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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

documenta 13 in Kassel (13)

Abwesenheiten

Guillermo Faivovich und Nicolás Goldberg: „El Chaco“ reist nicht nach Kassel

Ryan Gander: „Eine leichte Brise zieht den Zuschauer durch den Ausstellungsraum“

Und ein Schlüssel zur documenta 13 …

Sie zählt – auch – zu ihren kuratorischen Anliegen: die Abwesenheit.

Gleich zu Beginn ihrer „lecture“ in der Eröffnungspressekonferenz widmete documenta 13-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev der Nichtanwesenheit von „El Chaco“ zur 100 Tage-Ausstellung in Kassel ein ausführliches Statement.

El Chaco nicht auf der documenta 13? Wir erzählen zusammenfassend die Geschichte:

Die von Christov-Bakargiev eingeladenen Künstler Guillermo Faivovich und Nicolás Goldberg planten, „El Chaco“, den als zweitgrössten bekannten, 37 Tonnen schweren Meteoriten für die Dauer der documenta 13 vom nordargentinischen Gancedo auf den Kasseler Friedrichsplatz zu verbringen, in die Nähe von Walter de Marias „Vertical Earth Kilometer“, einem von der documenta 6 aus dem Jahr 1977 verbliebenen Kunstwerk.

Bereits im Herbst 2010 hatte das Künstlerduo den wesentlich kleineren, knapp 2000 Kilo wiegenden, ebenfalls im nordargentinischen Campo del Cielo eingeschlagenen Meteoriten „El Taco“ im Frankfurter Portikus ausgestellt, den Forscher des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie in zwei Teile zerschnitten hatten, von denen der eine in Washingston, der andere in Buenos Aires aufbewahrt worden waren. Faivovich und Goldberg fügten mit ihrer Aktion diese Hälften symbolisch wieder zusammen. In einem Interview mit dem damaligen Städelschul-Rektor und Portikus-Chef Daniel Birnbaum bezeugte Carolyn Christov-Bakargiev Mitleid mit dem Himmelskörper, der – älter als die Welt selbst – zunächst nicht und dann doch deren Teil gewesen beziehungsweise geworden sei, „transzendent und immanent zugleich“. Und der Meteorit habe „eine Art Trauma“ durchlebt, als er „in unsere Umlaufbahn gezogen wurde und zerbarst“.

Meteorit „El Taco“ im Frankfurter Portikus mit Daniel Birnbaum (seinerzeit Rektor der Städelschule), Nicolás Goldberg, Carolyn Christov-Bakargiev und Guillermo Faivovich; Foto: © Mark-Christian von Busse (Erstveröffentlichung in der HNA, Kassel)

Gegen einen Transport von „El Chaco“ nun in das ferne Europa protestierten Anthropologen und Teile der indigenen Gemeinschaft der Moqoit, die ihn verehren und bewachen und als Teil ihres Natur- und Kulturerbes betrachten. Die Künstler und die documenta verzichteten daraufhin auf ihr Vorhaben. Wie stellten sich aber die Dinge vom Standpunkt des „abwesend präsenten“ Meteoriten aus betrachtet dar, fragt Christov-Bakargiev: „Hätte er sich gewünscht, diese weite Reise anzutreten … oder hätte er den Kurztrip zu einer Kunstausstellung, anstatt zu einer Wissenschafts- oder Weltausstellung, womöglich genossen?“

Kunst werde, so Carolyn Christov-Bakargiev, auch durch das definiert, „was sie nicht tut oder nicht tun kann; sie wird sogar durch das definiert, woran sie scheitert“. Das Feld auf dem Friedrichsplatz neben Walter de Marias „Erdkilometer“ bleibt leer.

Szenenwechsel: Wir sind im Fridericianum, Erdgeschoss. Links und rechts die grossen Hauphallen. Wir gehen hinein. Sie sind – fast – leer, nur von einem kräftigen Luftzug durchweht, erzeugt von einer Windmaschine. Diese Situation – „Eine leichte Brise zieht den Zuschauer durch den Ausstellungsraum“ – ist eine der drei künstlerischen Interventionen von Ryan Gander zur documenta 13.

Abwesenheit? Abwesenheit von wem oder was? Von Kunst?

Ryan Gander „dekonstruiert Begriffe und Definitionen im linguistischen wie formalen Sinne und durchkreuzt zugleich unseren Wunsch nach vollständiger Zugänglichkeit, Verständlichkeit oder Performativität“ (Katalog).


Die linke und rechte Haupthalle im Erdgeschoss des Fridericianums; Mitte: Legende zur Arbeit von Ryan Gander

Fast leer die Hallen? Nur durchweht vom Luftzug, vom Geist, dem Geist der documenta 13? Dem Geist der Kunst? Oder die absolute Negation von Kunst?

Aber da gibt es in beiden Hallen doch noch etwas, in der linken eine kleine, in der rechten eine etwas grössere Vitrine: Zeugen weiterer Abwesenheiten.

In der linken Vitrine ein Briefwechsel mit der handschriftlichen Absage des Malers, Installations-, Foto- und Videokünstlers Kai Althoff zur documenta.

In der rechten Halle die Vitrine mit drei kleinformatigen Bronze- beziehungsweise Eisenskulpturen des 1942 verstorbenen Bildhauers Julio González, die bereits in gleicher Weise in der documenta 2 des Jahres 1959 ausgestellt waren. Daneben die Fotografie eines Unbekannten, darauf festgehalten eine Szene von eben jener Ausstellung 1959: Eine Betrachterin und ein Betrachter stehen vor – wie bereits gesagt – denselben, auf einem ähnlichen Konsoltisch aufgestellten Figuren, beziehungsweise sie gehen an ihnen vorüber.

Rückbesinnung und Wiederholung. González‘ Skulpturen werden in der Legende zur Ausstellung als Zeichen im Raum beschrieben: Linie, Gleichgewicht und Abwesenheit sind nicht weniger bedeutsam als Masse. Zugleich ein politisch-geschichtlicher Raum zwischen Vergangenheit und Gegenwart: die wiederholte Präsentation dieser Arbeiten nach mehr als 50 Jahren als Wiederaufnahme der „Trauerarbeit, die die documenta in der Kunst- und Kulturgeschichte nach den weltweiten Zerstörungen und während des Wiederaufbaus Deutschlands geleistet hat“.

Der heutige Konsoltisch:
Julio González (1867 bis 1942), Homme gothique, 1937, Bronze, 56,5 x 27 x 16 cm, Kunstmuseum Basel; Tête plate, 1930, Eisen, 21,8 x 18,2 x 11 cm, Musée Cantini Marseille; Danseuse à la marguerite, 1937, Bronze, 48,3 x 29,2 x 10 cm, IVAM Instituto Valenciano de Arte Moderno;
die gerahmte und geglaste Fotografie eines Unbekannten von 1959 aus dem documenta-Archiv, eingespiegelt der aktuelle Fotograf

Carolyn Christov-Bakargiev sieht in dieser Fotografie eine „Triangolation …, die zu einer möglichen Szene führt, in der sich die beiden Personen über das Werk unterhalten könnten. Das Werk von González fungiert wie ein Instrument, das diese Begegnung und dieses Gespräch möglich macht … Und so konzentriert sich die dOCUMENTA (13) weder auf das Performative oder das virtuose ‚Ich bin hier‘ der Facebook-Generation, noch thematisiert sie das unbewegliche Objekt … [sie] ist vielmehr ein Raum der Beziehungen zwischen Menschen und Dingen, ein Ort des Übergangs und des Durchgangs zwischen Orten und an Orten …“.

Guillermo Faivovich (geboren 1977) und Nicolás Goldberg (geboren 1978) leben und arbeiten in Buenos Aires. Ryan Gander, 1976 in Chester geboren, lebt in London. Kai Althoff wurde 1966 in Köln geboren, wo er auch heute lebt und arbeitet.

Fotos: FeuilletonFrankfurt

→  documenta 13 in Kassel (1)
→  documenta 13 in Kassel (12)

→ documenta 13

 

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