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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„kopfsprung“: Corinna Krebber und ihre „Gedankenschnüre“

Von Erhard Metz

In der Sammlung des  Museums für Moderne Kunst Frankfurt am Main befindet sich eine Arbeit von Jens Risch „Seidenstück I“: Zwischen Oktober 2000 und November 2004 versah der fleissige Künstler einen 1000 Meter langen weissen Seidenzwirn mit dicht aneinandergereihten Knoten, so dass der Faden nach dem ersten Durchgang noch 233 Meter, nach den folgenden noch fünf Durchknotungen 58 m, 12,30 m, 3,35 m sowie 0,85 m mass. Am Ende bildete der Seidenzwirn ein kleines schwamm- oder korallenartiges Gebilde mit Abmessungen von rund 7 mal 7 mal 8 cm.

Szenenwechsel, „pool31“: Viel, sehr viel akribische Arbeit hat sich auch die Frankfurter Künstlerin Corinna Krebber bereitet, als sie eine phantastisch anmutende Idee ins (Kunst)Werk umsetzte: Krebber schnitt Textpassagen aus Werken von Spinoza, Kant und Heidegger zum Erkenntnisbegriff in fliessender Schönschrift aus Papier aus und bildete aus diesen Ausschnitten lange, feine Papier- respektive Textschlangen, die Künstlerin schätzt sie auf eine Länge von vielleicht 80 Metern, uns scheint, es könnten angesichts der Textmenge auch etwas mehr sein.

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Im Zuge der Schnittarbeit entstanden neben den Papier-, will sagen Textschlangen, wir könnten sie vielleicht als „Positive“ bezeichnen, die ausgeschnitten zurückgelassenen Papierstreifen als „Negative“. In der Ausstellung hängen – und „stehen“ – diese Objekte in einem räumlichen und inhaltlichen Kontext: die „Negative“ als Wandskulpturen, die „Positive“ als von der Decke herabhängende, miteinander verflochtene Papierschnüre, die eine etwa zwei Meter hohe luftig-filigrane Konstruktion bilden.

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Steht Risch’s auf wenige Zentimeter eines bizarren Raumgebildes reduzierter oder besser gesagt transformierter Seidenfaden-Kilometer für eine Metaphorik von Raum und Zeit, so gibt uns Corinna Krebbers – manchen Betrachter auf den ersten Blick nicht minder bizarr anmutende – ingeniöse Arbeit mit ihren überraschenden Momenten zunächst einige Rätsel auf. Wir glauben nicht, dass es klug wäre, all diese Rätsel zu lösen, wären wir doch im Nachhinein nur um ein weniges an Wissen reicher, aber um unsere Phantasien, in die Kunst uns hineinzuführen vermag, ärmer.

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„kopfsprung“ betitelt Corinna Krebber diese Arbeit: Wir denken an Sprünge kopfüber in ein Element, in eine Situation; vielleicht auch an einen der – allerdings kaum sprungbereiten – „Kopffüssler“ von Horst Antes …

Wollten wir uns näher mit dem Inhalt des Ausgeschnittenen, den Texten also, befassen, so könnten uns diese gar möglicherweise im Kopf herumspringen, den Kopfsprung in uns verursachen und zu allerlei Missbefinden führen: hält sich doch, seien wir ehrlich, der leserische Lustgewinn derartiger Texte, wie sie die Künstlerin ausgeschnitten hat,  in äusserst überschaubaren Grenzen. Deshalb lassen wir uns nicht auf das Glatteis einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit den verschnippselten Texten verführen: Die Künstlerin würde mit heimlicher Schadenfreude beobachten, wie wir uns an der Interpretation solcher textualen „Gedankensprünge“, gar deren Konnotation mit ihrem realen Kunstwerk abarbeiteten. Und wir liegen nicht falsch: Der Text werde, lehrt uns Corinna Krebber, „von seiner klassischen Aufgabe der Lesbarkeit befreit“. Eine bemerkenswert-ironische Feststellung von feinem Doppelsinn: „Lesbarkeit“!

„Gedankenschnüre“ knüpfe sie, sagt die Künstlerin. Das klingt verheissungsvoll. Wir wollen uns auf diesen Weg begeben. Wir benötigen dazu etwas – Zeit.

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Setzt sich Jens Risch , wie wir schrieben, am Beispiel seines Seidenfaden-Kilometers mit dem Kontext von Raum und Zeit, der Raumzeit also, auseinander – auch wir Nicht-Physiker können uns mit der Vorstellung eines Raum-Zeit-Kontinuums und der Raumkrümmung anfreunden – , so erleben wir in den Konstruktionen von Corinna Krebber eine parallel anmutende Auseinandersetzung mit einer „Verräumlichung“, einer Visualisierung, einer sinnlichen „Erfahrbarmachung“ von Gedanken, Gedankengängen, naturwissenschaftlichen, philosophischen, religiösen. „Gedankenschnüre“ – Verknüpfungen, Synapsen zwischen Nerven, Sinnen, Strukturen, Funktionen. Ihre besondere Aktualität gewinnt diese Arbeit in einer Welt der kontinuierlichen Wissens- und Erkenntniserweiterung gerade am Platz Frankfurt am Main – dem Sitz des weltweit beachteten Max-Planck-Instituts für Hirnforschung mit Professor Wolf Singer.

Mit den Schnüren assoziieren wir Gehirnwindungen, DNS-Spiralen, Helix und Doppelhelix. Materiell und in ihrer Funktion durchaus banal, gleichwohl optisch-sinnlich reizvoll: die mit rotem Klebeband markierten Verknüpfungs- und zugleich Schaltstellen der Spiralen. Aber die Arbeit verbindet sich – wir erinnern uns an Jens Risch – über ihre Räumlichkeit hinaus wiederum mit der Zeit: Viele Wochen ihrer Lebenszeit hat die Künstlerin mit ihr verbracht. Flüchtig nur demgegenüber mancher Blick eines vorübergehenden Betrachters – welch ein Kontrast. Und eine Parallele: In Sekundenbruchteilen ereignen sich im Gehirn die komplexesten Schalt- und Verknüpfungsvorgänge – eine unvorstellbar lange Zeit im Stundenglas der Evolution hingegen bildete dafür die Voraussetzung.

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Was macht eine künstlerisch-inspirierte Arbeit, ein Kunstwerk – auch – aus? Es ist die „Kunst“, gedanklich und handwerklich komplexe Prozesse in einer Ästhetik aufscheinen zu lassen, in einer Sinnlichkeit erfahrbar zu machen. Krebbers Skulpturen, namentlich den von der Decke schwebenden „Gedankenschnüren“, eignet ein Spielerisches, eine luftige Leichtigkeit, ihrem artifiziellen Schweben und Weben scheint ein feiner Humor, ein Augenzwinkern innezuwohnen. Hätten wir den dafür benötigten Platz in den eigenen „vier Wänden“, wir scheuten nicht den Versuch, die Künstlerin zum Verkauf dieser Arbeit zu überreden. Dann möchten wir den Sessel heranrücken an dieses wunderbare Gebilde und bei einem Glas Wein Spinoza, Kant und Heidegger in aller Ruhe und Gelassenheit Spinoza, Kant und Heidegger sein lassen.

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pool31„: ein gemeinschaftliches Atelier in Frankfurt am Main. Die beiden Künstlerinnen DeDe Handon und Corinna Krebber erfüllen es mit tagtäglichem Leben. Sein Inventar scheint, wie Sie vor Ort sehen könnten, nicht ungefährlich. Wir raten jedenfalls davon ab, sich auf einen Sprung von den dort befindlichen Startblöcken 4 und 5 einzulassen. Namentlich von einem „Kopfsprung“. Womit wir wieder an den Anfang unserer Betrachtung zurückgekehrt wären.

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Im folgenden die „ausgeschnittenen Textausschnitte“ (gemäss Redaktion und Übermittlung durch die Künstlerin):

Aus: Baruch de Spinoza (1632 bis 1677), Ethik in geometrischer Ordnung dargestellt (22. – 25. Lehrsatz)

Die Ideen von den Ideen der Erregungen folgen in Gott auf dieselbe Weise und beziehen sich auf Gott auf dieselbe Weise wie die Ideen der Erregungen selbst. Aber die Ideen der Erregungen des Körpers sind im menschlichen Geiste in Gott, sofern er das Wesen des menschlichen Geistes ausmacht. Folglich werden die Ideen dieser Ideen in Gott sein, sofern er die Erkenntnis oder Idee des menschlichen Geistes hat im menschlichen Geist selbst, der darum nicht bloß die Erregungen des Körpers, sondern auch die Ideen derselben erfasst.

Die Idee oder die Erkenntnis des Geistes folgt in Gott auf dieselbe Weise und wird auf Gott auf dieselbe Weise bezogen wie die Idee oder die Erkenntnis des Körpers der menschliche Geist den menschlichen Körper selbst nicht erkennt, d.h. die Erkenntnis des menschlichen Körpers sich auf Gott nicht bezieht, sofern er das Wesen des menschlichen Geistes ausmacht, so bezieht sich also die Erkenntnis des Geistes auf Gott nicht, sofern er das Wesen des menschlichen Geistes ausmacht; somit erkennt insofern der menschliche Geist sich selbst nicht. Ferner schließen die Ideen der Erregungen, von denen der Körper erregt wird, die Natur des menschlichen Körpers selbst in sich sie stimmen mit der Natur des Geistes überein. Daher schließt die Erkenntnis dieser Ideen die Erkenntnis des Geistes notwendig in sich. Aber die Erkenntnis dieser Ideen ist im menschlichen Geiste selbst. Folglich erkennt der menschliche Geist nur insofern sich selbst. Die Teile, welche den menschlichen Körper bilden, gehören zum Wesen des Körpers selbst nur, sofern sie ihre Bewegungen in irgendeinem bestimmten Verhältnis einander mitteilen nicht aber, sofern sie als Individuen ohne Beziehung zum menschlichen Körper betrachtet werden können. Denn die Teile des menschlichen Körpers sind sehr zusammengesetzte Individuen, deren Teile vom menschlichen Körper, ohne dass seine Natur und Form eine Änderung erlitten, getrennt werden können und die ihre Bewegungen andern Körpern in einer andern Weise mitteilen können. Es wird daher die Idee oder die Erkenntnis jedes Teils in Gott sein, und zwar sofern er betrachtet wird als erregt von einer andern Idee eines Einzeldinges, welches Einzelding, der Ordnung der Natur gemäß, früher ist als der Teil selbst. Dasselbe gilt außerdem auch von jedem Teil des Individuums selbst, das den menschlichen Körper bildet. Daher ist die Erkenntnis eines jeden Teils, der den menschlichen Körper bildet, in Gott, sofern er von vielen Ideen der Dinge erregt ist, und nicht, sofern er nur die Idee des menschlichen Körpers hat, d.h. die Idee, welche die Natur des menschlichen Körpers ausmacht. Also schließt der menschliche Geist keine adäquate Erkenntnis der Teile in sich, welche den menschlichen Körper bilden.

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Aus: Immanuel Kant (1724 bis 1804), Kritik der reinen Vernunft, 1. Auflage; Des Kanons der reinen Vernunft, 2. Abschnitt

Ich sage demnach: daß ebensowohl, als die moralischen Prinzipien nach der Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche notwendig sind, ebenso notwendig sei es auch nach der Vernunft, in ihrem theoretischen Gebrauch anzunehmen, daß jedermann die Glückseligkeit in demselben Maße zu hoffen Ursache habe, als er sich derselben in seinem Verhalten würdig gemacht hat, und daß also das System der Sittlichkeit mit dem der Glückseligkeit unzertrennlich, aber nur in der Idee der reinen Vernunft verbunden sei

(…) Ich nenne die Idee einer solchen Intelligenz, in welcher der moralisch vollkommenste Wille, mit der höchsten Seligkeit verbunden, die Ursache aller Glückseligkeit in der Welt ist, sofern sie mit der Sittlichkeit in genauem Verhältnisse steht, das Ideal des höchsten Guts. Also kann die reine Vernunft nur in dem Ideal des höchsten ursprünglichen Guts den Grund der praktisch notwendigen Verknüpfung beider Elemente des höchsten abgeleiteten Gutes, nämlich einer intelligiblen d. i. moralischen Welt, antreffen. Da wir uns nun notwendigerweise durch die Vernunft, als zu einer solchen Welt gehörig, vorstellen müssen, obgleich die Sinne uns nichts als eine Welt von Erscheinungen darstellen, so werden wir jene als eine Folge unseres Verhaltens in der Sinnenwelt, da uns diese eine solche Verknüpfung nicht darbietet, als eine für uns künftige Welt annehmen müssen. Gott also und ein künftiges Leben, sind zwei von der Verbindlichkeit, die uns reine Vernunft auferlegt, nach Prinzipien eben derselben Vernunft nicht zu trennende Voraussetzungen. Die Sittlichkeit an sich selbst macht ein System aus, aber nicht die Glückseligkeit, außer, sofern sie der Moralität genau angemessen ausgeteilt ist. Dieses aber ist nur möglich in der intelligiblen Welt, unter einem weisen Urheber und Regierer. Einen solchen, samt dem Leben in einer solchen Welt, die wir als eine künftige ansehen müssen, sieht sich die Vernunft genötigt anzunehmen, oder die moralischen Gesetze als leere Hirngespinste anzusehen, weil der notwendige Erfolg derselben, den dieselbe Vernunft mit ihnen verknüpft, ohne jene Voraussetzung wegfallen müßte. Daher auch jedermann die moralischen Gesetze als Gebote ansieht, welches sie aber nicht sein könnten, wenn sie nicht a priori angemessene Folgen mit ihrer Regel verknüpften, und also Verheißungen und Drohungen bei sich führten. Dieses können sie aber auch nicht tun, wo sie nicht in einem notwendigen Wesen, als dem höchsten Gut liegen, welches eine solche zweckmäßige Einheit allein möglich machen kann.

(…) Aber diese systematische Einheit der Zwecke in dieser Welt der Intelligenzen, welche, obzwar, als bloße Natur, nur Sinnenwelt, als ein System der Freiheit aber, intelligible, d. i. moralische Welt genannt werden kann, führt unausbleiblich auch auf die zweckmäßige Einheit aller Dinge, die dieses große Ganze ausmachen, nach allgemeinen Naturgesetzen, so wie die erstere nach allgemeinen und notwendigen Sittengesetzen, und vereinigt die praktische Vernunft mit der spekulativen. Die Welt muß als aus einer Idee entsprungen vorgestellt werden, wenn sie mit demjenigen Vernunftgebrauch, ohne welchen wir uns selbst der Vernunft unwürdig halten würden, nämlich dem moralischen, als welcher durchaus auf der Idee des höchsten Guts beruht, zusammenstimmen soll. Dadurch bekommt alle Naturforschung eine Richtung nach der Form eines Systems der Zwecke, und wird in ihrer höchsten Ausbreitung Physikotheologie. Diese aber, da sie doch von sittlicher Ordnung, als einer in dem Wesen der Freiheit gegründeten und nicht durch äußere Gebote zufällig gestifteten Einheit, anhob, bringt die Zweckmäßigkeit der Natur auf Gründe, die a priori mit der inneren Möglichkeit der Dinge unzertrennlich verknüpft sein müssen, und dadurch auf eine transzendentale Theologie, die sich das Ideal der höchsten ontologischen Vollkommenheit zu einem Prinzip der systematischen Einheit nimmt, welches nach allgemeinen und notwendigen Naturgesetzen alle Dinge verknüpft, weil sie alle in der absoluten Notwendigkeit eines einigen Urwesens ihren Ursprung haben.

(…) Wenn aber praktische Vernunft nun diesen hohen Punkt erreicht hat, nämlich den Begriff eines einigen Urwesens, als des höchsten Guts, so darf sie sich gar nicht unterwinden, gleich als hätte sie sich über alle empirischen Bedingungen seiner Anwendung erhoben, und zur unmittelbaren Kenntnis neuer Gegenstände emporgeschwungen, um von diesem Begriffe auszugehen, und die moralischen Gesetze selbst von ihm abzuleiten. Denn diese waren es eben, deren innere praktische Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer selbständigen Ursache, oder eines weisen Weltregierers führte, um jenen Gesetzen Effekt zu geben, und daher können wir sie nicht nach diesem wiederum als zufällig und vom bloßen Willen abgeleitet ansehen, insonderheit von einem solchen Willen, von dem wir gar keinen Begriff haben würden, wenn wir ihn nicht jenen Gesetzen gemäß gebildet hätten. Wir werden, soweit praktische Vernunft uns zu führen das Recht hat, Handlungen nicht darum für verbindlich halten, weil sie Gebote Gottes sind, sondern sie darum als göttliche Gebote ansehen, weil wir dazu innerlich verbindlich sind.

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Aus: Martin Heidegger (1889 bis 1976), Sein und Zeit , Viertes Kapitel: Zeitlichkeit und Alltäglichkeit, S. 336 ff

Ursprünglich existenzial gefasst, besagt Verstehen entwerfend-sein zu einem Seinkönnen worumwillen je das Dasein existiert. Das Verstehen erschliesst das eigene Seinkönnen dergestalt, dass das Dasein verstehend je irgendwie weiss, woran es mit ihm selbst ist. Dieses Wissen aber ist kein Entdeckthaben einer Tatsache, sondern das Sichhalten in einer existenziellen Möglichkeit. Das entsprechende Nichtwissen besteht nicht in einem Unterbleiben des Verstehens, sondern muss als defizienter Modus der Entworfenheit des Seinkönnens gelten. Die Existenz kann fragwürdig sein. Damit das In-Frage-Stehen möglich wird, bedarf es einer Erschlossenheit. Dem entwerfenden Sichverstehen in einer existentiellen Möglichkeit liegt die Zukunft zugrunde als Auf-sich-zukommen aus der jeweiligen Möglichkeit, als welche je das Dasein existiert. Das im Grunde zukünftige Entwerfen erfasst primär nicht die entworfene Möglichkeit thematisch in einem Meinen, sondern wirft sich in sie als Möglichkeit. Verstehend ist das Dasein je, wie es sein kann. Als ursprüngliches und eigentliches Existieren ergab sich die Entschlossenheit. Zunächst und zumeist freilich bleibt das Dasein unentschlossen, das heisst in seinem eigenen Seinkönnen, dahin es sich je nur in der Vereinzelung bringt, verschlossen. Darin ligt: die Zeitlichkeit zeitigt sich nicht ständig aus der eigentlichen Zukunft. Diese Unständigkeit besagt jedoch nicht, die Zeitlichkeit ermangele zuweilen der Zukunft, sondern: die Zeitigung dieser ist abwandelbar.

(…) Der exstatische Modus kann sich, entsprechend wie die eigentliche Zukunft an der Entschlossenheit, nur im ontologischen Rückgang vom alltäglich besorgenden, uneigentlichen verstehen zu seinem existenzial-zeitlichen Sinn enthüllen. Als Sorge ist das Dasein wesenhaft sich-vorweg. Zunächst und zumeist versteht sich das besorgende in-der-Welt-sein aus dem, was es besorgt. Das uneigentliche Verstehen entwirft sich auf das Besorgbare, Tunliche, Dringliche, Unumgängliche der Geschäfte der alltäglichen Beschäftigung. Das Besorgte aber ist, wie es ist, umwillen des sorgenden Seinkönnens. Dieses lässt das Dasein im besorgenden Sein beim Besorgten auf sich zukommen. Das Dasein kommt nicht primär in seinem eigensten, unbezüglichen Sein-können auf sich zu, sondern es ist besorgend seiner gewärtig aus dem, was das Besorgte ergibt oder versagt.

(…) Das Verstehen ist nie freischwebend, sondern immer befindliches. Das Da wird je gleichursprünglich durch Stimmung erschlossen, beziehungsweise verschlossen. Die Gestimmtheit bringt das Dasein vor seine Geworfenheit, so zwar, dass diese gerade nicht als solche erkannt, sondern in dem, wie einem ist, weit ursprünglicher erschlossen ist. Das Geworfensein besagt existenzial sich so oder so empfinden. Die Befindlichkeit gründet daher in der Geworfenheit, Stimmung repräsentiert die Weise, in der ich je das geworfene Seiende primär bin.

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(Bildnachweis: © Alexander Paul Englert und Corinna Krebber)

2 Kommentare zu “„kopfsprung“: Corinna Krebber und ihre „Gedankenschnüre“”

  1. Robert Straßheim
    25. November 2008 10:59
    1

    Wunderbar, wie Frau Krebber, die Künstlerin, der sperrigen Sprache der alten Philosophen Leben und Sinnlichkeit einhaucht! So wird sogar der alte Nazi Heidegger verträglich.
    Und herrlich, wie Herr Metz uns die Kunst per Internet nach Hause bringt. Die Photos, selbst kleine Kunstwerke, tranportieren sowohl Feinfühligkeit als auch Humor; die Kommentare von Herrn Metz sind, passend zur Kunst, assoziativ, lebendig und hintergründig. Die ganze Reportage lässt mich nur noch eins wünschen: die Kunstwerke auch im Original zu genießen. Danke Herr Metz!

  2. Robert Straßheim
    25. November 2008 11:07
    2

    P.S. Wo und bis wann ist die Ausstellung zu sehen?

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