Distanz oder auch gerade nur wenige Zentimeter – an uns als Betrachter vorbei in eine unbestimmbare Ferne schauen, wie wir dies von so vielen Porträts her kennen, oder anders aus der Position eines Enttäuschten gesagt, sie würdigen uns keines Blickes.

Es sind junge Frauen, die uns überall begegnen könnten, nichts Spektakuläres liegt also vor. Und doch oder umso mehr eignet ihnen etwas Eigenartiges, Ambivalentes, ja Subversives: in den Augen der einen ein Blau jenseits allen Hans-Albers-Blaus dieser Welt und von einer Kühle, die uns trotz des weidlich geheizten Ateliers unwillkürlich frösteln und einen Schritt zurücktreten lässt; in den Augen der anderen ein Grün, das bereits einen durchaus giftigen Ton gewinnt und uns in unserer eingenommenen Hab-Acht-Position bestätigt; dann wiederum eine Iris von jenem Schwefelgelb, das uns direkt in die Faust’sche Hexenküche versetzt. Schön und schaurig. Wir sind hin- und hergerissen. Träten die Damen nicht im Quartett, sondern zu dritt auf, so könnten wir an eine moderne Ausgabe der Rheintöchter Wellgunde, Woglinde und Flosshilde denken, oder gar an die drei Schicksal spinnenden Nornen Urd, Verdandi und Skuld. Ja, der „Ring“ hat doch seine Spuren in uns gegraben.

Olga Cerkasova, Models (untitled) I – IV, 2013, Öl auf Leinwand, 50 x 60, 48 x 61, 47 x 59 und 49 x 60 cm

Es sind Bilder der Künstlerin Olga Cerkasova, an denen unserer Beobachtung nach so mancher Besucher – sehr zu Unrecht, wie wir meinen – freundlich-achtlos-nickend vorbeiging: ach ja, so figurativ. Der Stehenbleibende aber konnte sich mit der Spannung auseinandersetzen, die sich zwischen den Porträt-Gemälden und ihm selbst aufbaute, aufbauen musste. Von den an uns so nichtachtend vorbeischauenden Schönen wollten wir so schnell nicht lassen. Warum? Ja, wenn wir das wüssten! Wollen wir es denn wirklich wissen? Wollen wir die Kunst all ihrer Geheimnisse entkleiden?

Olga Cerkasova, 1986 in Estland geboren, war Assistentin im Studio von Professor Tobias Rehberger und legte in der Hochschule für Gestaltung Offenbach HfG ihr Vordiplom im Fach Produktdesign ab. Seit 2009 studiert die vielseitige, auf fast allen Gebieten der bildenden Kunst tätige Künstlerin in der Städelschul-Klasse von Professorin Judith Hopf. Auch ist sie in der Frankfurter Ausstellungsszene längst keine Unbekannte mehr.

Nicht sehr viele Schritte weiter, im Lichthof des Malertraktes, auf den ersten Blick ebenfalls subversiv anmutend, für manche zunächst fast schon alptraumhaft schockierend, die beiden sich gegenüber hängenden grossformatigen Tafelbilder von Youngin Son.

Youngin Son, Taugenichts, 2012, Öl auf Leinwand, 190 x 180 und 200 x 190 cm

Der 1980 in Südkorea geborene Youngin Son studierte bereits an der Chungang Universität in Seoul sowie bis 2011 an der Akademie der bildenden Künste in München Malerei. Derzeit vervollkommnet er sein Studium bei Professorin Christa Näher an der Städelschule.

Die Motive seiner technisch bereits perfekt erscheinenden Gemälde – sehr oft sind es Kinder – können verunsichern und, wie beim Rundgang geschehen, so manche Besucher erschrecken. „Taugenichts“ ist jedes dieser beiden Bilder betitelt. Ein Cretin von einem Teletubby? Ein artifizielles Manga-Unwesen? Führt uns der Titel nicht in die Irre? Blicken wir in ein von Hilflosigkeit, pathologischen Prozessen, gar Degeneration gezeichnetes kindliches Gesicht, oder werden wir an Schreckliches wie Kindesmissbrauch erinnert?

Auch Youngin Sons Malerei ist von Ambivalenz geprägt: Dieses kindliche Antlitz spiegelt Trauer und Schmerz über Erlittenes wider, Melancholie, zugleich Sehnsucht und Hoffnung nach – zumindest künftiger – Zuwendung und Liebe. Es sind, jenseits aller Handwerklichkeit, sehr bemerkenswerte Arbeiten, die längst nicht nur auf dem Münchner „Kunstmarkt“ einiges Aufsehen erregt haben. Auch bereits arrivierte Positionen lassen sich beim jährlichen Rundgang durch die Städelschule antreffen.

Abgebildete Arbeiten © jeweilige Künstler(innen);
Fotos: FeuilletonFrankfurt

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