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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Archiv für August, 2012

Alltägliche und seltsame Geschichten und Begebenheiten (10)

2012, August 31.

Am Ende der Welt
von Roald Graf Amundsen

© -habust-

Anno 2017 war es endlich soweit, ich packte meine Siebensachen zusammen und fuhr ans Ende der Welt.

Dort angekommen, packte ich meine Siebensachen wieder aus und sortierte Leibwäsche, Kniestrümpfe, Lodenhemden, Hosenträger, Ärmelschoner, meine geliebte Ziehharmonika und die Zähne in die dafür vorgesehenen Behältnisse der von mir um ein bescheidenes Entgelt angemieteten Dachkammer der kleinen, aber blitzsauberen Pension. Weiterlesen

Alltägliche und seltsame Geschichten und Begebenheiten (9)

2012, August 30.

Wandertage mit Conny

von © -habust-

Scheppernd reißt mich der gute, alte Küchenwecker aus seligen Träumen. Ich glaube zu träumen. Welcher Kackvogel hat den auf halb vier gestellt? Doch da hämmert es schon an meine Stubentür, und ein silberhelles Stimmchen ruft: “Aufstehn! Losgehn! Nicht nochmal im Bett rumdrehn!! Heut ist Wandertag!”

Später, als wir auf 2.437 müM zum ersten Male währschaft brotzeiten, kommen wir ins Gespräch. Conny heißt sie, meine Bergführerin. Ich bin ihr erster Kunde Weiterlesen

documenta 13 in Kassel (30)

2012, August 27.

Pedro Reyes: das Sanatorium verheisst Rettung!

Angenommen, liebe Leserinnen und Leser, Sie durchwandern bei Ihrem Besuch der documenta 13 auf der Suche nach Kunst kreuz und quer die weitläufige Karlsaue, legen dabei Kilometer um Kilometer zurück, stehen sich vor manchen Objekten die Beine in den Bauch, die Füsse brennen, die Knie schmerzen, der Hals ist trocken und – das Schlimmste – : Ihr Gehirn rumort und rotiert ob all der Kunstwerke, die Sie betrachtet haben, Ihr Blick ist vernebelt, der Blutdruck sinkt, Sie beginnen zu wanken und zu schwanken, sind der Verzweiflung nahe, ja Sie glauben gar, das Totenglöckchen habe bereits Ihr letztes Stündlein eingeläutet – da auf einmal erscheint Rettung: ein Sanatorium ist in Sicht! Mit letzter Kraft erreichen Sie das mit einem Rot-Kreuz-Enblem versehene, Vertrauen einflössende Gebäude.

In der Aufnahme empfängt Sie ein freundliches Team in Medizinerkitteln Weiterlesen

Die BMW Isetta

2012, August 26.

Gestern und heute: grosses Isetta-Treffen im hessischen Weiterstadt! Etwa 400 Isettas sollen sich samt stolzen Frauchen und Herrchen eingefunden haben. Leider kann der Autor nur virtuell teilnehmen, weil er seine Isetta, im zarten Alter eines Unterprimaners erworben, dummerweise nach einem Jahr wieder verkauft hat. Also hier ist er, lang ist ’s her, mit dem tollen Gefährt und mit Sack und Pack auf dem Weg zum ersten Studiensemester nach Marburg:

Das Wägelchen hatte ein paar kleine Beulen, der untere Teil war lindgrün, der obere einschliesslich der Tür elfenbein lackiert, in der Mitte trug es eine rote Bauchbinde, im gleichen Rot waren auch die Felgen gestrichen. Schmuck sah sie aus, die „Knutschkugel“, und im Inneren hatte die Freundin mit Lippenstift ein rotes Herz auf die Pappverkleidung gemalt!

Die Tür öffnete nach vorn, wobei das Lenkrad seitlich abknickte, der Getriebeschalthebel ragte aus der linken Wand heraus, sogar eine Handbremse gab es irgendwo. Mit seinem 300 Kubikzentimeter kleinen 1-Zylinder-Motörchen – 13 PS! – fuhr es so seine runde 80 kmh, wenn man ihm gut zuredete.

FeuilletonFrankfurt grüsst alle Isettas in Weiterstadt!

 

documenta 13 in Kassel (29)

2012, August 26.

István Csákány: Von feinen Blaumännern und leeren Nähstuben

Hat man je schon einmal solch feine „Blaumänner“ gesehen? Aber wo sind die Näherinnen? Hier kann doch etwas nicht stimmen: Eine kleine Fabrikationshalle, mit Näh- und Bügelmaschinen und allen zugehörigen Einrichtungen und Utensilien, eine Näherei offensichtlich, taghell erleuchtet, aufgeräumt, absolut betriebsbereit, aber menschenleer. Betriebsstillegung, warum? Ist der Betriebseigner erkrankt, gar verstorben? Die Produktion wegen billiger Auslandsimporte nicht mehr rentabel? Was wird hier dann noch produziert ausser Arbeitslosigkeit?

Daneben ein Laufsteg, aber: kein Catwalk. Kein Glamour, keine Models, keine Festspielabendroben, keine Minibikinis, weder hip noch top, weder cool noch sexy, sondern: Arbeitsbekleidung, Blaumänner. Auch hier kann doch wieder etwas nicht stimmen: Die Bekleidung in feinstem Zwirn von edlem Glanz, perfekt verarbeitet, in elegantem Dunkelmarineblau wie ein Nobelblazer im stinkfeinen englischen Adelsclub. Und wieder weit und breit kein Mensch, keine Bewegung oder Begegnung. Die Bekleidung sitzt, über korrekt gebügelten weissen Hemden, auf kopflosen Ausstellungspuppen.

Wir befinden uns im Nordflügel des ehemaligen Kasseler Haupt- und heutigen Kulturbahnhofs. Der Nähereibetrieb mit all seinen kleinsten Details einschliesslich der Elektrokabel ist – man glaubt es kaum – aus Holz, handgeschnitzt und handgedrechselt. Auch die ausgestellte Edel-Arbeits-Bekleidung ist reine Handarbeit. Wieviel an Arbeitswochen, -monaten, gar -jahren verkörpert sich in dieser Installation?

István Csákány beschenkt uns mit einer grossvolumigen, sinnlichen, eindrucksvoll-suggestiven Arbeit, die sich – im Gegensatz zu vielen anderen, die wir auf der documenta 13 antreffen – recht leicht erschliesst: Sie spiegelt zum einen, gerade in ihrer durchaus anachronistischen Handwerklichkeit, den Dualismus – oder sagen wir konkreter das Auseinanderfallen – von „Kunst“ und eben jenen handwerklichen Fähigkeiten wider, die, lang ist es her, für ein „Kunstwerk“ geradezu als konstitutiv angesehen waren.

Csákány spielt mit dem Stilelement der Groteske: Die Welt der Maschinen ist in mühevoller Handarbeit aus Holz gefertigt; die elegant-feinen Blaumänner taugen weder als Arbeits- noch als Ausgeh- oder Festtagskleidung. In ihrer Sinnlichkeit vermittelt uns die Installation daher eine ganze Menge über die Arbeitswelt, über das Verhältnis zwischen den Blazer- und den Blaumannträgern, zwischen den einen, die Bedingungen von Arbeit setzen, und den anderen, die Arbeit gemäss diesen Bedingungen verrichten, über den Widerspruch zwischen Massen- und Handfertigung. Die Abwesenheit von Menschen in der Produktionshalle wie auf dem Laufsteg mag zugleich für die Entfremdung zwischen Mensch und Arbeit wie für den gesellschaftspolitischen Faktor Arbeitslosigkeit stehen.

István Csákány wurde 1978 in Sepsiszentgyörgy, Rumänien geboren. Er studierte an der Hungarian Academy of Fine Arts in Budapest, wo er auch heute lebt und arbeitet. Csákány stellte vielfach in europäischen Ländern aus.

→  documenta 13 in Kassel (1)
→  documenta 13 in Kassel (28)

→ documenta 13

documenta 13 in Kassel (28)

2012, August 24.

Sam Durant baut den Super-Galgen

Zugegeben – so ganz geheuer kam uns das Holzgerüst in der kilometerlangen Blickachse zwischen dem Orangerieschloss und der Schwaneninsel im Grossen Aueteich nie vor, einer Annäherung an das Monstrum wichen wir, von unbestimmten Ahnungen geplagt und deshalb diese und jene Ausflüchte bemühend, eine Zeitlang aus. Dann jedoch obsiegten Forscherdrang und Neugierde, sich dem Sperrigen mit der Werksbezeichnung „Scaffold“, in Klardeutsch also Schafott oder besser Galgen, anzunähern und es am Ende gar zu besteigen. Es geht in der Tat hoch hinauf, und das auch noch auf eigenes Risiko.

Wie sagte doch einst Tracey Emin: „Ich stehe am Rande des Abgrunds, doch die Aussicht von hier ist grandios“.

Ist sie auch, im Grunde genommen. Und schliesslich stehen wir ja auf einem Kunstwerk, da dürfte uns Schlimmeres wohl kaum zustossen.

Es fügt sich, dass ein kühler, kräftiger, in Böen fast stürmischer Wind bläst, auf dem sonst so friedlichen Aueteich, unsere Grossmutter kannte ihn noch unter dem Namen „Grand Bassin“, entfacht er ein kleines Meer von ungewohntem Wellengang. Aus der Ferne grüsst der klassizistische Tempel auf der Schwaneninsel. Doch der als „Seepromenade“ bekannte, bei der Kasseler Bevölkerung beliebte Platz in der eingangs erwähnten Blickachse ist ein anderer geworden. Weiterlesen

documenta 13 in Kassel (27)

2012, August 23.

documenta-Splitter / 3

Ein Brief
von Robert Straßheim

Kassel, im August 12

Lieber Markus,

melde mich kurz aus einem Zwischenurlaub, den zu nehmen mir meine werte Gattin unverhofft, da das Baby noch kaum ein Monat alt, mir großzügig gestattete, sodass ich dir nun aus Kassel schreibe, denn wie könnte dieser Sommer vorüber gehen, ohne auf der Documenta gelebt zu haben?

Nichts zu spüren von Documenta, als der Zug einfuhr in die Wilhelmshöhle: diese dunkle betongraue Gruft, das ist Kassel pur, der kalte Hauch von Betäubung jeglichen ästhetischen Empfindens. Hell dagegen und aufgeschlossen der Hauptbahnhof, wo dann auch die documenta gefunden werden kann.

Jetzt sitze ich im libanesischen „Schnell-Restaurant“ in der Nähe des Hauptbahnhofs und frage mich, warum das nicht zur Documenta zählt? Der Libanon ist ja nun auch ein Ort, wo Menschenrechte wenig geachtet werden, Mächte und Großmächte an humanitären Lösungen desinteressiert sind. Das sollte doch reichen, um diesem geschmacklos eingerichteten Laden das d13-Label überzustülpen, und schon wär’s Weltkunst? – Allein, eine entscheidende Zutat fehlt hier: Das d-Publikum, diese bunt gefächerten Individualisten, deren Aufmerksamkeit alles adelt, was sonst durchschnittlich oder gar banal wäre.

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documenta 13 in Kassel (26)

2012, August 21.

Nalini Malani: „In Search of Vanished Blood“

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Laura Baginski – von Baubo zu Vulviva

2012, August 18.

Laura Baginski vor ihrer Skulptur „Vulviva“ in der Sonderausstellung zur Schau „Darmstädter Sezession zu Gast im Museum Giersch“ (Foto: FF, Fotonachweise s. u.)

Den dreiwöchigen Gastauftritt „12 Positionen“ der Darmstädter Sezession im Frankfurter Museum Giersch erweitert, gleichsam als 13. Position, die Sonderausstellung „Laura Baginski“ im Obergeschoss des Hauses, ebenfalls Mitglied der Sezession und Preisträgerin 2010 dieser renommierten Künstlervereinigung. Im Zentrum steht dort mit der Skulptur „Vulviva“ ihre Diplomarbeit an der Hochschule für Gestaltung HfG Offenbach.

FeuilletonFrankfurt stellte diese Arbeit bereits in einem Report zur Rundgangs-Veranstaltung 2012 der Hochschule vor. Sie war dort an einem eindrucksvoll exponierten, geradezu dramatisch erscheinenden Ort im Turm der Ruine der ehemaligen Schlosskirche zu sehen. Weiterlesen

Darmstädter Sezession zu Gast im Museum Giersch (2)

2012, August 16.

Mit zwölf künstlerischen Positionen ist die Darmstädter Sezession in diesem Sommer in einer Gastausstellung im Frankfurter Museum Giersch zu sehen. FeuilletonFrankfurt stellt, in zwei Folgen, jeweils in einem zusammenfassenden Überblick die entsprechenden Kunstschaffenden in alphabetischer Reihenfolge vor.

Museumsleiter Manfred Großkinski mit den Mitgliedern und Künstlern der Darmstädter Sezession Helmut Werres, Horst Dieter Bürkle und Nikolaus Heyduck in der Pressekonferenz Weiterlesen