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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Tarzan in Pension“ – Spanner, Spinner, Samurai? Miroslav Tichýs Fotografien im Frankfurter MMK

Von Erhard Metz

„Ich bin kein Maler. Kein Bildhauer. Kein Schriftsteller. Ich bin Tarzan in Pension“, wird Miroslav Tichý zititiert. Und weiter: „Ich bin so ein wildgewachsener Mensch, mich kann nicht einmal der heilige Nepumuk oder Gott beeinflussen. Niemand.“ Und noch weiter: „Ich bin ein Samurai und es ist mein einziges Ziel, meine Gegner zu vernichten.“

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Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst MMK will seine am 8. März 2008 eröffnete Präsentation des aus 80 Arbeiten bestehenden, im vergangenen Jahr für den Museumsbestand erworbenen Konvoluts an Fotografien Miroslav Tichýs als zweiten Teil einer Ausstellungstrilogie verstanden wissen, nach Hans Josephsohn und im Vorfeld von Bernard Buffet. Josephsohn ist 87 Jahre, Tichý 82 Jahre alt, der 1928 geborene Buffet verstarb 1999. Für Retrospektiven Lebender ist es zu früh, die formale Vergleichbarkeit der Lebensalter allein vermag nicht zu tragen. Kann die skurrile, verwackelte „Zufallsfotografie“ (so die FAZ) Tichýs neben dem zyklopisch-elementaren Œuvre eines Josephsohn bestehen, werden manche fragen? Und wie verhält sie sich zu dem einst gefeierten, wenn auch danach in Vergessenheit geratenen Werk Buffets?

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Tichý, im November 1926 im mährischen Netcice geboren, einer Kleinstadt, die er kaum je verlassen hat und in der er noch heute lebt, besuchte vor dem Zweiten Weltkrieg die Prager Kunstakademie. Seinen Zeichnungen und Gemälden blieb nach Kriegsende ein anhaltender Erfolg versagt. Vielmehr verbrachten ihn die kommunistischen Machthaber immer wieder in Gefängnisse und psychiatrische Einrichtungen.

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Auf Dauer als harmloser Sonderling frei, wird er – mit verfilztem Zottelhaar und Vollbart – in völliger Zurückgezogenheit zum bespöttelten, aber letztlich geduldeten Aussenseiter, der weder sich noch seine zerlumpte, oft mit Drähten geflickte Kleidung wäscht und zu trinken anfängt. Eines Tages Mitte der 1960er Jahre beginnt er, aus alten Brillengläsern und Plexiglasresten, Blechbüchsen, Nähgarnspulen und Toilettenpapierrollen, Gummibändern und Draht Fotoapparate zu basteln. Einige fabrikgefertigte, aber abenteuerlich verrottete Apparate kommen hinzu. Mit ihnen geht er im Städtchen auf eine seltsame, obsessiv anmutende fotografische Pirsch nach vorwiegend jüngeren Frauen und Mädchen. Immer bleibt er distanziert. Niemals habe er, so wird gesagt, eine Frau berührt. Oft fotografiert er durch Gitter, die die Trennlinie zwischen seiner Obsession und den Motiven seiner Begehrlichkeit dokumentieren. Er fotografiert „aus der Hüfte“, blickt nicht durch einen – soweit überhaupt vorhandenen – Sucher. Die Bilder verwackeln, sind unscharf, fehlbelichtet. Einen bis drei Filme belichtet er täglich. Viele der fotografierten Frauen lassen ersichtlich keine Scheu vor dem als harmlos bekannten Voyeur verspüren. Aktfotos meidet er. Die nur wenigen, aktähnlichen Bilder fotografiert er vom Fernsehbildschirm ab.

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In seinem unbeheizten, baufälligen Zuhause angekommen, entwickelt er die Filme mit ebenso abenteuerlich anmutenden Apparaturen und belichtet sie auf Barytpapierbögen, er schneidet die Abzüge aus und, wenn sie ihm gefallen, bearbeitet er sie manchmal mit Bleistift nach, passepartoutiert sie öfter mit handgeschnittenen, mit Farbstiften kolorierten Kartons. Durchaus etwas Malerisches kommt diesem Prozess zu, wie überhaupt Tichý in seinen Bildern malerische Vorstellungen erkennen lässt. Misslungenes zerreisst er, das Gebilligte wirft er auf den Haufen von Abzügen auf dem Fussboden. Weder tituliert noch beziffert oder signiert er sie. Wenn das Bild fertig ist, ist es für ihn erledigt. Es interessiert ihn anschliessend nicht mehr.

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Um etwa 1990 beendet er das Fotografieren. Die achtlos verstreuten, oft Bromflecke aufweisenden Abzüge verknittern und verschimmeln, werden stockig, auch offensichtlich von Mäusen angenagt. Ein Vertrauter aus Jugendtagen und eine Nachbarin, die sich, soweit er es zulässt, um ihn kümmert, überliefern einen Teil des noch irgend brauchbar erscheinenden Bildmaterials.

1994 entdeckte Harald Szeemann den niemals um Öffentlichkeit, um irgendeine Ausstellung oder gar um Ruhm bemühten Fotografen für die Biennale von Sevilla. Die Fotografien – sämtlich Unikate – wurden gleichsam mit einem Schlag weltweit bekannt. Ausstellungen unter anderem in New York, Zürich und Berlin folgten. Inzwischen werden auf dem internationalen Kunstmarkt für einen Abzug 12.000 Euro und mehr gezahlt. Tichý indes kümmert sich nicht um das Geld.

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Miroslav Tichý – ein bizarrer, ungelenker Dilettant? Keineswegs. Sein Werk erscheint, wie das MMK hervorhebt, „konzeptuell, atmosphärisch, formal und inhaltlich völlig einzigartig“. Insoweit mag es durchaus im Kontext zu der vom MMK apostrophierten Ausstellungstrilogie stehen, zwischen Hans Josephsohn und – wir sind gespannt darauf – demnächst Bernard Buffet.

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(Bildnachweis: © Museum für Moderne Kunst Frankfurt)

Ein Kommentar zu “„Tarzan in Pension“ – Spanner, Spinner, Samurai? Miroslav Tichýs Fotografien im Frankfurter MMK”

  1. Ursula Günther
    12. März 2008 08:44
    1

    Schöne Darstellung! Danke lieber Erhard Metz! Interessanter Mensch, auch wenn er aus der Hüfte fotografierte = schoß. Gute Sublimierung aggressiver Impulse, die er sogar klar und bewußt benennen konnte (will man den Zitierungen trauen) „…meine Gegner zu vernichten“. Dies dürfte allerdings kaum das Ziel eines Samurei gewesen sein. – Haß-Liebe zu Frauen?

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