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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Petra Schaffer

Petra Schaffer und die Kunst der Perspektive: Wie wir neu zu sehen lernen

So jung ist die Fotokunst – auch wenn sie eine geraume Zeit um Anerkennung als Kunstgattung kämpfen musste – nicht: Museen wie das Städel oder das MMK in Frankfurt am Main erwerben seit langem Werke der fotografischen Kunst für ihre Bestände, zunehmend mehr Galerien widmen ihnen in aktuellen Ausstellungen ihre Räumlichkeiten. Auf dieser Seite konnten wir bereits Arbeiten von Taryn Simon, Miroslav Tichý und Nicole Ahland vorstellen, Fotokünstler, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: hier die bewusst analytisch-kühle, im Kern politische, dort eine neurotisch-obsessive, bei Ahland schliesslich die spirituelle, ins Transzendentale weisende Fotografie.

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Petra Schaffer 2008 bei der Eröffnung ihrer Foto-Ausstellung in München

Nun kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als setze so mancher auf diesem Gebiet seine Hoffnung darauf, auf einen der fahrenden Züge des Zeitgeistes aufzuspringen, um am Ende der Reise dem ersehnten Ziel – dem Erfolg – näherzukommen. Will sagen: Es wäre schade, wenn die Fotokunst inflationierte, denn es lässt sich nicht verhehlen, dass man auf den „Galeriemeilen“ zuweilen mehr Fotografie als andere Gegenstände der bildenden Künste antrifft und dass man dabei immer öfter schon manches Mal anderenorts ähnlich Gesehenes, sowohl von den Sujets wie von der handwerklichen Arbeit her, zu Gesicht bekommt. Und die Qualität der Ergebnisse scheint nicht immer mit dem Anspruch Schritt zu halten.

Dies ist nun hinsichtlich der Fotografie von Petra Schaffer ganz und gar nicht der Fall.

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Selbstportrait auf tropischem Blatt, 2004, 100 mal 70 cm

Schon deshalb nicht, weil Petra Schaffer ihr Handwerk vor gut einem Vierteljahrhundert an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie in München, neben der Wiener Schule für Künstlerische Photographie das renommierteste Institut dieser Art in Europa, von der Pike auf gelernt und sich in vielen Jahren professioneller Arbeit alle Möglichkeiten dieses Metiers angeeignet hat. Und auch deshalb nicht, weil sie die Kunst des Fotografierens sozusagen unzweifelhaft in den Genen hat: Sie ist in der vierten (!) Generation ihrer Familie Fotografin: Ihr Urgrossvater zählte zu den Pionieren der damals in den Kinderschuhen steckenden Fotografie (er war sicherlich noch mit der Vorläufertechnik, der Daguerrotypie, vertraut) und gab das Wissen wie auch die Begeisterung an seine drei nachfolgenden Generationen weiter. Und was noch wichtig ist: Petra Schaffers fotografische Kunst tritt in einen spannungsreichen Dialog mit ihrer hauptberuflichen, der Imagination des Bewegtbilds verpflichteten Arbeit als Fernsehregisseurin.

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Metallplatten, 2005, 100 mal 70 cm

Ein kurzer Blick auf die Vita: 1961 in Regensburg geboren, besuchte die heute in Frankfurt am Main lebende Petra Schaffer die bereits genannte Bayerische Staatslehranstalt für Photographie und assistierte der seinerzeit führenden deutschen Modefotografin Regina Relang in München.

Seit 1984 arbeitete sie für die Tony Stone-Bildagentur, für verschiedene Printmedien sowie das Bayerische Kultusministerium im Bereich Reisereportagen, PR- und Werbekampagnen sowie Modefotografie. Daneben studierte sie an der Ludwig-Maximilians-Universität München Kommunikationswissenschaft, Werbepsychologie und Medienökonomie; 1988 schloss sie ihr Studium mit dem Magister Artium ab. Seit 1990 ist sie als Fernsehregisseurin für verschiedene öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten und private Fernsehunternehmen – jetzt für das ZDF – tätig. Als künstlerische Fotografin erhielt sie den 1. Preis beim Leistungswettbewerb des Bayerischen Kultusministeriums sowie als Leistungsauszeichnung – als erste Fotografin – ein Stipendium der Benno und Therese Danner’schen Kunstgewerbestiftung.

Die Fotografin stellte in Frankfurt am Main in Galerien sowie im Goethe-Institut aus, ferner in München und in Schwandorf, im Schweizerischen Küssnacht sowie in Amsterdam und Den Haag.

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Flüeler Tunnel, 2008, 100 mal 70 cm

Kehren wir zurück zu der in manchem inflationär anmutenden Fotokunst: Begünstigt wurde diese Entwicklung durch den Siegeszug der digitalen Technik, die eine beliebige Gestaltung, aber auch Manipulation des fotografisch Festgehaltenen ermöglicht. Es entstanden vielfach willkürliche, als Ausdruck einer künstlerischen Position oft wenig überzeugende, eher dem letztendlich Ästhetisch-Dekorativen zuzurechnende Produkte. Dass die Digitalisierung die Fotografie vollends ihrer einst dokumentarischen Funktion beraubte, bedarf kaum mehr der Erwähnung.

Viele ersthafte Fotokünstler besannen sich bereits bald darauf, den digitalen Versuchungen zu entsagen und zur analogen Technik zurückzukehren (wenn sie sie denn jemals verlassen hatten). Diese Rückbesinnung, zugleich in ihrer bewussten Selbstbeschränkung auf das wirklich Fotografische gegenüber allen wohlfeilen technischen wie manipulativen Möglichkeiten, setzte in der Kunstfotografie eine erstaunliche Kreativität frei. Sie gab der Fotografie ihre Authentizität zurück und eröffnete neue Möglichkeiten einer ernst zu nehmenden künstlerischen Positionierung des Fotografen.

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Rolltreppe zum Spielerglück 1, 2005, 100 mal 70 cm

Petra Schaffer ist dieser Disziplin verpflichtet. Sie arbeitet ausschliesslich mit analoger Technik, unter anderem mit einer LOMO-Kamera. Sie „stellt“ keine Szenerien, sie verzichtet auf Requisite gleich welcher Art wie auch den Einsatz eines Stativs und ebenso auf eine spätere Veränderung des Bildausschnitts. Auch im weiteren Verarbeitungsprozess der Reproduktion und des Fotomounting auf Alu-Dibond-Platten findet keinerlei Beeinflussung des Aufgenommenen statt.

Sie hascht, unbeschadet mancher impressionistisch anmutenden „Schnappschüsse“, nicht nach dem flüchtigen Effekt, sondern konzentriert sich grundsätzlich auf das genaue Hinschauen. Sie öffnet dem Betrachter einen neuen, ungewohnten Blick auf bislang gar nicht oder nur im Vorübereilen Gesehenes, einen Blick gleichsam hinter die Kulissen und auf das Wesen der Dinge, die wir im wahren Sinne des Wortes „in ihrem Licht“ neu sehen und sinnlich erfahren können. Petra Schaffers Bilder lehren uns – jenseits eines spielerisch-oberflächlichen Trompe-l’œil – ein neues, „richtiges“ Sehen.

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Rolltreppe zum Spielerglück 2, 2005, 70 mal 100 cm

Ihre Fotografien – und Lomografien – können sowohl nahezu monochrom als auch von akzentuiertem Farb- und Kontrastreichtum sein. Ungewohnt, ja verblüffend sind die Perspektiven, die sie uns eröffnen. Sie erschliessen uns, wenn wir uns mit dem – vereinfacht gesagt „zweidimensionalen“ – Bild vertraut gemacht, wenn wir Orientierung gefunden haben, eine eigenwillig anmutende Staffelung der mehreren Bildebenen. Zusammen mit der Lichtgebung entsteht eine „Drei- und Mehrdimensionalität“, und mit der Weitwinkeloptik rückt dabei bislang Unbeachtetes in den Vordergrund, entschwindet das von uns als das Hauptsächliche Wahrgenommene in die Ferne. Es verschieben sich die dem Gesehenen gewohnheitsmässig zugeschriebenen Bedeutungen, Fragen nach dem Sinn der Gegenstände, der Architekturen, der Stadtgefüge stellen sich neu und anders.

Ganz unpolitisch scheinen uns ihre Arbeiten nicht zu sein: Der von den Rückleuchten vorbeifahrender Autos in Langzeitbelichtung glut- und blutrot erscheinende Tunnel erzeugt in uns Unbehagen, lässt die Erinnerung an manche katastrophalen Tunnelunglücke der jüngeren Vergangenheit aufleben. Die Rolltreppen zu den Spielkasinos in Las Vegas sind menschenleer, weisen uns einen fragwürdigen Weg, den wir lieber nicht einschlagen wollen. Und die ebenso menschenleeren Balkone des „Wohnsilos“ offenbaren eine kalte, seelenlose, eigentlich unbewohnbare Wohn- und Stadt“kultur“.

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Graphisches Wohnen, 2006, 70 mal 100 cm

Petra Schaffers Arbeiten stehen – wir deuteten es bereits an – in einem Spannungsverhältnis zu dem, womit sie in ihrem Beruf beim Fernsehen umgeht: Hier die mit der Übertragung von 25 Voll- beziehungsweise 50 Halbbildern pro Sekunde erzeugte Illusion einer bewegten, belebten Szenerie, die sie als Regisseurin mitgestaltet; dort die Statik der Motive, die Momentaufnahme, den Bruchteil einer Sekunde erfassend, eines dieser 25 Bilder in jener Zeiteinheit auf das Papier, auf die Bildplatte gebannt. Es ist ein genaues Hinschauen, Fokussieren, Festhalten und Dokumentieren. Dokumentieren allerdings in einer höchst subjektiven Weise. Schon fasst die Hand des in einem Eisenbahnwagen Gegenübersitzenden die festgehaltene Zeitung, zum Umblättern der Seite bereit. Deren mittlerer Faltenknick trennt das in der Werbeanzeige dargestellte Paar in eine obere, im Schatten liegende, und eine untere, von Licht erhellte Hälfte. Im Kontrast dazu das farbige Markenbild des weltweit bekannten Mineralwassers. Welch ein Blick, der diese in bereits wenigen Sekundenbruchteilen verschwindende Situation erfasst und festhält!

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Zeitungsleser, 2003, 100 mal 70 cm

In anderen Fotografien begegnen wir einer Statik, die sich in uns aber alsbald in eine imaginäre bewegte Szenerie zu verwandeln scheint: Gaukeln im Märchenwald nicht eigenwillige tierische Gestalten umher? Treibt da nicht ein Nebel sein waberndes Spiel? Ist es nicht eine geträumte Landschaft, in der wir uns des sicheren Ausgangs unseres Weges nicht mehr gewiss sein können?

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Märchenwald Keukenhof, 2006, 100 mal 70 cm

Zugleich malerisch muten dieser Märchenwald, diese aufeinder geschichteten Metallplatten, auch der Flüeler Tunnel an. Es ist gerade dieses Spannungsverhältnis zwischen fotografischem Handwerk und einer expressiven bildsprachlichen Mächtigkeit, die uns fasziniert.

Kehren wir noch einmal zu dem Miteinander von Statik und Bewegung zurück: Petra Schaffer „malt“ nicht, indem sie den Pinsel führt, sondern bewegliche Objekte bei Langzeitbelichtung vorüberziehen lässt oder die Kamera in der Bewegung führt. Es entstehen „Lichtgefälle“, die uns das Licht als Welle-Teilchen-Dualismus versinnbildlichen. Und Szenerien, die uns in eine vermeintlich vollmondbeschienene, doch lebensfeindlich-bedrohliche Traumwelt entführen – aus der wir gerne wieder erwachen möchten.

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Skyline Frankfurt am Main, 2005, 100 mal 70 cm

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Hyde Park London, 2003, 100 mal 70 cm

(Bildnachweis: © Dr. Erdel Verlag [oberste Abbildung], übrige Abbildungen © Petra Schaffer)

Ein Kommentar zu “Petra Schaffer”

  1. Ursula Günther
    10. Juni 2008 09:49
    1

    „Metallplatten“ haut mich glatt um! W o in München kann man diese Fotokunstwerke ansehen, bitte?

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