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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archiv für Dezember, 2009

Alles Zufall?

Dienstag, 29. Dezember 2009

Alles Zufall?

Gedanken zum Jahreswechsel

Von Johanna Wenninger-Muhr

Spielt der Zufall im Leben eine größere Rolle, als es uns Menschen lieb ist? Man denkt an einen Freund, den man seit Jahren nicht mehr gesehen hat. In diesem Moment läutet das Telefon und er ruft an. Für Carl Gustav Jung, den Begründer der Analytischen Psychologie, kein blinder Zufall, sondern das „sinnvolle Zusammentreffen eines inneren und eines äußeren Ereignisses“. Die rätselhafte Übereinstimmung zwischen Innen- und Außenwelt nennt er Synchronizität und meint: Oft enthält der so genannte Zufall eine Botschaft, die es zu entschlüsseln gilt. Zufall oder Fügung? Diese Frage beschäftigte schon Aristoteles vor zweieinhalb Tausend Jahren. Einen Exkurs in die Welt des Zufalls gab es im November auf Schloss Eggersberg im Altmühltal. Gerhard Hofweber, Doktor der Philosophie und Akademischer Rat der Universität Augsburg, reflektierte im Rahmen seiner philosophischen Seminare in einem kleinen Teilnehmerkreis zum Thema „Aristoteles – der Zufall und seine Bedeutung für unser Leben.“

Den Monat November und Schloss „Eggersberg“, hoch über dem Altmühltal gelegen, hat Hofweber gewählt, um uns Teilnehmer auf das Thema einzustimmen: auf Aristoteles und den Zufall. Aristoteles – keine leichte Kost und die Frage nach dem Zufall schon gar nicht.

Mein Fuß ist geschient – ein Kapselriss im linken Fußgelenk, als Folge eines kleinen Unfalls. War es Zufall oder was war es? Eine Botschaft? Ein wenig kürzer treten, Ruhe geben? Jedenfalls heißt es erstmals viele Stufen steigen mit geschientem Fuß im Schloss aus dem 16. Jahrhundert, das zu einem Hotel und Restaurant umgebaut wurde, aber ohne Lift. Es heißt jeden Schritt überlegen, bedächtig einen Fuß vor den anderen setzen.

Das ist mühsam. Mein Zimmer liegt auf der zweiten Etage. Philosophiert wird auf der ersten und gespeist im Parterre des alten Gemäuers. All die vielen Ahnenbilder auf den Gängen, ehemalige Schlossbewohner, die mich mit Blicken verfolgen und Fragen stellen … bilde ich mir ein. Weiterlesen

Frankfurter Kunstverein: „Bilder vom Künstler“ (2) – Paule Hammer

Montag, 28. Dezember 2009

„Bilder vom Künstler“ – so lautet die derzeitige, noch bis zum 17. Januar 2010 laufende Ausstellung, mit der der Frankfurter Kunstverein sieben sehr unterschiedliche Positionen zu dem Thema Selbstverständnis des Künstlers und Rollenbilder der Gesellschaft zur Diskussion stellt. Seinen Grossen Ausstellungssaal in der zweiten Etage widmet er einer raumgreifenden Inszenierung aus Malerei, Sound und Video „Weltenzyklopädie III“ des Leipziger Künstlers Paule Hammer.

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Paule Hammer vor: „Sun Ra Music und das All-Sturm-System“, 2009, Acryl, Tusche und Papier auf Leinwand, 300 x 250 cm, Courtesy the artist und Laden für Nichts Weiterlesen

Botticelli-Weihnacht im Städel Museum / 3

Samstag, 26. Dezember 2009

Botticelli_Madonna_mit_Kind_und_Johannesknaben_Florenz-430

Sandro Botticelli (1444/45-1510), Madonna mit Kind und dem Johannesknaben, Leinwand, 134 x 92 cm, Florenz, Palazzo Pitti, Galleria Palatina; Foto: Florenz, Polo Museale, Gabinetto Fotografico, Galleria Palatina

Auch dieses Madonnenbildnis wurde erst nach seiner Restaurierung im Jahr 1976 als ein eigenhändiges Werk Sandro Botticellis anerkannt. Es gehört zu seinem Spätwerk, für welches unter anderem seine grossfigurigen Darstellungen kennzeichnend sind.

Ein Werk von erstaunlicher, ungewöhnlicher Bildkomposition und expressiver Kraft, ein Andachtsbild von verdichteter religiöser Aussage. Maria beugt ihren Oberkörper über das Jesuskind und den Johannesknaben fast bis in die Waagerechte. Selbst in dieser Haltung füllt sie zur Gänze das monumentale Bildformt von rund 130 Zentimeter Höhe. Sie reicht das parallel zu ihrem Oberkörper in der Waagerechten gehaltene Kind tief hinab, damit der Johannesknabe es umfassen kann. Wieder begegnen wir dem für die Jungfrauengeburt stehenden Rosenstrauch, der den Bildhintergrund etwa zu einem Drittel ausfüllt. Gewaltige, geradezu dramatisch gesteigerte Faltenwürfe und eine grosse Farbenpracht kennzeichnen Marias komplexe Gewandung in Rot, Blau und Grün. Kind und Knabe schmiegen ihre Köpfe aneinander und umarmen sich innig. Die Gesichter sind, über die von Botticellis Darstellungen bekannte melancholische Mimik hinaus, von tiefem Ernst gezeichnet – im Wissen um Passion und Kreuzestod.

Bemerkenswert der überlange, vom Maler durch die Umarmung von Kind und Knabe hindurchgeführte Kreuzesstab, der auf der rechten Schulter des Johannes ruht und zugleich die linke Schulter von Jesus berührt – Ausblick auf das Kreuz, welches dieser als Erwachsener zu tragen haben wird. Und: Botticelli erfasst in dieser Darstellung den Wendepunkt der biblischen Heilsgeschichte im Übergang des Geschehens von Johannes dem Täufer auf Jesus.

Die Ausstellung “Botticelli” im Städel Museum Frankfurt – sie ist die erste dieser Art im deutschsprachigen Raum und zeigt eine Auswahl von weltlichen Bildnissen, mythologischen Allegorien und religiösen Darstellungen – wird bis zum 28. Februar 2010 zu sehen sein.


Botticelli-Weihnacht im Städel Museum / 2

Freitag, 25. Dezember 2009

Botticelli_Madonna_Guidi_Louvre-430

Sandro Botticelli (1444/45-1510), Madonna mit Kind („Madonna Guidi“), Pappelholz, 73 x 40 cm, Paris, Musée du Louvre, Foto: bpk / RMN / Paris, Musée du Louvre / Hervé Lewandowski

Auch diese Madonna mit Kind, nach ihrem Vorbesitzer „Madonna Guidi“ benamt, wurde erst in der jüngeren Kunstgeschichte unmittelbar der Hand des Meisters Sandro Botticelli – als eines seiner herausragenden Frühwerke – zugeschrieben.

Die Darstellung ist wegen ihrer fein austarierten Komposition – Maria, ihren Körper schräg nach rückwärts gelehnt, hält auf diese Weise die Balance mit dem lediglich auf ihrem linken Bein sitzenden, ausserordentlich korpulenten und gewichtigen Kind – von einem besonderen Reiz. Die Trennlinie zwischen Marias rotem Untergewand und dem dunkelblauen Mantel in etwa der Bildmitte bildet eine Diagonale, die in der Blickachse der Augen von Mutter und Kind eine parallele Entsprechung findet.

Im Hintergrund eine sich in die Ferne öffnende, diagonal zur Bildmitte hin abfallende felsige Landschaft, zur Rechten von einem überkuppelten Gebäude gekrönt, für das unschwer das oktogonale Florentiner Baptisterium als Vorlage vermutet werden kann, welches in seiner Form wiederum an die seinerzeit auf dem Golgatha-Felsen in Jerusalem errichtete Grabeskirche erinnern mag. Eine Passions- und Todesvision kann auch in dem – für die Malerei Botticellis allerdings typischen – durchaus melancholischen Ausdruck der Gesichter von Mutter und Kind erkannt werden.

Die Ausstellung „Botticelli“ im Städel Museum Frankfurt – sie ist die erste dieser Art im deutschsprachigen Raum und zeigt eine Auswahl von weltlichen Bildnissen, mythologischen Allegorien und religiösen Darstellungen – wird bis zum 28. Februar 2010 zu sehen sein.


Botticelli-Weihnacht im Städel Museum / 1

Donnerstag, 24. Dezember 2009

0_Botticelli_Maria_das_Kind_anbetend_Edinburgh-430

Sandro Botticelli (1444/45 bis 1510), Anbetung des Kindes („Madonna Wemyss“), Leinwand, 122 x 80,5 cm, Edinburgh, National Gallery of Scotland, Foto: National Gallery of Scotland
© Sandro Botticelli (Alessandro Filipepi), The Virgin Adoring the Sleeping Christ Child, National Gallery of Scotland, Purchased with the aid of the Heritage Lottery Fund, The Art Fund, the Scottish Executive, the Bank of Scotland, the Royal Bank of Scotland, Sir Tom Farmer, the Dunard Fund, Mr and Mrs Kenneth Woodcock (donation made through the American Friends of the National Galleries of Scotland) and private donations 1999

Dieses Werk (nach seinem Vorbesitzer „Madonna Wemyss“ benannt) stand über Jahrhunderte nicht im Fokus der kunstwissenschaftlichen Betrachtung der Arbeiten Sandro Botticellis und wurde dessem Umkreis zugerechnet. Erst 1999, als die Schottische Nationalgalerie es erwarb und restaurieren liess, wurde es als eine eigenhändige Arbeit des Meisters ausgewiesen.

Maria beugt sich, inmitten eines Gartens und vor dem Hintergrund einer dramatischen wie zugleich architektonisch geformten Felsenlandschaft, über das schlafende Jesuskind. Entgegen den Krippenszenen erfährt Joseph, dem Dogma der Jungfrauengeburt entsprechend, in der Malerei jener Epoche keine Erwähnung (erst später wieder wird Joseph als zwar alter und deshalb für eine leibliche Vaterschaft nicht in Betracht kommender, aber treusorgender Familienvater dargestellt). Die dornenlosen Rosenstöcke zur Linken und zur Rechten stehen für die „unbefleckte“ Empfängnis, die Veilchen links im Vordergrund für die Demut Marias, die zugleich blühenden wie Früchte tragenden Erdbeerpflanzen vorne rechts für die Inkarnation. Die Darstellung des Kindes als schlafend verweist auf den Tod des Gekreuzigten, die Felsenformation könnte das spätere Felsengrab symbolisieren.

Eine in Komposition und Farbgebung meisterliche Arbeit.

Die Ausstellung „Botticelli“ im Städel Museum Frankfurt – sie ist die erste dieser Art im deutschsprachigen Raum und zeigt eine Auswahl von weltlichen Bildnissen, mythologischen Allegorien und religiösen Darstellungen – wird bis zum 28. Februar 2010 zu sehen sein.