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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Archiv für Oktober, 2011

Tamara Grcic: „outside-here“ auf dem Frankfurter Rossmarkt

2011, Oktober 30.

Tristesse und Stadtverschandelung haben in Frankfurt am Main einen Namen: Rossmarkt, Goetheplatz, Rathenauplatz. Besonders der Rossmarkt: Man achtet diesen Platz nicht beim hastigen Überqueren, man richtet den Blick auf das rettende Ufer, damit einen nicht die Krise packt und der heilige Zorn übermannt. Als Frankfurter schämt man sich vor auswärtigen Besuchern dafür, dass gestalterische und geschmackliche Inkompetenz der damals Planenden und Handelnden das Gutenberg-Denkmal in solch einer Basaltwüste, „designt“ wohl einzig für das mühelose Befahren mit der Kehrmaschine, seinem Schicksal überliess. Und wir bedauerten den grossartigen Künstler Tomás Saraceno, der es auf sich nahm, im Dezember 2010 als erster diesen Platz mit einer Skulptur zu „bespielen“.

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Zeitgenossen / 5

2011, Oktober 29.

Bonsai-Karl, © habust

Biennale Arte Venedig 2011 (9): „Gloria“ von Allora & Calzadilla

2011, Oktober 27.

Auch sie ein ultimativer Hingucker der diesjährigen Biennale in Venedig: die mehrteilige Installation im und vor dem Pavillon der Vereinigten Staaten von Amerika, jenem 1930 in einem „Presidential“-Stil errichteten Gebäude in den Giardini pubblici, mit repräsentativ-antikisierendem Portikus und einer – wenn auch gegenüber dem Washingtoner Capitol verschwindend kleinen – Kuppel über der mittleren Rotunde.

Das Künstlerduo Allora & Calzadilla bespielt, mit eigens dafür entwickelten Arbeiten, den US-amerikanischen Pavillon in diesem Jahr, organisiert, will sagen kuratiert vom Indianapolis Museum of Art.

Jennifer Allora, 1974 in Philadelphia geboren, erwarb an der University of Richmond den Bachelor of Arts und am Massachusetts Institute of Technology den Master of Science. Guillermo Calzadilla wurde 1971 in Havanna geboren. Er beendete sein Studium an der Escuela de Artes Plásticas in San Juan, Puerto Rico, mit dem Bachelor of Fine Arts. Anschliessend studierte er am Bard College in Annandale-on-Hudson, New York, mit dem Abschluss Master of Fine Arts.

Die beiden Künstler, die sich in Florenz kennenlernten, leben und arbeiten seit 1995 in San Juan. Ihre Werke befinden sich unter anderem im New Yorker Museum of Modern Art (MOMA), der Tate Modern in London und im Pariser Centre Georges Pompidou.

Allora & Calzadilla warten auf dem Freigelände vor dem Pavillon sowie in dessen Rotunde und Galerien mit einer insgesamt sechsteiligen Installation auf, in der sich unter dem Titel „Gloria“ Skulpturen, Performances, Video und akustische Elemente miteinander verbinden.

„Track and Field“ – Leichtathletik – auf schwerem Gerät. Vor dem Repräsentationsportal ein umgedreht, wie der Kafka’sche Gregor-Samsa-Käfer hilflos auf dem Rücken liegender sandfarbener 60 Tonnen-Panzer; auf einer seiner beiden Ketten ein Laufband aus dem Sportstudio, auf dem zu festgelegten Zeiten bei ohrenbetäubend lärmendem Kettenantrieb ein Athlet läuft. Schwerter zu Pflugscharen – Panzer zu Fitnesstrainern? Rüstungs- zu Freizeitindustrie? Kriegsgerät lächerlich gemacht – Symbol auch und gerade für nicht gewinnbare Kriege, Vietnam, Irak, Afghanistan lassen grüssen.

„Track and Field“ Weiterlesen

Sei, was du scheinen willst … (Sokrates)

2011, Oktober 26.

Alles ist ganz furchtbar

ein Kommentar von Hans-Burkhardt Steck
Rechtsanwalt und Dipl.-Soziologe

So geben wir mit leichter Hand
das letzte Hemd für Griechenland
(Angela Merkel)

Die Nation zankt sich. Allen voran die Politik. Griechenland ist überschuldet, und wir sollen es vor der – ja, vor was eigentlich „retten“. Doch wohl dafür, dass Banken und andere Gläubiger, die dem Land Geld geliehen haben, nicht alles zurückkriegen. Es geht im Ergebnis also wieder um Staatsknete an die Banken. Und wie soll man sich eine „Insolvenz Griechenlands“ vorstellen? Alle Griechen ausweisen und ihr Land versteigern? Und was ist mit den anderen Ländern? Und was eigentlich mit uns, uns armen, bedauernswerten, immer benachteiligten, von der Natur verlassenen, isolierten, schlecht gemanagten Deutschen? Ist’s nicht ein Wunder, daß es uns noch gibt? Kiesinger sagte nur: Kina, Kina, Kina! Und Indien. Und Brasilien. Die werden uns alle überholen. Und Japan. Und Korea. Und die USA. Oh jemine, oh Jammer und Not! Alles ist ganz furchtbar.

Eins muss man allerdings, objektiv betrachtet, sagen Weiterlesen

Biennale Arte Venedig 2011 (8): Zwischen Geburt und Tod – „Chance“ von Christian Boltanski

2011, Oktober 24.

Auch er galt vielen als „heisser Tip“ für den Goldenen Löwen der diesjährigen Biennale in Venedig: der Französische Pavillon mit Christian Boltanskis überwältigender Installation „Chance“.

Chancen, Glück und Unglück – sie gehören zu den Themen, mit denen sich der Künstler in letzter Zeit verstärkt beschäftigt hat. Was wird aus einem Kind, einem Neugeborenen? Welche Rolle spielen Glück, Pech und Zufall für seine weitere Entwicklung? Welche Rolle spielt dabei die stete Zunahme der Weltbevölkerung?

In den Seitenflügeln links und rechts im Pavillon laufen – als „Last news from humans“ – symbolisch  überdimensionierte digitale Uhren, die die Geburten und Sterbefälle weltweit täglich markieren. Wir haben den jeweiligen Stand zur späten Mittagszeit festgehalten, zum Tagesende wird er sich jeweils in etwa knapp verdoppelt haben. Das Ergebnis ist plausibel: In der Subtraktion von Geburten und Sterbefällen beträgt der Geburtenzuwachs weltweit (nach der Statistik der Stiftung Weltbevölkerung) täglich rund 230.000 Menschen. Die beiden Uhren stellen sich jeden Tag auf Null zurück.

In der zentralen Halle des Pavillons – „The wheel of fortune“ – ist bis unter die Decke ein riesiges Gerüst aus Stahl montiert. Durch das Gestänge läuft mit einigem Lärm in rasender Geschwindigkeit, einem grossdimensionierten Filmband gleich, eine Rolle mit Fotografien von Gesichtern Neugeborener. Ab und an stoppt die Rolle, eines unter den vielen Babygesichtern erscheint auf einem Monitor. Der Zufall entscheidet über die Auswahl – und damit auch über die Chancen eines kleinen Kindes.

Im rückwärtigen Gebäudeteil – „Be new“ – laufen, wiederum mit hoher Geschwindigkeit, aus drei Streifen zusammengesetzte Gesichter über eine Projektionsfläche, gebildet aus entsprechend auseinandergeschnittenen Fotografien von 60 polnischen Neugeborenen und 52 verstorbenen Schweizern. In den möglichen Kombinationen sollen sich rund eineinhalb Millionen verschiedene Kopf-Darstellungen ergeben. Die Zuschauer können per Knopfdruck, einem Flipperautomaten ähnlich, die Projektionsfolge anhalten. Sollte dabei zufällig das Gesicht aus den drei Abschnitten ein und derselben Person erscheinen, soll Musik erklingen, und der entsprechende Besucher erhält dieses Werk.

Sie, liebe Leserinnen und Leser, können dieses „Spiel“ auch zu Hause betreiben (wenn auch nur einmal täglich, und dann auch für jeweils nur eine Minute): klicken Sie Christian Boltanskis „Chance“ hier an und spielen Sie!

Wie wird Ihnen dabei zumute sein? Werden Sie sich in der Rolle eines „Schöpfers“ fühlen? Werden Sie sich bewusst, in Ihrer eigenen Person ein „Puzzle“ aus vorangegangenen Generationen zu sein?

Christian Boltanski wurde 1944 in Paris geboren. Insbesondere mit seinen Objekten und Installationen, von denen sich viele in den wichtigsten Kunstsammlungen befinden, erlangte er Weltruhm. Er war  auf der Kasseler Documenta 5, 6 und 8 sowie auf der Biennale 1986 in Venedig vertreten. Boltanski erhielt 1994 den begehrten Kunstpreis Aachen und, im Jahr 2006, den Praemium Imperiale (den „Nobel-Preis“ der Künste). Christian Boltanski lebt und arbeitet in einem Pariser Vorort.

 → Biennale Arte Venedig 2011 (9): “Gloria” von Allora & Calzadilla