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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Kunstverein Familie Montez und das grosse Blah Blah Blah

Totgesagte leben länger, eine alte Weisheit … im Falle des Frankfurter Kunstvereins Familie Montez noch dazu eine höchst erfreuliche. Seine Koffer und seine sieben Sachen braucht der Verein nicht – wie zunächst zu befürchten war – zu packen, jedenfalls nicht auf die Schnelle. Im Gegenteil: Am gestrigen 24. März zeigte sich „Familie Montez“ putzmunter, denn Montez-Chef Mirek Macke eröffnete nach vielen Irrungen und Wirrungen und vorübergehendem Stillstand am alten Domizil die Ausstellung „Draussen vor der Tür“ mit dem Städel-Meisterschüler Lionel Röhrscheid. Herzlichen Glückwunsch!

Mirek Macke weist auf die jüngst angelieferten Paletten mit Baumaterialen

Aufmerksamen Leserinnen und Lesern wird nun nicht entgangen sein, dass wir soeben „am“ statt „im“ schrieben: Zwar wies der Leuchtturm auf dem Hallendach den vertrauten Weg zur Kunst, jedoch blieb der Zutritt zur Halle versperrt, und der Titel der Ausstellung ist absichtsvoll zugleich Programm, welches wortwörtlich „draussen vor der Tür“ zu schauen war, unter freiem Himmel. Da hatte denn auch der Wettergott ein Einsehen, lenkte Regen und Kälte anderswo hin und beschied der in Hundertschaft und mehr erschienenen Montez-Gemeinde verdientermassen einen heiteren Abend- und Nachthimmel.

Kasper König eröffnet die Ausstellung

Kein Geringerer als Professor Kasper König, Direktor des Kölner Museum Ludwig, langjähriger Rektor der Städelschule und Gründungsdirektor der Ausstellungshalle Portikus, war aus der Domstadt angereist, um der Wiederauferstehung der Kunstfamilie mit der Enthüllung des Werkes von Lionel Röhrscheid den angemessenen Rahmen zu geben.

Kasper König im Gespräch mit Lionel Röhrscheid …

… der damaligen Mitgründerin der „Familie Montez“, Anja Czioska …

… und mit Montez-Chef Mirek Macke

König rekurrierte auf das bekannte, der Ausstellung ihren Titel gebende Drama „Draussen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert aus dem Jahr 1947, auf den versehrten, in die Heimatlosigkeit getriebenen, vornamenlosen Kriegsheimkehrer Beckmann, dem die aufkeimende Wirtschaftswundergesellschaft keinen Platz mehr einräumte. Nein, der Familie Montez solle es, auch wenn sie derzeit draussen vor ihrer Ausstellungshalle stehen müsse, nicht auf eine ähnliche Weise ergehen.

Dann ging es an die Enthüllung, wobei der Enthüllungsakt selbst bereits als eine eigene Kunst-Performance erschien: Professionell, fast geräuschlos entfernte ein Team die haushohen schwarzen Vorhangbahnen, in weniger als einer halben Stunde war auch das Gerüst abgetragen, und die Wandmalerei wurde Stück um Stück sichtbar. Etwas Skulpturartiges wurde niedergelegt, das darunter Verborgene befreit. Aber auch die Wandmalerei selbst mutet ein Stück skulptural an.

Das Kunstwerk, noch kunstvoll verhüllt …

… wird ebenso kunstvoll wie fachgerecht enthüllt

Eine Überraschung: ein vielhundertfach in Majuskeln geschriebenes „Blah“! Stolz wie kampfbereit bietet es allen Widrigkeiten und Bedrohungen die Stirn, denen sich der Kunstverein und letztlich die gesamte Off-Szene im meist allzu geschäftig und geschäftstüchtig lärmenden Kunstbetrieb ausgesetzt sieht. Das Blah stellt sich, trotzig und selbstbewusst, den glitzernden und verspiegelten Fassaden unserer Wohlstandsgesellschaft entgegen, die für immer mehr Menschen immer weniger übrig hat.

Und es passt in vielerlei Hinsicht ganz aktuell in die Zeit, dieses „Blah“: Gegenüber den Tausenden jetzt im hessischen Kommunalwahlkampf der Parteien aufgestellten und -geklebten Wahlplakaten, die zu ertragen man an allen und jeden Strassenecken und Bauzäunen genötigt wird, entlädt sich in Herz und Hirn ein befreiendes Blah!

Lionel Röhrscheid vor seiner Arbeit

Lionel Röhrscheid wurde 1966 in Madison / Wisconsin geboren. Er studierte von 1990 bis 1996 an der Städelschule bei Professor Hermann Nitsch freie Malerei und Grafik (Meisterschüler). Im Jahr 2000 erhielt er den Studienfahrtenpreis der Frankfurter Heussenstamm-Stiftung. Seine Arbeiten sind regelmässig in Gruppen-und Einzelausstellungen präsent.

Kann man sich die Frankfurter Kunst- und Kulturszene, zu der natürlich all das gehört, was man als „Off-space“ bezeichnet, ohne die ebenso kreative wie überlebenskampfstarke „Familie Montez“ überhaupt vorstellen?

Wir erinnern uns: Mitte November 2010 hatte die Frankfurter Bauaufsicht aus Brandschutz- und Sicherheitsgründen die öffentliche Nutzung der alten Gemüsehalle, der Heimat des Vereins in der Breiten Gasse 24, untersagt. In seiner Not fand er viele Freunde, darunter renommierte Kunstprofessoren wie Thomas Bayrle, Heiner Blum, Christa Näher, Hermann Nitsch oder Tobias Rehberger. Auch die Szene handelte rasch und solidarisch: bereits einen Monat später brachte eine Auktion, zu der weit über 50 namhafte wie auch noch nicht so  bekannte Künstlerinnen und Künstler Arbeiten gespendet hatten, die stolze Summe von knapp 25.000 Euro ein – der Verein soll und will mit diesem Geld die notwendigen baulichen Massnahmen finanzieren.

Alles sah recht gut aus: Der Kunstverein durfte die erforderlichen Brandschutzmassnahmen in Eigenleistung erfüllen, die Stadt Frankfurt am Main zeigte sich kooperativ und hilfsbereit. Dann aber kam Anfang dieses Jahres die Schreckensmeldung: Eine Bank wolle das Grundstück erwerben, nach Ablauf des Mietvertrages im Herbst werde der Verein das Gelände verlassen müssen. Dann jedoch stellte sich heraus, dass es doch keinen Kaufinteressenten gab. Mirek Macke orderte Baumaterial, ein befreundeter Architekt nahm sich der Dinge an. Und falls es noch an einem Stück restlichen Geld fehlen sollte, darf auf eine finanzielle Hilfe vom Frankfurter Kulturamt gehofft werden.

Ende April könnten die Baulichkeiten beendet sein und die Bauaufsichtsbehörde die erlösende Freigabe zur wieder öffentlichen Nutzung der Halle erteilen. Eine Bleibe auf Dauer wird sie allerdings kaum sein können, ist doch die innerstädtische Lage des Grundstücks zu attraktiv, als dass sich nicht ein Investor und Bauherr dafür finden liesse.

Der Weg zur Fassadenmalerei in der Breiten Gasse 24 lohnt sich. Und eine kleine Bauspende nimmt der Kunstverein Familie Montez jederzeit gerne entgegen.

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

2 Kommentare zu “Kunstverein Familie Montez und das grosse Blah Blah Blah”

  1. inge kersting
    25. März 2011 17:39
    1

    Herzlichen Glückwunsch!
    Der Artikel gefällt mir sehr gut, besonders die Überleitung zu den Wahlplakaten.

  2. mirek macke
    26. März 2011 12:00
    2

    vielen dank für den schönen artikel!

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