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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Sei, was du scheinen willst … (Sokrates)

Alles ist ganz furchtbar

ein Kommentar von Hans-Burkhardt Steck
Rechtsanwalt und Dipl.-Soziologe

So geben wir mit leichter Hand
das letzte Hemd für Griechenland
(Angela Merkel)

Die Nation zankt sich. Allen voran die Politik. Griechenland ist überschuldet, und wir sollen es vor der – ja, vor was eigentlich „retten“. Doch wohl dafür, dass Banken und andere Gläubiger, die dem Land Geld geliehen haben, nicht alles zurückkriegen. Es geht im Ergebnis also wieder um Staatsknete an die Banken. Und wie soll man sich eine „Insolvenz Griechenlands“ vorstellen? Alle Griechen ausweisen und ihr Land versteigern? Und was ist mit den anderen Ländern? Und was eigentlich mit uns, uns armen, bedauernswerten, immer benachteiligten, von der Natur verlassenen, isolierten, schlecht gemanagten Deutschen? Ist’s nicht ein Wunder, daß es uns noch gibt? Kiesinger sagte nur: Kina, Kina, Kina! Und Indien. Und Brasilien. Die werden uns alle überholen. Und Japan. Und Korea. Und die USA. Oh jemine, oh Jammer und Not! Alles ist ganz furchtbar.

Eins muss man allerdings, objektiv betrachtet, sagen: Als der liebe Gott die Reste vom Garten Eden verteilt hat, da haben die Germanen gleich dreimal „Hier!“ geschrien. Noch lauter waren sie nur, als die Undankbarkeit verteilt wurde.

Zeig mir ein anderes Land, in dem zwar nur selten Zitronen blühn, in dem aber ansonsten einmalige Verhältnisse herrschen:

So gut wie alle Varianten von Wetter, Klima und Landschaft, die man sich nur wünschen kann. Von eigenen kleinen Meeresgestaden, noch dazu zweier Meere unterschiedlichsten Charakters, über Tiefebenen, Grund- und Endmoränen, riesige, glücklicherweise erloschene Vulkane und ein gewaltiges Binnenmeer bis hin zu himmelhohen und von ewigem Schnee bedeckten Alpengipfeln.

Bedeutende Bodenschätze, Eisenerz und Kohle satt, wenn’s auch jetzt bald alle ist, vor allem aber das Allerwichtigste: Süsswasser in Hülle und Fülle. Wunderschöne Flüsse, wie man sie zur Versorgung von 80 Millionen Menschen nicht besser planen könnte, die niemals trocken fallen und anständigerweise nur massvolle, weitgehend vorhersagbare Überschwemmungen produzieren.

Wald vom Urwald bis zur Fichtenplantage, Wiesen und Felder aller Art, Heide, Geest, Marsch, Watt, Moor, zahllose Gesteine und Böden, allen voran ein ungeheurer Schatz an nicht oder kaum erodierendem Mutterboden, der den Anbau fast jeglichen Grundnahrungsmittels erlaubt. Allein was wir in Wehrheim im Taunus im vergangenen Vierteljahrhundert erleben durften, von 25 Grad Minus bei meterhohen Schneewächten bis hin zu Wochen sengender Hitze ohne einen Tropfen Regens, dafür müssen andere Völkerschaften um die halbe Welt reisen.

Diese Ausstattung des Fleckchens Erde Mitteleuropa, von dem sich die Germanen den grössten Teil geschnappt und verständlicherweise gegen alle fremdländischen Eroberer vom Schlage Attila & Co. verteidigt haben, stellt einen dermassen gigantischen Wettbewerbsvorteil dar, dass der Erfindungsreichtum seiner Bewohner nicht weiter Wunder nimmt. Gutenbergs Buchdruck, Ottos und Diesels Motoren, Siemens’ Dynamo und Elektromotor, Lilienthals Segelflug, nach neuesten Erkenntnissen auch der erste Motorflug, Göbels Glühbirne, Philipp Reis’ Telefon, Otto Hahns (ja, ja, und Lise Meitners – aber muss man sich über diese Entdeckung freuen?) Kernspaltung, Konrad Zuses Computer, Gottlieb Daimlers und Carl Benz’ Auto sind nur die Highlights einer unglaublichen Fülle an Erfindungen, von denen die meisten dazu dienen, mit den Outdoor-Bedingungen klarzukommen oder sie zu nutzen. Ernährung, Obdach und Transport. Darum dreht sich das meiste. Und da haben wir – komplett für umsonst – den vermutlich weltgrössten Wettbewerbsvorteil: Wir können alle Erfindungen und Neuerungen sofort im eigenen Land unter allen denkbaren Bedingungen – ausser Erdbeben, Tsunami und Hurrikan – ausprobieren, noch dazu mit jeder Menge einschlägig erfahrener Mitbewohner, die nur darauf brennen, ihre Erkenntnisse und Einsichten zu verbreiten. Du hast eine neue Methode der Konservierung frisch gefangenen Fischs in der Pipeline? Angler jeder Fachrichtung, Fluss-, Binnen- und Hochseefischer, Werften mit Programmen vom Bodensee-Nachen bis zur schwimmenden Fischfabrik, Hersteller jeden nur erdenklichen Fischereibedarfs stehen Schlange, Dir zu helfen, Dich zu beraten und Deine tolle Erfindung zu testen. Selbst in Absonderlichkeiten wie Wankelmotor, Schneller Brüter, Hochtemperaturreaktor, BMW C 1 (der ulkige überdachte Roller von Wachtmeister Meier) wird noch jede Menge investiert.

Dazu kommt eine Sprache, die sich für Technik und Philosophie gleichermassen eignet und in ihrer englischen Version lingua franca der Welt geworden ist.

Diese ganzen schönen Dinge haben uns nicht daran gehindert, die entsetzlichsten Verbrechen zu begehen und die Welt in Schutt und Asche zu legen. Sie sind aber immer noch da und wettbewerbsbevorteilen uns nach Strich und Faden.

Allerdings gehört auch zu unseren Lebensverhältnissen, dass viele von uns wie die Irren arbeiten und an allen möglichen Zivilisationskrankheiten zugrundegehen (was dann wieder Pharmazie und Medizintechnik erblühen läßt).

Von den Römern haben wir den Wert von Recht und Organisation gelernt und halbwegs sogar verinnerlicht. Der Dank ist bekannt.

Natürlich führen diese zäh verteidigten Wettbewerbsvorteile zu einer irren Überproduktivität. Was wir wie im Rausch zuviel machen, wird gnadenlos und mit Begeisterung exportiert. In die ganze Welt. Und es funktioniert sogar. Ist ja daheim unter allen Bedingungen getestet worden.

Kurz: Wettbewerbsvorteil, Dein Name ist Deutschland. Der geht so weit, dass wir sogar Überlebens- und Nichtüberlebensklima haben. Man kann ja wohl vermuten, dass es für jedes Lebewesen einen Riesenunterschied macht, ob es die Nacht ohne Vorsorge lebend überstehen kann oder nicht. Einfach so im Freien schlafen – an vielen Tagen im Jahr ungefährlich nichts Besonderes in Mitteleuropa. An anderen Tagen beziehungsweise in den zugigen eisigen Winternächten absolut tödlich. Menschen erfrieren auf der Parkbank – wenige Monate später feiern sie die ganze Nacht durch im Garten und verschönern der Nachbarschaft die Nachtruhe.

Wenn eine Region einen derart irren Wettbewerbsvorteil hat – kann da ein gemeinsamer Wirtschaftsraum mit andersartigen, viel weniger beglückten Ländern gutgehen? Wie, zum Teufel, sollen diese Lebensverhältnisse auf Griechenland und ähnliche Länder übertragen werden? Und wenn es gelänge, wer soll denn dann die ungeheure Exportproduktion dieses Wirtschaftsraums kaufen und vor allen Dingen bezahlen? Und will der Südeuropäer sich überhaupt totarbeiten und am liebsten Fabriken und Kraftwerke sehen, wenn er die Augen aufschlägt?

(Propyläen der Akropolis Athen; Bildnachweis: DerHexer/wikimedia commons GFDL)

Deutsch- und Griechenland haben nur eins gemeinsam: Beider Territorien spielen in der Champions League der Paradiese. Grade das ist aber der entscheidende Punkt.

Deutschland ist das Paradies der Werktätigen, Griechenland das der Untätigen. Nein, das ist zu gemein. Sagen wir das Paradies der Erholungsbedürftigen. Und wer ist nicht alles erholungsbedürftig!

Die Sonne strahlt vom azurblauen Himmel, die Luft ist seidig und voll Vogelsang, Wohlgerüche umschmeicheln dich, und Meer ist einfach überall. Kurz: In diesem herrlichen Land treibt dich die Natur in den Liegestuhl und nicht unbedingt an die Drehbank. Keiner weiss das besser als der Deutsche. Der reist genau deswegen dahin. Und zwar oft, gern und lang. Und da meckert er nicht über zuwenig Fabriken und Kraftwerke.

Die EWG fing mal mit Frankreich, Italien, Benelux und Westdeutschland an. Vom Mezzogiorno abgesehen, hätte das vielleicht irgendwann mal ein einheitlicher Wirtschaftsraum werden können, Aber die jetzige Eurozone könnte das nie und nimmer, schon die naturgegebenen Unterschiede sind viel zu gross.

Hinzu kommt ein weiteres:

Nach dem, was man so hört und liest, zahlen die reichen Griechen nur sehr mässig Steuern, obwohl die Gesetze anderes besagen. Es ist bislang nicht gelungen, daran was zu ändern, obwohl die Begleichung der Steuerschulden für die Sanierung der staatlichen Haushalte angeblich ausreichen würde. Also gehört „Die Reichen zahlen keine Steuern“ zu den griechischen Lebensverhältnissen, ist geradezu Teil der griechischen Kultur (wie z. B. das unermüdliche Einsperren von Menschen Teil der US-Kultur ist).

Dass Staaten für die Schulden anderer Staaten bei Banken etc. einspringen, ist schlicht abwegig. Es kann nicht funktionieren, weil so was keine in der Natur der Sache liegenden Grenzen kennt. Schliesslich stammen unsere Milliarden dank der souveränen Finanzpolitk unserer Berliner Asse ja schon jetzt auch aus Neuverschuldung!

Wenn die Griechen in Not geraten, müssen wir ihnen helfen. Aber ist es Not, wenn man sich Geld leiht und nicht zurückzahlt? Da gerät doch eher der Darlehensgeber in Not. Und der hat sehenden Auges und auf eigenes Risiko gehandelt. Ist es nun gut oder schlecht, dass wir mit den Herrschaften Hellenen dieselbe Währung haben? Natürlich ist das ein grotesker Unfug von Anfang an gewesen. Eine gemeinsame Währung führt automatisch zu der Staatsaufgabe, in ihrem Geltungsbereich vergleichbare Lebensverhältnisse wenigstens anzustreben. Und das ist ein dermassen absurdes und lächerliches Ziel, dass man sich nur noch an den Kopf greifen kann.

Denn wie der Herr Kirchhof der Politik die wichtigsten Steuerungsinstrumente aus der Hand schlagen will, hat sich die Politik mit dem albernen Euro selbst entmannt und ohne Sinn und Verstand das wichtigste Mittel zur Linderung der Folgen unterschiedlicher wirtschaftlicher Entwicklungen aufgegeben – die Auf- und Abwertung. Angesichts der auseinanderstrebenden Entwicklungen in Deutsch- und Griechenland wäre die Drachme in den Eurojahren gegenüber der D-Mark vielleicht so um fünf bis zehn Prozent im Jahr abgewertet worden. Pech für die Staatsanleihenkäufer. Die Anlage ist zwar sicher, aber ihr Wert sinkt. Wie das eben so ist.

Euro dagegen ist Euro, da gibt’s keine Unterschiede. Also entsteht ein heimlicher Abwertungsstau. Und wie das so ist – der Stau steigt solange die Staumauer hoch, bis sie bricht. Jetzt sollen die gutgläubigen Käufer von Staatsanleihen, die dachten, sie wären mit dieser konservativsten Anlage auf der ganz sicheren Seite, auf die Hälfte ihrer Forderungen verzichten. Im Ergebnis auch kein grosser Unterschied zu fünf Prozent Abwertung im Jahr auf zehn Jahre, aaaber:

Man konnte nicht mit einem blauen Auge aussteigen, wie z. B. nach zwei oder drei Abwertungsrunden.

Die Warnfunktion der Abwertung wurde bewusst zerstört.

Auch die konjunkturbelebende Wirkung einer Abwertung – Exporte werden billiger – ist dahin.

Ein zentrales Prinzip wurde sinnlos preisgegeben: Der Staat ist kein sicherer Schuldner mehr. Konsequenz: Es gibt überhaupt keine sicheren Schuldner mehr. Konsequenzen der Konsequenz? Nicht absehbar.

Und so wird eines immer erschütternder: Die Lebensleistung von Helmut Kohl.

Die vollständige Abschaffung der Kompetenz bei der Postenverteilung. (Vor Kohl sollte der begünstigte Parteifreund wenigstens ein winziges Zipfelchen Erfahrung und Sachkunde haben.)

Weitgehender Verzicht auf Fleiss, Sorgfalt, Sachkunde und Ehrlichkeit bei der konkreten Umsetzung der Wiedervereinigung.

Geltung von Kohlrecht bei Fragen nach Parteispenden und ähnlich morastigen Themen.

Jetzt reicht’s erstemal.

(Gastkommentare spiegeln nicht in jedem Fall die Auffassung des Herausgebers wider.)

 

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