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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Absolventenausstellung 2010 der Städelschule „Geschmacksverstärker“ im MMK-Zollamt

„Wir freuen uns, die Ausstellung erneut in unserem Haus zu präsentieren, denn dem MMK ist es als Museum für zeitgenössische Kunst ein besonderes Anliegen, im direkten Kontakt zu jungen Künstlern zu stehen und sie mit Ausstellungen wie diesen zu fördern“, leitete Peter Gorschlüter, der neue Stellvertretende Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, die Absolventenausstellung 2010 der Städelschule ein. Dieser inzwischen siebten öffentlichen Absolventen-Werkschau öffnet das MMK jetzt zum zweiten Mal, nach der Ausstellung im Vorjahr, den grossen Ausstellungsraum in seiner Dependance „Zollamt“.

Ausgestellt werden in diesem Jahr Arbeiten von Eric Bell, Anne Lina Billinger, Plamen Bontchev, Nicolas Ceccaldi, Carmina Conradt, Edith Deyerling, Michele Di Menna, Jakob Emdal, Mate Andras Feles, Julia Feyrer, Kristoffer Frick, Philip Götze, Lena Henke, Yuki Higashino, Yngve Holen, Britta Kamptner, Ilja Karilampi, Xue Liu, Shane Munro, Ayaka Okutsu, Claus Rasmussen, Oona-Lea von Maydell und Iori Wallace aus den Klassen der Professoren Bonni Camplin, Christa Näher, Willem de Rooij, Michael Krebber, Simon Starling und Tobias Rehberger.

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Daniel Birnbaum und Peter Gorschlüter in der Pressekonferenz

Mit den Absolventen der Hochschule freut sich auch deren scheidender Rektor Professor Daniel Birnbaum (er übernimmt im November die Leitung des Moderna Museet in Stockholm) über die Möglichkeit, die Arbeiten erneut in einem renommierten Museum für kontemporäre Kunst anstelle der schuleigenen Ateliers ausstellen zu können. „Mit dieser Ausstellung überschreiten Sie“, verabschiedet Birnbaum seine Studenten, „die Grenze in ein neues Leben. Sie stehen noch auf der Schwelle – mit ‚Geschmacksverstärker‘ sind Sie auf dem Weg in eine neue Situation. Dies ist der letzte Augenblick mit uns in der Städelschule und zugleich der erste Augenblick ohne die Städelschule“. Und auch wir hoffen, den Absolventen, dann als freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern, wieder zu begegnen.

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Claus Rasmussen, „The History of the White Shirt“, 2010

Die diesjährige Werkschau hat Bernd Reiß (MMK) sorgfältig kuratiert, die Absolventen wiederum hatten die Möglichkeit, ihre Arbeiten im Hinblick auf die spezifische Situation des Ausstellungsraums zu konzipieren. Womit wir beim Thema der aktuellen Ausstellung wären: Zu sehen sind fast ausschliesslich Arbeiten konzeptueller Kunst. Sie erreichen zumeist einen ausserordentlich hohen Reflexionsgrad und erschliessen sich, wie sich schon am Eröffnungsabend zeigte, dem interessierten Betrachter manches Mal erst in einem Dialog mit Künstler oder Kurator.

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Ayaka Okutsu, „Whiteout – would you care for who you are“, 2010, Videoinstallation

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Philip Götze, „Die Angela Merkel der Kunst“, 2010 (zweiteilig)

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Ilja Karilampi, „AKON“, 2010, Gips, Laufschuhe; im Hintergrund rechts: Michele Di Menna, „Schatten“ (Detail), 2010, Sculpture and program text

Ob (bereits) „Geschmacksverstärker“ oder (erst) Appetitanreger: Die Exponate der Hochschulabsolventen wollen – wie dieses Kissen, an das man, wenn man es denn weiss,  sein Ohr legen kann und soll – erarbeitet werden. Oder wie der Einkaufs- (Geh-) wagen mit Vanitas-Uhr und -kerze nebst Knusperfrühstücke verheissenden Kellogg’s-Packungen: eine Fehlinterpretation, deren man sich anhand handschriftlicher Ausführungen auf den Rückseiten der Schachteln  – Kunstwerke darf man bekanntlich nicht berühren – nur niederkniend, wenn nicht bäuchlings liegend – vergewissern kann? Ein Vormittag wird für all diese Erkundungen nicht reichen und vielleicht auch kaum ein zweiter. Vor allem aber sollte man sich der Erfahrung nicht verschliessen, dass auch konzeptuelle Kunst sinnlich ist – die hier gezeigten Beispiele sollen darauf neugierig machen.

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Yngve Holen, „1/2 Asleep to the 2010 Hot 1001“, 2010

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Nicolas Ceccaldi, „Insanatorium“, 2010

Der diesjährige, wiederum mit 2000 Euro dotierte Absolventenpreis des Vereins Städelschule Portikus e. V. ging an Shane Munro. Barbara Bernoully, Vorstandsvorsitzende der Stiftung Städelschule für junge Künstler und Kuratoriumsmitglied des Vereins, trug die Begründung der Jury vor:

„Shane Munros zweiteilige Präsentation mit den Werken ‚Museum of Unfinished Art‘ und ‚offcuts unfinished‘ überzeugt durch die Überlagerung verschiedener künstlerischer Strategien und Ebenen. Malerei, Objekt und Video, aber auch Aktion, Dokumentation und Text gehen in seinen Arbeiten subtil ineinander über. Als Bildträger für ‚Offcuts unfinished‘ verwendet er Relikte, weggeworfene Reste aus der letzten Rundgangausstellung.

Für das Video ‚Museum of Unfinished Art‘ verfolgte der Künstler über mehrere Monate die Bauarbeiten für den neuen Anbau am Städelmuseum und zeichnete diese mit einer Videokamera auf.

Eine mit Werken von 14 Künstlern und einem Science Fiction-Text gefüllte und versiegelte Raketenröhre wurde von Shane Munro schliesslich, kurz bevor das Betonfundament gegossen wurde, in einer Nachtaktion in den Boden unter dem Neubau eingelassen. Als Zeitkapsel bleibt sie dort unweigerlich mit dem Ort und unserer Gegenwart für immer verbunden.

Das Video überlagert dokumentarische Filmaufnahmen der Bauarbeiten und Bilder der Aktion mit dem O-Ton des gleichnamigen (also unter dem Titel ‚Museum of Unfinished Art‘) an der Städelschule gehaltenen Vortrags des amerikanischen Science-Fiction-Autors Mark von Schlegel.

Munro setzt sich in diesen Arbeiten mit seiner unmittelbaren räumlichen, aber auch künstlerischen Umgebung sowie seiner Studienzeit in Frankfurt auseinander und verbindet sie zu einem Geflecht:

Künstlerische Praxis, Kuratieren und subtiler Protest, Aktualität und Zukunftsvision, Produktions- und Ausstellungsort bilden in seinem Werk neue und überraschende Einheiten.“

 

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Shane Munro, Träger des Absolventenpreises 2010

Der Jury gehörten neben Barbara Bernoully die Direktorin des Museums für Weltkulturen, Clémentine Deliss, sowie vom MMK Peter Gorschlüter und Sophie von Olfers an.

Ähnlich subversiv wie ein wesentliches Element der Preisträgerarbeit selbst: deren Unterbringung im Untergeschoss des Ausstellungsraums. Genial die kuratorische Entscheidung, den Bildschirm auf dessen Fensterbank aufzustellen – mit Ausblick auf den derzeitigen Abbruch des Technischen Rathauses. Abgeschnittene, vertrocknete Zweige: Reminiszenz an das Fällen der Bäume und Büsche im ehemaligen Städel-Garten zum Aushub des Baugrunds für das „Neue Städel“. Subversiv? In einer Nacht- und Nebelaktion brachte Munro ein Stück versiegeltes Raketenrohr des in der Jury-Entscheidung genannten Inhalts in den Baugrundstücksboden ein, bevor am darauffolgenden Tag die Betonbodenplatte darüber gegossen wurde – der Videofilm hält nach den Baumfällaktionen auch diese Szenen fest. Shane Munro hat sich selbst im „Neuen Städel“ unabänderlich und „fundamental“ verewigt!

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Preisträgerarbeit „Museum of Unfinished Art“ (Video)

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Preisträgerarbeit „offcuts unfinished“ (Deckencollage)

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Symbol vergewaltigter Natur: Preisträgerarbeit „offcuts unfinished“ (Detail)

„Geschmacksverstärker“ im MMK-Zollamt, bis 15. August 2010 © abgebildete Werke: jeweilige Künstlerinnen bzw. Künstler; Fotos: FeuilletonFrankfurt

→  Absolventenausstellung 2011 der Städelschule “ENCORE” im MMK-Zollamt / 1

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