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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

6. Internationaler Sir Georg Solti Dirigentenwettbewerb

Dirigentenkür in Frankfurt am Main

Text und Fotos: Renate Feyerbacher

Zum letzten Mal wurde der inzwischen 6. Internationale Sir Georg Solti-Dirigentenwettbewerb von Karl Rarichs verantwortet, dem Gründer dieses alle zwei Jahre wiederkehrenden Musikereignisses. Im Finalkonzert am 23. September 2012 in der Alten Oper Frankfurt wurde der „Vater“ des Wettbewerbs verabschiedet.

Karl Rarichs (2010)

Dem ehemaligen Geschäftsführer des Frankfurter Musikverlages C. F. Peters, den Konzertbesuchern aber besser bekannt als Chordirektor der Frankfurter Singakademie, als künstlerischer Leiter der Frankfurter Museumskonzerte und der Weilburger Schlosskonzerte, wurde von Gabrielle Solti, der Tochter des Dirigenten gedankt: „Meine Mutter und ich danken Ihnen von ganzem Herzen für alles, was Sie im Sinne von Sir Georg Solti für den Dirigentennachwuchs getan haben“.

Lady Valerie Solti mit Shizuo Kuwahara (2008)

Leider konnte die Schirmherrin Lady Valerie Solti, seine Witwe, die durch ihr herzliches Wesen 2008 begeisterte, auch diesmal nicht dabei sein.

Und das sind die drei glücklichen Finalisten und Sieger des Abschlusskonzertes 2012:

Brandon Keith Brown, Daniel Smith, Daye Lin (vonlinks)

Kleiner Rückblick

Benannt wurde der Wettbewerb nach Sir Georg Solti (1912 bis 1997), einem der ganz grossen Dirigenten der Nachkriegszeit. Er war von 1952 bis 1961 Generalmusikdirektor in Frankfurt am Main. Diese Zeit nannte er „überaus glücklich und künstlerisch fruchtbar“. Der in Budapest Geborene, Schüler von Béla Bartok und Zoltan Kodály, der 1969 geadelt wurde, übernahm als letzte Dirigentenposition die Leitung des einzigartigen Chicago Symphony Orchestra.

Bescheiden fing es an: Damals meldeten sich 120 Bewerber zum 1. Solti-Dirigentenwettbewerb im Jahr 2002. Heute, 2012 beim jüngsten Wettbewerb, waren es 405, darunter 40 Dirigentinnen. Aus 70 Ländern kamen die Teilnehmer, die meisten aus den USA. 22 konnten sich für die Endrunden qualifizieren, darunter waren vier Frauen. Eine von ihnen, Yi-Chen Lin aus Taiwan, war eine Favoritin für das Finale. Hochtalentiert, mit grossem Charisma, beurteilte sie Jurymitglied Markus Stenz, Generalmusikdirektor der Stadt Köln und Gürzenich-Kapellmeister. Allerdings sei sie eine absolute Newcomerin, die noch kein grosses Repertoire habe.

Die Frauen kommen!

Beim 3. Wettbewerb 2006 bekam eine Frau den 1. Preis: Shi-Yeon Sung. Shizuo Kuwahara erhielt den 2. Preis, nahm aber erneut am 4. Wettbewerb 2008 teil und gewann dort den 1. Preis. Auch ein Deutscher, Andreas Hotz, hatte es ins Finale geschafft, er wurde Dritter.

Vor zwei Jahren, also 2010, war das Finale ungeheuer spannend. Teilnehmer waren der Spanier José Luis Gómez Ríos und der Engländer Kevin Griffiths. Sie begeisterten gleichermassen. Der dritte im Bunde war der US-Amerikaner Tito Muñoz. Alle drei haben Karriere gemacht.

José Luis Gomez, der damals den 1. Preis erhielt, ist in Venezuela geboren und aufgewachsen, studierte zunächst Violine in seiner Geburtsstadt Maracaibo, dann an der Manhattan School of Music in New York. Mit elf Jahren war er bereits Konzertmeister des Jugendorchesters der Region Zulia. Er ist ein Sprössling des weltberühmten „Sistema de Orquestas Juveniles de Venezuela“, das Kinder aus allen sozialen Schichten eine musikalische Früherziehung ermöglicht. Durch Gustavo Dudamel, der als Dirigent bereits Weltkarriere gemacht hat und ebenfalls aus dem „Sistema“ kommt, hat José Luis Gómez erste Dirigier-Erfahrungen gesammelt. Heute ist er Chefdirigent des Orchester des Teatro Sociale di Como und Assistent von Paavo Järvi beim hr Sinfonieorchester.

Kevin Griffiths, geboren in London, studierte dort an der Royal Academy of Music. Lothar Zagrosek, David Zinman, Sir Simon Rattle und Sir Roger Norrington sind Dirigenten, die mit ihm bereits zusammenarbeiteten beziehungsweise ihn beienflussten. Er ist heute Chefdirigent des Collegium Musicum Basel und Young Conductor beim Orchestra of the Age Enlightenment. Er fördert sehr die moderne Musik.

Tito Muñoz ist heute Musikdirektor an der Opéra national de Lorraine und Chefdidirigent des Orchestre symphonique et lyrique de Nancy.

José Luis Gomez, Kevin Griffiths, Tito Muñoz

Der Wettbewerb 2012

Beim diesjährigen Wettbewerb musizierte bei ersten Auswahlrunden das Frankfurter Opern- und Museumsorchester. Sein 1. Konzertmeister, Ingo de Haas, war Mitglied der Jury zusammen mit Sebastian Weigle, dem Chef des Orchesters. Die Intendanten der Oper Frankfurt, Bernd Loebe, und der Alten Oper, Stephan Pauly, gaben ebenso ihr Votum wie Andrea Zietzschmann, die Leiterin des Bereichs Musik und Orchester beim Hessischen Rundfunk und Managerin des Klangkörpers.

Nicht nur der Eindruck, die Optik vom Finalkonzert, sondern auch der Gesamteindruck der letzten Probewoche mit dem hr Sinfonieorchester, dessen 1. Konzertmeister, Ulrich Edelmann, in der Jury der Vorauswahl war, gaben den Ausschlag. So begründete der Vorsitzende der Jury, Rolf-E. Breuer, das Votum. Wie schon 2010 musste das Gremium auf die Anwesenheit von Lady Valerie Solti verzichten.

Entscheidend sind ausser dem musikalischen Handwerk auch der Umgang mit Menschen, Körpersprache, Charisma und die Fähigkeit zu begeistern.

Daye Lin und Ulrich Edelmann

Den ersten Preis erhielt Daye Lin (32), seit zwei Jahren Chefdririgent des Guangzhou Symphonia Orchestra. Er erhielt seinerzeit ein Stipendium des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) und studierte an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Über 15.000 Euro konnte er sich freuen.

Der 30jährige Australier Daniel Smith wurde Zweiter und mit 10.000 Euro belohnt. Viel Leidenschaft wurde ihm bestätigt, aber auch eine gewisse fahrige Schlagtechnik. Er ist Gewinner verschiedener europäischen Dirigentenwettbewerbe.

„Feier danach“: Sebastian Weigle, Chef des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters, und Brandon Keith Brown

Sehr gut gefiel auch der dritte Preisträger, Brandon Keith Brown (31). Der farbige US-Amerikaner erinnerte mich an Dean Dixon (1915 bis 1976), den Chefdirigenten des Radio Sinfonieorchester Frankfurt (heute umbenannt in hr Sinfonieorchester) von 1961 bis 1974. Er war bereits Assistent von Lorin Maazel und wurde 2011 von den Wiener Philharmonikern zum Operncamp für Jugendliche zu den Salzburger Festspielen eingeladen.

„Feier danach“: Brandon Keith Brown, Daniel Smith, rechts der Organisator Axel Schlicksupp, Orchesterdirektor der Badischen Staatskapelle Karlsruhe

Einige durchaus kompetente Leute im Publikum hätten anders gestimmt. Aber sie waren auch nicht bei den Probenarbeiten dabei.

Auf jeden Fall braucht man sich um die Karriere der drei keine Sorgen zu machen. Sie werden in den Dirigentenhimmel aufsteigen. „Was hier kreiert wird, ist und soll Weltspitze sein“, so Rolf-E. Breuer.

 

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