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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Sandra Mann zum Jubiläum „10 Jahre Galerie Perpétuel“

Auf „Geile Welt“ folgt „Heile Welt“

Rauminstallation, Details

Artemis (Sophie Fechenheimer Wald), 2012, Archivalischer Pigmentdruck auf Canvas, 80 x 120 cm

Nein, die heile Welt als Wohnzimmer stellt man sich anders vor, und die Frankfurter Künstlerin Sandra Mann, die auf ihre Ausstellung „Geile Welt“ nun eine gar nicht so heile „Heile Welt“ folgen lässt, wählte den Titel nicht ohne bissige Ironie und Sarkasmus.

Dann aber erwächst in einer Fotografie die Figur eines schönen Mädchens aus einem Walddickicht, „auf du und du“ und nachgerade verschwistert mit einem Baum, über ihren Kopf hält sie geheimnisvoll ein Geweih. Sind wir hier auf einem chiffrierten Pfad in die „Heile Welt“?

Es geht drunter und drüber in dieser kleinbürgerlich eingerichteten Wohnung: ein eingeschlagener, von der Wand gefallener Spiegel, zerbrochene Vasen und Lampen, auf den Boden geworfene, ausgelaufene Flaschen und zerknitterte Zeitschriften, zerstörtes Mobiliar, zersplitterte Erinnerungsstücke an ein „heiles Familienleben“, ein vermüllter Couchtisch zeugen von kaputten Beziehungen innerhalb dieser vier Wände.

Gab es Streit zwischen Eheleuten, Lebenspartnern, zwischen Eltern und jugendlichen Kindern? Wurde mit Gegenständen geworfen, gar geschlagen? Anwesend ist niemand. Auch das Hundebett ist verlassen. Was sich im Alltag meist hinter verschlossenen Türen ereignet, inszeniert die Künstlerin, für jedermann auf der Strasse ersichtlich, im Schaufenster der Frankfurter Galerie Perpétuel.

Sandra Mann präsentiert eine dreiteilige Arbeit: die bereits genannte Rauminstallation, neuere Fotografien aus dem Jahr 2012 sowie eine Dokumentation über Familientragödien, meist mit Todesfolge, über häusliche Gewalt vor allem gegenüber Frauen sowie die Betroffenheit von Kindern in derartigen Situationen durch Vernachlässigung und auch Missbrauch. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Mann erweist sich damit ein weiteres Mal – denken wir an „Geile Welt“ –  als eine, so könnte man sagen, programmatische Künstlerin. Sie greift gesellschaftlich hoch relevante Themen auf und bringt sie mit ihren spezifischen künstlerischen Mitteln auf eine besondere Weise und mit grosser Sinnlichkeit zur Geltung, ohne jedoch mit dem pädagogischen Zeigefinger zu drohen. Das rein Konzeptuelle, zu dessen Verständnis selbst ein mit Abitur und Hochschulstudium ausgerüsteter Betrachter erst eine mehrseitige Handreichung oder einen halbstündigen Vortrag von Künstler oder Kurator benötigt, ist nicht ihr Ding.

Von besonderem Reiz in dieser Ausstellung sind der Dualismus, die Gegensätzlichkeit zwischen der gespenstisch-realistischen Inszenierung des von gewalttätiger Auseinandersetzung gezeichneten Wohnzimmers und den fotografischen Arbeiten von grosser Schönheit, Anmut und Ästhetik. Mehrere dieser Fotografien hängen in der Installation, andere im kleineren der beiden Ausstellungsräume der Galerie. Sie „wachsen aus kaputten Möbeln, Scherben und Beziehungsresten bis in den nächsten Raum hinein, und zeigen, dass sich das Leben immer wieder einen Weg sucht“, schreibt die Künstlerin.

Sophie, ihr Modell, eine sehr hübsche Mädchen-Frau: Die Künstlerin hat sie unter anderem im Wald, auf einem Frankfurter Antikmarkt oder in einem Treppenhaus fotografiert.

im Hintergrund: Sophie auf der Treppe, 2012, Archivalischer Pigmentdruck auf Canvas, 180 x 120 cm
– eine Reminiszenz an Gerhard Richters wunderbares Gemälde Ema (Akt auf der Treppe) sei erlaubt

im Hintergrund: Versunken (Sophie Antikmarkt Frankfurt), 2012, Archivalischer Pigmentdruck auf Canvas, 80 x 100 cm

Erschütternd die Dokumentation aus kopierten Zeitungsausschnitten mit Presseberichten über Familientragödien und familiäre Verzweiflungstaten, oft kaum erträglich die reisserisch-voyeuristische Aufmachung der Texte.

Montage: FeuilletonFrankfurt

Der Betrachter der Ausstellung mit all ihren Komponenten wird in ein Wechselbad zunächst widersprüchlich erscheinender Eindrücke und Bilderwelten geschickt und dabei – die Künstlerin ist fern und der Galerist arbeitet in der Werkstatt – allein gelassen. Das ist gut so. So kann sich in ihm langsam ein Etwas formen, aus Verstand und Gefühl und vor allem aus sinnlicher Wahrnehmung der Verletzbarkeit dieser besonderen, aus den Fotografien sprechenden Mädchenhaftigkeit. Heile Welt? Sie gibt es nicht – und sie gibt es eben doch. Wir müssen nur den Mut haben, uns zu ihr zu bekennen und für sie zu streiten. Streiten vor allem gegen eben jene uns allseits lockende wie bedrängende „Geile Welt“. Schauen wir in letztgenannte gerad‘ noch mal eben hinein.

Sandra Mann und Artemis (Sophie Fechenheimer Wald), 2012, Archivalischer Pigmentdruck auf Canvas, 80 x 120 cm

Bei allem gilt es, ein schönes Jubiläum zu würdigen: 10 Jahre Galerie Perpétuel – die „Immerwährende“ – in Dribbdebach, will sagen in Frankfurt-Sachsenhausen. Galerist Milorad Prentovic kümmert sich im Schwerpunkt um unsere einheimischen Künstlerinnen und Künstler, wir zollen ihm dafür Respekt und Anerkennung. Dass man bei Perpétuel Qualität sieht, versteht sich dabei von selbst.

Ausser Sandra Mann zählen zu den Galeriekünstlerinnen und -künstlern Heather Allen, Stefan Bressel, Anja Conrad, Hans Demeulenaere, Dogan Dogan, Heike Döscher, Nicolaj Dudek, Bea Emsbach, Andreas Exner, Thomas Hartmann, Florian Heinke, Jens Jansen, Naji Kamouche, Notburga Karl, Soyeon Kim, Caroline Krause, Erika Krause, Anni Laakso, Hojin Lee, Jens Lehmann, Andreas Lorenschat, Corinna Mayer, Anny und Sibel Öztürk, Hans Petri, Simonida Rajcevic, Andreas Rohrbach, Edwin Schäfer, Mathias Scholten, Judith Schwinn, Eun-Joo Shin, Jörg Simon, Anja Teske, Stefanie Trojan und Anke Wenderoth. (Wir haben die Künstlerliste der Website der Galerie entnommen und können für Vollständigkeit nicht garantieren.)

An einen „Selbsterfahrungsabend“ mit Eva Weingärtner in der Galerie denken wir besonders gern zurück.

FeuilletonFrankfurt gratuliert herzlich zum Jubiläum!

10 Jahre Galerie Perpétuel: Milorad Prentovic, mit Leib und Seele Galerist, vor: Beauty (Sophie Fechenheimer Wald), 2012, Archivalischer Pigmentdruck auf Canvas, 100 x 100 cm

Sandra Mann, Heile Welt, Galerie Perpétuel, bis 18. Oktober 2012

Fotografische Arbeiten und entsprechende Abbildungen © VG Bild-Kunst, Bonn; Fotos in der Galerie: FeuilletonFrankfurt

→  “Geile Welt” – “heile Welt”? Sandra Mann in der Frankfurter Oberfinanzdirektion

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