home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Im Wettlauf mit der Zeit (1)

Der Beschleunigung auf der Spur

Von Hans-Bernd Heier

Das Museum für Kommunikation Frankfurt ist dem Phänomen Beschleunigung auf der Spur.

Geschwindigkeit und Rekorde faszinieren. Das zeigte wieder die ausführliche Berichterstattung über den atemberaubenden Fallschirmsprung von Felix Baumgartner am 14. Oktober 2012. Die Frankfurter Allgemeine titelte „Ein Fall für die Ewigkeit“. Mit dem waghalsigen Sprung aus 39.045 Meter stellte der österreichische Extremsportler gleich fünf neue Weltrekorde auf: Es ist nicht nur der höchste Absprung von einem Ballon und der längste freie Fall ohne Stabilisierungsfallschirme (4 Minuten 20 Sekunden), sondern Baumgartner raste mit über 1.340 Kilometer zur Erde – es ist die grösste im freien Fall registrierte Geschwindigkeit. Der 43jährige durchbrach mit diesem riskanten Sprung als erster Mensch – nur mit einem Schutzanzug bekleidet – die Schallmauer. Der Extremsportler, der fünf Jahre für dieses sensationelle Ereignis trainiert hat, löste dabei sogar einen Überschallknall aus, den er allerdings selbst nicht hörte, da er ja schneller als der Schall war. Die Kosten für dieses Spektakel beziffern Experten auf rund 50 Millionen Euro.

Im Rausch der Geschwindigkeit

Breit wurde der Nutzen eines derartigen tollkühnen Wagnisses für die Forschung erörtert, gesundheitliche Aspekte spielten dabei nur eine untergeordnete Rolle. Das war vor gut 175 Jahren ganz anders, als es um die Einführung der Eisenbahn ging, die damals gerade rund 40 Kilometer pro Stunde erreichte. Ernstzunehmende Mediziner kritisierten die „rasante Geschwindigkeit als unzumutbar für den menschlichen Körper“, schreibt Helmut Gold, Direktor des Museums für Kommunikation Frankfurt, im Vorwort des Begleitbuchs zur Ausstellung „Tempo Tempo! Im Wettlauf mit der Zeit“, die derzeit in der Mainmetropole zu sehen ist. Die Schnelligkeit der Zugfahrt löste Begeisterung und Furcht aus. Heftig wurde über das Für und Wider dieser technischen Errungenschaft debattiert. Auf jeden Fall brach mit der Einführung der Eisenbahn eine neue Epoche der Geschwindigkeit und Dynamik an.

Replika: Rocket Tyseley 1, Bildnachweis: Tony Hisgett, Birmingham, wikimedia commons cc

Stets neue Grenzen zu durchbrechen, ist ein Grundprinzip in den auf Fortschritt, Wachstum und Leistung bedachten modernen Gesellschaften. Nur Höchstleistungen lassen die Besten erfolgreich am täglichen Wettstreit teilnehmen. Langsam ist der Verlierer, schnell der Sieger. Erfolge garantieren materielle Sicherheit und gesellschaftliche Anerkennung.

Zeit – ein kostbares Gut, das allzu schnell verrinnt

Unser modernes Leben ist von Beschleunigung geprägt. Die stetige Verkürzung der Kommunikations- und Transportwege, die Flut der Bilder und Nachrichten aus aller Welt sowie immer kurzlebigere Trends tragen dazu bei, dass wir Zeit zunehmend als kostbares Gut empfinden, das nur allzu schnell verrinnt. Wir leben, wie Soziologen es nennen, in einer „Ereignisgesellschaft“. Ausgehend von dieser Gegenwartsdiagnose thematisiert die Schau im Kommunikationsmuseum die Frage, wie sich Zeitbewusstsein und Zeitordnungen in den letzten fünf Jahrhunderten, von der frühen Neuzeit bis heute gewandelt haben. Die Überraschung dabei: Das Empfinden für eine stete Beschleunigung des Lebens ist nicht neu. Bereits im Zeitalter der Postkutschen befinden sich die Menschen im Wettlauf mit der Zeit. Die kurzweilige Ausstellung geht den Ursachen für die zunehmende Beschleunigung unseres Lebensalltags in drei Bereichen auf den Grund: „Immer schneller“, „Zeit ist Geld“ und „Always on“. Das Thema Zeitknappheit beschäftigt die Menschen bereits seit vielen Jahrhunderten.

Am Beginn der Reisewelle: die Postkutsche

Postkutsche aus dem Bestand des Museums für Kommunikation Nürnberg am Christkindlesmarkt in Nürnberg; Bildnachweis: Sir James/wikimedia commons cc

Anhand von 250 Exponaten zeigt die Ausstellung, wie sehr Beschleunigung unseren Alltag durchdrungen hat. Bei den Exponaten handelt es sich dabei um ganz alltägliche Objekte, die jedoch Arbeit und Leben der Menschen in der Vergangenheit sowie in der Gegenwart entscheidend mitprägen: von einem Stundenzettel aus dem frühen 18. Jahrhundert, mit dem die Pünktlichkeit der Postreiter kontrolliert wurde, bis zum Blackberry, von der Arbeitszeitkontrolluhr um 1910 bis zum Reissverschluss. Die Präsentation veranschaulicht, wie sich zuerst wenige und dann immer mehr Menschen im Wettlauf mit der Zeit befinden. Dabei setzen die Ausstellungsmacher, wie sie selbst betonen, eher auf Entschleunigung.

Cleveres Zeitmanagement gilt als Tugend der Moderne

Schnell einen Coffee-to-go mitnehmen und in der S-Bahn mit dem Smartphone die neuesten Twitter-Nachrichten checken. Unser „alltäglicher Wahnsinn“ besteht aus dem permanenten Zwang, Zeitabläufe immer enger zu takten. Die Uhr wird dabei zum unentbehrlichen Kontroll- und Steuerungsinstrument, nach dem sich zunehmend grössere Teile der Bevölkerung zu richten haben.

Zeit ist zwar objektiv messbar, aber ihre Wahrnehmung ist höchst subjektiv. Zehn Minuten können wie im Flug vergehen oder als quälend lang empfunden werden – je nach Situation und Person. Das Tempo unseres Lebens können wir zwar beeinflussen, es fällt jedoch schwer, sich dem Takt der Gesellschaft zu entziehen. Ständig müssen wir unsere persönliche Geschwindigkeit mit dem Rhythmus unserer Umgebung in Einklang bringen. Stress und Hektik haben unsere Gegenwart fest im Griff.

Ein cleveres Zeitmanagement gilt als Tugend der Moderne. Multitasking, also das gleichzeitige Verrichten mehrerer Tätigkeiten, ist dessen unbedingte Voraussetzung. Warum aber haben wir immer weniger Zeit, obwohl wir doch – rein rechnerisch betrachtet – immer mehr Freizeit haben müssten? Laut einer repräsentativen Umfrage des Statistischen Bundesamts verfügt jeder erwachsene Deutsche über 42 Stunden Freizeit in der Woche – mehr als je zuvor. Und wir hätten die nie dagewesene Freiheit, die Mussezeit nach unserem Gusto zu gestalten, schreibt Stefan Klein in der August-Ausgabe von „Cicero“. Das Magazin für politische Kultur widmet die Titelgeschichte der hundertsten Ausgabe der fehlenden Zeit.

Die Uhr wird zum unentbehrlichen und unerbittlichen Kontroll- und Steuerungsinstrument. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts hat der Mensch auch beim Reisen die Uhr fest im Blick; Reisewecker um 1880; © Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Ratgeber zu den Themen Zeitmanagement und Work-Life-Balance haben Hochkonjunktur und versprechen simple Lösungen. Dennoch scheinen wir nicht mit unserer Zeit auszukommen. Diese „Zeit-Helfer“ können uns allenfalls veranlassen, effizienter mit unserer Zeit umzugehen. Aber selbst dieser Effekt der Zeitoptimierung wird von Gesellschaftskritikern infrage gestellt. Der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck beispielsweise schreibt bissig: „Man verliert die meiste Zeit damit, dass man Zeit sparen will“. Auch Museumsdirektor Gold äussert sich skeptisch: „Paradoxerweise führen durch solche Techniken gewonnene Zeitfenster selten zu mehr Musse, sondern werden meistens zu einer weiteren Verdichtung und Beschleunigung genutzt“.

Weder die Ausstellung noch die begleitende Publikation „Zeitsparbuch“ wollen allerdings Zeitspar-Ratgeber sein – sie wollen vielmehr Denkanstösse im Umgang mit der Zeit geben und zur Reflexion über das Phänomen anregen. „Die Zeit ist, worin sich Ereignisse abspielen“, definierte der Philosoph Martin Heidegger (1899 bis 1976) ganz lapidar. Zeit ist ein knappes Gut, sie ist nicht käuflich und kann nicht angehäuft werden wie Geld oder Gold, und sie kann auch nicht gehortet werden wie Lebensmittel- oder Rohstoffreserven. Zeit kann nicht angehalten werden, sie rinnt kontinuierlich und gleichmässig wie Sand im Stundenglas. Man kann auch nicht zweimal über sie verfügen, selbst wenn man mehrere Dinge gleichzeitig bewältigt. Deswegen müssen selbst Milliardäre bei allem Reichtum mit ihrer Zeit haushalten.

Unter dem Diktat der Beschleunigung

Dass es keine Zeitsparkassen und -konten gibt, auf die man Guthaben einzahlen und in stressigen Zeiten davon profitieren kann, hat Michael Ende spannend in dem Märchen-Roman „Momo“ geschildert: Eine gespenstige Gesellschaft „grauer Herren“ ist darin am Werk und veranlasst immer mehr Menschen, Zeit zu sparen. Aber in Wirklichkeit betrügen sie die Menschen um diese ersparte Zeit und nehmen ihnen alle Lebensfreude. Die Welt wird kälter und gefühlsärmer, das Leben immer gleichförmiger. Doch dank Momo und ihrer Freunde endet das Märchen mit einem Happy End.

„Momo“, Umschlagentwurf von Katja Ungerer nach einer Zeichnung von Michael Ende; Foto: Hans-Bernd Heier

Immer schneller – im Kampf gegen die Uhr

Über viele Jahrhunderte zwingen vor allem natürliche Gegebenheiten und die Grenzen seiner Körperkraft den Menschen zur Langsamkeit. Die Menschheit orientiert sich am wiederkehrenden Kreislauf der Natur. Doch schon im Spätmittelalter treiben Kaufleute aus wirtschaftlichem Interesse den Ausbau des Botenwesens voran, denn sie erkennen in der schnellen Beschaffung von Informationen einen gewinnträchtigen Wettbewerbsvorteil.

Die Post der Thurn und Taxis revolutioniert ab 1490 das Tempo des Nachrichtenverkehrs, indem sie statt eines einzelnen Boten eine Kette von Postreitern einsetzt, die sich unterwegs abwechseln. Dadurch umgeht das Unternehmen die Erholungszeiten des Postpersonals. Der Siegeszug der Beschleunigung beginnt.

Spezielle Luftpostbriefkästen sollen für einen schnelleren Transport von Luftpost sorgen; Foto: Hans-Bernd Heier

Neben Briefen und Waren befördert die Post seit Mitte des 17. Jahrhunderts auch Personen. Bis ins 18. Jahrhundert werden einzelne Postlinien Schritt für Schritt zu einem Netz verknüpft. Die Post führt allgemeingültige, regelmässige Fahrpläne ein und erwartet von ihren Angestellten Pünktlichkeit und Schnelligkeit. Im 18. Jahrhundert werden Abfahrtszeiten nach Stunden bemessen, zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereits auf die Minute genau. Für besonders eilige Nachrichten werden Extra-Dienste eingeführt. Im Personenverkehr erzielt die ab 1821 eingeführte Schnellpost eine Verkürzung der Reisedauer um nahezu die Hälfte. Durch die Eisenbahn kommt es erneut zu einer Beschleunigungsrevolution. Die Verkehrszeiten verkürzen sich enorm, die Netze werden enger und weiten sich bald über die ganze Welt aus.

„Endlich Betonstrasse“, Anzeige von 1931; neue Maschinentechnik und die Verbesserung der Verkehrswege ermöglichen es den Menschen, immer schneller voranzukommen. Geschwindigkeitssteigerung wird zur Voraussetzung für den Fortschritt; © Museumsstiftung Post und Telekommunikation, mit freundlicher Genehmigung der Dyckerhoff AG

Langsamkeit – der schlimmste Feind der Moderne

Fortschritte werden in den folgenden Jahrhunderten sowohl durch effizientere Organisation als auch neue Maschinentechnik erzielt. Durch die Industrialisierung, den Ausbau des Eisenbahnnetzes, Automobilität und Luftfahrt nimmt die Mobilität der Menschen seit dem 19. Jahrhundert rasant zu. Die Transportzeiten für Waren, Personen und Informationen verkürzen sich fortwährend. Die Welt scheint zu schrumpfen, während sich der Radius, in dem sich Menschen und Waren bewegen, ausweitet. Der Warenverkehr entwickelt sich zu einer modernen weltumspannenden Logistik, bei der „Just in Time“ das A und O des Services ist.

  →  Folge 2  

Comments are closed.