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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Markus Elsner – der Polaroid-Künstler

Wir haben viel über Fotokunst berichtet auf dieser Seite. Aber es gibt immer noch Überraschungen der besonderen Art.

Die Produkte von Markus Elsner zum Beispiel. Auf so eine Idee muss man erst einmal kommen. Was tut er?

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Dolls & toys

Elsner hat sich der Polaroid-Fotografie verschrieben. Das war mutig, denn die Polaroid-Technik stirbt – ist eigentlich bereits gestorben, wenn nicht von irgendwoher eine wundersame Wiederbelebung geschieht. Die ist derzeit aber nicht in Sicht. Die Kamera- und Filmproduktion wurde eingestellt. Elsner hat – auf allen erdenklichen Wegen und durchaus global – die Filmbestände aufgekauft, derer er habhaft werden konnte. Deren Verfallsdatum naht aber mit dem Ende des Jahres 2009, spätestens in 2010. Dann ist Schluss, aus und vorbei.

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Wind Bonn

Sie alle kennen doch noch, liebe Leserinnen und Leser, die Sofortbildfotografie, die klobigen Apparate, die berühmten Polaroid-Bildchen, kleines Quadrat, weisser Rand oben, links und rechts, weisses Rechteck an der Unterkante, diese kleine Folientasche, in der sich das Entwicklungs- und Fixiermaterial verbarg. Hübsch waren die kleinen Hoppla-hier-bin-ich-Bildchen, man konnte auch noch Jahre nach der Markteinführung dieser Technik das Publikum mit der Stegreif-Fotografie überraschen und begeistern.

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Strukturen Glassteine

Markus Elsner faszinierte diese Art des Fotografierens. Und es faszinierte ihn auch die bekannte Farbstichigkeit der kleinen Spontan-Bildchen, die ihn nicht – wie die meisten der anderen Anwender – eher ärgerte, sondern vielmehr inspirierte. Irgendwie muss er dann darauf gekommen sein, in den Entwicklungsprozess, den dieses eigenartige Folientäschlein am unteren Bildrand auslöste, einzugreifen, und zwar in gestaltender Absicht …

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Claudia

Und das ging und geht immer noch so: Der vollständige Entwickungs- und Fixierungsprozess dauert etwa zwei bis drei Minuten. Elsner manipuliert diesen Prozess durch Wärme und Kälte (wobei auch schon mal Herd oder Kühlschrank herhalten müssen) und vor allem durch eine Bearbeitung der Bildoberfläche, indem er mit mehr oder weniger spitzen oder stumpfen Gegenständen auf sie einwirkt, Konturen oder Linien „graviert“, die Chemikalien auseinderdrückt und diese somit in ihrer lokalen Konsistenz verändert. Das Ergebnis: Verfremdungen der Farben und der Konturen. Und, wenn dieser zeitlich begrenzte Prozess abgeschlossen ist, eine fixierte, völlig neue Darstellung der mit der Fotografie zunächst aufgenommenen realen Welt.

Elsner sieht in diesem Verfahren ein kaum begrenzbares künstlerisches Gestaltungspotential, das aber zugleich Raum für spontanes, ja intuitives Handeln eröffnet. Bei aller Routine, die der Künstler inzwischen entwickelt haben mag, bleibt am Ende das Ergebnis doch ein Stück unwägbar. Neue, ungeahnte Bildwelten entstehen.

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Cemetery

Elsner bearbeitet das Original nicht weiter, also auch nicht digital. Er scannt die Bilder lediglich ein und reproduziert sie in grossen Formaten, von 28 x 28 cm über 100 x 100 cm bis hin zu 10 m². Die extremen Vergrösserungen offenbaren Farbnuancen und Strukturen, die im kleinen, weniger als 9 x 9 cm messenden Format allenfalls zu erahnen, aber kaum erkennbar waren.

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Car Calkutta

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House Calcutta

Elsner studierte in den achtziger Jahren in Bonn Kunstgeschichte, Geschichte und Politologie. Daneben setzte er sich mit der Schwarz/weiss- und der Farbfotografie auseinander, seit 1986 als Schwerpunkt mit der Polaroid-Sofortbildfotografie. Seit 1993 lebt der als freier Autor, Journalist und Redakteur tätige Künstler in Frankfurt am Main. Er stellte in Bonn, Kassel und Oxford aus. Zu seinen fotografischen Themen zählen Projekte über Kalkutta, grossformatige Reproduktionen über Südamerika sowie Fotoreihen über Kinder und Frauen.

Elsner wäre nicht Elsner, wenn er nicht einen Plan A (und sicherlich auch einen Plan B) für die Zeit „danach“ – also des absoluten Endes der Polaroid-Technik – in der Schulade hätte. Er verfügt wohl über tausende kleiner Polaroid-Bildchen. Was wird er damit machen? Wir dürfen – so glauben wir – erwartungsvoll gespannt darauf sein.

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Red Group

Der Frankfurter Künstlerclub präsentiert Elsners Arbeiten unter dem Titel „Fotografische Abstraktionen“ noch bis zum 21. September 2008 im Nebbienschen Gartenhaus in der Bockenheimer Anlage. Der Weg dorthin lohnt sich – wie stets!

(Bildnachweis: Frankfurter Künstlerclub, © Markus Elsner)

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