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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Jutta Heun und der Genius loci

Von Erhard Metz

Es gibt ihn: den Genius loci; Orte, die inspirieren, die mit dafür empfänglichen Menschen kommunizieren, die auf geheimnisvolle Weise Ideen, Energien und Kräfte mobilisieren. Oder man kommt zu dem Schluss: Alles hängt mit allem zusammen. Oder wie Shakespeare Hamlet sagen lässt: „There are more things in heaven and earth, Horatio,  than are dreamt of in your philosophy“.

Im Garten des Kunsthauses am Lohrberg

Da gibt es also, unweit des gleichnamigen Hanges, der gern auch als der Hausberg Frankfurts bezeichnet wird, das „Kunsthaus am Lohrberg“. Und der Lohrberg, eine in Teilen noch naturbelassene, des Sommers blütenreich duftende, von gaukelnden Schmetterlingen bevölkerte parkähnliche Landschaft im Osten Frankfurts hoch über der Mainebene, beherbergt den einzigen noch im Stadtgebiet verbliebenen, den südlich einfallenden Sonnenstrahlen ausgesetzten Weinberg, im städtischen Weingut keltert man seine Rieslingtrauben als Kabinett und Spätlese zum „Frankfurter Lohrberger Hang“, durchaus einem ordentlichen Tropfen, Geheimtip einheimischer Schenkender, ihre auswärtigen Gäste zu überraschen. Ach, wir schweifen ab …

Oder eben auch nicht. Mit ihrem „Kunsthaus am Lohrberg“ nämlich hat sich Jutta Heun, eine Malerin, Skulpturenformerin und begnadete Zeichnerin, einen Lebenstraum erfüllt: ein luftig-lichtdurchflutetes Atelierhaus inmitten eines üppigen wie lauschigen Gartens; ein mit Teichrosen besetztes Gewässer lädt zu meditativem Verweilen ein. Auch im Atelierhaus begegnen wir dem Garten, mit zigtausend feinster Bleistiftstriche gezeichnet, das Graphit des Stiftes verwandelt sich in unserem Inneren zu freundlich wucherndem, üppigem, lebensvollem Grün. Und wir sind uns gewiss über die Existenz und die Kraft des Genius loci, der dort, in diesem Haus am Fuss des Lohrbergs waltet.

„garden“, 2008, 180 x 140 cm, Bleistift und Acryl auf Leinwand

Atelier im Kunsthaus am Lohrberg

Jutta Heun – als Initiatorin des alle zwei Jahre verliehenen Kunstpreises  „ZONTA Art Contemporary“ tat und tut sie übrigens viel zur Förderung junger Künstlerinnen der Region – öffnet ihr vor rund zehn Jahren erbautes Kunsthaus nicht nur ihren Schülerinnen und Schülern, sondern nach Absprache auch allen ernsthaft Kunstinteressierten.

Wir plauderten mit ihr über mancherlei, aber über ihre Arbeiten mag sie nicht sonderlich reden – und sie soll es unserer Auffassung nach auch gar nicht. Denn Jutta Heun ist Malerin und Zeichnerin und nicht Schriftstellerin.  Ihre grossformatigen, narrativen Zeichnungen selbst sind es, die zu uns „sprechen“ und uns unmittelbar erzählen.  Und en passant: dem zunehmenden Trend nach allerlei „Künstlergesprächen“ begegnen wir ohnehin mit Skepsis:  „Bilde Künstler, rede nicht“ schrieb schon Johann Wolfgang Goethe.

Wir sprechen von Zeichnungen und beleuchten damit nur ein Segment aus dem breiten Schaffensspektrum der Künstlerin, denn Jutta Heun, die in einer zurückliegenden Epoche ein reiches Werk von zumeist grossformatigen Gemälden in Öl auf Leinwand schuf,  widmet sich derzeit im Schwerpunkt dieser Technik: Buntstifte und Bleistift sind die Werkzeuge  für ihre in 2010 entstandenen, wiederum grossformatigen Arbeiten auf  Papier, von denen wir hier drei näher vorstellen.

Jutta Heun vor „redlife“, 2010, 150 x 150 cm, Buntstifte und Bleistift auf Papier

„redlife“, Detail

Eine Andeutung, die wir als Lesehilfe verstehen können, haben wir ihren Ausführungen dennoch entnommen: Die mit dem Bleistift zart aufgetragenen, matt-schwarzweissen Zeichnungen bilden das erzählerische Zentrum ihrer Arbeiten, um das herum sich die farbigen Bilderwelten entfalten. Wiederholt sind es Darstellungen junger Mädchen, die diesen Mittelpunkt bilden, zeichnerisch auf das Feinste ausgeführt. Es liegt nahe, in diesen Motiven einen autobiographischen Ansatz zu vermuten. In „redlife“ liegt dieses Mädchen in entspannter Haltung mit unter dem Kopf verschränkten Händen auf dem Rücken, seine Träume und Fantasien scheinen sich in kosmischen Dimensionen zu verlieren, in denen Sonnen aufscheinen, energetische Ströme entsendend. Die kontemplative Ruhe des Mädchens steht nur vordergründig in einem Kontrast zu dem es umgebenden stetigen universellen Energiefluss, denn alles scheint sich mit allem in einem Einklang zu befinden, was sich auch in der ausbalancierten Bildkomposition widerspiegelt.

Auch in der folgenden Zeichnung sehen wir ein Mädchen, nachdenklich, fast ein wenig verstört in sich gekehrt, im überwiegend mit dem Graphitstift ausgeführten, hier kreisrunden, in der Mitte durch ein mächtiges vegetatives Gebilde geteilten Bildkern. Daneben einen sorgfältig mit Tafelgeschirr, Gläsern und Bestecken gedeckten Tisch, der uns erschauern lässt: Auf ihm liegt ein totes Reh, eine offene blutende Wunde am Rücken, Beine und Teile des Tierkörpers sind im gleichen Zartrosa gehalten wir der Rock des Mädchens, wie ein Fanal flattert über der Szenerie ein blutroter Wimpel. Träume und Alpträume lösen einander ab. Das Reh auf dem Tisch, eine Metapher für Jagd, Gewalt und Tod, das die Bildmitte beherrschende, phallisch wirkende gewächsartige Gebilde, das Motiv der rechten Bildhälfte, das sich assoziativ mit Weiblichkeit verbinden liesse, eine in die linke Bildhälfte hereinbrechende, maskulin anmutende Gestalt könnten als eine Auseinandersetzung mit dem Herauswachsen aus kindlicher Mädchenhaftigkeit in eine beginnende Welt der Geschlechtlichkeit gelesen werden. Zumal die Künstlerin selbst von „flashback“-Zeichnungen spricht, von Arbeiten – so Jutta Heun -, „die den diagnostischen Blick auf einzelne gelebte eigene und fremde Zustandsphasen mit zarten Mustern und organischen Bildstrukturen verbinden“.

„untitled“, 2010, 150 x 150 cm, Buntstifte und Bleistift auf Papier (Foto: Jutta Heun)

Detail

Eine in ihren Ausmassen gewaltige Zeichnung von dreieinhalb Metern Breite bedeutet den vorläufigen Höhepunkt dieser Werkreihe. Eine bescheidene Wohnlichkeit bildet – wiederum fein schwarzweiss mit Graphitstift ausgeführt – den Ausgangspunkt für den Betrachter: ein gardinenloses Fenster, davor ein Tisch, eher kärglich eingedeckt für zwei Personen; steht nicht am rechten unteren Rand dieses Motivs noch ein puppenstubenkleines Kastenbett?

„untitled“, 2010, 350 x 150 cm, Buntstifte und Bleistift auf Papier

Detail

Unter dem „Leitmotiv“ ein feines Spieltisch-Möbel, eine Orchidee entwächst einer aufgesprungenen Knolle. Links im Bild eine fein bekrönte Prinzessin, von rechts tritt ein junger Mann in die Szene. Zwischen beiden Figuren Geschichten, Assoziationen und Träume im Spannungsfeld zwischen den Geschlechtern. Man kann lange vor dieser Arbeit stehen und unentwegt detailreiches Neues entdecken: Personen, organische, vegetativ-wuchernde wie allegorische Gebilde, und immer wieder ein Schachbrett-Muster. Ist das Leben – vielleicht auch – ein Schachspiel?

Detail

Detail

Wir haben derart aufwendige, grossdimensionierte und zugleich filigrane, mit fast unendlich erscheinender Hinwendung und Geduld ausgeführte Zeichnungen, zusammengefügt aus vielleicht Hunderttausenden feinster Striche, noch nirgendwo gesehen, obschon wir viel „unterwegs“ sind.

Wohin wird ihre künstlerische Reise gehen, fragen wir Jutta Heun. „Heute entferne ich mich bewusst von dieser persönlichen Sicht, weil nicht mein Ich mit einer persönlichen Botschaft die Grundlage meiner Arbeit sein soll. Mit dieser Entfernung entsteht ein vielschichtiger neuer Bildzyklus.“

„allcyclelife“, 2010, 160 x 120 cm, Buntstifte und Bleistift auf Papier (Foto: Jutta Heun)

Jutta Heun knüpft, ihre besondere Zeichentechnik fortführend, feine, mit Synapsen durchsetzte Gewebe, wir möchten sie gern als „Erinnerungsteppiche“ bezeichnen. Es scheint die Welt des Mikrokosmos zu sein, die sie zu erkunden sucht, eine Welt, in der sich, den Erkenntnissen von Relativitätstherie und Quantenmechanik folgend, Materie in Energie auflöst. Etwas Neues, noch kaum fassbar Grosses tut sich auf.

Jutta Heun, gebürtige Frankfurterin, studierte an der heimischen Goethe-Universität Kulturanthropologie, Kunstgeschichte und Kunstpädagogik mit dem Magister-Abschluss. Längere Arbeitsaufenthalte führten sie nach New York und Montevideo. Seit 1998 beteiligt sie sich an Ausstellungen, in Frankfurt am Main in der Galerie Maurer und der Galerie Söffing, weltweit in Galerien in Malaga, New York, Honolulu und in Punta del Este, Uruguay.

Abgebildete Werke © Jutta Heun; Fotos, soweit nicht anders angegeben: Erhard Metz

→ Jutta Heun: „Riesinnen leben länger“ – Zeichnungen in der Gießener Galerie Unterer Hardthof
→ Jutta Heun: „Giantesses Landfall“ in der Frankfurter Galerie Söffing

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