home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Archiv für November, 2009

Peter Roehr – Werke aus Frankfurter Sammlungen

2009, November 30.

Was wäre, wenn …

… der Frankfurter Künstler Peter Roehr nicht Mitte 1968 im Alter von nur 23 Jahren verstorben wäre? Wohin hätte sich sein künstlerisches Schaffen weiterentwickelt? Welche Beziehungen, welche Wechselbezüglichkeiten hätten sich zwischen ihm und künstlerischen Zeitgenossen, beispielsweise einem (wenn auch eineinhalb Jahrzehnte älteren) Andy Warhol entwickeln können? Welche – vielleicht auch im Bereich des Individuellen wie Sentimentalen zu suchende – Auswirkungen hat sein allzu früher Tod auf die heutige Rezeption seines rund 600 Arbeiten umfassenden Œuvres, namentlich durch ein breiteres Ausstellungs-Publikum?

Und nun: Peter Roehr hat, gewissermassen posthum, eine mittelgrosse Sensation im Frankfurter Kulturleben bewirkt: Eine von MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer und Städel-Direktor Max Hollein zusammen eröffnete Gemeinschaftsausstellung der beiden Häuser: „Peter Roehr – Werke aus Frankfurter Sammlungen“. Das wäre unter vormaligen Chefs dieser Museen kaum vorstellbar gewesen.

l1003941-a-430

Susanne Gaensheimer und Max Hollein in der Pressekonferenz, Foto: FeuilletonFrankfurt

Hat Frankfurt am Main, nach Simonetta Vespucci und Giuliano de‘ Medici, etwa ein weiteres „Traumpaar“?

Wohl kaum, betonten doch in der gemeinsamen Pressekonferenz beide Direktoren sehr selbstbewusst die Kompetenz ihrer jeweiligen Häuser in der Bewahrung und Präsentation dieses besonderen Frankfurter Erbes. Zwar hütet das MMK mit 28 Arbeiten den gegenüber dem Städel Museum quantitativ grösseren Teil des besagten Schatzes. Aber die Tatsache, dass das Städel im vergangenen Jahr Roehrs „Opus magnum“, die zehn „Schwarzen Tafeln“ erworben hat, wird sich keines ausgeprägten Wohlgefallens im Haus an der Domstrasse erfreuen können.

Und doch, oder gerade deswegen, ist diese Gemeinschaftsausstellung der beiden grossartigen Museen, von der Zeitung „vor den klugen Köpfen“ im Sommer 2008 voreilig bereits für den Beginn der Amtszeit der neuen MMK-Direktorin angekündigt, ein Glücksfall für Frankfurt und für die Rezeption des Werkes eines ihrer bedeutsamsten Künstler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und ein in dieser Konstellation reizvoller „Brückenschlag“ über den Main – wenn auch kaum für Wiederholungen geeignet, denn das MMK soll und muss nicht nur in Konzeption und Präsentation seiner Ausstellungen uneingeschränkt autonom bleiben, sondern sein spezifisches Profil gegenüber den anderen Frankfurter Häusern herausstellen und weiter schärfen.

bild_13-430

Peter Roehr, Ohne Titel, (OB-ohne Nummer -no number), 1964/65, Bierdeckel auf Pressspanplatte, 57 x 57 cm, Museum für Moderne Kunst Frankfurt, Foto: Axel Schneider, Frankfurt; zu sehen im Städel Museum; © VG Bild-Kunst, Bonn

Wir bezogen 1967 eine Studentenbude in der Frankfurter Goethestrasse und erinnern uns gut an das im folgenden Winter im nahegelegenen Holzgraben 9 eingerichte bizarre Underground-Lädchen „Pudding-Explosion“, einen sogenannten Headshop mit wildem Sortiment, den Peter Roehr, nachdem er – seiner unheilbaren Krankheit gewiss – seine Arbeiten nicht mehr an die Öffentlichkeit bringen wollte, zusammen mit seinem Freund, Förderer und Nachlassverwalter Paul Maenz eröffnete. Wir stöberten damals in dem marxistischen und maoistischen Krimskrams herum, bis der Räucherstäbchendunst uns wieder hinaus an die frische Luft trieb, und ohne dass wir uns genauer darum kümmerten, was es mit den beiden Eignern dieses Etablissements auf sich hatte. Wir können uns nicht mehr erinnern, ob wir Peter Roehr damals im Holzgraben unmittelbar begegnet sind. Denn sehr viel mehr beschäftigten uns in jenen Monaten das Desaster des Vietnam-Krieges, der Verdruss über die Kiesinger-Kanzlerschaft, die Notstands-Gesetzgebung und der aufsteigende Stern des Visionärs Willy Brandt.

Deshalb macht uns unsere heutige Begegnung mit dem Werk Peter Roehrs  in einer besonderen, ganz persönlichen Weise betroffen, weil wir als sein fast nachbarlicher Zeitgenosse versäumten, es kennenzulernen (obschon wir es in seiner Tragweite damals wohl garnicht hätten erfassen und verstehen können).

Will man sich heute dem Werk Peter Roehrs nähern, stehen dafür fachkundige Beiträge von Martin Engler und Corinna Dirting in dem hervorragend gestalteten Ausstellungskatalog zur Verfügung, dessen Erwerb ein „Muss“ ist (spätestens als Geschenk unter dem Weihnachtsbaum). Auch sollten wir vor allem auf das Zeugnis von Paul Maenz hören, Roehrs engstem Freund und Nachlassverwalter. Er hält fest, das Werk des Künstlers sei letztlich das eines eigenständigen Einzelgängers, das sich auch heute immer wieder neu erschliesse. Die Kunstwissenschaft unternahm vielerlei Versuche, Roehr mal der Pop Art oder dem Nouveau Réalisme, mal dem Zero-Umkreis, mal der Minimal Art oder der Konzeptkunst zuzuweisen. Wie auch immer – als Künstler blieb Roehr zu Lebzeiten in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt, aber er erwies sich der Nachwelt als ein kunsthistorisch überaus bedeutsamer, Wege weisender „Künstler-Künstler“. Bereits 1972 in der documenta 5 widmete Harald Szeemann dem Werk Roehrs einen eigenen Ausstellungsraum. Jean-Christophe Ammann erwarb Arbeiten Roehrs für das aus der Taufe gehobene MMK und präsentierte sie zur Eröffnung des Hauses 1991 ebenfalls in einem dem Künstler vorbehaltenen Raum.

Roehr verfolgte in seinen Arbeiten ausnahmslos die Idee der seriellen Wiederholung. Aus allerlei gefundenen oder für ihn gesammelten, „armen“ Alltagsmaterialien, aus Fotografien und Texten fertigte er Collagen und Assemblagen. Auf eine vergleichbare Weise entstanden seine Ton- und Film-Montagen. Aus dem Jahr 1962 datieren Andy Warhols berühmte „Campbell’s Soup Cans“, 48 in vier übereinander angeordneten Reihen abgebildete, unterschiedlich beschriftete Konservendosen der Firma. Aber erst zwei Jahre später sah Roehr, so schrieb Paul Maenz, in einer Zeitschrift zum ersten Mal die seriellen Bilder dieses Künstlers, die er jedoch als „Abbildungen“ und als eine „romantische Verfassung von Kunst“ ablehnte.

Roehr verzichtete in seinen Arbeiten auf jede inhaltliche Aussage und auf eine künstlerische Handschrift. Nie trat er als eine Art Autor in den Vordergrund. Als Künstler beschränkte er sich vielmehr darauf, dass er die Dinge lediglich noch auswählte und benannte.

Peter Roehr: „Die Aussage ist der Gegenstand: Inhalt und Form sind deckungsgleich (identisch)“. „Meine Bilder umfassen Bereiche, die sich ausserhalb von Aktivität und Passivität befinden“. „Das Bild hat keinen Ereignisort, es ereignet sich überall“.

Peter Roehr, 1944 in Lauenburg/Pommern geboren, kam mit seiner Mutter 1955 von Leipzig nach Frankfurt am Main. Nach dem Besuch der Grundschule und der Lehre in einer Schildermalerei studierte er bis 1965 an der Wiesbadener Werkkunstschule mit dem Abschluss als Meisterschüler in der Malereiklasse. 1962 entstanden seine ersten Arbeiten. Neben Paul Maenz war er unter anderem Charlotte Posenenske und Thomas Bayrle freundschaftlich verbunden. Im August 1968 starb Roehr an seiner bereits 1966 diagnostizierten Erkrankung Lymphdrüsenkrebs.

 

Eva Schwab, Niklas Klotz, Eun-Joo Shin: Drei künstlerische Positionen im ATELIERFRANKFURT

2009, November 26.

Wieder einmal gaben die jüngsten „open doors“ – mit zwei Nachmittagen leider eine viel zu kurze – Gelegenheit, sich in allen fünf Etagen des ATELIERFRANKFURT umzuschauen. Wir haben keine Auswahl getroffen – wie könnten wir das angesichts der beachtlichen künstlerischen Bandbreite in den 45 Ateliers auch tun -, sondern wir sind einfach hier und da „hängengeblieben“, bei Eva Schwab zum Beispiel, obwohl die Künstlerin gerade in Österreich weilte.

l1003910-430

Eva Schwab, Epilog, 2009, Wachs / Öl auf Nessel, 120 x 100 cm Weiterlesen

Blick nach innen, Schritt nach draussen: Inge Kersting – Malerei

2009, November 24.

Geburt, Leben, Tod – dies seien, sagte Andreas Slominski, die Themen des Künstlers. Seine Themen jedenfalls.

„Inge Kersting – Malerei“ benennt Inge Kersting ihre neue, in Frankfurt am Main aber erste Ausstellung mit Gemälden. Ihre dort im Rahmen einer kleinen Auswahl gleich rechts am Eingang des Ausstellungsraums gehängte Arbeit zeigt eine Art „Gebärlandschaft“ – Sie haben richtig gelesen (und natürlich richtig gesehen) – einer Frau.

l1000890b-430a

Eine ungewöhnliche Darstellung, auch für jemanden, der schon mannigfach die verschiedensten weiblichen Akte hat betrachten können (und zuweilen „müssen“). Eine Arbeit, die uns auf den ersten Blick erschreckt: Aus leber- und nierenfarbigen Ovarien und Brüsten fliesst Blut – sofort kommt uns das nur schwer erträgliche Gedicht des expressionistischen Lyriker-Arztes Gottfried Benn „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“ in den verstörten Sinn. Weiterlesen

Michelangelos Maria der Petersdom-Pietà und Houdons „Winter“

2009, November 16.

Schwerlich nur können wir diese zwei herausragenden Meisterwerke der abendländischen Bildhauerkunst miteinander vergleichen: Michelangelo Buonarrotis Maria der Pietà im Petersdom und Jean-Antoine Houdons Allegorie des Winters. Aber jede dieser beiden Frauendarstellungen fasziniert uns immer wieder aufs neue. Und die eine will uns nicht aus dem Sinn weichen, wenn wir die andere betrachten.

Michelangelo gestaltet Maria – sie müsste beim Tod von Jesus doch bereits etwa um 5o Jahre alt gewesen sein – als eine jugendlich, ja mädchenhaft wirkende Frau. Sie ist von aussergewöhnlicher irdischer Anmut und Schönheit. Dabei verharrt sie in einer verinnerlichten, verklärten Trauer, einer in sich geborgenen Ergebenheit und Ruhe, weitab von pathetischem, vordergründigem Schmerz. Die Augenlider sind gesenkt, nicht ganz geschlossen; nur leicht geschlossen sind auch die Lippen. Ein Bild von grosser Schönheit und Innerlichkeit, von Demut und Akzeptanz des Geschehenen, geborgen in christlicher Heilserwartung, Heilsgewissheit.

Michelangelo, mit Leonardo da Vinci und Raffael der Grossmeister der italienischen Hochrenaissance, schuf in derem Geist eine idealschöne weibliche Gestalt von höchster Vollkommenheit und Harmonie. Der auf das Feinste bearbeitete Marmor ist hochglanzpoliert. Als einzige seiner Skulpturen hat Michelangelo die römische Pietà signiert, vielleicht deshalb, wie einerseits überliefert, weil man dem noch jungen Künstler die Urheberschaft an seinem frühen Meisterwerk streitig machen wollte; vielleicht – so interpretieren andere – aber als ein Zeichen dafür, dass er ihr eine besondere persönliche Bedeutung zumass. Wie wir der Kunstgeschichte entnehmen können, soll dieses einzigartige Werk unter manchen Zeitgenossen des Künstlers durchaus auch für einige Irritationen gesorgt haben.

michelangelos_pieta_5450_cropncleaned_edit-2-a-430

Michelangelo Buonarroti (1475 bis 1564), Pietà (Detail), 1499/1500, Marmor, Petersdom Rom; Bildnachweis: Stanislav Traykov, Edited version (cloned object out of background); wikimedia commons GFDL Weiterlesen

Das Traumpaar des Jahres 2009

2009, November 13.

Wo finden Sie das wirkliche Traumpaar des Jahres 2009?

In der Bild-Zeitung? Glauben Sie das im Ernst, liebe Leserinnen und Leser? Na dann im Fernsehen, möglichst im kommerziellen. Ist auch das etwa Ihr Ernst? Kann ja wohl nicht sein.

Also kommen Sie nach Frankfurt am Main. In das Städel Museum. In die Botticelli-Ausstellung. Dort finden Sie es, das Traumpaar 2009. Trägt es nicht die schönsten denkbaren Namen, schöner vielleicht noch als Romeo und Julia:

Simonetta und Giuliano !

0_botticelli_idealbildnis_frankfurt_staedel-430

Sandro Botticelli (1444/45 bis 1510), Weibliches Idealbildnis (Bildnis der Simonetta Vespucci als Nymphe), Pappelholz, 81,8 x 54 cm; Frankfurt, Städel Museum, Foto: Ursula Edelmann – Artothek

1_botticelli_giuliano_de_medici_washington_national_gallery-430

Sandro Botticelli (1444/45 bis 1510), Bildnis des Giuliano de‘ Medici, Pappel- oder Lindenholz, 75,5 x 52,5 cm; Washington, National Gallery of Art, Samuel H. Kress Collection, Foto: Lyle Peterzell Weiterlesen