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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alltägliche und seltsame Geschichten und Begebenheiten (12)

Der Kolbenfresser

von © -habust-

Muntani hiess er, der baumlange Mohr aus dem westfriesischen Hochmoor „Sülzlager“ bei Leer.

Nun wirst Du alter Besserwisser sogleich einwenden, Leer liege, das wisse doch nun wirklich jedes Kind, bekanntlich in Ostfriesland. Und schon hast Du mich beim ersten Fehler ertappt. Ich verspreche nur eins: Es wird nicht der letzte sein.

Manfred Muntani war Richter und Schlichter in einer Person. Wie geht das, frägst Du. Es geht schon, wenn man in einer Kolbenfabrik arbeitet. Und das tat unser Manni. Nicht ungern und nicht ohne Erfolg. Schliesslich verdiente er mit seiner Kolbenfabrik dermassen unmenschlich Kohle, dass er die Produktpalette auf Wälzlager erweitern konnte. So gelang es ihm, „Wälzlager vom Sülzlager vom Mohr vom Moor“ zum weltweit bekannten Slogan zu machen. Auch Du hast ihn schon gelesen. Spätestens jetzt.

Aber ach! Er fand einfach keine Frau. Jedenfalls nicht die richtige. Gross und stattlich, gewachsen wie eine Tanne, mit langem, lockigen Haar und einem riesigen Schnauzbart, glich er aufs Haar jenem geheimnisvollen Padre Crutzen, dessen widerliche Untaten die Medien weltweit jahrzehntelang beschäftigt hatten und dessen ansehnliches Antlitz tausende von Malen die Titelseiten der Gazetten und die Bildschirme belebt hatte. „Nää“, sagten sich die Frauen, „Mit so einem wollen wir nix zu tun haben. Der sieht ja aus wie der Padre Crutzen. Iih! Geh mir doch wech!“

Manni litt stark unter dieser Ablehnung, denn er hatte mit dem Padre Crutzen rein gar nichts am Hut und teilte die weltweite Ablehnung, die diesem nach Bekanntwerden der grauenvollen Verbrechen, die er zusammen mit dem berüchtigten Desperado Heinz Puntig, genannt Crocolado, Kriegsname „Das Vierzehenfaultier“, begangen hatte, entgegenschlug. Konnte er, Manfred Muntani, da vielleicht was für? Hatte er deren Unmenschlichkeit zu vertreten? Oder hatte er sich selbst dem Padre Crutzen aus dem Gesicht geschnitten? Nee, ne? Trotzdem, irgendwie klappte es nicht recht mit den Damenbekanntschaften, und das machte unserm Manni schon sehr zu schaffen.

Also traf er sich mit Plözin*-Chefreporterin Marianne Mendel, um zu beratschlagen, was man da wohl tun könne. Kaum eine Woche später las man in Plözin plötzlich eine kleine, unauffällige Notiz, die lautete so:

Frauen, seid ihr denn alle total vernagelt?

Eine der besten Partien des Kontinents – und immer noch solo? Gibt’s nicht! Doch, gibt’s doch. Plözin besuchte den erfolgreichen Geschäftsmann Manni Muntani. Ein tiefer Blick aus rehbraunen Augen und ein kräftiger, sympathischer Händedruck begrüssen unser Team. Traumvilla, ein Rudel dienstbarer Geister, Häppchen vom Feinsten, Beluga bis zum Abwinken, Champagner in Strömen und ein Mann. Ein wirklicher Mann. Gross, blendend aussehend und steinreich. Und doch irgendwie bedrückt. Gesteht uns im Gespräch: Mir fehlt die Frau an meiner Seite. Wie gern teilte ich mein Leben zwischen Jets, Yachten und Kolbenringen mit einer liebenswerten Partnerin. Es dürfen auch mehrere sein.

Unbegreiflich. Seid Ihr Frauen alle blind? Auf nach Sülzlager, bevor Euch die Konkurrenz zuvorkommt!

Was, lieber Leser, glaubst Du wohl, was jetzt los war? Es war der totale Wahnsinn. Sülzlager quoll über von fanatischen, heiratswütigen Traumfrauen. Nur der Manni war schon wieder am Jammern: Welche nehm ich denn nun, war sein ständiges Reden, auf was hab ich mich da bloss eingelassen? Keine ruhige Minute hab ich mehr. Mein Händi is schon ganz durchgeredet. Da musst Du durch, sagten seine Freunde und auch seine alte Mutter, die Kolonialwarenhändlerin.

Schliesslich stellte Manni jeder Kandidatin eine wahnsinnig schwere Aufgabe. Also, sagte er, stell Dir vor, da stehen so ein paar Reihenhäuser. Eines Tages lässt der Eigentümer vom ersten Reihenhaus, der bitterböse Unmensch Kloppenbiber, sein Dachgeschoss ausbauen und sage und schreibe vier (in Worten: FIR) Gauben (manche komische Menschen schreiben „Gaupen“) einbauen. Einige Zeit später zeigen sich im Nachbarhaus der Familie Wakerbraf entsetzliche Risse in Wänden und Decken. Offenbar ist das ausgebaute Haus zu schwer geworden, und die ganze Statik stimmt nicht mehr. Jetzt meine Frage: Was, liebe Kandidatin, glaubst Du wohl, wann die Schadensersatzansprüche von den Wakerbrafs verjähren?

Was, lieber Leser, glaubst Du wohl, war die Standardantwort? Natürlich „Weiss ich doch nicht, bin ich Volljuristin?“

Nur eine einzige Frau hat es gewusst, und die bekam denn auch den steinreichen Manni, der sich als ganz passabler Ehemann erwies. Er selber hatte dabei auch ganz schönes Glück, denn sie war nicht nur entsetzlich klug, sondern auch wunderschön, ziemlich verträglich und kochte gut.

* (Plözin – Die tapfere kleine Zeitschrift”, Text © -habust-)

→ Alltägliche und seltsame Geschichten und Begebenheiten (13)

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