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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

documenta 13 in Kassel (34 – Schluss)

Die documenta geht – der Mann im Turm bleibt
Ein etwas wehmütiger Abschied von der documenta 13

Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev sah damals rot bei seinem Anblick. Nun werden die Ampeln alsbald auf Grün geschaltet, denn: Stephan Balkenhols „Mann im Turm“ bleibt.

© VG Bild-Kunst, Bonn

Nun geht sie zwar, diese documenta 13, aber auch von ihr wird manches, vielleicht sogar vieles bleiben: in unserer Erinnerung. Sie hat uns mit vielerlei Eindrücken beschenkt, uns reicher, empfangsbereiter, toleranter und – nicht klüger, nein, – weiser gemacht. Daran ändern auch Toilettentürsprüche in der ehrwürdigen Dokumenta-Halle nichts.

Carolyn Christov-Bakargiev dreht den Spiess, wie man so sagt, um: „Der Hundepark darf nur von Menschen in Begleitung von Hunden betreten werden“. Ob der Hunde-Kunst-Park bleibt, wissen wir nicht; schön wäre es. Nach unseren Beobachtungen ist er einer der Publikumslieblinge im Auepark.

Manches hat sich verändert in den 100 Tagen Kunstausstellung. Erinnern Sie sich zum Beispiel an Yan Leis grosse Gemäldeausstellung „Limited Art Project“? Nunmehr sieht sie, wie damals angekündigt, tatsächlich so aus wie auf dem nachfolgenden aktuellen Foto.

Auch haben sich Maria Lobodas Preussentruppen in Gestalt schlanker Zypressen – ebenfalls wie seinerzeit angekündigt – mächtig nach vorn bewegt: In Keilformation stehen sie bereits unmittelbar vor dem Orangerieschloss, am heutigen Sonntag erfolgt die Kapitulation. Die Künstlerin scheint uns ein Historienspiel vorzuführen, die Besetzung und Annexion des Kurfürstentums Hessen mit seiner Haupt- und Residenzstadt Kassel im Jahr 1866 durch die bösen, machtgierigen Preussen. Nun, auch diese Geschichte gehört zu den Grundsteinen in der Entwicklung Deutschlands aus über 300 Klein- und Kleinststaaten zum Nationalstaat – mit all den bekannten guten wie auch schrecklichen Folgen.

Er wird wohl kaum bleiben, der von Unkraut („Un“kraut?) überwucherte, in seinem Inneren einen Müllhaufen beherbergende Hügel namens „Doing Nothing-Garten“ von Song Dong, auf der grossen Karlswiese vor dem Orangerieschloss. Zum Vergleich: In ihrem über 200jährigen Bestand bleiben werden die klassizistischen, im Jahr 1804 aufgestellten Skulpturen im Halbrund gegenüber dem Schloss.

Prächtig entwickelt hat sich der kleine Sprössling zu Füssen des wuchtigen, von Giuseppe Penone errichteten Bronze-Baums „Idee di Pietra“. Wird er bleiben und wachsen dürfen? Gehört er denn überhaupt zum Kunstwerk?

Wir haben in unseren Reporten zur documenta 13 lediglich einen Bruchteil der ausgestellten Arbeiten berücksichtigen können, jedoch einen zumindest einigermassen repräsentativen Querschnitt des Gezeigten präsentieren wollen, dem Motto von Carolyn Christov-Bakargiev folgend: „einiges mag Kunst sein oder auch nicht“. In letzterem sahen wir eine der reiz- wie lustvollen Strategien dieser Kunstschau. Christov-Bakargievs für manche provokativ erscheinende Infragestellung des anthropozentrischen Weltbilds hat uns – in der Sinnlichkeit und Wahrnehmbarkeit mancher solcher Arbeiten – ebenso erheitert wie betroffen gemacht. Wir haben viel Kritik an dieser documenta vernommen, wobei sich Kritik so manches Mal bei näherem Hinsehen auch als Verständnisunwilligkeit und als Verweigerungshaltung entpuppte. Wir nehmen von dieser documenta viele gute Erinnerung und Gedanken in die nächsten fünf Jahre – 2017 soll, den bisherigen zeitlichen Rhythmus vorausgesetzt, die documenta 14 folgen.

„Es ist doch in der Welt immer Abschied nehmen“ – eine weise Erkenntnis. Johann Wolfgang Goethe hat sie in einem seiner Briefe an Charlotte von Stein so poetisch formuliert.

Blick von Anri Salas „Clocked Perspective“ auf das ferne Orangerieschloss

Fotos: Jürgen E. Reinwald (1) und FeuilletonFrankfurt

→  documenta 13 in Kassel (1)
→  documenta 13 in Kassel (33)

Die documenta 13 schliesst am heutigen 16. September 2012

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