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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Städelschule: Rundgang 2012 (1)

Statement von Graziano Capitta gegenüber der Mensa, darunter seine Arbeit „Teflon Painting“, 2012

Rundgang 2012 – Jahresausstellung der Studierenden der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule

Studierende, die in der Mensa der Städelschule, im Haupthaus an der Dürerstrasse, zu Mittag essen, haben Gelegenheit, sich mit dem Statement von Graziano Capitta im benachbarten, durch eine gläserne Wand getrennten Flur auseinanderzusetzen. Und natürlich auch die Besucher der Schule, die in grosser Zahl an diesem Wochenende die Kaderschmiede künftiger Kunstschaffender zum traditionellen Rundgang aufgesucht haben. Ein Statement von geradezu grandioser Ambivalenz, angesiedelt zwischen Reflexion und Provokation, zwischen Selbstzweifel und Selbstbewusstsein, zwischen dem so fern erscheinenden Wunschziel, auf dem Kunstmarkt einmal ein grosses Rad zu drehen, und dem Zorn auf eben diesen Markt in all seiner kapitalismusunterworfenen Kommerzialität und Fragwürdigkeit. Ist es ein Traum, einmal ein „Jeff Koons“ zu sein, oder eher ein Alptraum?

Tobias Donat, Untitled 01 (Streifen), 2011, Baumwolle auf Keilrahmen, 220 x 140 cm

Wohltuend das Baumwolltuch von Tobias Donat, in seinen beruhigenden Linien und Farben, denen wir uns alsbald anvertrauen können, wir möchten es am liebsten anfassen, wie eine Decke um uns legen in diesen kalten Winterwochen, die Haptik des Materials strahlt gleichsam auf uns aus, auch ohne dass wir es berühren (dürfen).

Dann aber ein Schock, beim Nähern an den Raum W 5 eine Arbeit, die wir keinem konkreten Künstler zuordnen können empfängt uns, „eine Welt voll Chaos und Streit“ schallt es uns entgegen, wir sind wieder, fern aller Vorstellung von Wärme, in der kalten Wirklichkeit angekommen.

Tür zum Atelier W 5: „In a world of  chaos and strife“

Aus dem geradezu explodierenden Quell an Kreativität, Vitalität und Fantasie der im diesjährigen Rundgang präsentierten Arbeiten eine – wiederum wundervoll ambivalente – Position des türkischstämmigen Künsters Hasan Hüseyin Oylum. Ein Pappe-Grosskoffer nach Brüssel – dem Zentrum Europas, Sitz der EU-Bürokratie. Assoziationen öffnen sich: Beitritt der Türkei zur Europäischen Union? Bewegungs-, Forschungs- und Reisedrang eines Künstlers? Schmerz wie Scherz über das frühere gastländische Unwort „Türkenkoffer“ für den auf dem Beförderungsband des Flughafens kreisenden Pappkarton?

Dann: Ein Atelier mit allem Gerät, welches ein Künstler zu seiner Arbeit braucht, auf ein paar wenige Quadratmeter zusammengeschoben und -gedrängt. Kaum Platz zum Niedersitzen, ein Teller Dosensuppe auf dem Arbeitstisch. Der Kunststudent, der Künstler in den Zwängen und Gesetzmässigkeiten des Betriebs, der Gesellschaft. Und in den eigenen Zwängen zwischen Erwartung und Realität. Auch ein Protest gegen hohe Ateliermieten, wenig Verkaufsmöglichkeiten, wenig Anerkennung und soziale Bestätigung?

Tagtäglich fragen, entscheiden: verlassen, wandern oder dableiben?

Hasan Hüseyin Oylum, Brussels

Hasan Hüseyin Oylum, Let’s have some fun this beat is sick, I wanna take a ride on your disco stick (Love Game), 2012, Mixed media

Nicht nur wegen des bedrohlichen Orakels, vermittelt auf einem kleinen Zettel an der Wand: Auf diesen zwischen den Gebäudeteilen der Städelschule von Alexey Vanushkin mitten in den Weg gelegten Blumenteppich zu treten wagt man nicht in den Stunden der gesitteten Vorbesichtigung. Aber bereits am Tag darauf ist er zertreten und zerfetzt. Rot ist nicht nur die Farbe der Liebe, sondern auch des geflossenen Blutes.

Alexey Vanushkin, Untitled (Funerary Flowers), 2012, „Die Kinder im Hof warnten einander: ‚Trete nicht auf die Blumen von der Beerdigung, oder du oder deine Verwandten werden sterben‘ „

In andere Welten bis in das Universum hinein führen uns die am Lichthof des Obergeschosses platzierten Arbeiten der Künstlerin Lena Grewenig: Wie durch das Hubble-Teleskop betrachtet öffnet sich uns der Kosmos in unendlicher Weite – aber was verbirgt sich hinter ihm? Eine weitere Leinwand, etwas, was sich unseren Betrachtungsmöglichkeiten entzieht. Steht das kreisförmige Zentrum der sternenglitzernden Arbeit für das riesige Schwarze Loch, das uns alle einmal verschlingen wird?

Cosmos, 2012, Öl, Acryl und Lack auf Leinwand, 120 x 120 cm

Eine bemerkenswerte Gabe hält die Künstlerin für die Besucher bereit: eine Reprografie ihres „Cosmos“, dazu eine Reihe von Blättern mit Lyrik- und Prosatexten, eine unbedruckte chamoisfarbene Mappe zum Aufbewahren der kleinen Schätze – das Ganze liebevoll mit dünnem weissen Garn und feiner Schleife gebunden.

Eine weitere Arbeit von Lena Grewenig: die Fantasielandschaft „Inside“ mit einer einsam rudernden Person.

Inside, 2012, verschiedene Materialien auf Leinwand, 176 x 127 cm

Der jährliche Rundgang ist mit der Vergabe der bekannten Förderpreise verbunden:

Hans und Stefan Bernbeck-Stiftung-Förderpreis im Wert von 5.000 €
Seth Pick

Jürgen H. Conzelmann-Förderpreis im Wert von 3.000 €
Ana Vogelfang

DIC-Förderpreis im Wert von 3.000 €
Theresa Kampmeier

Engel & Völkers-Förderpreis im Wert von 3.000 €
Wendell Seitz

PRE Real Estate Deutschland-Förderpreis im Wert von 2.500 € für eine herausragende Leistung im Bereich Film/Video
Zoe Barcza und Margarethe Kollmer

Gruppen-Förderpreis der Landwirtschaftlichen Rentenbank im Wert von 3.000 €, der eine Gemeinschaftsarbeit oder die Gemeinschafts-Präsentation mehrerer Studenten belohnt
Charlotte Simon & Jonathan Penca

Stylepark-Förderpreis im Wert von 3.000 €
Benedikte Bjerre

Linklaters LLP-Förderpreis im Wert von 3.000 €
Yuki Kishino

Ernst & Young-Förderpreis im Wert von 3.000 €
Helena Schlichting

(abgebildete Arbeiten © jeweilige Künstler; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

–  Teil 2  –

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