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FeuilletonFrankfurt

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PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Xi’an – Chinas alte Hauptstadt (Teil 2)


Xi’an – Chinas alte Hauptstadt (Teil 2)

Text: © Ingrid Malhotra

Fotografien: © Ingrid Malhotra und Fan Feng (3)


Rund um Xi’an

Nun, so interessant die Stadt selbst auch ist (Teil 1), die bekanntesten Attraktionen finden wir draussen.

Selbst die Terrakotta-Armee liegt schon ausserhalb, wenn auch nicht weit. Das macht ja auch Sinn, denn diese Riesenanlage hätte näher bei der Stadt zuviel Bauland erfordert. Und das war sicher auch in grauer Vorzeit schon wertvoll!

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Aber zunächst ein paar Worte zur Landschaft rund um Xi’an: Die Stadt liegt in einer ausgedehnten Löss-Ebene, seit Tausenden von Jahren eine fruchtbare Kornkammer Chinas. Dieser Boden ist natürlich nicht nur fruchtbar, sondern auch weich. Er bietet sich geradezu an, um darin herumzugraben. Und das haben die Menschen hier auch schon früh erkannt und haben Höhlen gegraben – Höhlen zum Wohnen, Höhlen zum Schlafen und Höhlen zum Lagern ihrer Lebensmittel.

Es ist auch noch gar nicht so lange her, dass diese Höhlen zugunsten modernen Komforts aufgegeben wurden – sie waren im Winter angenehm warm, im Sommer angenehm kühl, das Essen wuchs praktisch über den Köpfen der Bewohner, und zur Lagerung werden sie in abgelegenen Gegenden noch heute genutzt. Man sieht sie gelegentlich im Vorüberfahren in den Steilhängen der Erosionszonen und fragt sich unwillkürlich, wie stabil sie gewesen sein mögen …

Natürlich gab es auch schon früh Menschen, die sich etwas Besseres leisten konnten oder wollten, und so entstanden bezaubernde kleine Dörfer wie das der Familie Dang. Die Familienoberhäupter waren immer wieder hohe Palastbeamte, und ihre Angehörigen lebten gut. Dieses Dorf ist heute noch bewohnt und lebendig – es ist zum Glück nicht der Kulturrevolution zum Opfer gefallen.

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Es liegt in einer Senke der Löss-Ebene, umgeben von hohen Steilhängen. Wir durften nicht mit dem Auto bis ans Dorf fahren, sondern mussten es auf einem Parkplatz oberhalb der Abbruchkante stehen lassen. Das fanden wir auch sehr vernünftig, trotz der verhältnismässig hohen Parkgebühren, bis wir dann in glühender Mittagshitze die steile Strasse wieder zum Parkplatz hinauf schlichen und das Fahrzeug eines hohen Beamten oder Politikers hinunterfahren durfte bis ans Dorftor – das hat uns geärgert, und meine chinesischen Freunde haben sich beim Parkplatzwächter lautstark und bitter über diese Ungleichheit beschwert.

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Aber trotzdem, es war so schön, in diesem Dorf herumzulaufen. Hier war noch die alte chinesische Bauweise in Reinform erhalten, bei der für jedes männliche Familienmitglied und seine Familie ein Wohnhaus und ein Schlafhaus sowie ein Gesellschafts- und / oder Andachtsraum um einen eigenen Hof gruppiert werden – die sogenannten Siheyuan,

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die man in den Städten ja nur noch ganz selten findet. Und wenn man sie findet, darf man meistens nicht hinein. Aber dieses Dorf ist ein lebendes Museum mit Pagode, Tempel, Schule, Werkstätten und uralten Geräten wie Webstühlen und Schleifbänken. Und natürlich mit dem traditionellen Mobiliar, zum Beispiel einem Kang, dem von unten beheizbaren Bett. Immer wieder hohe Stufen zwischen den Strassen und den Gehöften, um den bösen Geistern das Durchkommen zu erschweren, und natürlich keine Kreuzung, bei der die Strassen genau im rechten Winkel voneinander abzweigen – böse Geister können glücklicherweise nur geradeaus gehen …

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Hie und da alte Skulpturen und viel Schnitzwerk mit den Namen der Erbauer und Hinweisen auf ihre Berufe. Auch Antiquitäten kann man kaufen, aber Schnäppchen darf man selbst in diesem abgelegenen, verschlafenen Dörfchen nicht erwarten – wenn sie auch nur einigermassen echt wirken, sind sie geradezu unbezahlbar!

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Und überall blühen diese Bäume mit der lila Blütenpracht.

Aber das, was Xi’an berühmt gemacht hat und sicher in der Zukunft noch viel berühmter machen wird, sind die kaiserlichen Gräber.

Das von Qin Shihuangdi, mit der Terrakotta-Armee, aus dem Jahre 210 v.Chr. ist ja nur eines von unzähligen.

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In der näheren und weiteren Umgebung von Xi’an wimmelt es von Hügeln. Viele davon wirken etwas unmotiviert und scheinen nicht so recht in die Landschaft zu passen; dieser Eindruck ist völlig korrekt, denn es handelt sich dabei um künstlich aufgeschüttete Grabhügel. Und wenn man auf einem solchen Hügel steht, sieht man rundherum überall immer noch mehr Hügel.

Und da, wo es in etwas weiterer Entfernung echte, hohe Hügel und Berge gibt, hat man Gräber in ihrem Inneren angelegt.

Nach dem zufälligen Fund der Terrakotta-Armee (ein Bauer wollte einen Brunnen graben) hat man natürlich auch untersucht, was es sonst noch so um Xi’an herum gibt.

Viel, sehr sehr viel …

Eine der bekannteren Anlagen ist die des Tang-Kaisers Qianling, mit einem unendlich langen Boulevard, auf dem man sich früher dem Grab, das in einem natürlichen Hügel angelegt ist, näherte. Noch heute erkennt man, wie diese Strasse schnurgerade durch die Ebene führte, bis zu einer Treppe, auf der man annähernd die Höhe des Grabes erreicht. Von der Treppe an ist der Weg dann von Wächterfiguren gesäumt bis hin zu zwei gewaltigen Türmen oder Pylonen, welche den Eingang zum eigentlichen Grabgelände kennzeichnen. Statuen von Hofbeamten, ein riesiger Monolith mit eingemeisselten Inschriften – es gibt viel zu sehen.

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Interessanter noch fand ich das Grab des Han-Kaisers Yangling, denn das hat man zu einem Museum ausgestaltet. Auf Panzerglasplatten wandert man über die Gräber und kann sich die vielen Grabbeigaben anschauen, die noch darin liegen. Die Arbeiten sind auch noch lange nicht abgeschlossen. Vor allem wäre es wichtig, die Malereien im Zugang zur Hauptkammer und in der Kammer selbst zu schützen – sie vertragen das Tageslicht und die vielen Besucher wirklich nicht gut.

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So manches Grab wartet noch auf seine Öffnung. Zu vielen davon gibt es uralte Legenden – in einem Grab zum Beispiel soll das ganze chinesische Reich der Zeit nachgebildet worden sein, mit Flüssen aus Quecksilber; man weiss nicht, ob es stimmt, aber falls ja, dann möchte man das Grab erst öffnen, wenn die technischen Mittel geeignet sind, nichts zu zerstören. Andere Gräber bleiben vorerst verschlossen, weil es selbst in einem Milliardenland wie China nicht genug Personal gibt, alle Gräber ausreichend zu sichern und zu bewachen. Aber eines ist sicher: da kommen noch grosse Sehenswürdigkeiten auf uns zu. Terrakotta-Armeen hat es viele gegeben, wenn auch meist in einem kleineren Maßstab, aber wer weiss, was sich mächtige Herrscher über ein Riesenreich sonst noch haben einfallen lassen.

Dort wo die Gräber untersucht sind, hat man auch schon einmal einen Tang-Palast rekonstruiert und die Landschaft umgestaltet – sie erinnert stellenweise stark an die Toskana.

Häufig finden sich in der Nähe eines kaiserlichen Grabhügels auch die Gräber hoher Beamter, Hofschranzen und Verwandter oder Tempelanlagen. Anderswo wurden Gärten und Parks mit hochinteressant geschnittenen Sträuchern angelegt.

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Ja, und dann gibt es noch Chinas heilige Berge: einer davon ist nicht weit von Xi’an entfernt – der Huashan.

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Ein gewaltiges Massiv aus leuchtend hellem Stein, von dem die Chinesen steif und fest behaupten, es sei ein Monolith. Naja, sieht eigentlich nicht wirklich so aus, aber es ist auch so aufregend genug. Schon die Anfahrt zum Parkplatz am Fuss des Berges bietet viel. Und dann steht man vor der Wahl – Seilbahn oder Anstieg zu Fuss. Ich habe mich für die Lösung für Weicheier entschieden, und während der Fahrt in der Seilbahn wurde mir klar, dass das in der glühenden Sommerhitze eine sehr weise Entscheidung war. So viele Stufen, so steil und schmal in die Felswände gemeisselt, hätten meinen eher bescheidenen sportlichen Ehrgeiz wohl doch etwas überfordert.

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Man musste dann oben noch gerade genug klettern und kraxeln, um die kleinen Tempelchen, die Aussichtspunkte und schmalen Grate – und natürlich auch die Restaurants – zu erreichen. Etwas unerwartet kam der Anblick eines Kochs, der, sozusagen in freier Wildbahn, frische Nudeln machte.

Ich wäre am liebsten gleich dort geblieben, aber ich musste weiter, immer noch höher hinauf. Gelegentlich wollte ich streiken, aber dann trieb mir der Anblick von Lastträgern, die gemächlich mit ihrer schweren Ladung hinaufstiegen, oder der eines alten Mütterchens am Krückstock eine schwache Schamröte ins Gesicht, und ich ging weiter – aber an einem Punkt war dann endgültig Schluss!

Beim Anblick eines extrem schmalen, extrem steilen Grates wurde mir schon schwindlig, ehe ich auch nur in die Nähe kam. Und auch der Anblick chicer junger Chinesinnen mit hohen Absätzen und Sonnenschirmchen, die diesen Grat furchtlos in Angriff nahmen, konnte mich nicht umstimmen.

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Ich war am Ziel. Und es reichte ja auch – man hatte herrliche Ausblicke über die Schlucht, aus der man gekommen war, über weitere Gebirgszüge, über die riesige Ebene, über die wir vorher gefahren waren. Auch wenn man sich nicht ganz hinauf traut, lohnt es sich sehr, da oben zu stehen.

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Und da es sich ja um einen heiligen Berg handelt, gibt es natürlich auch ganz unten in der Ebene eine grosse Tempelanlage, den Hua Yue Tempel.

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Früher haben dort die Kaiser gebetet, heute liegt er mitsamt seiner gewaltigen Umfassungsmauer in einem kleinen Dort namens Yue Miao Cun. Dort gibt es eine Prachtstrasse, die urspünglich zeremoniellen Zwecken diente und die erfreulicherweise nicht modernisiert wurde.

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Aber hinter den Fassaden … Man sieht es von der Tempelmauer aus, dass doch viele der kleinen dörflichen Anwesen arg zerfallen sind. Wenn es auch pittoresk wirkt, so ist es doch schwer vorstellbar, dass dort Menschen leben. Das tun sie aber … Befremdend wirkt eine Kinoreklame im Tempelbezirk: es scheint so eine Art chinesischer Planet der Affen zu sein – soll sich aber um ein Thema aus der chinesischen Mythologie handeln.

Ja, ich muss zum Ende kommen, dabei wäre noch so viel zu erzählen und zu beschreiben, aber für alles wäre diese Webseite zu klein. Deshalb erwähne ich nur stellvertretend für all die vielen sehenswerten Tempel, Klöster und Paläste noch den Konfuziustempel bei Hangcheng mit seinen wunderschönen Keramikdrachen und höre schweren Herzens auf.

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Obwohl, man könnte vielleicht noch ein Wort übner die Beziehung der Chinesen zu Hunden sagen. Was alle hier zu wissen glauben, ist, dass Chinesen mit Begeisterung Hunde essen – ein abstossender Gedanke, nicht nur für uns, sondern auch für die meisten Chinesen. Zugegeben, in manchen Gegenden werden dort haarlose Hunde zum Verzehr gezüchtet, aber im Grossen und Ganzen gibt es eine ähnliche Bandbreite der Beziehungen wie bei uns – vom verwöhnten, überfütterten Schosshündchen bis zum sprichwörtlichen armen Hund in einem engen Käfig.

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Und damit ist nun wirklich Schluss …

→  Teil 1


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