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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Sandro Vannini in der Frankfurter Westend Galerie

Impronte egiziane – Ägyptische Spuren

Von Barbara Thurau
Frankfurter Westend Galerie

Sandro Vannini wurde 1959 in Rom geboren. Seit 1980 arbeitet er als Fotograf und lebt heute in Viterbo und Kairo.

Nach Fotoarbeiten in den Bereichen Illustration und ethnografische Reportage, Architektur und Landschaft beginnt er 1997 mit der aussergewöhnlichen Dokumentation der Archäologischen Schätze Ägyptens: Er hält die Kultur der Pharaonenzeit sowie die Werke der koptischen und der islamischen Kunst für die Nachwelt fest. Als offizieller Fotograf der staatlichen ägyptischen Antikenverwaltung geniesst er exklusiven Zugang zu den Altertümern und arbeitet eng mit Zahi Hawass, dem berühmtesten zeitgenössischen Ägyptologen zusammen. Als eingespieltes Team schufen die beiden in den vergangenen Jahren mehrere Bildbände wie zum Beispiel „Die verbotenen Gräber in Theben“. Diese Grabstätten, unweit des Tals der Könige, sind grösstenteils nur Forschern zugänglich, und die darin verborgenen, beinahe unversehrten Wandgemälde und Reliefs sind von einzigartiger Schönheit.

Thoth as Ibis (a und b)

In seiner Wahlheimat Ägypten hat Vannini vor einem Jahr auch die Revolution erlebt und das Geschehen auf der Strasse – und nicht zuletzt in den Museen – dokumentiert. Im Ägyptischen Museum in Kairo wurden bei Übergriffen, etwa am 28. Januar 2011, mehrere Exponate beschädigt. Seit Juni hat Vannini nun seine Tätigkeit im Museum für Islamische Kunst in Kairo wieder aufgenommen. Er ist ausserdem an der Neugestaltung des dortigen Kindermuseums mit grossen Bildwänden beteiligt.

Die Fotos von Vannini sind bekannt für ihre berauschenden Farben. Gelb und Gold, Rot, nächtlich dunkles Himmelblau oder helles Wasserblau leuchten intensiv und lassen vergessen, dass die Objekte, die er fotografiert hat, über dreitausend Jahre alt sind. In seinen Büchern sind es grossformatige, zum Teil ausklappbare Illustrationen – in der aktuellen Ausstellung riesige wandfüllende Formate. Daneben gibt es auch formal strenge Fotos, die fast wie Scherenschnitte wirken.

Vannini bedient sich modernster Fototechnik. Er wendet ein spezielles Aufnahmeverfahren und eine besondere Beleuchtungstechnik an. Dabei entstehen Fotos in aussergewöhnlich hoher Auflösung und Qualität. Zusammengesetzt aus mehr als einhundert Einzelbildern erreichen sie grösstmögliche Detailtreue und schaffen ganz neue Ansichten des ursprünglichen Objekts. Diese Ansichten erzielen eine Wirkung, die über die des Originals hinausgeht. Vannini fotografiert digital, greift jedoch nicht in die Struktur oder Farbe der Gegenstände ein. Fremde Elemente setzt er als Collage manuell auf.
Über die fotografierten Gegenstände und Ornamente möchte uns Sandro Vannini nicht viel verraten. Nicht nur, weil diese Orte vielleicht geheim bleiben sollen, sondern weil Vannini mit den Fotos bewusst etwas Neues schaffen will.

Red Fisch

Es seien hier nur einige Beispiele angedeutet: Der große Fisch, „Red Fish“ (Papierformat 111,6 x 145,8 cm), ist in Wirklichkeit winzig klein, vielleicht zehn Zentimeter lang. Er ist auf der Rückseite wie ein Löffel ausgebildet und diente zur Aufbewahrung des Kajals.

Der Ibis, der in der Ausstellung in zwei Variationen vertreten ist („Toth as Ibis“), ist das heilige Tier von Thoth, dem Gott des Mondes, der Magie, der Wissenschaft und der Weisheit. Thoth wurde in Ibis- oder Paviangestalt dargestellt.

Die Fliege taucht bei den alten Ägyptern vorwiegend als Schmuckstück auf. Die goldene Fliege, die Vannini in immer anderen Variationen und Anordnungen präsentiert („Golden Fly“, „10 flies“, „Platoon“), ist in Wirklichkeit Teil einer Kette, die als militärische Auszeichnung diente. Das Faszinierende in den Augen Vanninis – und des Betrachters – ist jedoch die reduzierte und äusserst moderne Form.

Golden Fly

Sandro Vannini setzt sich mit dem traditionellen Ägyptenbild – mit dem Mythos Ägypten – auseinander.

Mit Ägypten hat jeder sofort bestimmte Assoziationen: Gold und Türkis, die Büste der Nofretete, die Totenmaske des Königs Tutanchamun, die Sphinx und die Pyramiden. Die Begeisterung für alles Altägyptische, eine regelrechte Ägyptomanie ist eine seit der Antike bekannte Erscheinung. Massgeblich für das heutige Ägyptenbild war sicher die Expedition Napoleon Bonapartes in den Jahren 1798 bis 1801, der eine ganz Europa erfassende Ägypten-Mode folgte. Eine ähnliche Wirkung hatte dann nochmals die Auffindung des Grabes des Tutanchamun durch Howard Carter im Jahr 1922 und die 1924 folgende Ausstellung der Büste der Nofretete.

10 Flies 2

Noch heute ist das Ägyptenbild weniger von den Ägyptern als vielmehr von den europäischen Entdeckern und von der westlichen Welt geprägt. Sandro Vanninis Sichtweise war zu Beginn seiner „ägyptischen Zeit“ ähnlich. Mit der Zeit hat er den Blick von dem Glanz des Ganzen auf das Detail gerichtet. Er sagt dazu: „In den vielen Stunden, die ich als stiller Beobachter verbracht habe, erschloss sich mir eine andere Welt. Ich konnte all diese bemerkenswerten Einzelheiten aus der Nähe betrachten; bedeutungsvolle Details, denen ein ganz eigener Zauber innewohnt.“

Und so zerlegt er vor unseren Augen das gewohnte Ägyptenbild und schafft einen neuen Mikrokosmos. Er spielt mit Ansichten und Formaten, mit Positiv- und Negativformen – wie zum Beispiel bei der goldenen Fliege. Er tauscht die Rollen: Die Miniatur wird gigantisch, die Hieroglyphe zum Monument. Vannini wechselt zwischen Fotografie und Collage, figurativer Kunst und Surrealismus. Bei der Puppe auf pinkfarbenem Grund, „My Sweet Sweet dolly“, wird man sofort an die Objets trouvées der Surrealisten erinnert.

My Sweet Sweet Dolly

Seine Fotos sollen zur Beobachtung anregen. Sie sollen nicht einfach zum wiederholten Mal den Mythos abbilden, sondern seine einzelnen Komponenten hervorheben – eine Art „Readymade“ der Fotografie, wie Vannini selbst sagt – in dem Sinn, dass er die Gegenstände durch ästhetische Verfremdung aus dem gewohnten Zusammenhang herausnimmt und etwas Neues, Zeitloses schafft, ein imaginäres Museum.

Sandro Vannini: Impronte egiziane – Ägyptische Spuren, Frankfurter Westend Galerie, bis 2. März 2012

(Werke und Fotografie: © Sandro Vannini)

 

 

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