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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Archiv für Januar, 2008

Cocktail Party im Regenponcho – Paola Pivi im Frankfurter Portikus

2008, Januar 28.

Wer kennt sie nicht – die Museumsinsel in Berlin! Sie steht im Mittelpunkt der Reiseführer, jeden Tag klicken und surren dort tausende von Fotoapparaten und Digitalkameras, und jeder Kommentar erübrigt sich.

Es gibt auch eine winzig kleine, romantisch-versteckte Museumsinsel – übrigens ebenso einmalig in Deutschland wie die grosse, ungleiche Berliner Schwester: in Frankfurt am Main! Sie beherbergt den Portikus, die kleine, feine Kunsthalle. Diese Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst ist der renommierten Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – der Städelschule – unter der Leitung von Professor Daniel Birnbaum angegliedert.

Der Portikus: Zumeist – auf unserem Bild gerade mal nicht – umgeben von hunderten von Enten, Gänsen, Schwänen, Tauben, Möwen, Sperlingen, Booten, Ausflugsschiffen, im Hochsommer Mücken . . . mit einem der markantesten Ausblicke auf das nördliche Frankfurter Mainufer, auf die atemberaubende Kulisse aus Jahrhunderten und dem, was man neudeutsch „Mainhatten“ nennt.

Man hat uns in den Portikus geladen, zu Paola Pivis Cocktail Party. Und nun nähern wir uns über die Mainbrücke dem Gebäude, betreten den Steg, der auf die Insel führt, und vernehmen das Wummern robuster Motoren. In der Zentralhalle überrascht uns ein Maschinenpark. Neun Elektromotoren, jeder vier Kilowatt stark, treiben je ein lautstarkes Pumpenwerk an. Die Halle dröhnt, ihr Betonboden vibriert, der Lärm lässt kaum mehr eine Unterhaltung zu. Eine hilfreiche Hand reicht uns einen kleinen Beutel, sein Inhalt: ein Regenponcho mit Kapuze. Wir kannten ein solches Bekleidungsstück bislang von verregneten Freiluftaufführungen. Der freundliche Helfer bedeutet uns, dass es angeraten sei, den Poncho auch jetzt anzulegen, und sorgt dafür, dass unsere Köpfe beim Ankleiden den richtigen Ausgang dort finden, wo die Kapuze sitzt. Und jetzt geht es hinein in das Gebraus der Maschinenhalle, und schnell wird uns klar, wie zweckmässig unsere neue Garderobe ist.

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Beatrice Weineck in der Frankfurter Heussenstamm-Galerie

2008, Januar 25.

Unter dem Titel “Hier und anderswo” eröffnete die Frankfurter Heussenstamm-Galerie ihre erste Ausstellung im neuen Jahr 2008. Sie präsentiert ausgewählte Werke unter anderem von Beatrice Weineck.

Beatrice Weineck befasst sich in ihren ausgestellten Werken zumeist mit der Darstellung von Tieren. Obwohl – bei näherer Betrachtung scheinen es Zwitterwesen zu sein. Eine farbenfrohe Maskerade empfängt uns in der oberen Etage der Galerie – und manches Maskenhafte scheint uns gerade recht in die derzeitige “fünfte Jahreszeit” zu passen. Bald aber erinnern wir uns der altbekannten Frage, ob wir in den Rahmen oder in den Spiegel schauen . . .

Wir begegnen mancherlei Vögeln: Kranichen, Krähen, auch Geiern und – Hühnern. Zwei zahme Hühner hatte sie, vertraut uns die Künstlerin an. Und eine Katze. Genauer gesagt, es könnte Kater Miou gewesen sein. Ihn lernen wir, mit Stofffarbe auf Baumwollgrund gemalt, kennen. Ein anderes Werk erinnert uns mit seiner entsprechenden Inschrift daran, dass unsere Katzen mit ihren Tatzen gelegentlich kratzen. Auch der röhrende Hirsch – wir sahen ihn einst in Bronze auf dem Vertiko oder schlimmer noch als Ölschinken oder Häkelbild in Grosstantes guter Stube – , der einst gewalttätige und jetzt so traurige Minotaurus und das geheimnisvoll-scheue Einhorn fehlen nicht. Und wieder fühlen wir Beobachter uns als Beobachtete. Wir nehmen den feinen Humor wahr, der durch die Etage der Galerie weht. Und doch erschrecken wir, weil uns in Beatrice Weinecks Geschöpfen die Breite menschlichen Gebarens begegnet – manch Blasiertheit und Eitelkeit, Gehabe und Geprotze; dann etwas von Behäbigkeit, Beharrlichkeit und Sturheit; schliesslich aber auch Traurigkeit, Schwermut und Melancholie. Schmunzelnd-augenzwinkerndes Wissen wechselt mit durchschauender Erkenntnis. Beatrice Weineck beobachtet genau, sehr genau. Ihr Blick fokussiert und seziert. Gut, dass sie statt des Skalpells den Pinsel führt. Weiterlesen

Ein Beitrag zur weiteren Rechtschreibreform

2008, Januar 24.

Vereinfachung der deutschen Sprache in nur 5 Schritten!!

Erster Schritt:
Wegfall der Grossschreibung

einer sofortigen einführung steht nichts mehr im weg, zumal schon viele grafiker und werbeleute zur kleinschreibung übergegangen sind

zweiter schritt:
wegfall der dehnungen
und schärfungen

dise masname eliminirt schon di gröste felerursache in der grundschule, den sin oder unsin unserer konsonantenverdopelung hat onehin nimand kapirt

driter schrit:
v und ph ersetzt durch f,
z ersetzt durch s,
sch verkürzt auf s

das alfabet wird um swei buchstaben redusirt, sreibmasinen und setsmasinen fereinfachen sich, wertfole arbeitskräfte könen der wirtsaft sugefürt werden

firter srit:
g, c und ch ersetst durch k,
j und y ersetst durch i

ietst sind son seks bukstaben auskesaltet, di sulseit kan sofort fon neun auf swei iare ferkürst werden, anstat aktsik prosent rektsreibunterikt könen nütslikere fäker wi fisik, kemi oder auk reknen mer kepflekt werden.

fünfter srit:
wekfal fon ä-, ö- und ü-seiken

ales uberflusike ist ietst auskemerst, di ortokrafi wider slikt und einfak. naturlik benotikt es einike seit, bis dise fereinfakung uberal riktik ferdaut ist, fileikt ein bis swei iare. anslisend durfte als nekstes sil di fereinfakung der nok swirikeren und unsinikeren kramatik anfisirt werden.

Autor unbekannt


Heide Weidele bei ARTE GIANI in Frankfurt am Main

2008, Januar 21.

Heide Weidele: „Pseudo-Lüster“ und weitere neue Arbeiten

Heide Weidele – nicht nur die Leserinnen und Leser dieses Feuilletons schätzen die weit über das Rhein-Main-Gebiet hinaus für ihre luftigen Konstruktionen bekannte Künstlerin. Die Galerie ARTE GIANI zeigt jetzt überwiegend deren neueste Arbeiten.

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Aus dem Geiste von Dekonstruktion und Konstruktion geboren, schaukeln Kronleuchter – „lustres illuminés“ – unter der Decke. Sie sind nicht aus edlem Kristall oder Porzellan gefertigt, sondern aus dem transformierten „armen“ Alltagsmaterial Plastik, dem wir seine ursprüngliche Verwendung als Flasche, Kanister, Sieb, Schlauch etc. noch ansehen können. In ausgefallenen Farben und Formen sind die Einzelteile zu Grossobjekten zusammengesetzt und scheinen aus sich heraus zu leuchten, fast als ob ihnen spirituelles Eigenlicht innewohne. Aufgehängt an Nylonfäden tänzeln und strahlen sie, zu kostbaren, einzigartigen Pseudo-Lüstern veredelt, heiter im Raum.

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Arbeit und Ethik – zum Beispiel Mindestlohn

2008, Januar 17.

Die Debatte um den Mindestlohn – sie geht an einem wesentlichen Aspekt vorbei, auch bei den beiden politischen Parteien, die sonst gerne das „C“ in ihrem Namen herausstellen.

Die Bedeutung der menschlichen Arbeit lediglich auf einen der Produktionsfaktoren in der Wirtschaftsordnung zu reduzieren, wäre zweifellos verwerflich. Arbeit ist auch wesentlich mehr als eine Erwerbstätigkeit zur Sicherung des Lebensunterhalts. Nun muss man heute Arbeit nicht unbedingt als eine sittliche Pflicht und Existenzbedingung des Menschen verstehen. Aber in der Arbeit sollte der Mensch einen Teil seiner Möglichkeiten zu einer angemessenen Selbstverwirklichung erfahren. Arbeit ist – auch – ein Begriff der Ethik.

Menschliche Arbeit ist – viele Politiker scheinen dies vergessen zu haben – Gegenstand der Deklaration der Menschenrechte vom Dezember 1948 und damit nach allgemeinem Verständnis zugleich des sogenannten humanitären Völkerrechts:

In der damaligen Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heisst es dazu unter anderem:

„Jeder hat das Recht auf Arbeit, . . . auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen . . .“
„Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert . . .“

Menschen für einen Lohn arbeiten zu lassen, der diesen Wertevorstellungen widerspricht, verstösst gegen Moral und Ethik. Unternehmen, die mit Entlassungen oder Konkurs drohen, wenn sie wenigstens Mindest- statt ihrer Dumpinglöhne zahlen sollen, haben in einer Marktwirtschaft, die sich „soziale“ nennt, nichts zu suchen. Dumpinglöhne politisch gegen alternative potentielle Arbeitslosigkeit auszuspielen, ist in durchschaubarer Weise interessenverflochten und haltlos.

Und dass Hungerlöhne von heute die menschenerniedrigende Renten- und Altersarmut von morgen sind, versteht sich von selbst. Jedenfalls für jemanden, der eins und eins zusammenzählen kann.