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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

BERLINALE 2011 (1)

Impressionen von der 61. BERLINALE (Teil 1)

Text und Fotos: Renate Feyerbacher

Mich als Journalistin zu akkreditieren, darauf hatte ich verzichtet. Es waren familiäre Gründe – genauer die Ankunft von Kyra, der zweiten Enkelin, und das Oma-Mehr-Engagement bei der zweijährigen Zoë.

Der Verzicht auf die Akkreditierung heisst, keine Chance, an einer der Pressekonferenzen, auch mit gültigem Journalistenausweis, teilzunehmen. Heisst: pokern um Karten für die Wettbewerbsbeiträge, Sonderaufführungen, die Specials etc. Das geschieht im Internet, wenige Tage vor Beginn der Filmfestspiele. Schnell muss man sein und Glück haben. Bei einigen gewünschten Filmen habe ich Erfolg, bei einigen nicht. Die Fahrt zur BERLINALE kann stattfinden, nachdem sieben Filme feststehen. Jetzt kann ich nur hoffen, mir noch Karten für weitere Filme an den Vorverkaufskassen – im wahrsten Sinne des Wortes – zu erstehen. Auch hier bin ich teilweise erfolgreich.

Später lese ich, dass 300 000 Eintrittskarten verkauft wurden.

Nachteilig ist, dass das Berlinale Journal, das alle Aktivitäten beinhaltet, erst mit Beginn der Festspiele vorliegt. „Im Internet suchen“, höre ich sagen. Sehr mühsam ist das. Es ist schwer, den Überblick über die etwa 400 Filmangebote zu bekommen.

Wartende Journalisten vor dem Berlinale Palast

Präsentiert wurden im Wettbewerbsprogramm 22 Filme, von denen 16 um die Bären konkurrieren. Zwei Sondervorführungen gab es, und vier Beiträge liefen ausser Konkurrenz.

Zur Internationalen Jury gehörten Weltstar Isabella Rossellini als Präsidentin, eine englische Kostümbildnerin, eine australische Produzentin, ein indischer Schauspieler, ein kanadischer Regisseur und Autor und die deutsche Schauspielerin Nina Hoss, die nicht nur in Filmen mitwirkt, sondern eine grossartige Bühnendarstellerin ist.

Grosse Leinwand: Übertragung von Diskussionen und Interviews im Berlinale Palast mit Konterfei von Nina Hoss

Sie ist Ensemblemitglied am Deutschen Theater in Berlin und spielt zurzeit als Jelena Nikolajewna in Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“. Faszinierend ihre Interpretation an der Seite von Ulrich Matthes, Katharina Schüttler und anderen. Die Vorstellungen sind schon Wochen vorher ausverkauft. Restkarten kann es geben.

Ein Stuhl der Berlinale-Jury blieb frei. Es war der von Jafar Panahi, dem iranischen Regisseur, Autor, Cutter und Produzenten. Ein iranisches Gericht hatte ihn im Dezember zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt. Er darf keine Journalisten treffen und nicht ins Ausland reisen. Ihm wird vorgeworfen, einen regimekritischen Film produzieren zu wollen, der sich mit den Wahlen und den damit verbundenen Ausschreitungen beschäftigt.

Demonstrationswagen zwischen den Limousinen „Wo bleibt Panahi?“

In einem Brief an die BERLINALE schreibt Panahi:

„In der Welt eines Filmemachers fliessen Traum und Realität ineinander. Der Filmemacher nutzt die Wirklichkeit als Inspirationsquelle, er zeichnet sie in den Farben seiner Vorstellungskraft. Damit schafft er einen Film, der seine Hoffnungen und Träume in die sichtbare Welt trägt.

Die Wirklichkeit ist, dass mir ohne Prozess seit fünf Jahren das Filmemachen untersagt wird. Jetzt wurde ich offiziell verurteilt und darf auch in den nächsten 20 Jahren keine Filme realisieren. Trotzdem werde ich in meiner Vorstellung weiterhin meine Träume in Filme übersetzen. Als sozialkritischer Filmemacher muss ich mich damit abfinden, die alltäglichen Probleme und Sorgen meines Volkes nicht mehr zeigen zu können …

Letztendlich bedeutet die Wirklichkeit meiner Verurteilung, dass ich sechs Jahre im Gefängnis verbringen muss. In den nächsten sechs Jahren werde ich in der Hoffnung leben, dass meine Träume Realität werden. Ich wünsche mir, dass meine Regiegefährten in jedem Winkel der Welt in dieser Zeit so grossartige Filme schaffen, dass ich, wenn ich das Gefängnis verlasse, begeistert sein werde, in jener Welt weiterzuleben, die sie in ihren Werken erträumt haben …

Ich stelle mich der Wirklichkeit der Gefangenschaft und der Häscher. Ich werde nach den Manifestationen meiner Träume in Euren Filmen Ausschau halten: In der Hoffnung, dort das zu finden, was mir genommen wurde.“

Jafar Panahi in der Fotogalerie der Jury im Berlinale Palast

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin haben am 11. Februar, dem Jahrestag der iranischen Revolution, zur Solidarität aufgerufen mit Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof, einem ebenso bedeutenden iranischen Regisseur, der ebenfalls verurteilt wurde.

Der 11. Februar ist der erste reguläre Tag der BERLINALE. „Offside“, Panahis Film,  für den er 2006 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, wird nachmittags als Sonderaufführung im Berlinale Palast gezeigt. Es ist die manchmal lustige und traurige Geschichte der jungen, weiblichen Fans, die sich den Zugang ins Fussballstadion von Teheran erzwingen wollen. Ein feines soziales Gesellschaftsstück.

Einige Prominente sind gekommen, um ihre Solidarität zu zeigen. Sie tragen um den Hals an grünen Bändern – Grün ist die Farbe der iranischen Demonstranten – das Konterfei von Jafar Panahi.

Senta Berger, Iris Berben, Bruno Ganz

Joachim Król und Bruno Ganz

Volker Schlöndorf

Dabei sind Iris Berben, Bruno Ganz, Volker Schlöndorf, Joachim Król, natürlich Dieter Kosslick, der Festivaldirektor, und viele andere Filmschaffende und Politiker.

Ein Schwerpunkt im Festival galt dem iranischen Film. Und einer von ihnen im Wettbewerb machte das ganz grosse Rennen: „Jodaeiye Nader az Simin“ („Nader und Simin, Eine Trennung“). Er gewann den begehrten Goldenen Bär für den besten Film, den Silbernen Bär für die beste Darstellerin – das Schauspielerinnen-Ensemble – und für den besten Darsteller – das Schauspieler-Ensemble. Schon im Vorfeld keine Chance, eine Karte zu erwischen.

Am Tag zuvor, dem Eröffnungstag, hatte es auf dem roten Teppich etwas Hollywood-Glanz gegeben. Der Film „True Grit“ der Brüder Joel und Ethan Coen, Ikonen des amerikanischen Independent-Kinos, lief ausser Konkurrenz. Die Stars Jeff Bridges, Josh Brolin und die 14jährige Hailee Steinfeld liessen sich vom Berliner Publikum feiern. Die Neuinterpretation des Western-Klassikers war für zehn Oscars nominiert, ging aber in Hollywood leer aus. Zu Recht sagen Fachleute, die den Streifen kennen. Der Film läuft bereits in den Kinos.

„The King‘s Speech“, auch bereits in den Kinos – der beim BERLINALE Special lief -, war der Oscar-Gewinner.

Der erste Wettbewerbsbeitrag, der um einen Bären konkurrierte, war der US-amerikanische Film „Margin Call“. „In the margin“ bedeutet am Rand. Der Titel steht für den gefürchteten Anruf eines Brokers bei seinem Auftraggeber, damit dieser Geld nachfliessen lässt. Kevin Spacey, zweifacher Oscar-Preisträger, spielt die Hauptrolle. Er war bei der internationalen Premiere in Berlin dabei.

Es geht um die Finanzmarktkrise vom Herbst 2008 – genauer um den Vorabend. Die leitenden Chefs einer New Yorker Investmentbank werden darüber informiert, dass ein Desaster bevorsteht. In 24 Stunden wird versucht, die Situation in den Griff zu bekommen. Die Ereignisse überschlagen sich, Entscheidungen, auch persönliche, müssen getroffen werden. Der Zusammenbruch ist unvermeidlich. Keiner verlässt das Bankgebäude mit reiner Weste, auch nicht Kevin Spacey als Senior-Chef, der zunächst den Moralisten gibt. Er lässt sich am Schluss gut bezahlen. Die Sorge um den toten Hund beschäftigt ihn mehr.

Es ist der erste Spielfilm von Regisseur JC Chandor, der auch das Drehbuch schrieb. Ihm geht es um die moralische Verantwortung, aber nicht allgemein um bösartige Banker, wie Chandor, früher Werbefilmer und Immobilienmakler, in einem Gespräch sagte. Sein Drehbuch basiert auf den Erfahrungen seines Vaters, der Jahrzehnte lang Investmentbanker war, und anderer Kenner des Finanzwesens. Ein spannender Film, der sich nur auf das Geschehen in einer Nacht konzentriert. Fesselnd auch dank der grossartigen Schauspieler Kevin Spacey, Jeremy Irons, Demi Moore, Paul Bettany, Zach Quinto. Ein Film, der allerdings Ratlosigkeit hinterlässt und keine Lösung aufzeigt. Geht der Wahnsinn so weiter? Warum bezahlen wir als Steuerzahler die hohen Gewinne der Zocker? Nach aktuellen Meldungen spitzt sich die Situation derzeit ja wieder zu.

„Bizim Büyük Çaresizligimiz“ („Our Grand Despair“ – „Unsere grosse Verzweiflung“) war ein türkischer Beitrag im Wettbewerb.

Kurz vor der Erstaufführung im Berlinale Palast hatte die internationale Plattform zur Filmproduktion im digitalen Zeitalter „eDIT – 14. Filmmakers Festival“ zum Filmgespräch mit Kamerafrau Birgit Gudjonsdottir und der Regisseurin und Grimme-Preisträgerin Annette Ernst in die Berliner Bar „Meisterschueler“ eingeladen. Gudjonsdottir erzählte über ihre Arbeit in der Türkei, die sie als sehr kooperativ und respektvoll beschrieb. Überzeugende Bilder hat sie in dem türkisch-deutsch-niederländischen Film „Bizim Büyük Çaresizligimiz “ eingefangen.

Kamerafrau Birgit Gudjonsdottir

In seinem zweiten Spielfilm erzählt Seyfi Teoman die Geschichte von zwei in Ankara lebenden Freunden, die in ihre Männer-WG die Schwester eines in Berlin beheimaten Freundes aufnehmen. Die Eltern der beiden Geschwister starben bei einem Autounfall. Anfangs gibt es grosse Schwierigkeiten, weil sich das Mädchen total verschliesst; dann, als sie sich öffnet, verliebt sich jeder der Freunde, ohne es vom andern zu wissen, in die junge Frau. Ein feiner Film, der dem Klischee von den türkischen Macho-Männern widerspricht.

„Bizim Büyük Çaresizligimiz“: die drei Hauptdarsteller im Berlinale Palast

Einen Silbernen Bär nahm der deutsche Regisseur Ulrich Köhler für seinen Film „Schlafkrankheit“ in Empfang. Köhler ist kein Unbekannter mehr, seine Streifen zeigte er seit 2002 auf der BERLINALE. Die Dreharbeiten der deutsch-französisch-niederländischen Koproduktion hatten vor einem Jahr in Kamerun begonnen. Dort spielt auch die afrikanische Ärzte-Geschichte. Ebbo, Leiter einer Klinik für Schlafkrankheit, bereitet mit seiner Frau die Rückkehr nach Deutschland vor. Lange hatte das Paar in Kamerun gelebt, die Tochter jedoch in einem deutschen Internat untergebracht. Aber dann entscheidet sich Ebbo anders: Er bleibt zurück und verwahrlost so nach und nach. Ein junger kongostämmiger, französischer Arzt untersucht im Auftrag der WHO den Nutzen und die Effektivität dieser Klinik. Die Epidemie ist vorbei und die Klinik nicht mehr notwendig, die Gelder veruntreut. Da treffen sich zwei Männer, der eine, der sich in Afrika verliert, der andere, zunächst ohne Bezug zu Afrika, der versucht, sich dem Kontinent zu nähern.

Der Film hat spannende Momente, starke Bilder, handhabt souverän die räumlichen Möglichkeiten. Aber immer wieder gibt es Lücken in der Erzählweise. Es bleibt die Frage, was er uns über Afrika sagen will, was über europäische Menschen, die für immer dort bleiben wollen. Geht es um Heimatlosigkeit oder um die Auseinandersetzung mit den Problemen der Entwicklungshilfe? Um beides. Trotz einiger Einwände lohnt es sich, den Film anzusehen.

Auch der Wettbewerbsbeitrag „Coriolanus“ des englischen Regisseurs Ralph Fiennes, der 2009 als Schauspieler mit dem Film „Der Vorleser“ in Berlin Gast war, hinterlässt beim Zuschauer zwiespältige Gefühle.

Die Leinwandadaption von Shakespeares Werk ist Fiennes Regiedebut. Er verlegt das Geschehen des Dramas, das im 4. Jahrhundert vor Christus spielt, in die Gegenwart, in den Bosnienkrieg. Das ist grosses Theater. Ist es ein Filmstoff? Ich meine ja. Manchmal allerdings in den brutal-kriegerischen Szenen ist die Shakespear’sche Sprache unangebracht, zu theatralisch. Ralph Fiennes spielt die Titelrolle, überzeugt jedoch nicht durch subtiles Spiel, wie es aus dem „Englischen Patienten“ bekannt ist. Hervorragend dagegen Vanessa Redgrave als seine Mutter, die ihn zum harten, unnachgiebigen Krieger erzog, ihn zugleich in seiner Nachgiebigkeit unterstützt bis auf den Moment, wo auch sie ihn, den römischen Helden, in Verbannung schickt. Überheblichkeit und Arroganz gegenüber dem einfachen Volk haben Coriolan zu Fall gebracht. Der Konflikt zwischen Mutter und Sohn kulminiert, als sich Coriolan mit dem Feind Roms verbündet, um die Stadt zu vernichten. Für diese Rolle hätte sie einen Bären verdient.

Schon mehrfach war ich bei der BERLINALE, und mir gefällt die Stimmung, die Lockerheit , die Möglichkeit für jeden teilzunehmen. Die Eintrittspreise sind moderat: 12 Euro für die Wettbewerbsfilme im Berlinale Palast oder die Gala im Friedrichstadtpalast, ansonsten 9 Euro oder 8 Euro in den anderen Spielstätten. Es gibt keinen Starrummel, wohl aber Begeisterung für Stars.

⇒ ⇒ ⇒  BERLINALE 2011 (2)

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