home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Hoffmanns Erzählungen“ in der Oper Frankfurt

Die Fantasie ist meine Amme – „Hoffmanns Erzählungen“ in der Oper Frankfurt

Betrachtungen von Renate Feyerbacher

Hoffmann und Offenbach: zwei Gleichgesinnte

Der Literat, Musiker, Zeichner und Jurist E. T. A. (Ernst Theodor Amadeus) Hoffmann (1776 bis 1822), gebürtig in Königsberg, und der Komponist Jacques Offenbach (1819 bis 1880), in Köln geboren, haben einiges gemeinsam: Beide arbeiteten nicht um der hehren Kunst willen, sondern um schnell Geld ins Säckel zu bekommen. Beide hatten einen ausgeprägten Geschäftssinn. Beide wurden von Gläubigern verfolgt.

Beide sind sehr gesellig. Der eine streift über die Pariser Boulevards, der andere sitzt häufig im Weinhaus Lutter & Wegner, wo er bis morgens erzählt und trinkt. Beide sind auf Effekte aus, auf die Wirkung beim Publikum. Beide haben eine Schwäche für Fantastisches. Hoffmanns Gespensterwelt, seine Phantasmagorien ziehen den Komponisten in Bann.

14jährig geht Offenbach nach Paris, um mit Musik Geld zu verdienen. Da ist in Frankreich bereits die Begeisterung für den deutschen Poeten E. T. A. Hoffmann voll entbrannt. Offenbach, der Cello-Virtuose, wird von den französischen Zeitungsleuten mit Hoffmann in Verbindung gebracht: „Mit seinen langen Haaren, seinem schmalen Wuchs und seiner geistvollen Stirn könnte man ihn für eine Gestalt aus den fantastischen Erzählungen Hoffmanns halten“, hiess es 1843.

Acht Jahre später erlebt Offenbach die Uraufführung des fantastischen Dramas „Les Contes d’Hoffmann“ („Hoffmanns Erzählungen“) der Autoren Michel Carré und Jules Barbier. Es basiert auf Erzählungen des deutschen Poeten. Offenbach ist begeistert. Der Stoff lässt ihn nicht mehr los.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kippt die Stimmung. Die Begeisterung für Hoffmanns Werk schlägt um. Goethe hatte ja schon früh gewettert „krankhafte Werke eines leidenden Mannes“. Ebenso schwindet Offenbachs Ruhm. Der „Abgott der Boulevards“ muss dringend ein Werk schaffen, das ihn aus der finanziellen Misere holt. Da erinnert er sich an „Les Contes d’Hoffmann“, die er 25 Jahre zuvor im Théâtre National de l’Odéon sah. 1877, drei Jahre vor seinem Tod, beginnt der Komponist mit der Oper. Diesmal nimmt er sich Zeit mit der Arbeit. Er hinterlässt allerdings ein Opern-Fragment. Der Epilog ist nur vorgezeichnet.

Alfred Kim (Hoffmann; rechts stehend in blauem Jackett) sowie im Hintergrund v. l. Florian Plock (Peter Schlemihl), Brenda Rae (Olympia), Elza van den Heever (Antonia), Michael MacCown (Cochenille), Claudia Mahnke (Giulietta) und Chor der Oper Frankfurt; Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

Hoffmanns Erzählungen am Tresen

Hoffmann steht mit seinen Trinkkumpanen am Tresen. Vom Alkohol beseelt, erinnert er sich mit Wehmut an Stella, seine unvergessene Jugendliebe, nun eine gefeierte Opernsängerin. Sie gastiert mit Mozart in der Stadt. (Mozart war Hoffmanns und Offenbachs Lieblingskomponist.) Um seine Sehnsucht nach Stella zu überwinden, erzählt er drei Geschichten über seine Liebe zu ihr. In seiner Fantasie teilt er Stella in drei Frauen auf: in Olympia, eine automatisierte Puppe, in die schwindsüchtige Sängerin Antonia, die sich buchstäblich zu Tode singt, und in die Kurtisane Giulietta, der er verfällt, an die er nicht nur sein Herz, sondern auch sein Spiegelbild verliert. Hinter diesen „drei Frauen in einer einzigen Frau“ sieht der völlig betrunkene Poet seine Stella, die einzig Geliebte. „Die Träume sind die einzige Wahrheit in dieser Welt, in der alles falsch ist.“

Regisseur Dale Duesing im Anschluss von „Oper extra“; Foto: Renate Feyerbacher

Der amerikanische Bariton Dale Duesing hat an allen grossen Opernhäusern der Welt gesungen. Opernwelt kürte ihn einst zum „Sänger des Jahres“. In Frankfurt sang er unter anderem den Wozzeck. Dale Duesing ist aber auch ein erfolgreicher Regisseur. Seine Frankfurter Inszenierung von Rossinis „Il viaggio a Reims“ begeisterte. Nun hat er „Hoffmanns Erzählungen“ inszeniert. Es geht um Träumereien, um Phantasmagorien.

Hoffmann steht auf einer fast leeren Bühne. Weit hinten der Tresen, die Bar – ein grosses Regal gefüllt mit Flaschen. Nichts Gemütliches ist da, das zu Träumereien einladen könnte. Hoffmann wirkt verloren auf dieser Bühne, die seine Einsamkeit unterstreichen soll. Befremdlich ist, dass die Akteure, Olympia, Antonia, Giulietta und andere sich bereits anfangs an der Bartheke tummeln. Es fehlt die Personenführung durch Dale Duesing. Er zeigt einen torkelnden Hoffmann. Seine Nöte, seine Ängste, seine Krankhaftigkeit werden nicht wirklich sichtbar.

Drei Frauen in Stella

Peter Marsh (Pitichinaccio), Alfred Kim (Hoffmann) und Brenda Rae (Olympia); Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

Die Szene mit Olympia, die Bewegungen wie ein Roboter vollzieht, überzeugt nicht.

Es ist zu turbulent. Der Chor steht zu nah und die Marionetten, die über dem Geschehen auch noch kreisen, lenken ab. Sängerin Brenda Rae beeindruckt jedoch durch ihre Koloraturen und zieht so die ganze Aufmerksamkeit auf sich.

Auch die Szene mit Antonia, die sich nur um den auf der rechten Bühnenseitestehenden Flügel abspielt, hat wenig Dramatik. Elza van den Heever macht mit ihrem fulminanten Sopran die dramaturgische Einfallslosigkeit vergessen.

Alfred Kim (Hoffmann) und Elza van den Heever (Antonia); Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

Die berühmte Barcarole leitet die dritte Erzählung ein. Auch hier kommt das Prickelnde der Erotik nicht wirklich zur Geltung. Es springt kein Funke über. Es geht ja immerhin um Verführung. Claudia Mahnkes starker Mezzosopran macht auch das vergessen. Wunderbar ihre kühle Überlegenheit.

Alfred Kim als Hoffmann, eine Überraschung – sängerisch, weniger darstellerisch.

Mühelos erreicht seine tenorale Stimme die Höhen und führt sie zur Entfaltung.

Giorgio Surian gibt die vier Bösewichte in „Hoffmanns Erzählungen“. Sehr intensiv ist sein Bass, und schauspielerisch überzeugt er auch. Peter Marsh in seiner Vierfachrolle gefällt.

Im Epilog führt Jenny Carlstedt als Muse mit schöner Altstimme den Dichter zu seiner wahren Bestimmung, nämlich der Kunst, zurück.

Einfachheit der Offenbach’schen Musik

Dirigent der Neuinszenierung ist Roland Böer. Sechs Jahre lang war er Kapellmeister an der Oper Frankfurt. Er hätte die Musiker des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters manchmal mehr anfeuern können.

Von der Einfachheit der Mittel, derer sich der Komponist bedient, spricht Böer. „Die Musik lebt vom Gesang, der schlicht Dur-Moll-kadenziell begleiteten Melodie, ungetrübt durch Polyphonie oder gar psychologische Kontrapunktik.“

Dirigent Roland Böer im Anschluss von „Oper extra“; Foto: Renate Feyerbacher

Manchmal sind es nur wenige Töne, die sich oft wiederholen. Vielleicht ist das das Geheimnis der musikalischen Faszination von Offenbachs Musik. Beim Rausgehen aus dem Opernhaus summen einige Besucher die Barcarole. Das Publikum war zufrieden.

„Die Fantasie ist meine Amme, meine Zügel heissen Vergnügungen. Leicht und frech singe ich meine Lieder, und Tragödien kenne ich nicht“, singt Hoffmanns Muse. So leicht und beschwingt wie in seinen Operetten geht es in Jacques Offenbachs fantastischer Oper „Hoffmanns Erzählungen“ nicht zu.

Trotz einiger Einwände zur Inszenierung ist das ein gelungener Opernabend. Er lebt vom Gesang.

Weitere Aufführungen in französischer Originalsprache mit deutschen Übertiteln in der Oper Frankfurt am 23. und 29. Oktober, am 6. November und noch dreimal im Dezember 2010.

Schreib´ einen Kommentar