home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Franco Ruaro in der Frankfurter Westend Galerie

Franco Ruaro – Luce in colore

Von Barbara Thurau
Frankfurter Westend Galerie

Franco Ruaro gehört – wie die meisten im Kunstforum der Deutsch-Italienischen Vereinigung e.V. präsentierten Künstler – zu den Vertretern der „Pittura aniconica“, der nicht-ikonischen, ungegenständlichen Malerei. Seine Vorbilder findet er in der meditativen und monochromen Malerei, die in den späten 1940er Jahren von den amerikanischen Malern Barnett Newman, Ad Reinhardt und Mark Rothko begründet wurde. In der Farbfeldmalerei, also auch bei Ruaro, ist die Farbe absolut, schliesst die Aussenwelt aus und zwingt den Betrachter zu genauem Hinsehen.

Franco Ruaro in der Frankfurter Westend Galerie (Foto: Erhard Metz)

Franco Ruaro, 1960 geboren, studierte an der Kunstakademie in Venedig bei Emilio Vedova und lebt und arbeitet in Schio bei Vicenza. Er wurde in der Frankfurter Westend Galerie erstmals 2002 in der Ausstellung Nuove Tendenze gemeinsam mit Manlio Onorato und Gianni Pellegrini vorgestellt.

Der Titel der aktuellen Ausstellung Luce in colore verbindet die wesentlichen Elemente der Malerei Franco Ruaros in vielfacher Hinsicht, denn die Übersetzung des italienischen Titels Luce in colore – wörtlich „Licht in Farbe“ – könnte bedeuten: „Licht ist in der Farbe“, aber auch „Licht verwandelt sich in Farbe“. Wenn man die Worte aber zusammenzieht und aus in und coloreincolore“ liest, dann wird das Licht „farblos“ – es erhebt sich sozusagen über die Farbe, über die Materie hinaus. Es wurde daher bewusst auf eine einengende Übersetzung verzichtet – dies gilt im Übrigen auch für die einzelnen Bildtitel, die mit Assoziationen spielen und immer mehr als eine Bedeutung enthalten. So zum Beispiel auch der Titel des Bildes auf der Einladungskarte: Levare. „Levare“ heisst „heben“, „erheben“ und „emporheben“. Es ist auch eine sanfte Formulierung für „wegnehmen“. Als Substantiv ist es unter anderem der „Auftakt“, der „Aufgang“ – „Il levare del sole“, der „Sonnenaufgang“. All diese Bedeutungsebenen sind gemeint und sollen auch erhalten bleiben.

Soglia, Öl auf Leinwand, 2011, 60 x 40 cm (Bildnachweis: der Künstler / Frankfurter Westend Galerie)

Licht ist also das Thema der aktuellen Ausstellung. Licht spielt eine Hauptrolle in der Malerei aller Zeiten – es beherrscht die Stimmung eines jeden Gemäldes: Ob warmer Kerzenschimmer bei den Interieurs oder dramatische Hell-Dunkel-Effekte, sanfte Dämmerungen oder gleissende Mittagssonne bei den Naturdarstellungen. In der Landschaftsmalerei wird durch unterschiedliche Tonwerte der Farben zum Beispiel eine Tiefenwirkung erreicht. Zum Horizont hin werden also die Farben von Landschaft und Himmel stufenweise heller und verschwommener. Oder die Tiefenstaffelung erfolgt in umgekehrter Reihenfolge – von Hell nach Dunkel -, wenn beispielsweise eine Lichtquelle den Vordergrund beleuchtet und den Hintergrund im Dunkeln lässt.

Eine ähnliche Wirkung ist bei den Arbeiten von Franco Ruaro zu sehen. Durch die Farbabstufungen innerhalb der monochrom angelegten Flächen oder durch Hereinnahme einer zweiten Farbe – gelb, weiss – entstehen auf der Leinwand vertikale Lichtstreifen. Wenn man die Bilder in Gedanken um 90 Grad dreht, könnten es Horizonte sein, Sonnenauf- oder untergänge. Claudio Cerritelli beschreibt in seinem umfassenden Buch „Pittura aniconica“, wie die Oberfläche in Ruaros Werken „das Aussehen einer flüssigen, luftförmigen Säule annimmt, wie der Hauch einer magnetischen Energie, die sich vertikal ausdehnt …“.

Licht ist nicht materiell und kann auf der Leinwand nur durch Farbe dargestellt werden. Die Malfarbe wird also zum Symbol für Licht. Farbe selbst ist aber wiederum keine Eigenschaft der Gegenstände (wie etwa die Form), sondern nur eine visuelle Erscheinung, die von der Oberflächenstruktur der Dinge abhängt und von ihrer Fähigkeit, das Licht zurückzuwerfen.

Farbe und Licht – also beide nicht materiell – werden in den Werken Ruaros dennoch erfahrbar, fast greifbar. Ihr geheimnisvolles Leuchten, ihre ätherische Energie machen diese Leinwände zu Meditationsobjekten, in die der Betrachter eintauchen kann. Der Künstler erreicht damit das, was seit jeher ein Hauptanliegen der Malerei war: das gemalte Bild zu transzendieren, also eine bildliche Autonomie jenseits der blossen Abbildung zu schaffen – einen Raum, der in eine andere Dimension führt, in eine Welt hinter Farbe, Komposition und Motiv.

Trattenere, Öl auf Leinwand, 2012, 95 x 69 cm (Bildnachweis: der Künstler / Frankfurter Westend Galerie)

In der aktuellen Ausstellung ist das Rot die vorherrschende Farbe. Rot gilt bekanntlich als die Farbe des Lebens, der Leidenschaft und der Sinnlichkeit. Es ist die Farbe der Freude und der Liebe, aber ebenso der Aggression und der Demonstration von Macht. Aufgrund der Assoziation mit Feuer wird Rot als wärmste Farbe wahrgenommen. Zugleich ist Rot aber auch eine Signalfarbe, die auf Gefahr hinweist. Unter allen Farben findet man Rot am frühesten in symbolischer Bedeutung, oft auch mit magischen Vorstellungen verknüpft.

Wenn man an Italien denkt, denkt man sofort auch an rosso pompeiano (pompejianisches Rot), die charakteristische Wandfarbe in Pompeji. Tatsächlich hat der Künstler erst kürzlich die Ausgrabungsstätten besucht und war von der Farbigkeit der Fresken beeindruckt. Und man denkt natürlich auch an Tizian und das nach ihm benannte rosso tiziano. Rot spielte neben Blau und Gold im Barock (wie schon im Mittelalter) wieder eine zentrale Bedeutung. Bestimmend für die Malerei wurde eine Raumfarbe, die das gesamte Bildgeschehen zu einem chromatischen Gesamtton vereinigte. Einzelformen traten zurück, eine malerisch-atmosphärische Farbigkeit entstand. Als Maler aus dem Veneto konnte Ruaro sich dem Reiz und der Tradition des venezianischen Kolorismus natürlich nicht entziehen.

Incanto, Öl auf Leinwand, 2012, 60 x 40 cm (Bildnachweis: der Künstler / Frankfurter Westend Galerie)

Der Künstler steht also auch ohne Gegenstandsbezug doch ganz in der Tradition der italienischen beziehungsweise venezianischen Malerei. Auf die Suche nach einer Definition der „Italianità“ hat sich Frau Professor Sybille Ebert-Schifferer anlässlich einer grossen Ausstellung in diesen Räumen über Italienische Kunst in Frankfurter Privatbesitz gemacht. Auf die Frage, was denn die italienische Kunst zu einer solchen mache, stellt sie am Ende ihres Textes fest: „Das spezifisch Italienische scheint eher das allgegenwärtige … Bewusstsein um das kreative gesellschaftliche Potential von Kulturtradition und Geschichte zu sein. Es ist dieses Bewusstsein, als gelebte Kultur, das der Kunst in Italien bis heute eine zentrale gesellschaftliche Rolle zuerkennt …“.

Franco Ruaro, Salvatore A. Sanna, Leiter der Frankfurter Westend Galerie, und Barbara Thurau in der Vernissage (Foto: Erhard Metz)

Franco Ruare, „Luce in colore“, Frankfurter Westend Galerie, bis 17. August 2012

 

 

Schreib´ einen Kommentar