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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Holger Herrmann: Tempo, Tempo …

Kaltnadelradierungen aus der Reihe „Jan.-April 1998“ und farbige Holzdrucke

Von Brigitta Amalia Gonser
Kunstwissenschaftlerin

Holger Herrmann verknüpft in seinem Œuvre Kunst und Leben, verschränkt Texte und Textfragmente mit Bildern und findet stets neue gestalterische Möglichkeiten in der Graphik und in der Malerei, in der Abstraktion ebenso wie in der Figuration.

Prägend war für den Frankfurter Künstler in den 1970er Jahren an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg der viel diskutierte „erweiterte Werkbegriff“ von Franz Erhard Walther, der den Menschen in das Werk einbezieht und damit den menschlichen Körper zum existentiellen Bestandteil eines Werkes macht..

So findet Holger Herrmann immer wieder zur Figur, dem menschlichen, männlichen Körper zurück. Wie eine Ikone ist er für ihn Abbild und Sinnbild zugleich. Seine Gestalten bilden gleichsam die Basis seiner graphischen und malerischen Feldforschungen.

o. T., 2006, Holzdruck, 3-farbig, 130 x 97 cm

Schon in seinen frühen abstrakten Lithographien zeigte sich, laut Birgit Möckel, seine Fähigkeit, zeichenhafte Chiffren mit ebenso spontaner wie kontrollierter Gestik zu entwerfen. Es folgten malerische Kompositionen, in denen er collagenhaft mit farbigen Flächen und flächigen Linien Bewegung suggerierte. Dies ist bis heute ein Charakteristikum seines Schaffens.

„Während ich arbeite … bin ich mehr Aktion als ein reflektierender Mensch“ , erläutert Holger Herrmann den Entstehungsprozess seiner Arbeiten.

Immer entwickeln sich die Linien und Farbstrukturen aus einem spontanen Handlungsablauf. So verbindet er Intuition und Emotion mit Abstraktion oder Figuration.

Der Künstler hat es nie aufgegeben, gegen die Zeit zu arbeiten. Daher auch der Titel der Ausstellung in der Galerie Das Bilderhaus: „Tempo, Tempo …“

Dabei sieht er den Begriff „Tempo“ als Synonym für Reihe, für Serie, für Zeit , für Geschwindigkeit, aber auch für Reflexion.

Er hat für die Räumlichkeiten der Galerie eine spannende Gegenüberstellung zweier grosser figurativer, farbiger Holzdrucke zu den abstrahierten, DIN A4-formatigen, schwarz-weissen Kaltnadelradierungen konzipiert – und das mit Erfolg.

Farbe wirkt bei ihm durchaus auch dramatisch, flüchtig.

Gerhard König meint, „dass die nahezu verblassten Porträts, die wie ein vernebeltes Spiegelbild im dunklen Wasser eine merkwürdige Aura um sich verbreiten, einen erstickten Appell an den Betrachter richten würden: hier bin Ich, eine Gestalt, ein Mensch, auch wenn ich mich zu verflüchtigen beginne“.

2001 schuf Holger Herrmann eine Serie von Holzdrucken, denen er den Titel „Obsession“ gab und die ihn bis heute nicht loslassen. Die Figurenkonstellation hat er oft variiert.

o. T., 2006, Holzdruck, 2-farbig, 130 x 97 cm

Zu sehen sind zwei gespiegelte Gestalten, von denen eine die andere aus der Bildfläche zu führen, zu drängen, zu stossen scheint. Dazwischen schiebt sich nicht selten ein dunkler Schatten.

Dieses Motiv führte Holger Herrmann 2006 in seiner Ausstellung „Défilé. Vom Schimmern gedruckter und nicht bedruckter Oberflächen“ im Kunstforum Mainturm in Flörsheim in den für diese Räume neu konzipierten und grossenteils eigens gedruckten farbigen Holzdrucken weiter.

Einmal sind die Protagonisten dieses Défilés auf den ersten Blick auszumachen, dann wieder schwer erkennbar, miteinander verwoben, fasrig, zerlöchert, blosse in Holz geschnittene Struktur, gedruckt auf Chinapapier.

Zu dieser Serie gehören auch die jetzt in der Galerie Das Bilderhaus präsentierten grossformatiger farbigen Holzschnitte.

Défilé, 2006, Holzdruck, 7-farbig, 130 x 97 cm

Man sieht eine Figur, einen Schatten, einen Teil einer Figur, Zwischenräume, aber auch Farben, geometrische Flächen, Oberflächen und sie umgebende Leerräume.

Die Kompositionen zeigen Schwarzweiss und Farbe auf Papier in sensiblem Nuancenreichtum und wirken ausgesprochen malerisch. Es sind zwei- bis siebenfarbige Handabzüge auf Chinapapier, Unikate.

Sie entstehen durch Überlagerung , das heisst durch mehrere farbige, übereinander gedruckte Platten. Auch wenn mancher Druckstock öfters verwendet wird , fallen die Abzüge immer unterschiedlich aus: mal in satt glänzenden Farben, mal nur als Spuren des im hölzernen Druckstock erhabenen Motivs .

Die repräsentative Auswahl von schwarz-weissen Kaltnadelradierungen aus der Reihe „Jan.– April 1998“, auch schon mal „Regenrinne“ genannt, haben ein kleineres Format infolge der unregelmässigen Zinkplatten von ca. 20 x 17 cm und kleiner.

Bei dem Tiefdruckverfahren der Kaltnadelradierung arbeitet Holger Herrmann ohne Ätzen, „trocken“ und „kalt“, also ohne den chemischen Erwärmungsprozess des Ätzens. Die Zeichnung wird unter Kraftaufwand mit einer Nadel aus härtestem Stahl in die ungrundierte Druckplatte aus Zink eingeritzt.

o. T., 1998, Kaltnadelradierung

Diese Technik vermittelt direkt den Duktus und die Expression des Künstlers. Alle Flächen bestehen aus einer Konzentration von vielen Linien.

o. T., 1998, Kaltnadelradierung

Die Stahlnadel wird so geführt, dass sie entweder feinste Linien ritzt, oder schräg gehalten einen Grat aufwirft, an dem beim Einreiben der Druckfarbe sehr viel Farbe anhaftet. Auf dem Abzug zeigt sich dann der Strich als erhöhte Farbablagerung, der Grat als feiner Einschnitt mit samttoniger Verschattung. Dadurch entsteht eine malerische Wirkung. Sie ist das Erkennungsmerkmal gegenüber dem geätzten Strich der Radierung.

o. T., 1998, Kaltnadelradierung

Bemerkenswert ist auch der Reichtum der Tonabstufungen, feiner Grauwerte und gesättigter, samtiger Tiefen, sowie der wechselnde Übergang vom Grafischen zum Malerischen.

o. T., 1998, Kaltnadelradierung

Die Linien werden zu selbständigen Gebilden im Raum. Die Überzeichnung ist keine Überzeichnung der Figur, sondern die Modulation deren Körperlichkeit und Kraft, die ausserhalb und zwischen ihren Umrissen stattfindet.

o. T., 1998, Kaltnadelradierung

Von Variante zu Variante verändert sich die Bildwirkung. Doch sie ist immer geheimnisvoll. Holger Herrmann beschränkt sich nicht auf das einzelne Werk, sondern erweitert es zur Serie. So entstehen modulare und serielle Ordnungen in tonaler und formaler Rhythmisierung. Dabei vollzieht sich der Entstehungsprozess der Werke in einem dialogischen Wechsel zwischen Intuition und Reflexion.

Holger Hermann lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

1942 in Mainz geboren, absolvierte er, nach seinem Studium der Kunstgeschichte in Mainz, die Staatliche Hochschule für Bildende Künste, Städelschule, in Frankfurt am Main, und studierte noch zwei Jahre an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Er begründete die Artothek Frankfurt am Main, die er von 1986 bis 1988 leitete. Von 2000 bis 2010 hatte er Lehraufträge im Fachbereich Kunst an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und an der Akademie für Bildende Künste der Johannes Gutenberg-Universität Mainz inne.

Galerien in Frankfurt am Main, Darmstadt, Wiesbaden, Flörsheim, Marburg, Düsseldorf, Nancy und Exeter haben sein malerisches und grafisches Werk seit den 1970er Jahren bis heute kontinuierlich ausgestellt. Viele seiner Arbeiten befinden sich in privaten Sammlungen, aber auch in Hessischen Ministerien und Institutionen oder im Klingspor Museum in Offenbach und im Museum in Chemnitz.

Holger Herrmann, „Tempo, Tempo …“, Galerie DAS BILDERHAUS, bis 2.6.2012;
Werkstattgespräch mit Holger Herrmann in der Galerie am 10. Mai 2012, 18 Uhr

(Werke und Fotografien: © Holger Herrmann)

 

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