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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

20 JAHRE MUSEUM FÜR MODERNE KUNST FRANKFURT AM MAIN (7)

Hanne Darboven: „Ein Jahrhundert – Johann Wolfgang von Goethe gewidmet, 1971 – 1982“

Die im Frühjahr 2009 verstorbene Hanne Darboven zählt bis heute zu den konsequentesten, ja radikalsten Konzeptkünstlerinnen und -künstlern unserer Zeit. Erinnern wir uns: Konzeptkunst steht für eine Idee, für einen Leitgedanken, nicht für die Ausführung eines Kunstwerks durch den Künstler selbst; Konzeptkunst arbeitet mit Assoziationen, Bedeutungen und Kontexten, die sich dem ungeübten Betrachter mitunter nicht auf den ersten Blick erschliessen, sondern eine intensive Auseinandersetzung mit dem Künstler, mit dessen Gedankenwelt und Intensionen voraussetzen.

Das MMK erwarb die derzeit im Rahmen der grossen Jubiläumsausstellung im MainTor-Areal (Ebene 3) präsentierte Arbeit „Ein Jahrhundert – Johann Wolfgang von Goethe gewidmet, 1971 – 1982“ – eines der Hauptwerke der Künstlerin aus der Reihe „Schreibzeit“ – im Jahr 1991.

Die Arbeit umfasst heute 899 mit Schreibmaschine getippte und mit handschriftlichen Zusätzen versehene gerahmte Blätter. Im Jahr 1982, zum 150. Todestag von Johann Wolfgang Goethe,  erweiterte Darboven ihr im Jahr 1971 entstandenes Werk um 51 zusätzliche Seiten. Und 1997 liess die Künstlerin ihre Arbeit mit dem Gipsabguss einer Goethe-Büste von Christian Daniel Rauch (1777 bis 1857) ergänzen.

Hanne Darboven visualisiert ein abstraktes Jahrhundert (es zählt bewusst von einem Jahr 00 bis zu einem Jahr 99), dieses Jahrhundert wiederum eingeteilt in zwölf Kapitel – der Monatseinteilung eines realen Lebens-Jahres entsprechend – mittels in Worten ausgeschriebener Zahlenkolonnen, die sie mit einem sehr komplexen Schlüssel errechnete. Eine Scherenschnitt-Vignette kennzeichnet jeden Kapitelanfang. Ein jeder Tag dieses Jahrhunderts ist auf diese besondere Weise dokumentarisch festgehalten. Die in der Ausstellung verfügbare Informationsschrift, verfasst von MMK-Sammlungsleiter Mario Kramer, stellt dies im einzelnen näher dar.

Im Kern geht es bei dieser Arbeit – wie generell in der Reihe „Schreibzeit“ – um eine Materialisierung der während des künstlerischen Schaffensprozesses vergehenden Lebenszeit, also letztlich um ein Memento mori. Vergleichbares gilt für die Visualisierung der 150 Jahre währenden Zeitspanne der Rezeption des Goetheschen Werkes bis zum Jahr 1982 nach Goethes Tod im Jahr 1832.

Erst die Hängung der gerahmten 899 Blätter im Format DIN A4 erschliesst die räumliche und zeitliche Dimension dieses einzigartigen Werkes und seines Entstehungsprozesses, macht diese Dimension in sinnlicher Weise erlebbar und erfahrbar.

Wir möchten in diesem Zusammenhang an die wunderbaren Arbeiten von Florian Jenett und Jürgen Krause erinnern.

Hanne Darboven wurde 1941 in München geboren und wuchs in Hamburg auf. Von 1962 bis 1965 studierte sie an der dortigen Hochschule für bildende Künste und ging später für zwei Jahre nach New York. Schon früh beschäftigte sie sich mit Zahlendarstellungen sowie der Darstellung von Zeiträumen nach von ihr entwickelten konzeptuellen Vorstellungen. 1969 nach Hamburg zurückgekehrt, arbeitete sie seit 1975 an ihrem Hauptwerk „Schreibzeit“. 2009 verstarb die Künstlerin in Hamburg-Rönneburg, wo sie von der Öffentlichkeit zurückgezogen lebte.

Die Jubiläumsausstellung 20 Jahre MMK im MainTor-Areal ist bis zum 30. Oktober 2011 verlängert.

→  20 Jahre Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main (8)

 

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