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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Jeroen de Rijke / Willem de Rooij im MMK Frankfurt

Zugegeben: Vanitas- beziehungsweise Memento mori- Darstellungen entfalten einen ganz spezifischen Reiz. Wir können ihm, auch ohne der Melancholie zu frönen, da und dort durchaus erliegen. Die aktuell im Frankfurter Museum für Moderne Kunst MMK im Rahmen der Ausstellung „Radical Conceptual“ gezeigte Arbeit des Künstlerpaars Jeroen de Rijke und Willem de Rooij – Jeroen verstarb 2006 allzu früh im Alter von nur 36 Jahren – „hat so etwas“.

Hier das blühend-farbige, duftende Leben, dort der Tod im schwarzweissen Stillstand. Dazwischen der Prozess des Welkens. Jeweils eine Woche etwa nimmt er in Anspruch.

Aber wovon sprechen wir, werden Sie fragen? Fangen wir also an zu erzählen, was wir sehen. Und wir erlauben uns dabei, etwas von dem abzuweichen, was uns die stets ausgezeichneten gedruckten Handreichungen des MMK fürsorglich mit auf den Rezipientenweg geben wollen. Zu allererst wollen wir ihn in umgekehrter Richtung beschreiten.

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Blumenstrauss am 14. April 2010

Da steht in einem der grösseren Säle, in einer weissen Keramikvase auf einem ebenfalls weissen Podest, ein Blumenstrauss, in seiner Pracht könnte er es mit einem opulenten Geschenk unter Liebenden, gar einem Hochzeitsstrauss aufnehmen. Wöchentlich wird er seither und in den kommenden Monaten gegen einen aus frischen Blumen zusammengestellten neuen ausgetauscht. Das ist eine Vorgabe der Künstler. Diese haben ebenso Art und Anzahl der Blumen wie auch die Form des gebundenen Strausses festgelegt.

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Blumenstrauss am 18. Februar 2010, dem Tag der Ausstellungseröffnung

Seit dem Eröffnungstag hat sich der Strauss bereits vielfältig verändert. Natürlich handelt es sich materiell nicht mehr um „den“ Strauss des Eröffnungstags, sondern um einen vollständig neuen. Auch wir Betrachter haben bekanntlich seit jenem 18. Februar 2010 Millionen unserer Körperzellen ausgetauscht, will sagen erneuert, und auch wir sind – streng physikalisch gesehen – längst nicht mehr dieselben wie damals, als wir vor dem Bouquet standen. Wir aber möchten bei unseren Betrachtungen dennoch bei „uns“ und bei „dem“ Strauss bleiben.

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Nicht in direktem räumlichen Zusammenhang – wir müssen, wenn wir den hochzeitlich anmutenden Strauss verlassen, unsere Schritte nach rechts um die Ecke, an der Wand des grossen Ausstellungssaals entlang lenken – treffen wir erneut einen Blumenstrauss an, es ist ein so sehr ähnlicher und doch ein gänzlich anderer.

Der Kontrast könnte grösser nicht sein: Eine Schwarzweiss-Fotografie, ein Meisterwerk in ihren vielfältigen Graustufungen, jedoch gleichsam eingesperrt hinter Glas in einem kalt anmutenden Rahmen aus Aluminium. Nicht mehr zugänglich, dieser Strauss, unerreichbar fern. Begegnen wir dem Tod, seinem Abbild?

Die Fotografie erzeuge ein Bild, schreibt Roland Barthes, „das den Tod hervorbringt, indem es das Leben aufbewahren will“. Der im fotografischen Abbild festgehaltene Augenblick bilde, da er immer nur im Nachhinein betrachtet werden könne, stets das Vergangene, mithin den Tod ab.

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Zwischen der realen, lebendigen Blumenpracht, die wir umschreiten, deren Wohlgeruch wir sinnlich wahrnehmen können, und dem Anblick des erstarrten schwarzweissen Abbildes erfahren wir die Zeit des Welkens. Wie ohnehin der Schnittblume, abgetrennt vom nährenden Wurzelwerk, ein frühzeitiger Tod immanent ist.  Und den Weg vom farbigen Bouquet zum eingefrorenen Schwarzweissbild legen wir vor der Spiegelwand des Ballettsaals unseres Lebens zurück. Hilft es uns da, dem Tanz zu folgen, zu dem uns aufgespielt wird?

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Jeroen de Rijke, 1970 im niederländischen Brouwershaven geboren, verstarb unerwartet im März 2006 während eines Aufenthalts in Ghana. Mit dem 1969 in Beverweijk geborenen Städelschul-Professor Willem de Rooij schuf er in den Jahren der Zusammenarbeit ab 1994 ein vielbeachtetes Œuvre mit 35- und 16-Millimeter-Filmen, Fotografien, Objekten, Installationen und Drucken.

Abbildungen: © Jeroen de Rijke / Willem de Rooij, BOUQUET IV, 2005, Schwarzweiss-Fotografie in Aluminiumrahmen, Keramikvase, Blumenstrauss; Fotos: FeuilletonFrankfurt


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