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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Fotografie aus Leipzig in den Opelvillen

„Mit Abstand ganz nah – Fotografie aus Leipzig“ – so heisst die aktuelle Ausstellung in den Rüsselsheimer Opelvillen. Rund 140 Exponate von 25 Fotokünstlerinnen und -künstlern, allesamt Absolventen der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst HGB in Leipzig, zusammengestellt aus der Sammlung Fotografie des Kunstmuseums Dieselkraftwerk Cottbus sowie aus Leihgaben von Künstlern und Galerien in Leipzig und Berlin, vermitteln einen einzigartigen Einblick in deren künstlerisch-fotografisches Schaffen vor und nach der „Wende“.

Die Ausstellung verdeutliche, so die Intention der Opelvillen, „inwieweit die Leipziger HGB in den 1980er Jahren jene Fotografengeneration prägte, welche die Dominanz des agitatorischen Bildjournalismus unterminierte und eigene Handschriften entwickelte. Im Fokus stehen seitdem die kritische, soziologisch-empirische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, der Blick auf die Menschen und ihre sozialen Zwänge. Die kritische Distanz zur gesellschaftlichen Wirklichkeit als Bestandteil der Leipziger Fotografie wird bis heute deutlich. Dabei verschieben sich die Perspektiven von privaten alltäglichen auch auf öffentliche und globale Zusammenhänge“.

Eine Auswahl von sieben künstlerisch-fotografischen Positionen möge zu einem Besuch dieser ausserordentlich sehenswerten, bis zum 16. Mai 2010 laufenden Ausstellung einladen – einem „Muss“ für jeden Liebhaber der Fotokunst.

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Christian Borchert, Fernsehapparat, Berlin 1979

Christian Borchert, 1942 in Dresden geboren und 2000 in Berlin verstorben, absolvierte an der HGB von 1971 bis 1974 ein Fernstudium der Fotografie. Nach Tätigkeit als Fotoreporter hielt er in freier Fotografie und individueller Sicht Alltagssituationen aus dem Leben in der DDR fest. In seiner Arbeit „Fernsehapparat“ zeigt er einerseits  – wohl nicht ohne Stolz – „Errungenschaften“ wie das moderne technische Kommunikationsgerät, interessant  in der Kombination mit dem berühmten DDR-„Sandmännchen“. Andererseits vermitteln das Segelschiff oder der gesenkte Blick des Protagonisten auf dem Bildschirm Sehnsucht nach Ferne und Freiheit wie auch zugleich Resignation in einem geschlossenen System.

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Bertram Kober, Privatwohnung, Erfurt, 1983, Aus: Kulpoche, 1983-1995; © Bertram Kober

Ostdeutschen Interieurs wendet sich auch der 1961 in Leipzig gebore Bertram Kober zu, ebenfalls Absolvent der Leipziger HGB. Er studierte von 1981 bis 1987 Fotografie. Kober lebt und arbeitet in Berlin und Leipzig. Die Abbildung zeigt eine kleinbürgerliche, ebenso heimelige wie muffige  Szenerie mit zwei gleich aussehenden Strickwesten und Reminiszenzen an die Zeit der „Nierentische“. Makaber und doch ein Symbol für erzwungene persönliche Immobilität: Krücken und Gehstock an der Garderobe, zugleich Sinnbild für den Zustand des Staates DDR. Im Spiegel-„Bild“ auch hier eine Sehnsucht nach Aufbruch, nach Ferne?

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Erasmus Schröter, Komparsen, Frau 23 , 2001, © Erasmus Schröter, courtesy galerieKleindienst, Leipzig

Erasmus Schröter, 1956 in Leipzig geboren, studierte an der HGB in den Jahren 1977 bis 1982 und verliess 1985 die DDR. Der Künstler lebt und arbeitet heute wieder in Leipzig. Schröter beschäftigt sich vielfach mit Kontraste fördernder Infrarottechnik und Einzelfiguren in nächtlich-surreal erscheinender Umgebung. In „Frau 23“ stellt er eine Komparsin dar, die nach eigenen Vorstellungen sich kleiden und posieren konnte. Ihre Erscheinung steht in auffallendem Widerspruch zum renovierungsbedürftigen Gebäude auf verunkrautetem Grundstück – Widerspruch zugleich zwischen Individuum und einer untergegangenen verkrusteten Gesellschaftsform.

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Albrecht Tübke, Aus der Serie: Dalliendorf, 1996, © Albrecht Tübke

Der 1971 in Leipzig geborene Albrecht Tübke, Sohn des bekannten Malers Werner Tübke, studierte von 1991 bis 1997 Fotografie an der HGB. Er lebt und arbeitet in Ligurien. 1996 kehrte er in den kleinen mecklenburgischen Ort Dalliendorf zurück, in dem er zehn Jahre gelebt hatte, und fotografierte dort in frontalem Vis-à-vis Menschen, mit denen der HGB-Meisterschüler einst aufwuchs.

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Göran Gnaudschun o.T., Aus der Serie Reif , 2001/2003, © Göran Gnaudschun

Göran Gnaudschun, 1971 in Potsdam geboren, wo er auch heute lebt und arbeitet, studierte von 1994 bis 2003 Fotografie und Bildende Kunst an der HGB. In grossformatigen Porträtstudien zeigt er Gesichter Jugendlicher an der Schwelle zur Pubertät. Unsicher, ja hilfebedürftig der Blick des jungen Mädchens in eine ungewisse Zukunft, trotz – oder vielleicht gerade – angesichts der „Wende“ und der mit ihr verbundenen Umbrüche.

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Werner Mahler, Aus der Serie : Leute aus Berka , 1978, © Werner Mahler

Werner Mahler wurde 1950 im sachsen-anhaltinischen Boßdorf geboren. Er  studierte Fotografie an der HGB in den Jahren 1973 bis 1978. Heute lebt und arbeitet er in Lehnitz bei Berlin. 1977 porträtierte er im Rahmen seiner Diplomarbeit Bewohner des Dorfes Berka in Thüringen. In einem kärglichen Interieur zeigt er hier zwei Personen, die sich – wenngleich in einer Art still-verzweifelter Verbundenheit – nicht mehr viel zu sagen haben. Symbol für Sprachlosigkeit, Auseinanderleben und Trennung – auch der beiden deutschen Staaten?

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Jens Rötzsch, Leipzig, August 1987 , Aus der Serie Protokoll-Strecken; © Jens Rötzsch

Der 1959 in Leipzig geborene Jens Rötzsch studierte von 1981 bis 1986 an der HGB Fotografie. 1987 bis 1989 schloss er ein Zusatzstudium Fotografie und Video an der Hochschule für angewandte Kunst und Design in Budapest an. Rötzsch lebt und arbeitet in Berlin. Er befasst sich unter anderem mit grossen, für die DDR typischen Veranstaltungen, Aufmärschen und Festen von oft agitatorischem Charakter, die er in seinen expressiv inszenierten Bildern als ausgehöhlte Rituale entlarvt.

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Opelvillen in Rüsselsheim; Foto: Frank Möllenberg

Die in Rüsselsheim exponiert am Mainufer gelegenen Opelvillen, getragen von der Stiftung Opelvillen, stellen seit langem ein bedeutendes Zentrum zur Präsentation von Gegenwartskunst dar. Begleitet werden die Ausstellungen durch Führungen, Vorträge und Veranstaltungen, wobei die Vermittlungsarbeit der Opelvillen auch Kinder und Jugendliche erfasst.

Die Opelvillen wurden 1915  für den damaligen Direktor der Opelwerke Wilhelm Wenske errichtet und 1931 von Friedrich Opel, dem  Sohn des Firmengründers Adam Opel, um ein zweites Gebäude erweitert. 1955 erwarb die Stadt Rüsselsheim die Liegenschaft, die sie nach einigen Umbauten und auf der Grundlage einer gemeinsam mit der Adam Opel AG errichteten Stiftung der Förderung der Kunst und der Pflege und Erhaltung von Kulturwerten zur Verfügung stellte.


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