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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Folie statt Fachwerk: „Framework“ von Bettina Pousttchi in der SCHIRN Kunsthalle

Bettina Pousttchi kommt mit klarer Ansage nach Frankfurt: „Man kann die Geschichte nicht umschreiben. Die Wunde, die aufgerissen wurde, wird nicht geheilt, indem man hier eine neue alte Altstadt aufbaut. Es wird ein neues Stadtviertel gebaut mit modernen Methoden aus Beton und Stahl. Das einzige, was übrig bleibt, ist noch die wirkliche Fassade, die aussehen soll wie alt“ sagt sie im Interview mit Rebecca Riehm (PresseInfo Stadt Frankfurt am Main).

Selbstverständlich ist es kein Fachwerk, mit dem die Künstlerin die Rotunde und den oberen Teil der Ostfassade der Schirn Kunsthalle verkleidet, sondern es sind rund 800 Quadratmeter bedruckte Folie. Die Motive hat sie dem Fachwerk zweier Häuser am Frankfurter Römerberg entlehnt: dem einzigen dort noch im Original erhaltenen „Haus Wertheym“ und dem Rekonstruktionsbau „Schwarzer Stern“. Die Elemente ihrer entsprechenden Fotografien hat sie am Computer zu einer neuen Ornamentik gestaltet und mit einem horizontal verlaufenden Raster – ähnlich dem eines flimmernden Fernsehbildschirms – verfremdet.

Haus Wertheym: Original, erstmals 1479 erwähnt, temporär von der Neubaustelle des Historischen Museums bedrängt

Haus Schwarzer Stern: Beispiel gelungener Rekonstruktion (1983)

Bettina Pousttchi untersucht in ihrer Arbeit, einer ortsspezifischen Installation, besser Intervention in unmittelbarer Nachbarschaft zur Grossbaustelle für die „neue Altstadt“, den Umgang mit dem urbanen Raum und die zeitliche Dimension von Architektur, sie reflektiert damit verbundene urbane und gesellschaftliche Veränderungen. „Welche Geschichte“, so fragt sie, „wird hier zu welchem Zweck und von wem rekonstruiert? Wie lang ist die Halbwertszeit von Architektur, und wer entscheidet darüber, wann diese endet?“ (Schirn Kunsthalle). Der Titel ihrer Arbeit „Framework“ ist schon deshalb keineswegs mit dem deutschen Begriff „Fachwerk“ gleichzusetzen (ins Englische ohnehin mit timber framing zu übersetzen), sondern als Rahmen, Raster, Struktur oder System zu verstehen, und zwar eben jener gesellschaftlichen Befindlichkeit und Debatte zur Neugestaltung des besagten städtischen Raums.

Pousttchis Botschaft nun ist, wie eingangs festgestellt, klar: Die rekonstruierten wie die „nachempfundenen“ Häuser der „neuen Altstadt“ seien, so verstehen wir die Kritik der Künstlerin, Folie, Fassade, eine Scheinwelt, schlimmer noch vielleicht: Geschichtsklitterung. Welche gesellschaftlichen Anschauungen und Kräfte verbergen sich dahinter, welche wirtschaftlichen und politischen Interessen? Welches geschichtliche Verständnis, welcher aktuelle Mainstream?

Nun muss gefragt werden: Hat es nicht den Anschein, als komme diese künstlerische Intervention ein Jahr, wenn nicht viele Jahre zu spät angesichts der mehr als ein Jahrzehnt währender Planungen unter wahrlich erschöpfender Bürger- wie Expertenbeteiligung, angesichts konkret ausformulierter und beschlussreifer Vorlagen der Fachebene an Magistrat und Stadtverordnetenversammlung?

Sicher dürfen und sollen sich künstlerische Interventionen solchen Tatsachen gegenüber unabhängig entfalten können. Aber die von Bettina Pousttchi zu Recht zum allgemeinen und grundsätzlichen Diskurs gestellten Themen scheinen im konkreten Fall im demokratischen Prozess der Frankfurter Kommunalpolitik zumindest in eben jenem Grundsatz bereits weitgehend, wenn auch kontrovers ausdiskutiert und entschieden zu sein. Wenn dem so ist, dann verbliebe lediglich noch die Formulierung – sozusagen folgenloser – Kritik; zweifelsfrei auch ein künstlerisch berechtigtes Anliegen.

Schirn Kunsthalle, Ostfassade hinter dem „Archäologischen Garten“

Experten stimmen darin überein, dass in der Nachkriegszeit mehr an – zumindest aus heutiger Sicht – wertvoller, erhaltenswürdiger Bausubstanz zerstört wurde als in den Bombennächten selbst. Auch in der Frankfurter Altstadt hätten sich aus noch aufstehenden Mauern manche der Bürgerhäuser, von denen viele zu den schönsten der deutschen Altstädte zählten, wieder errichten lassen. Geschehen ist solches im Herzen der Stadt aber nur bei Gebäuden überragender öffentlicher Bedeutung: beispielsweise bei Dom, Alter Nikolaikirche und Paulskirche, Goethehaus und Rathaus Römer. Angesichts grosser Not in der Nachkriegszeit musste vor allem dem Wohnungsbau der Vorrang eingeräumt werden.

Wir könnten uns vorstellen, dass eine kriegsbedingte, über Jahre hinweg ein- wie auch ausgeübte „Vernichtungstätigkeit“ einerseits, aber auch die Erfahrung unermesslichen menschlichen Leids andererseits der Gesellschaft seinerzeit ein Bewusstsein für den Wert eines urbanen, gerade in seinen Architekturen Wärme und Geborgenheit, Affirmation und auch Heimat vermittelnden Raumes nahmen. Die sich dem „Wirtschaftswunder“ anschliessende, unter dem Primat von Ökonomie und Gewinnmaximierung stehende Zeit tat dazu ein Übriges, wie die weitgehende Zerstörung beispielsweise des Frankfurter Westends durch ein abrisswütiges Spekulantentum beweist. Kommunale, gerade auch SPD-geführte Politik wirkte kräftig dabei mit. Ein besonders hässliches Beispiel gab der als Dynamit-Rudi verschriene Frankfurter Oberbürgermeister Arndt, der die vollkommen erhaltenswerte Substanz des grossen Opernhauses (heute Alte Oper) sprengen lassen wollte. Hinzu kamen geschmackliche Überforderung und Inkompetenz kommunaler Gremien, die die Gestaltung von Neubauten dann oftmals den in ihren ästhetischen Theorien gefangenen Architekten überliessen, die jedoch an den Wünschen und Sehnsüchten von Bürgerinnen und Bürgern vielfach „vorbeibauten“. Der seit jeher von wütenden Protesten gegen seine Errichtung begleitete, kürzlich endlich abgerissene, zwar für sich betrachtet kühl-ästhetische, in seiner Umgebung jedoch abscheulich wirkende Sichtbeton-Klotz des Historischen Museums belegt dies. Auch das von Anfang an auf heftigen Bürgerprotest stossende, massige, sich krakenhaft über das Altstadtgelände ausbreitende Technische Rathaus aus den frühen 1970er Jahren wurde unlängst abgebrochen. Wird der postmoderne Bau der Schirn Kunsthalle – abgesehen vom fast nie bespielten, in der Gegend herumstehenden und erkennbar vor sich hinrottenden „Tisch“ – in seiner funktionalen Ästhetik weitgehend akzeptiert, so gilt dies keineswegs für die experimentiell bestückte Neubebauung der rückwärtigen Saalgasse, die als Muster für die „neue Altstadt“ ausscheidet.

Ein erheblicher Teil der Frankfurter Stadtgesellschaft erhofft sich nach allem von der nun zur endgültigen Beschlussfassung anstehenden Realisierung der „neuen Altstadt“ ein Auf- und Wiederfinden jenes längst verloren geglaubten urbanen Lebensraums in der Herzkammer der einst bürgerstolzen Freien Reichsstadt entlang des historischen Krönungswegs; eines Raums, von welchem man sich, abseits von Glas, Beton und zeitgeistig poliertem Granit, abseits auch von um Form und Ästhetik oft vergeblich ringenden architektonischen Experimenten, jene Kultur von kleinteiliger Anheimeligkeit, Wärme und Geborgenheit verheissen mag, die man heute fast überall in erhalten gebliebenen Altstädten aufsucht und auch antrifft. Wie gross dieses Verlangen ist, kann sehen, wer sich offenen Auges in Stadtteilen wie Bornheim, Seckbach oder gar Höchst umtut – trotz aller zwischenzeitlich auch dort eingetretener Kommerzialisierung.

Wenn Bettina Pousttchi nun auch nach der Halbwertszeit von Architektur fragt, so braucht man, jenseits der bereits genannten Beispiele, in der Frankfurter Innenstadt nicht weit zu gehen, um bei  gleich einem Dutzend und mehr Grossbaustellen Antworten zu finden: 30 Jahre oft nur noch, eine Menschengeneration also, besser noch ein steuerlicher Abschreibungszyklus in einer Zeit neoliberalistischer Ökonomie unterworfener Denke. Das Haus Wertheym dagegen wurde erstmals im Jahr 1479 urkundlich erwähnt. Aber das hat mit der Frankfurter „neuen Altstadt“ nun nichts zu tun – oder etwa doch?

Schirn-Direktor Max Hollein, Bettina Pousttchi und Kuratorin Katharina Dohm

Bettina Pousttchi, 1971 in Mainz geboren, studierte zunächst Kunst an der Université de Paris VIII und anschliessend an den Universitäten in Köln und Bochum Philosophie, Kunstgeschichte und Filmtheorie. Von 1995 bis 1999 war sie in Düsseldorf Schülerin von Professor Rosemarie Trockel und Professor Gerhard Merz. Anschliessend war sie rund ein Jahr beim New Yorker Whitney Museum tätig. Pousttchi lebt und arbeitet derzeit in Berlin.

Bettina Pousttchi, „Framework“, Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 17. Juni 2012

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)


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