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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Kunstpreis „Zonta Art Contemporary“ an Anne Imhof

Von Erhard Metz

Wenn ein Preis im Bereich der bildenden Künste in Kontinuität und heuer zum dritten Mal verliehen wird, dann darf man ihn durchaus zum Kreis der etablierten auf dem „Markt“ oder besser gesagt im Wettbewerb derartiger Preise zählen. Dies vor allem, wenn die Wahl der Preisträger – im konkreten Fall sind es sämtlich Preisträgerinnen – darauf schliessen lässt, dass die Preisverleihenden ihrem an sich selbst gestellten Anspruch auf Qualität gerecht werden. Die Rede ist vom Kunstpreis „Zonta Art Contemporary“ – wirkmächtig „ZAC“ abgekürzt -, den der ZONTA Club Frankfurt II Rhein Main alle zwei Jahre vergibt.

Reputation bezieht dieser Förderpreis auch von der von Anfang an realisierten Einbindung in den institutionellen Rahmen eines Kunstmuseums, konkret des Frankfurter Museums für Moderne Kunst MMK, das es sich ebenso zu einer Aufgabe macht, junge zeitgenössische künstlerische Positionen vorzustellen und junge Künstlerinnen und Künstler zu fördern, wie der stellvertretende MMK-Chef Peter Gorschlüter in seiner Begrüssungsansprache betonte.

Anne Imhof vor der Preisverleihung

Nach Anke Röhrscheid (2008) und Ellen Poppy (2010) fiel die Wahl dieses Jahr auf Anne Imhof. Der von der Frankfurter Malerin und Zeichnerin Jutta Heun initiierte, mit 2400 Euro dotierte Förderpreis wird jungen, vorzugsweise im Rhein-Main-Gebiet ansässigen Künstlerinnen verliehen. Die Prozeduren sind streng, gibt es doch eine vorschlagende und eine entscheidende Jury. Zur ersteren zählten aktuell der erste MMK-Direktor Professor Jean-Christophe Ammann, die Portikus-Kuratorin Sophie von Olfers und Silke Schuster-Müller, Leiterin der Kunstsammlung der Deka-Bank, zu letzterer die Frankfurter Galeristin Martina Detterer, Natalie de Ligt, künstlerische Leiterin der Kunsthalle Mainz, und der schon erwähnte stellvertretende MMK-Direktor Peter Gorschlüter.

Anne Imhof, 1978 in Gießen geboren, studierte zunächst an der Hochschule für Gestaltung HfG Offenbach; derzeit studiert sie an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste – Städelschule – im zehnten und damit letzten Semester als Meisterschülerin von Judith Hopf, Professorin für Freie Bildende Kunst.

Anne Imhof befasst sich mit der heute verbreiteten Kunstform „Performance“, ohne dass sie sich als eine Performerin in engerem Sinn verstanden wissen möchte. Performance: eine künstlerische Form, die aus der Objekthaftigkeit eines Kunstwerks als eines sozusagen klassischen Kunst- wie auch Konsumgegenstands ausbrechen und den Künstler unmittelbar in seiner Individualität – und mitunter sogar auch das temporär betrachtende Publikum – als zeitliches und körperliches Element und konstitutiven Teil in das Kunstwerk selbst einbringen möchte. Wobei das performative, oft singuläre Geschehen durchaus dokumentiert werden kann, etwa in Form einer Videoaufzeichnung.

Anne Imhof will einen Schritt weiter – oder anders betrachtet wieder zurück – gehen: die Grenzen dieser Kunstform ausloten, mit gängigen, der Performance inzwischen anhaftenden Klischees aufräumen und die Performance samt ihrer Choreografie als eine Art Bildwerk verstehen, das weiterentwickelt werden kann und soll. Aus diesen Überlegungen resultiert eine gewisse Zweigleisigkeit im weiteren künstlerischen Prozess. Imhof realisiert, auf der Basis ihres beim jüngsten Städelschul-Rundgang 2012 im Projektraum Daimlerstrasse präsentierten „Konzerts für Tänzer sechstes von mindestens vier“ (2012), eine eigens für die Preisverleihung konzipierte Arbeit: Zwei Tänzerinnen vollführten unlängst in einem der Dreiecksäle des MMK eine performative Aktion, die Imhof als Video dokumentieren liess, wobei die kameraführende Person selbst Teil der Performance ist (Mitwirkende: Eva Krujissen, Adrian Williams und Nadine Fraczkowski) . Die Vorführung des Videos verbindet sie mit einer Klang-Installation, in die sie sich körperlich-live mit – von der szenischen Darstellung im Video spontan inspiriertem – Gesang einbringt. Nicht nur eine Gratwanderung also zwischen Inszenierung und Improvisation, sondern eine Erweiterung der Kunstform Performance in neue choreografisch-klangliche Dimensionen.

In der videografierten Performance selbst agieren, wie bereits ausgeführt, zwei Tänzerinnen: die eine in mal katzenhaft-elegantem, mal kriechendem bis bedrückt-schleichendem Gang auf Händen und Füssen, dabei ab und an sanft – oder erschöpft – zu Boden sinkend, die andere in – von dem Geschehen scheinbar distanziertem – gemessenem Schreiten. Visualisierung eines elementar, ja archaisch anmutenden Spannungsfelds zwischen zwei Menschen, abstrakter formuliert zwischen zwei Kreaturen. Viele Assoziationen stellen sich ein: Überlegenheit und Unterwerfung, Herrschaft und Unterdrückung, Gewalt und Leid, Leichtigkeit und Mühsal, Hybris und Schmerz. Das Entsetzen über Abu Ghraib lebt wieder auf. Guantanamo liegt nicht nur auf Kuba.

Portikus-Kuratorin Sophie von Olfers hielt die Laudatio, Silke Müller-Schuster, Mitglied des Zonta Art Contemporary (ZAC)-Kunstteams, die Preisrede.

Silke Schuster-Müller während der Preisrede

Anne Imhof, Silke Schuster-Müller und Clubpräsidentin Professor Marlis Hellinger

Fotos: Erhard Metz

→  Preis “ZONTA Art Contemporary” für Eva Weingärtner

→ Absolventenausstellung 2012 „Zauderberg“ der Städelschule im MMK-Zollamt (1)

→ „Goldene Löwen“ der Biennale Venedig 2017: Deutschland / Anne Imhof für den besten nationalen Beitrag; Franz Erhard Walther als bester Künstler

 

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