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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Virtuelle Bilder in virtuellen Galerien: Digitalkunst von Marlies Odehnal

Es gibt Künstlerinnen und Künstler, die zu ihren Werken auch gleich noch die passenden Ausstellungsräume und Galerien mitliefern. Und dazu das entsprechende Besucherpublikum. Wie das?

Marlies Odehnal ist eine solche Künstlerin. Frankfurter Kunstliebhaber kennen sie spätestens seit ihrer vielbeachteten Ausstellung „(E)Motions“ in der Frankfurter Heussenstamm-Galerie im Juni/Juli 2009, deren Leitmotiv ihre bekannte Arbeit „PinaBauschschwarzrot“ war, auch eine Hommage an die berühmte und unvergessene Tänzerin und Choreografin Pina Bausch.

Die besagten Ausstellungsräume und Galerien existieren natürlich nicht als real betretbare Räume, sondern als virtuelle Szenerien. Und virtuelle Welten werden bekanntlich mit Hilfe digitaler Techniken entwickelt und gestaltet.

Digitalkunst also – was ist das? Zum Beispiel das folgende Werk, das auf den ersten Blick durchaus als ein Aquarell in Lasur- und Laviertechnik wahrgenommen werden könnte:

AbstractFlowers

Fangen wir vielleicht einmal damit an, was Digitalkunst nicht ist: Malerei mit Pinsel und Farben auf einen Malgrund; Zeichnen, etwa mit Graphitstift oder Tuschefeder auf Papier und Karton; Fotografie, auch nicht auf die heute vielfach übliche Weise mit der Digitalkamera.

Aber: Auch die „AbstractFlowers“ sind auf eine gewisse Weise gemalt, nur eben am Computer mit dem „digitalen Pinsel“, mit „digitalen“ – aber doch auch wieder ganz realen – Farben, im Rahmen eines Bildbearbeitungsprogramms. Zum Betrachten zunächst auf dem Monitor, dann aber vor allem zur professionellen künstlerischen Reproduktion. Marlies Odehnal bevorzugt die Präsentation ihrer Arbeiten als Lambda Prints auf Fotopapier, das anschliessend auf Dibond, eine aluminiumbeschichtete Kunststoffplatte, kaschiert wird. Die jeweilige Auflage beträgt nur wenige Exemplare, oft bleibt es bei einem Unikat.

FrauimRegengross

Im Ergebnis sind die computergestützt generierten Bilder von „malerischer“ Qualität, und es nimmt nicht wunder, dass Odehnal über die Malerei (Aquarell, Acryl und Mischtechniken) zur – ein neues, spielerisches, fast unbegrenzt erscheinendes Universum eröffnenden – Digitalkunst gekommen ist.

StrandimRegen

Oftmals gehen Odehnals Bilder von fotografischen Vorlagen aus, in aller Regel von der Künstlerin selbst fotografiert. Es entstehen Collagen und Überblendungen ebenso wie frei angelegte Kompositionen, in Szene gesetzte, mitunter surrealistische Traumwelten, Phantasmagorien von gleichwohl sehnsuchtsvoller Sinnlichkeit bei aller diszipliniert-kompositorischen Strenge.

Hunting

In ihren an Szenen und Motive uralter Höhlen- und Felsenmalereien erinnernden „Rockpaintings“ greift Marlies Odehnal auf die Bildsprache archaischer Kulturen zurück, die sie mit einem gleissenden und doch warmen, dann wieder blutigen Orangerot überzieht, welches die Symbolik der Darstellungen in einem ungewohnten Licht erscheinen lässt, dem bei aller Magie eine neuzeitliche Metaphorik innezuwohnen scheint: „Urmensch“ wie Homo sapiens-Mensch, als Jäger und Fleischfresser, als Erfinder nicht minder blutiger Schlachthaus-Maschinerien zur Anonymisierung des Verzehrfleisch-Werdungsprozesses unserer Tage.

Doch kommen wir jetzt mit Stringenz zurück auf die eingangs skizzierten virtuellen Galerien der Künstlerin: Marlies Odehnal inszeniert Räume, bestückt sie mit Bildern, vor diesen plaziert sie oft ein zumeist seltsam hingewandt wie distanziert wirkendes Publikum.

AktinderGalerie

Ein Akt als ein altmeisterlich anmutendes Genrebild, in der Ebene zwischen dem wandhängenden Exponat und dem Publikum zwei sich einem ruhig-erhabenen Tanz hingebende Frauen, die eine hell- und die andere dunkelhäutig, das Publikum kulissenhaft, uns, den externen Betrachtern, den verschatteten Rücken zukehrend.

Nicht minder geheimnisvoll auch das folgende Bild: in einem museal anmutenden Kabinett Bildnisse von Uhren als Sinnbild für Zeit, vor uns liegender, aber auch bereits unwiederbringlich vergangener, ein Betrachter wendet sich mal der einen, mal der anderen Darstellung zu, im mittleren Rundbild die Ziffern durch die Zeichen des Zodiaks, des Tierkreises ersetzt, die Allegorie der Sonne verweist auf die Sonnenuhr als älteste Sicht- und Messbarmachung des irdischen Zeitablaufs durch den Menschen.

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In anderen virtuellen Galerien überwinden Ausstellungsräume, Exponate und Besucher ihre jeweiligen in der physikalischen Welt gesetzten natürlichen Grenzen: bewusst Abbildungsschärfe verlassende Szenen eines Memento mori hier, ein Heraustreten ebenso puppenhafter Figuren aus bild- und objekthaften Elementen dort, und eine von lila-poppigen Passanten betrachtete Graffiti-Szene am Ende. Welten, Dimensionen, wie wir sie gemeinhin nur in Träumen erleben und aus Träumen erinnern.

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Erstaunlich der mit farbpsychologischen und perspektivischen Mitteln erzeugte dreidimensionale Bildeindruck der Räume und Galerien, in denen sich Menschen primär mit sich selbst zu beschäftigen scheinen, als einander zu begegnen und zu kommunizieren.

Wer kennt nicht Don Quijote, den „Ritter von der traurigen Gestalt“, das parodistische Trugbild „edler“ Ritterhaftigkeit zwischen Idealismus und Realismus. Zusammen mit seinem Begleiter – oder ist dieser nicht vielmehr sein alter ego? – Sancho Pansa Vorbild aller lang-dünnen und klein-dicken Komikerduos bis hin zu Pat und Patachon oder auch Dick und Doof. Marlies Odehnal scheint in ihrer stark abstrahierenden Arbeit den Mann aus der staubig-heissen Mancha in die kühl-grünblaue Welt arktischer Meere zu versetzen – ein Spiel weit mehr als nur mit den Möglichkeiten digitaler Technik.

Don Quijote

Die im westfälischen Herne geborene studierte Betriebswirtin Marlies Odehnal absolvierte 1994 bis 1996 die Städel-Abendschule. 2002 nahm sie an einem Workshop der Internationalen Akademie für Bildende Künste in Salzburg bei den chinesischen Künstlern Zhou Brothers (Chicago) teil. Sie war Schülerin von Malern wie Hans-Ludwig Wucher und Johan Benthin. Von 2004 bis 2007 besuchte sie kunstgeschichtliche Seminare an der Universität Frankfurt. Odehnal, Mitglied des Frankfurter Künstlerclubs und des Frankfurter Kunstvereins, unternahm zahlreiche Reisen, unter anderem nach Afrika, Mexiko, Ägypten und Südostasien. Sie hatte in den letzten Jahren über die bereits erwähnte in der Heussenstamm-Galerie hinaus zahlreiche Ausstellungen, beispielsweise im Frankfurter Künstlerclub, im Museum Hanau, im Historischen Rathaus Hochheim, im Kasseler Kulturbahnhof oder jüngst in der Stadtteilbibliothek Frankfurt-Bockenheim. Marlies Odehnal lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

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(Abbildungen und Fotografien © Marlies Odehnal)

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